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21.05.2012Weltautoren in Wien
Der Passagen Verlag feiert 2012 sein 25-Jahr-Jubiläum. Verleger Peter Engelmann spricht im Interview mit Silke Rabus über die Schwerpunkte seines Programms.Der Passagen Verlag wird heuer 25. Mit welcher Intention ist der Verlag denn 1987 gegründet worden? Schon zwei Jahre zuvor hatte ich die Edition Passagen gegründet, die später der Nukleus unseres Verlags geworden ist. Leider ist dann der Verlag, in dem die Edition erschienen ist, in Konkurs gegangen. Und so stand ich plötzlich vor der Entscheidung, ob ich das Programm - das ja doch sehr viel Wirbel gemacht hatte - weiterführe oder nicht. Eigentlich lag es überhaupt nicht in meiner Planung, einen Verlag zu gründen. Ich habe meine Zukunft an der Universität gesehen, das war immer meine Lebensperspektive - nie das Büchermachen. Auch die Edition Passagen war ja eher eine wissenschaftspolitische Initiative - mit der Intention, das französische Denken der Postmoderne und der Dekonstruktion im deutschen Sprachraum bekannt zu machen, damit dort eine seriöse Diskussion dieser neuen Gedanken stattfinden kann. Dieses Programm weiterzuführen, lieferte letztendlich die Motivation für die Verlagsgründung. Nachdem es keinen Verlag mehr dafür gab, musste ich selbst einen Verlag gründen. Und so bin ich Verleger geworden, eigentlich gegen meinen Willen. Im Zentrum Ihres Programms steht die Übersetzung berühmter französischer Autoren wie Jacques Derrida, Jean-François Lyotard, Alain Badiou, Jacques Rancière und vielen anderen mehr. Wie kam es dazu? Das hat natürlich einen biografischen Hintergrund. Ich bin einerseits selbst Philosoph und wollte im Rahmen meiner philosophischen Arbeit diese Texte haben. Niemand hatte sie bislang übersetzt, also musste ich sie selbst publizieren. Andererseits wollte ich auch als politischer Mensch Zugriff auf bestimmte politisch-kulturelle Texte haben, und die französische Philosophie dieser Zeit war eben auch ein politisches Statement. So ergab sich diese politische wie philosophische Doppelmotivation. Obwohl wir ein avantgardistisches Programm haben, sind wir im Grunde aber ein ganz traditioneller Verlag. Und zwar in dem Sinne, dass der Verleger eine literarische, eine wissenschaftliche, eine intellektuelle, eine kulturelle Idee hat und Bücher in diesem Rahmen und für dieses Ziel entwickeln, übersetzen und publizieren will. So ist der Passagen Verlag entstanden, und ganz genau so wird er bis heute geführt. Von Anfang an war mir allerdings bewusst, dass ich einen Verlag anders entwickeln muss als eine Edition. Eine Edition ist eine Meinung, ein Statement, ein auch einseitiges Programm. Ein Verlag muss dagegen ein breites Spektrum haben und verschiedene Meinungen ermöglichen. Daher habe ich das Verlagsprogramm in den vergangenen 25 Jahren sukzessive auf verschiedene Kunst- und Kulturformen und ein breites Meinungsspektrum ausgedehnt. Durch seinen Erfolg und sein entschiedenes kulturelles Profil hat Passagen viele weitere kompetente Autoren und Herausgeber angezogen, die ihrerseits wieder Kompetenzen eingebracht haben, so dass heute ein wirklich breites Netzwerk existiert. Der Bogen des Verlagsprogramms spannt sich von der Philosophie über die Kunst, Architektur bis hin zu Politik oder Theologie - wobei mit dieser Auswahl etliche Themenbereiche noch überhaupt nicht angesprochen worden sind. Welche wesentlichen Schwerpunkte sehen Sie neben der Philosophie? Das will ich mit der Verschiebung der Frage beantworten. Welche Schwerpunkte haben wir, nicht neben, sondern zusammen mit der Philosophie? Denn die Philosophie, wie wir sie betreiben, ist ja ein Diskurs, der in vielen kulturellen Feldern auftritt. Ich sage es einmal so: Mein Interesse liegt vor allem auf philosophischen Themen und ihrer Wiederkehr, ihrem Erscheinen in unterschiedlichen kulturellen Gebieten. Die bei uns verlegten philosophischen Diskurse thematisieren ja, zumindest was den Dekonstruktivismus betrifft, weiter gefasste Bedeutungskonstitutionen und schaffen damit neue Zugänge - beispielsweise zur Bedeutung von Kunstwerken oder von Musik. Und dieser Ansatz schreibt sich in allen möglichen Feldern fort. Dass in einem so kleinen österreichischen Verlag so namhafte Philosophen verlegt werden, ist eher ungewöhnlich. Wie schwer ist es, sich gegen die Konkurrenz aus Deutschland durchzusetzen? Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Auch das ist das Verlagswesen: Jahrelang hat sich kein Mensch um diese Autoren gekümmert, die ja auch ideologisch ausgegrenzt waren. Allerdings ist mit dem medialen und kulturellen Erfolg, mit der Ausstrahlung unseres Programms auch eine Begehrlichkeit bei den kommerziellen Verlagen entstanden, so dass wir in der Tat heute die Konkurrenz deutscher Verlage haben. Es ist auch eine Reihe von Nachahmern auf den Plan getreten. Allerdings zählt es zu den wunderbaren Erfahrungen in unserer Verlagsgeschichte, dass alle wesentlichen Autoren bei Passagen geblieben sind. Das ist wirklich etwas, dass das Herz erwärmt und für vieles entschädigt, was an der Verlagsarbeit nicht so angenehm ist - vor allen Dingen dann nicht, wenn sie nicht kommerziell ausgerichtet ist und mit geringsten Mitteln ein so großartiges Programm realisiert. Um aber noch einmal auf Ihre Frage zurückzukommen: Warum hat ein so kleiner österreichischer Verlag Weltautoren? Das kann man relativ einfach erklären. Ich habe, bevor ich dieses Programm in Wien entwickelt habe, als Philosoph in Frankreich gelebt und stand mit diesen Autoren in Diskussion. Damals ist die Idee entstanden, dass man den laufenden Diskurs weiterverbreiten und auch im deutschen Sprachraum durchsetzen muss. Und nachdem ich deutschsprachig war und der Jüngste in der Runde, blieb das an mir hängen. Es war wirklich kein Wunsch von mir, Verleger zu werden oder auch nur in einem Verlag zu arbeiten. Aber ich wurde Verleger und so kam es, dass alle großen Philosophen vom Ende des 20. Jahrhunderts und Beginn des 21. Jahrhunderts bei Passagen sind. Unser früherer Steuerberater erklärte mir bei jeder Bilanz, dass ein wirtschaftlich orientierter Mensch meine Arbeit nicht machen würde. So ist es auch. Aber, was der Steuerberater nicht bedachte, ist der ungeheure persönliche Wert, den diese Arbeit mit sich bringt, wenn man seit mehr als 25 Jahren mit den größten Geistern der Zeit im Gespräch ist. Dass ich beispielsweise eine philosophische Frage direkt an Jean-François Lyotard oder Jacques Derrida oder Jean Baudrillard stellen konnte, war sehr schön und entschädigte für vieles. Eigentlich richten Sie sich mit Ihrer Arbeit ja Ihre eigene Bibliothek ein ... Ja, das ist richtig. Im Grunde genommen gleicht es der Einrichtung einer eigenen Bibliothek. Eine Freundin hat einmal gesagt, du führst den Verlag so, wie man ein Buch schreibt. Ich setzte mir mein philosophisches, intellektuelles, kulturelles Universum zusammen mit meinen Autoren. Was diesen Aspekt betrifft, habe ich ein schönes Leben. Noch einmal: Das entschädigt für viele Seiten dieses Berufes, die nicht so angenehm sind. Passagen verlegt rund 40 Reihen. Dienen diese in erster Linie der Strukturierung des Programms oder setzen sie zusätzliche Akzente? Von Anfang an war mir eine breite Aufstellung wichtig. Die Edition Passagen rund um den französischen Autoren-Pool ist zwar sicher der bedeutendste Teil des Programms und auch der am meisten wahrgenommene, aber dennoch ist er nur ein Teil. Die Reihen sind daher entstanden, um das gesamte Angebot zu strukturieren. Man darf aber nicht vergessen, dass viele der Bücher, die beispielsweise in der Philosophie erscheinen, auch in einer anderen Reihe publiziert werden könnten. Oft handelt es sich ja um Crossover-Themen. Die Orientierung nach Reihen gehört für uns aber auch zur professionellen Verlagsarbeit. Vertreter und Buchhändler möchten die Titel thematisch zuordnen können und wissen, in welches Regal sie die Bücher stellen müssen. Darüber machen wir uns natürlich Gedanken. Denn wenn wir schon einen Verlag führen, dann möchten wir das auch hoch professionell machen. Bereits seit 27 Jahren erscheint die bereits mehrfach erwähnte Edition Passagen. Nimmt die Reihe nach wie vor eine Sonderstellung im Verlagsprogramm ein? Nein, wir haben sie abgeschlossen. Wenn wir jetzt Neuauflagen dieser Titel publizieren, bringen wir sie in der Reihe Passagen Forum oder in der Reihe Philosophie heraus. Wir wollten die Reihe historisch so stehen lassen, wie sie damals entstanden ist. Der Verlag gibt auch Zeitschriften heraus. Können Sie dazu etwas erzählen? Wir haben mittlerweile drei Zeitschriften im Programm. Die Weimarer Beiträge waren neben Sinn und Form die zweite bedeutende DDR-Zeitschrift beim Aufbau-Verlag und wurden 1991 leider eingestellt. Bei einem Besuch in Berlin habe ich zufällig davon erfahren und fand das sehr bedauerlich. Ich habe die Zeitschrift dann gekauft und die bereits gekündigten Abos mühsam rekonstruiert. Mittlerweile sind die Weimarer Beiträge wieder zu einem sehr wichtigen Medium geworden: Bis heute hat die Zeitschrift weltweit sehr viele Abos. Ihre Bedeutung lag zunächst einmal darin, DDR-Wissenschaftlern einen Zugang zum westlichen Publikationsfeld zu schaffen, diese hatten es damals schwer in den traditionellen westlichen Zeitschriften. Wir haben gesagt, das ist falsch: Wir müssen ein Medium bereithalten, das diesen Wissenschaftlern ermöglicht, mit ihrer Forschung in die Öffentlichkeit zu treten. Und es ist uns gelungen. Bis heute sind die Weimarer Beiträge eine sehr starke literaturwissenschaftliche Zeitschrift. Daneben verlegen wir texte, eine psychoanalytische Zeitschrift, die in Wien herausgegeben wird. Und seit gut einem Jahr erscheint Barmidbar. Das ist eine englischsprachige Zeitschrift für jüdische Philosophie, die wir Anfang des Jahres hier in Wien in der Charim Galerie präsentiert haben. Das heißt, das Verlagsprogramm öffnet sich weiter? Ja, das kann man sagen. Es ist ein sehr lebendiges Programm, und tatsächlich ist es so, dass sich aus den Kontakten, aus dem Leben, aus Gesprächen immer neue Themen und Projekte ergeben. Das Schöne an dieser Verlagsarbeit ist, dass sich das eigene intellektuelle Leben in unserem Programm ausdrückt. Das macht auch die Attraktivität des Verlages aus. Passagen hat seine bedeutende Stellung vor allem deshalb erreicht, weil spürbar ist, dass dahinter ein Konzept, ein sich entwickelndes Denken steckt. Ein solches Programm, das sich 25 Jahre lang mit diesen geringen finanziellen Mitteln gehalten hat, ist mittlerweile tatsächlich eine Seltenheit. Das wird erfreulicherweise auch anerkannt, von Kollegen, aber auch vom Publikum. Der Passagen Verlag hat heute einen ausgezeichneten Ruf, weil er eine Ausnahme ist. Angesichts der Kommerzialisierung des Verlagswesens, das heißt der Ausrichtung des Programms nach kommerziellen und nicht nach inhaltlichen Kriterien, ist ein Programm wie das von Passagen besonders wichtig. Inwieweit prägt Ihre Publikationstätigkeit tatsächlich neue Denkrichtungen? Das passiert wirklich immer wieder. Unsere Intention ist es zwar nicht, dezidiert neue Themen zu setzen. Aber wir sind neugierig und entdecken auf diesem Weg unbekannte Autoren oder beobachten die Verlagerung eines intellektuellen Diskurses auf ein neues Thema. So entstehen unsere Bücher. Und nachdem wir ein Verlag sind, der alle großen Autoren auf dem Gebiet vereint, arbeitet auch jeder gerne mit uns zusammen. Glücklicherweise können wir, auch ohne Geld zu haben, solche Projekte entwickeln und stellen immer wieder fest, dass wir dann auch die Themenführerschaft haben. Aktuell haben wir beispielsweise Autoren wie Alain Badiou, Slavoj Žižek oder Jacques Rancière im Programm. Alle großen Namen sind bei uns. Und alle arbeiten kontinuierlich mit uns zusammen, weil sie wissen: Wir sind kein Verlag, sondern eine intellektuelle Initiative, ein Projekt. Das überzeugt die Autoren. Welche Aktionen werden denn anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums gesetzt? Und wie hebt sich das Jubiläumsprogramm ab? Für "25 Jahre Passagen Verlag" haben wir uns einiges vorgenommen. Wir treten aus diesem Anlaß anders nach außen auf, und zwar nicht mit dem Medium Buch, sondern mit Veranstaltungen. Wir haben eine eigene Veranstaltungsreihe konzipiert, für die ich als Verleger in verschiedenen Städten mit Passagen-Autoren Gespräche führe. In New York gab es eine Diskussion mit Peter Eisenman, in Wien fand eine Veranstaltung mit Alain Badiou und Mihály Vajda statt, Jacques Rancière kommt nach Wien und Berlin und in New York planen wir ein Gespräch mit André Glucksmann. Wir nehmen diese Veranstaltungen außerdem zum Anlass, Bücher zu den uns interessierenden Themen zu machen. Gerade sind wir dabei, aus diesen Gesprächen eine neue Reihe zu entwickeln. Für diese übersetzen wir diesmal keine Texte, sondern entwickeln sie mit unseren Autoren. Damit wollen wir Anregungen für weitere Diskussionen liefern. Auch in Budapest haben wir eine Veranstaltungserie. Dort sind kritische Intellektuelle wie Mihaly Vajda, Sandor Radnoti und Agnes Heller ja nach ihrer Verfolgung in der kommunistischen Ära erneut Anfeindungen ausgesetzt, und genau mit diesen Leuten führe ich Gespräche. Die Idee ist, einen Platz zu schaffen, wo ganz offen und ungeniert und möglichst angstfrei über die derzeitige politisch-intellektuelle Situation in Ungarn geredet werden kann. Auch dazu möchte ich ein Buch machen. Einer der Höhepunkte des Jahres ist schließlich ein Fest für unsere Autoren und Freunde im Museum Moderner Kunst. Das Jubiläumsjahr ist also ziemlich anstrengend. Wenn Sie auf die vergangenen 25 Jahre zurückblicken: Was erfüllt Sie mit Stolz, wo sehen Sie Defizite? Ich bin besonders stolz darauf, dass ich unser Programm trotz enormer Schwierigkeiten über 25 Jahre hinweg realisieren konnte. Wie Sie wissen, ist es völlig ausgeschlossen, mit einem solchen verlegerischen Programm Geld zu verdienen. Und es ist ein sehr ungeliebter Teil meiner Arbeit, unter den teilweise sehr widrigen Umständen die Finanzierung zu besorgen - vor allem, weil nicht jeder in Österreich die Bedeutung des Verlags erkennt. Wie Sigrid Löffler gerade im Buchmarkt geschrieben hat: "Selbstverständlich weiß Wien bis heute nicht, was es an Peter Engelmann und seinem Passagen Verlag eigentlich hat." Und das ist schon so. Selbst wenn es natürlich, auch in der Bürokratie, immer wieder Leute gibt, die unsere Arbeit mit Wohlwollen, Interesse und Verständnis verfolgen und wir von vielen Seiten Unterstützung, Zuspruch und Hilfe erhalten. Dafür sind wir dankbar. Was ich bedaure, ist, über 25 Jahre hinweg immer zu wenig Geld gehabt zu haben. Über meinen Schreibtisch gingen fast alle wichtigen Autoren, aber aus finanziellen Gründen musste ich mich immer wieder gegen die Publikation hervorragender Texte entscheiden. Eine Entscheidung war es zum Beispiel, mich auf Jacques Derrida zu konzentrieren und sein Werk, das ich für das Wichtigste halte, möglichst vollständig zu verlegen. Genau so gerne hätte ich mehr Bücher von Gilles Deleuze gemacht, aber die Knappheit der Mittel hat dieses Programm sehr beschränkt. Und ich hätte noch so viel mehr gute Texte in der Pipeline gehabt, die ich nicht machen konnte. Das ist vielleicht das, was ich am meisten bedaure. Und welche Pläne haben Sie für die folgenden Jahre, welche Bücher möchten Sie unbedingt noch machen? Ich habe als Verleger niemals gesagt, ich müsste einen Autor oder einen Text unbedingt haben. Das ist, glaube ich, auch eines der Geheimnisse, warum es uns immer noch gibt. Für die Zukunft denke ich: Nachdem wir 25 Jahre lang erfolgreich waren, würden wir nicht schlecht fahren, einfach so weiterzumachen. Das heißt nicht unbedingt, die gleichen Bücher oder Autoren zu verlegen, sondern uns vor allem unsere intellektuelle Neugierde zu erhalten, die wir im Verlag oder im Freundeskreis pflegen, und die auf diese Weise weiterhin interessante Bücher ermöglicht. Dann, glaube ich, wird es auch ein interessantes Programm bleiben - hoffentlich die nächsten 25 Jahre mit Leuten, die in diesem Geist den Verlag weiterführen. Aber noch bin ich ja da und gedenke auch, es noch eine Weile zu bleiben. Weitere Informationen zum Passagen Verlag finden Sie unter www.passagen.at. Foto: Passagen Verlag |

Der Passagen Verlag feiert 2012 sein 25-Jahr-Jubiläum. Verleger Peter Engelmann spricht im Interview mit Silke Rabus über die Schwerpunkte seines Programms.