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16.07.2012

Mit neuen Ideen in die Zukunft

Verleger Lojze Wieser (im Bild) und Werner Wutscher, einer der Gesellschafter des Verlags, sprechen über ihre Pläne und Zukunftshoffnungen.

Mitte März dieses Jahres musste der Wieser Verlag Insolvenz anmelden. Wie ist es Ihnen seither ergangen?

Lojze Wieser: Die Insolvenz ist im Grunde eine Sanierung gewesen – und diese Sanierung ohne Eigenverwaltung ist mittlerweile gerichtlich abgeschlossen, mit einer 20-prozentigen Barquote, die im Juni ausbezahlt wurde. Damit ist die Insolvenz aufgehoben und das Unternehmen Wieser Verlag geht weiter. Um eine größere Sicherheit zu geben, haben wir eine GmbH gegründet und da sind neue Gesellschafter, neues Kapital und neue Ideen drinnen. Damit werden wir das Gute, das in den vergangenen 24 Jahren des Wieser Verlags entstanden ist, fortführen.

Wer gehört denn zu den Gesellschaftern und welche Intention steht hinter deren Engagement?
Werner Wutscher (Vertreter der Kleingesellschafter, Ex-Rewe-Vorstand, Anm.): Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber mir ist es ein großes Anliegen, die Arbeit von Lojze Wieser aufzufangen und dem Unternehmen eine Weiterentwicklung zu ermöglichen, weil das, was er tut, für Österreich, aber auch für Europa insgesamt, von Bedeutung ist. Gleichzeitig möchte ich meine Vertriebserfahrung, die ich in anderen Branchen gewonnen habe, einbringen und gemeinsam mit Lojze Wieser durchstarten – nicht neu starten, sondern durchstarten. Das verdienen die Bücher des Verlags.

Welche Befugnisse haben die Gesellschafter als Miteigentümer? Nehmen Sie auch Einfluss auf die verlegerische Arbeit?
Werner Wutscher: Die inhaltliche Arbeit liegt weiterhin in der alleinigen Verantwortung von Lojze Wieser, für alle anderen Aspekte der verlegerischen Arbeit, speziell für das betriebswirtschaftliche Know-how, gibt es einen Beirat. Hier findet ein sehr intensiver Austausch statt, in den jeder seine fachlichen Qualitäten einbringen kann. In meinem Fall ist das viel Vertriebserfahrung im Einzelhandel. Wir haben uns einiges überlegt, um den Vertrieb zu straffen und den Verlag weniger abhängig von Einzelprojekten zu machen, vielmehr wollen wir in Zukunft auf lang- und mittelfristige Projekte setzen, die den Verlag nachhaltiger ökonomisch absichern.

Der Vertrieb eines Programms wie dem des Wieser Verlags  wird ja auch wegen der anhaltenden Konzentrations­pro­zesse im Buchhandel immer schwieriger ...
Werner Wutscher: Ja sicher, aber wir können die Rahmenbedingungen nicht ändern, trotzdem müssen wir nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen. Ich bin im Hauptberuf Berater internationaler Unternehmen und auch selbst als Unternehmer – derzeit mit mehreren Start-ups im Online-Bereich – tätig und da sehe ich immer wieder, dass es gerade im digitalen Bereich sehr, sehr viele Möglichkeiten gibt. Und die Mittel und Möglichkeiten, die sich hier auftun, muss man nutzen. Wir denken beispielsweise über Finanzierungsstrategien wie Crowdsourcing nach.

Sie mussten vier Angestellte entlassen, trotzdem muss die Verlagsarbeit weitergehen – wie bewerkstelligen Sie das?
Lojze Wieser: Durch die Sanierung sind wir erstmals schuldenfrei und haben von den Beschäftigten drei wieder anstellen können. Mit diesem Team werden wir knapp, aber gut auskommen.

Wirken sich die Neuerungen, die Sie planen, auch auf die inhaltliche Arbeit aus?
Lojze Wieser: In einer wunderbaren Weise, ja, schon in der Vergangenheit waren wir Neuem gegenüber sehr offen – wir waren beispielsweise der erste Verlag, der im Internet präsent war, – aber irgendwann ist uns die Luft ausgegangen. Jetzt besteht die Chance, dass wir alle diese Ansätze in der digitalen Welt und in der Bücherwelt neu bewerten und sie dann entsprechend unserer Möglichkeiten für den österreichischen und den deutschsprachigen Markt versuchen umzusetzen. Neben Schwierigkeiten wie mit der nicht-inflationsangepassten Verlagsförderung und den Papierpreiserhöhungen umzugehen kämpft die österreichische Buchbranche ja auch um die Überwindung der Weißwurstgrenze. Österreichische Verlage kriegen in Deutschland nur sehr, sehr schwer einen Fuß auf den Boden. Hier müssen vollkommen neue Strategien gefunden werden. Die intensive Diskussion, die wir führen, ermöglicht uns, vollkommen neu und ohne Verblendung an solche Probleme heranzugehen.

Schließt die geplante intensive Nutzung digitaler Möglichkeiten auch die Produktion von E-Books ein?
Lojze Wieser: Sicher denken wir darüber nach und wir werden Wege finden, die gerade für Literaturen kleinerer Sprachen von Interesse sein könnten. Das physische Produkt braucht es allerdings trotzdem noch, denn das, was ausschließlich als E-Book angeboten wird, wird als Wissen irgendwann verloren gehen.

Werner Wutscher: Durch die digitale Revolution haben sich so viel mehr Möglichkeiten aufgetan. Es geht nicht so sehr darum, eins zu eins zu übersetzen, sondern diese Medien zur Kommunikation zu nutzen. Für die Arbeit von Lojze Wieser gibt es europaweit sehr viel Goodwill – diesen möchten wir über verschiedene Online-Aktivitäten bündeln und die Freunde des Verlags aufrufen, sich via Crowdfunding für die Literatur einzusetzen.

Die Insolvenz des Wieser Verlags ist vor allem auf den Rückgang der Förderungen aus Slowenien, Kroatien, Bulgarien und anderen Ländern, deren Literaturen Sie fördern und übersetzen lassen, zurückzuführen. Welche Wege gibt es neben Crowdfunding, künftig trotzdem weiter an der Vermittlungsarbeit festzuhalten?
Lojze Wieser: Wir sehen gerade jetzt an der Krise in Griechenland und Spanien, dass die Frage, die Parzival schon gestellt hat, „Mensch, was brauchst du?", verloren geht. In diesem Verlorengehen und in dieser einseitigen Debatte sollte der Wert der Literatur und der Kultur entsprechend dargestellt werden, um Verständigung möglich zu machen. Und daher muss, wenn sich staatliche Institutionen immer mehr zurückziehen, das Engagement des Einzelnen angesprochen werden, damit er hilft, hier Brücken zu bauen. Viele verstehen, dass es nichts nützt, darüber zu jammern, dass Buchhandlungen schließen und Literaturen kleinerer Sprachen nicht zugänglich sind, sondern fragen sich: Was kann ich selbst tun, um die Frage "Mensch, was brauchst du?" zu beantworten.

Werner Wutscher: Ich bin sehr engagiert in internationalen Think Tanks – und dort wird in Diskussionen immer klarer, dass wir mit unserem rein wirtschaftlichen Zugang an Grenzen kommen, und dass es neuer Mittel bedarf. Kunst und Literatur sind Medien, die helfen können, neue Türen zu öffnen. Ich glaube, dass das viele Menschen heute so sehen und dadurch die Bereitschaft steigt, dafür einen Beitrag zu leisten. Für diese Bereitschaft muss man aber konkrete Anknüpfungspunkte schaffen. Wenn man nur jammert, dass die Förderungen weniger werden – da wird einem niemand helfen.

Gibt es einen Zeitrahmen, in welchem die angesprochenen Neuerungen realisiert werden sollen?
Werner Wutscher: Es gibt einen sehr genauen Fahrplan. Die letzten Monate waren von der ordnungsgemäßen Abwicklung der Insolvenz geprägt, gleichzeitig musste das Herbstprogramm gemacht werden, aber jetzt im Sommer bereiten wir die notwendigen nächsten Schritte vor, um im Herbst dann richtig Gas geben zu können. Unser Ziel ist, dass sich in einem Jahr die ersten Erfolge zeigen.

Was sind denn die Highlights des Herbstprogramms, das unter so schwierigen Umständen entstanden ist?
Lojze Wieser: Es gibt wieder zwei wunderbare Bücher, die aus dem Wettbewerb Bank Austria Literaris hervorgegangen sind. Dieser Wettbewerb hat immer wieder tolle Entdeckungen parat. Dann setzen wir die Reihe Europa erlesen mit mehreren sehr schönen Titeln fort: Wolf Oschlies beschäftigt sich mit dem politischen Witz in Osteuropa, Ines Sebesta erzählt Skigeschichten zum Schmunzeln und die Reisebücher führen nach Kiew, Sotschi, an die Donau und nach Neuseeland, da es zwischen dem diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse und der europäischen Kulturgeschichte viele Verbindungen gibt. Auch mit der Enzyklopädie des europäischen Ostens machen wir weiter.

Es wird nach wie vor auch der Poesie eine Stimme gegeben, weil ich der Meinung bin, dass Verse die schönste Form des literarischen Ausdrucks sind. Auch wenn die Verkaufszahlen gering sind, muss man dieser Literatur den Boden bereiten.

Ich freue mich auch, eine hervorragend erzählte Familiensaga von Ernst Brauner im Programm zu haben. Und was wir in diesem Herbst machen – und das ist eine kleine Sensation – niemand hat mehr geglaubt, dass es in Kärnten gute slowenische Literatur und Poesie von jungen Menschen geschrieben wird. 17- bis 19-Jährige haben drei Bände vorgelegt mit slowenischer Poesie, die überrascht und die überleben wird.

Ein schönes Beispiel, wie die Literaturen des europäischen Ostens gefördert werden können ist das Engagement von RZB, Erste Stiftung und BKS zur Rettung des Wieser Verlags und auch solche, die das verlegerische Risiko minimiert, etwa der Bank Austria Literaris. Wie ist diese Zusammenarbeit zustande gekommen und wie geht es da weiter?
Lojze Wieser: Ja, ohne der Hilfe von RZB, Erste Stiftung und BKS zur Rettung des Wieser Verlags und einiger anderen Institutionen und Personen wäre es uns auch kaum gelungen, die ein Jahrzehnt dauernde Zusammenarbeit zwischen Bank Austria, KulturKontakt und uns fortzusetzen. Die Literatur, die durch den Bank Austria Literaris entdeckt wird, wird seit Jahren mit Preisen versehen. Seit 2001 gibt es hier eine intensive Zusammenarbeit zwischen Bank Austria, KulturKontakt Austria und dem Wieser Verlag. Die Bedeutung dessen, was da entstanden ist, ist bisher in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig erkannt worden. Allein das finanzielle Investment von allen in dem Preis Engagierten liegt alle zwei Jahre weit über 100.000 Euro. Was da an wichtiger Arbeit geleistet wird, müsste noch viel breiter kommuniziert werden, wir werden deshalb auch neue Wege des Marketings und der Öffentlichkeitsarbeit finden müssen, denn in diesen Bereichen ist auch kein Stein am anderen geblieben. Wie man sieht, steht vieles an, wir haben noch viel zu tun, bevor wir nur noch reisen und lieben können.

Weitere Informationen zum Wieser Verlag finden Sie hier.

Interview: Bettina Führer
Foto: Archiv Wieser Verlag
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