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16.07.2012

Die gesamte Branche ist gefordert

Manfred Meraner, Geschäftsführung des Veritas-Verlags in Linz, spricht über aktuelle Entwicklungen im österreichischen Schulbuchgeschäft. Interview von Silke Rabus.

Welche Trends beobachten Sie in der Sparte Schulbuch?
Der Trend in der Schule und damit auch im Schulbuch geht einerseits zu mehr Individualisierung und andererseits zu  Standardisierung. Theoretische Anforderungen und praktische Bedürfnisse klaffen aber oft auseinander, Vorgaben aus dem Unterrichtsministerium sind manchmal unklar, interpretationsbedürftig und kommen sehr spät. LehrerInnen erwarten jedoch funktionierende Schulbücher und Unterrichtsmedien, die rechtzeitig verfügbar sind. Da sind die gesamte Branche und die Schulbuchabteilung im Unterrichtsministerium derzeit sehr gefordert. Durch beinahe gleichzeitige, aber unkoordinierte Änderungen  wie beispielsweise der Entwicklung von Bildungsstandards ist die Situation an den Schulen derzeit von Unsicherheiten geprägt und leider etwas chaotisch.

Wie schlagen sich neue Formen des Lernens im Schulbuch nieder?
Neue Formen des Lernens finden sich in den Schulmedien in der Auswahl der Inhalte ebenso wie in den Aufgabestellungen dazu – und damit angestrebte Kompetenzen,  in vorgeschlagenen und geforderten Arbeits- und Sozialformen,  in den Formen der Überprüfung, in der Ergänzung durch Medien …

Wohin geht der Trend bei Veritas?
Als Branchenführer wollen wir in Zukunft die Bedürfnisse unserer KundInnen noch besser treffen, um gemeinsam einen besseren Lernerfolg für alle SchülerInnen zu erreichen. Das gelingt uns  zum Glück schon bisher in vielen Bereichen sehr gut, Veritas-Lehrwerke sind in vielen Gegenständen Marktführer.

Welchen Herausforderungen müssen sich Schulbuchverlage speziell in Österreich derzeit stellen?
Einerseits den schon angesprochenen Veränderungen in den Schulen: Hier wollen und müssen wir optimal unterstützen, damit LehrerInnen den Mehraufwand für die Umstellungsprozesse reduzieren und ihre Aufgaben erfolgreich erfüllen können. Zugleich stehen wir vor der Aufgabe, Schulmedien sinnvoll in die digitale Gegenwart und Zukunft zu transferieren. Dabei wollen wir nicht blind auf Consumer-Trends aufspringen, sondern SchülerInnen und LehrerInnen verantwortungsvoll das liefern,  was zum Lernerfolg beiträgt. Die Branche und betroffene Ministerien haben schon vor der ebook-Diskussion digital gedacht, gemeinsam die Online-Plattform SbX – Schulbuch extra entwickelt  und aus dem Gelungenen und Fehlern dort hoffentlich gelernt. Es gibt auch eine Arbeitsgruppe aus Verlagen und Buchhändlern zu diesen Themen.

Wohin geht die Entwicklung im digitalen Bereich?
Ich habe eben schon SbX angesprochen: Das ist einerseits eine technische Plattform (die weniger gelungen und auch schon wieder veraltet ist) und andererseits ein international vorbildliches Geschäftsmodell.  Die Innovationskraft der Schulbuchverlage in Bezug auf digitale Medien wird gerne übersehen. Wir hatten zum Beispiel schon vor den E-Books höhere digitale Umsatzanteile als etwa Belletristikverlage und Fachbuchverlage heute.

Was bieten Sie auf diesem Sektor an?
Veritas bietet zu sehr vielen Lehrwerken mediale Teile und Ergänzungen an: CD-ROMs ebenso wie Online-Angebote über unsere Website bis hin zum Deutschstunden-Portal, das Lernmanagementfunktionalitäten hat – und wir entwickeln laufend neue Angebote. Grundsätzlich geht der Trend zu online, aus vielerlei Gründen, und es geht um Lernorganisation und Unterrichtorganisation ebenso sehr wie um Veranschaulichung und Individualisierung  durch digitale Medien. Aber  müssen wir uns, glaube ich, von der Vorstellung des völlig automatisierten oder programmierten Lernens verabschieden, von der Hoffnung auf einen „digitalen Nürnberger Trichter“ sozusagen. Lernen ist und bleibt ein hochgradig persönlicher Akt, individuell und sozial.

Wo liegen die Herausforderungen der Digitalisierung im Schulbuchsektor?
Den meisten Schulen fehlen nach wie vor technische, organisatorische und räumliche Voraussetzungen für den flächendeckenden Einsatz der schon gar nicht mehr so neuen Medien im Unterricht, ebenso Ausbildungsmaßnahmen, um LehrerInnen mitzunehmen, die den Nutzen der digitalen Welt in den Schulen noch nicht sehen. Auch die Vorstellung, dass durch Digitalisierung  bei Schulmedien gespart werden kann, stimmt so nicht: Die Erstellung und Wartung digitaler Inhalte ist kostenintensiv,  Rechte sind oft teuer und problematisch, ganz zu schweigen von der benötigten Infrastruktur bei VerwenderInnen. Hier sind wir nicht nur als Branche, sondern auch als Gesellschaft gefordert.

 
Foto:  Veritas-Verlag, Linz
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