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16.07.2012

Wien – Berlin

Im Frühling dieses Jahres ist Ueberreuter mit den Verlagen Annette Betz und dem Kinder- und Jugendprogramm ins Berliner Aufbau-Haus übersiedelt, das Sachbuchprogramm wird nach wie vor in Wien gemacht. Wie sich die Zusammenarbeit zwischen Wien und Berlin gestaltet, erzählt Ueberreuter-Geschäftsführer Klaus Kämpfe-Burghardt im Interview.

Seit Ende März hat Ueberreuter seinen Sitz im Aufbau-Haus in Berlin. Wie hat sich denn die Verlagsgruppe seit ihrem Exodus aus Wien entwickelt?
Exodus kann man das nicht nennen – es sind ja nur Annette Betz und das Kinder- und Jugendbuchprogramm umgezogen. Das Sachbuchprogramm, die Verwaltung und das Controlling sind in unserem Wiener Büro in der Alser Straße geblieben. Das nunmehr fünfköpfige Wiener Team  betreut vor allem unsere österreichischen Sachbuchautoren, aber auch unsere Kinder- und Jugendbuchlektoren kommen mindestens einmal im Monat aus Berlin nach Wien, um hier die österreichischen Autoren zu treffen. Ich selbst bin alle zwei Wochen für mehrere Tage in Wien.
Die Herstellung haben wir ganz nach Deutschland gezogen, aber wir denken gerade darüber nach, ob das die perfekte Lösung ist. Möglicherweise brauchen wir gerade für das bebilderte Kinderbuch auch in Wien eine herstellerische Betreuung. Dass die Herstellung aber nicht automatisch am Verlagsort sein muss, zeigen unsere guten Erfahrungen beim Oldenburger Lappan Verlag: Eine Herstellerin von Cartoon-Büchern sitzt in Erfurt.

Dass wir uns für das Aufbau-Haus als Berliner Verlagssitz entschieden haben, hatte vor allem damit zu tun, dass dieses Haus so viel mehr als ein Verlagsgebäude ist: Da gibt es etwa ein Theater, das wir für Lesungen nutzen können, Ausstellungsräumlichkeiten, in denen wir Cartoons und Illustrationen ausstellen werden, einen Kindergarten, in dem wir unsere Kinderbücher testen können, die Design-Akademie Berlin, Galerien, eine kleine Druckerei, eine Tischlerei … diese Nachbarschaften und der lebendige Austausch untereinander machen das Aufbau-Haus zu einem sehr attraktiven Standort.

Der Aufbau Verlag ist nicht nur Ihr Vermieter, sondern auch Ihr Vertriebspartner. Welche Vorteile bringt die gemeinsame Vereinigte Berliner Medien Vertriebsgesellschaft (VBMV)?
Aufbau und Ueberreuter haben jeweils ihren Vertrieb ausgegliedert und in der Vereinigten  Berliner Medien Vertriebsgesellschaft (VBMV) zusammengeführt. In der VBMV, die mit 1. Mai ihre Arbeit aufgenommen hat, sind natürlich unsere zwei Vertriebler aus Österreich, die Aufbau-Vertriebsmitarbeiter und alle unsere Vertreter tätig, aber es ist trotzdem eine ganz eigenständige Vertriebsfirma, die irgendwann neben Aufbau und Ueberreuter auch noch weitere Kunden haben wird. Das Interesse anderer Verlage, auch von zwei österreichischen, an der VBMV ist ziemlich groß, und das freut uns sehr, aber ich denke, die Vertriebsgesellschaft ist erst zum Jahresende bereit, neue Verlagskunden aufzunehmen. Die Geschäftsführerin Sabine Kahl kommt im September – und bis dahin machen das Ralf Alkenbrecher, Geschäftsführer der Aufbau Media GmbH, und ich kommissarisch.

Sie arbeiten auch im Kinderbuchbereich eng mit Aufbau zusammen. Wie gehen die beiden sehr unterschiedlichen Kinderbuchprogramme denn zusammen?
Während der Gespräche, die wir im Zuge der vertrieblichen Zusammenarbeit geführt haben, haben wir uns natürlich auch über Inhalte unterhalten. Für einen Verlag wie Aufbau ist es nicht so einfach, bei insgesamt etwa 13 Millionen Euro Umsatz, mit 500.000, 600.000 Euro Umsatz im Kinder- und Jugendbuchbereich Flagge zu zeigen. Sinnvoller ist es, wenn Ueberreuter die Vertriebsbetreuung für Aufbau-Kinderbücher mit übernimmt – das heißt, unser Vertriebsteam nimmt die Aufbau-Kinderbücher mit in die Kinderbuchabteilungen der Buchhandlungen und die Aufbau-Vertreter können sich auf Taschenbücher und Belletristik konzentrieren.

Wir überlegen aber auch inhaltlich zusammenzuarbeiten. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass wir von Aufbau-Büchern – etwa von Das siebte Kreuz von Anna Seghers oder von Hans-Fallada-Titeln – Schulausgaben machen. Wir haben in Österreich mit Herrn Graf ja einen Vertreter, der mit unserem Programm Schulen besucht. Wir sind in Österreich übrigens der einzige Verlag, der das tut – mit viel Erfolg. Abgesehen von solchen Überlegungen haben Aufbau und Ueberreuter aber wenig inhaltliche Berührungspunkte, trotzdem hat uns der kollegiale Austausch schon viel geholfen.

Hier ist vieles im Fluss.  Auch in Wien versuchen wir uns mit dem Ueberreuter-Sachbuchprogramm ein neues Profil zu geben, ohne aus den Augen zu verlieren, was bisher gut funktioniert hat.

Aber diesen Herbst haben Sie weder ein Abnehm- oder Wellness-Titel noch – bis auf die Mateschitz-Biografie – spezifisch österreichische Titel im Programm.
Wir haben auch mit Erstaunen festgestellt, wie wir mit österreichischen Autoren doch Themen besetzt haben, die über die Landesgrenzen hinausgehen – das wollten wir ursprünglich so gar nicht. Wir sind aber noch in der Sortier- und Suchphase. Wir wollen in Zukunft in unserem Sachbuchprogramm hauptsächlich Bücher machen, die im weitesten Sinne in die Kategorie Lebenskultur fallen, sei es die politische Diskussions- und Debattenkultur, die Kultur des Lachens oder die Musikkultur. Und dieser Kulturanspruch soll sich künftig nicht nur inhaltlich, sondern auch in einer höheren herstellerischen Qualität unserer Bücher zeigen.

In diesem Herbstprogramm sieht man noch wenig von dem neuen Profil, im Frühjahrsprogramm werden die ersten Pflänzchen sichtbar werden. Es dauert ja auch, bis man neue Autoren gewonnen hat beziehungsweise neue Projekte mit Autoren, die Ueberreuter schon länger verbunden sind – wie Thomas Chorherr oder Reinhard Habeck –, verwirklichen kann.

Sie haben bei unserem letzten Interview angekündigt, bei Annette Betz das anspruchsvolle Bilderbuch stärken zu wollen. Zeichnet sich das schon in diesem Herbstprogramm ab?
Auch hier dauert es etwas, bis wir all das umsetzen können, was wir uns für Annette Betz wünschen, weil es auch noch so viele ältere Titel gibt, die einfach noch gemacht werden müssen – weil sie auch gut sind. Was wir auch auf jeden Fall weiterführen möchten, ist das musikalische Bilderbuch und die ganz populären Titel, von denen wir jeweils um die 7.000 Exemplare verkaufen. Darüber hinaus wollen wir künftig aber noch stärker in die Characters gehen – das wird sich im nächsten Programm schon zeigen – und daneben machen wir das künstlerisch anspruchsvolle Buch, von dem jede Saison zwischen zwei und vier Titeln erscheinen werden. Weil sich immer mehr Verlage aus diesem Bereich zurückziehen, weil das finanziell so riskant ist, haben wir dieses Jahr auf der Kinderbuchmesse in Bologna unendlich viele tolle Projekte angeboten bekommen. Uns geht es dabei auch um die Vermittlung von Bildkultur. Und weil wir dank der musikalischen Bilderbücher ohnehin schon das Bildungsbürgertum als Zielgruppe haben, können wir da gut anknüpfen.

Auch von der Titelanzahl wird das Annette-Betz-Programm wieder hochgefahren. Wir hatten in diesem Jahr allein im Kinder- und Jugendbuchprogramm 40 Prozent weniger Titel, um uns eine Neuorientierungsphase zu gönnen, aber künftig möchten wir bei Annette Betz wieder auf 18 Titel pro Saison kommen.

Im Herbst wird Annette Betz 50 Jahre. Wie werden Sie dieses Jubiläum denn feiern?
Wir haben ein kleines Jubiläumsprogramm aufgelegt: Fünf Bücher aus fünf Dekaden – Kasimirs Weltreise, Leb wohl, lieber Dachs, So wie du bist, Das kleine Wutmonster, Ich hab ein kleines Problem, sagte der Bär – und jedes hat sich bis jetzt mehr als 30.000 Mal verkauft.  Dieses Longseller-Jubiläumsprogramm ist ein Statement dafür, dass sich gute Bilderbücher auch gut verkaufen. Für die Jubiläumsedition haben wir uns für ein schönes, mittleres Format und einen günstigen Preis entschieden, womit die Bücher Mitnahmecharakter bekommen – das werden die Sortimenter gut verkaufen.
Und im September laden wir in fünf Städten, darunter selbstverständlich Wien, Buchhändler zu Geburtstagsfesten ein, um zu feiern und uns bei ihnen zu bedanken, dass sie 50 Jahre an unserer Seite gestanden sind.

Interview: Bettina Führer
Foto: Das Wiener Team der Verlagsgruppe / Ueberreuter/René Wallentin
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