Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

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04.10.2012

Geschichtsaufarbeitung

Warum wollte niemand den Blut-und-Boden-Dich­ter Walther Wamandas Eidlitz verlegen, obwohl der gebürtige Jude eine Son­derver­fügung von Joseph Goebbels hatte? Welche dubiosen Vertriebs­metho­den wandte der NS-Verleger Amon Göth an, der später als KZ-Kommandant traurige Berühmtheit erlangte und durch den Film Schindlers Liste einem Millionen-Publikum bekannt wurde? Wie hoch kann man eigentlich die als jüdisch beziehungsweise „arisch“ klassifizierten Buchhand­lungen beziffern? Auf diese und viele weitere wichtige Fragen findet die Forschung jetzt leicht eine Antwort, da die Österreichische Nationalbibliothek das Archiv des Haupt­verbands des Österreichischen Buchhan­dels (HVB) im Online-Katalog HANNA erfasst und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

„Der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels und seine Vorläuferorganisationen haben seit Gründung, besonders aber seit 1860, ein umfangreiches Archiv mit Infor­mationen über die Mitglieder, dokumentiert durch Verträge, Korres­pon­denzen, Zeugnisse, Zeitungsaus­schnitte u. v. m., angelegt. Der Wunsch, dieses Archiv für die Forschung öffentlich zugänglich zu machen, hat uns veranlasst, mit einer Institution zusammenzuarbeiten, die sowohl die Erfassung der Bestände gewährleistet als auch die ordnungsgemäße Aufbewahrung der Archivalien des Hauptverbands garantiert. Wir freuen uns, dass diese erste Phase nun abgeschlossen ist. Zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Buchbranche während des NS-Regimes erwies sich die Österreichische Nationalbibliothek bereits beim ersten Forschungsvorhaben als besonders geeigneter Partner. Wir sehen mit großer Erwartung allen kommenden Projekten zum Hauptverbands­archiv entgegen, welche die Buchforschung sicher weiter bereichern werden“, so HVB-Geschäftsführerin Inge Kralupper.

Bereits 2010 schenkte der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels einen Teil seines Archivs der Österreichische National­bibliothek. Das Archivmate­rial umfasst zahlreiche Unter­lagen aus den Jahren 1772 bis 1980, besonders interessant sind aber jene 15 Kartons, die Akten und Korrespondenzen aus der NS- und der unmittelbaren Nachkriegszeit versammeln.

Ein von der Kommission für Provenienzforschung des BMUKK finanziertes und 2012 abgeschlossenes Projekt ermöglichte die Erfassung der Bestände von 1938, 1944 und 1945 bis 1947 in detaillierten Einzelaufnahmen. Bei der Bearbeitung wurde besonders auf jene Aspekte des Materials geachtet, die in der wissenschaftlichen Literatur bislang noch nicht thematisiert wurden. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Erschließungsarbeit wurden mittlerweile im angesehenen Gutenberg-Jahrbuch unter dem Titel Das Buch ist ein Kampfmittel, ein gutes Buch eine gewonnene Schlacht publiziert.

ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger: „Die vorbehaltlose Aufarbeitung der NS-Vergangenheit unseres Hauses und unserer Bestände ist der Österreichischen National­bibliothek ein großes Anliegen. Als erste Bundesinstitution hat sie etwa erbloses Raubgut an den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus übergeben. Dazu kommen zwei große Ausstellungen und zahlreiche wissenschaftliche Beiträge. Die Aufarbeitung des Hauptverbandsarchivs reiht sich in diese Bemühungen nahtlos ein.“

Die Bestände des Archivs des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels von 1772 bis 1980 sind im Online-Katalog HANNA der Österreichischen Nationalbibliothek abrufbar.

Scan: Ein Dokument zu Amon Göth
Hauptverband des Österreichischen Buchhandels
 
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