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08.10.2012

Die schönen Seiten des Lebens

Seit 1982 verlegt Christian Brandstätter Kunst- und Lifestyle-Bücher, 2011 hat sein Sohn Nikolaus die operative Geschäftsführung übernommen. Anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Verlags sprechen sie über die Kunst, schöne Bücher zu machen, das Verlagsprofil und neue Vorhaben.

Was war denn 1982 das auslösende Moment für die Verlagsgründung?
Christian Brandstätter: Das auslösende Moment kam viel früher, Ende der sechziger Jahre. Damals habe ich mein Jus-Studium abgeschlossen und den Hörsaal gegen das Café Hawelka getauscht, wo ich viele Künstler und Literaten – etwa Elias Canetti – getroffen und auch selbst geschrieben habe. Am 1. Mai 1968 habe ich mich bei Fritz Molden vorgestellt, der ein paar Jahre zuvor einen Verlag gegründet hatte, und ihm gesagt, dass er zwar wunderbare Sachbücher mache, die Belletristik allerdings nicht so gut sei, aber dass ich mich und meine Freunde in dem Bereich einzubringen hätte. Er hat daraufhin sehr komisch gelacht und gemeint: Darüber reden wir ein anderes Mal, aber wenn Sie mein Privatsekretär werden möchten, dann nehme ich Sie. Ich habe dann in dem Verlag nach und nach alle Abteilungen durchlaufen und 1973 eine eigene Bildband-Abteilung gegründet, die Molden Edition Grafische Kunst. Ich hatte dann das Glück, dass ich gleich zwei Jahre hintereinander mit Titeln, die ich selbst gestaltet hatte, bei den „Schönsten Büchern Österreichs“ gewonnen habe. Das hat gut angefangen, und so sollte es weitergehen.

Der Preis zieht sich durch Ihre gesamte Karriere – im vergangenen Jahr waren gleich zwei Brandstätter-Titel unter den 15 schönsten Büchern Österreichs …
Christian Brandstätter: Der Verlag hat für seine Bücher in all den Jahren viele, viele Gestaltungspreise bekommen – mittlerweile werden die aber nicht mehr von mir persönlich, sondern von unseren Gestaltern eingeheimst.

1982 ist Fritz Molden leider in Konkurs gegangen, weil er sich mit viel zu hohen Vorauszahlungen an amerikanische Bestseller-Autoren, die dann aber im deutschsprachigen Markt keine waren, übernommen hatte. Und ich stand dann vor der Entscheidung, als Verlagsangestellter in eine deutsche Kleinstadt zu gehen oder ins kalte Wasser zu springen und meinen eigenen Verlag in Wien zu gründen …

Gibt es bestimmte verlegerische Visionen, von denen Sie sich immer haben leiten lassen – oder mussten Sie von manchen Vorstellungen auch Abschied nehmen?
Christian Brandstätter: Ich habe mir immer schon ein Beispiel an der Wiener Werkstätte genommen und versucht Bücher zu machen, bei denen Form und Inhalt kongruent sind. Das ist etwas, das auch in Zukunft noch wichtiger wird: Denn gerade wenn es um die Frage geht, wodurch sich P- und E-Books unterscheiden, bekommt die Ausstattung eines gedruckten Buches neue Bedeutung.

Von anderen Vorstellungen musste ich mich aber tatsächlich verabschieden. Ich wollte zum Beispiel lange auch im Belletristikbereich verlegerisch tätig werden und habe in den achtziger Jahren auch einige heute sehr bekannte Autoren – unter anderen Christoph Ransmayr – verlegt. Ich habe aber schnell verstanden, dass diese Autoren nach ihren Premieren bei mir in einen großen deutschen Verlag wechseln, weil sie sich von dessen Vertriebspotenz eine bessere Positionierung am Markt versprechen.

Sie haben die Wiener Werkstätte bereits erwähnt. Welche Interessen, Bücher und Begegnungen waren denn sonst noch prägend für die Verlagsgeschichte?
Christian Brandstätter: Ganz wichtig war die Beschäftigung mit dem Wien um 1900 als Kristallisationspunkt der europäischen Moderne. Seit Anfang der achtziger Jahre habe ich viele Bücher über Klimt, Kokoschka, Kolo Moser und Schiele veröffentlicht, und auch heute ist mir das noch ein Anliegen.

Darüber hinaus habe ich mit zahlreichen Publikationen die österreichische Fotografiegeschichte aufgearbeitet, teilweise auch gemeinsam mit Monika Faber, die früher Chefkuratorin der Fotosammlung der Albertina war, fotohistorisch wichtige Künstler in Österreich einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Gleichzeitig habe ich mich intensiv mit zeitgenössischer Fotografie beschäftigt und große Monografien von Fotografen wie Erich Lessing, Harry Weber oder Franz Hubmann gemacht.

Kunst, Kultur und Geschichte war immer das Standbein des Verlags, mit der Zeit haben wir unsere Möglichkeiten, schöne Bücher zu machen, aber auch auf Kulinaria- und Lifestyle-Titel ausgedehnt. Ich habe beispielsweise die ersten Bücher des leider verstorbenen Gourmet-Kritikers Christoph Wagner gemacht. Und dass es uns 2002 gelungen ist, mit Ewald Plachutta ein Kochbuch zu machen, war ein großes Glück, dadurch ist dieses Spielbein in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden.

Der Verlag hat ja auch was die Eigentumsverhältnisse angeht eine bewegte Geschichte  – 1991 wurde er vom öbv-Konzern übernommen, später gehörte er zur Klett-Gruppe, seit 2005 gehört er wieder Ihnen … Wie wichtig ist es Ihnen, dass der Verlag heute wieder in Familienhand ist?
Christian Brandstätter: Ich bin sehr froh, dass ich meinen Sohn dazu bewegen konnte, in meine Fußstapfen zu treten, und dass ich mich jetzt mit 69 Jahren in den Halbruhestand zurückziehen kann. Ich mache nur noch ein paar Bücher, die mir am Herzen liegen, aber mein Sohn führt den Verlag – und wie es aussieht, ganz erfolgreich.

Was die Eigentumsverhältnisse angeht, sind wir heute Halbe-halbe-Partner mit dem Familienunternehmen Grasl FairPrint in Bad Vöslau. Nachdem der Verlag zehn Jahre lang dem österreichischen Bundesverlag angegliedert war – wie übrigens auch Residenz oder Deuticke –, hat der Stuttgarter Klett Verlag, dem wiederum der öbv gehörte, entschieden, man wolle sich aufs Schulbuch konzentrieren und uns zum Verkauf angeboten. Ich hatte das Glück, 2005 ein Management-Buy-out machen zu können, wollte das aber nicht ganz allein und habe die Familie Grasl mit ins Boot geholt.

2002 haben Ihr Sohn und Sie gemeinsam die Bildagentur imagno gegründet, die mittlerweile zu einer international wichtigen Agentur für historische Bildrechte avanciert ist. Ist die Agentur Teil des Verlags oder etwas Eigenes?
Christian Brandstätter: Das Bildarchiv ist ein eigenes Unternehmen, das darauf zurückgeht, dass ich bereits mit 20 Jahren begonnen habe, alles, was mir zum Thema Geschichte, Kultur und Kunst in die Hände kam, fotografiert habe. Damals haben mir Sammler einfach mal zehn Schiele-Aquarelle, von denen heute eines zwei bis drei Millionen Euro wert ist, in die Hand gegeben, damit ich sie fotografieren kann. Außerdem habe ich seit meinem 20. Lebensjahr Fotografie gesammelt und Fotografennachlässe übernommen. Das war damals noch sehr preisgünstig. Selbst auf dem Flohmarkt konnte man unglaublich spannendes Material finden. Mittlerweile ist das Archiv auf 1,5 Millionen Bilder angewachsen, von denen bis jetzt erst 80.000 digitalisiert sind.

Ich habe zwar immer gesammelt, aber mein Sohn hatte die Idee, die Schätze auch ins Internet zu stellen und die Werknutzungsrechte zu verkaufen.

Nikolaus Brandstätter: Nach dem Studium habe ich eine Zeitlang in den USA und in München bei Tochterunternehmen von Holtzbrinck im Bereich Neue Medien gearbeitet und gesehen, was es in diesem Bereich für Möglichkeiten gibt. Für alle großen Verlage hat sich damals die Frage gestellt: Was macht man mit den Archivmaterialien, wie kann man die verwerten? Unternehmerisch gesprochen ist das Spannende daran, dass man – hat man die Bilder einmal digitalisiert und besitzt die Rechte – eigentlich immer daran verdient ohne variable Kosten zu haben.
Nachdem ich nach Wien zurückgekehrt war, habe ich begonnen, die Bildagentur aufzubauen – und nach einer langen Aufbauphase ist imagno heute eine der zehn wichtigsten Agenturen für historische Bilder weltweit. Wir haben viele ausländische Vertriebspartner, vertreten aber auch unsererseits ausländische Archive oder die Österreichische Nationalbibliothek und das Wien Museum.

Und in den Verlag sind Sie dann 2005 eingestiegen …
Nikolaus Brandstätter: Mein Vater hat mich damals gefragt und ich war von der Idee angetan, weil ich große Chancen für die Bücher, die wir machen, gesehen habe. Das Verlagswesen hat mich immer sehr interessiert, genauso wie der Bereich Neue Medien. Deswegen bin ich nach dem Studium auch zu Holtzbrinck gegangen. Dass ich in das Familienunternehmen einsteigen würde, war aber nicht von Anfang an klar. Die Vater-Sohn-Konstellation ist ja auch nicht immer einfach, das sieht man in vielen Unternehmen, und es war mir deshalb wichtig, gleich viele Anteile wie mein Vater am Verlag zu halten und damit wirklich ein Partner zu sein und nicht nur ein Angestellter, der mehr arbeiten muss als alle anderen.

Hat die Staffelübergabe im Vorjahr auch programmatische oder anderweitige Neuerungen gebracht oder setzen Sie ganz auf Kontinuität? Welche Kerben wollen Sie im Verlagsprofil hinterlassen?
Christian Brandstätter: Man kann sagen, dass Spiel- und Standbein vertauscht wurden.

Nikolaus Brandstätter: Der Markt hat sich ja auch verändert: Der Kunstbuchbereich hat sich minimiert, andere Bereiche sind gewachsen. Darauf haben wir schon in den vergangenen Jahren reagiert. So habe ich etwa von Beginn an auf den Kochbuchbereich gesetzt – und zu dem Zeitpunkt war von Jamie Oliver noch keine Rede –, aber das gehört für mich auch zu Lebenskunst und Kultur. Wir pflegen seit längerem schon einen erweiterten Kulturbegriff und sehen uns als Verlag für die schönen Seiten des Lebens. Im Grunde haben wir schon seit 2005 die Strategie verfolgt, die Bereiche Kochen, Lifestyle, Wohnen und Garten auszubauen und zu stärken.

Mit diesem Herbstprogramm ist ein neues Segment dazugekommen: Wir wollen uns mit einem kleinen, aber feinen Programm im Sachbuchbereich positionieren. Gleich der erste Titel, der in dem Programm erschienen ist, Sepp Forchers Einfach glücklich hat es innerhalb von zehn Tagen auf die Bestsellerliste geschafft. Es folgt noch ein Buch von Tarek Leitner, in dem der ZiB-Anchorman unter dem Titel Mut zur Schönheit über die Verschandelung unserer Alltagsästhetik schreibt, und das dritte Sachbuch in diesem Herbst machen wir mit Kurt Kotrschal. Er ist quasi der der Konrad Lorenz der Wölfe und wurde für seine Forschung im Wolf Science Center in Ernstbrunn zum Wissenschaftler des Jahres gewählt. Wie er die Beziehungsgeschichte zwischen Mensch, Hund und Wolf beschreibt, ist außerordentlich spannend.

Der Brandstätter Verlag macht auch viele Corporate-Publishing-Projekte und Ausstellungskataloge. Letztere fügen sich nahtlos in Ihr Programm ein, erstere nicht automatisch. Was machen Sie richtig, dass dieser Spagat zwischen Geldverdienen und Buchkunst gelingt?
Nikolaus Brandstätter: Ich glaube, dass man von Büchern auch so gut leben kann – wenn man die richtigen macht. Corporate Publishing ist dennoch eine wichtige Säule unseres Unternehmens – und Kooperationen mit Museen passen wie gesagt auch gut in unser Programm.
Bei anderen Corporate-Publishing-Projekten ist auch unser Ansatz ein anderer. Da geht es uns darum, Unternehmen dabei zu unterstützen, mit dem Medium Buch etwas zu transportieren, und schließlich ein Produkt zu schaffen, das auch über den Buchhandel funktioniert. So ist zum Beispiel das Kotányi-Projekt In 80 Gewürzen um die Welt ein wunderbar sinnliches Buch geworden. Nur weil ein Unternehmen ein Buch kofinanziert, heißt das nicht, dass es unverkäuflich ist. Wir würden dem Unternehmen ja auch keinen Dienst erweisen, wenn wir das so gestalten würden, dass es niemand haben will. Deshalb ist uns auch ein starkes Mitspracherecht bei Konzeption und Gestaltung sehr wichtig. Wenn wir die Bücher nicht so machen können, dass wir dahinter stehen können, lehnen wir die Projekte ab.

Christian Brandstätter: Das Ablehnen von Projekten begleitet uns durch viele Jahrzehnte: Gedichtbände von Generaldirektoren im Ruhestand haben wir nie gemacht.

Brandstätter hat sich ja als einer der ersten Verlage in Österreich auch mit digitalen Angeboten beschäftigt und etwa eine Slow-Food-App gemacht. Ist der Bereich des elektronischen Publizierens etwas, das Sie künftig forcieren möchten, oder machen Sie nur hier nur ein paar wenige Sonderprojekte, wo es sich anbietet?
Nikolaus Brandstätter: Gerade in Zeiten der Digitalisierung geht es beim Buch immer mehr darum, haptische Erlebnisse zu vermitteln. Hier hat das gedruckte Buch einen unbeschreiblichen Wettbewerbsvorteil und deshalb wird es unser Kernprodukt bleiben. Wir leben in einer physischen Welt und ich sehe die Herausforderung der Zukunft eher darin, unsere Produkte medial, über Veranstaltungen und im Handel spannend und werthaltig zu inszenieren.

Elektronisches Publizieren spielt für uns dagegen eine eher marginale Rolle. Trotzdem ist es uns wichtig, auch in diesem Bereich am Ball zu bleiben und Verschiedenes auszuprobieren. Die App, die wir gemacht haben, ist ja auch erfolgreich – nur sind die Kosten für so etwas hoch und das, was man damit verdienen kann, eher gering. Das rechnet sich für uns nicht. Unsere Bücher sind dagegen für den Handel überaus attraktiv und sie werden auch sehr gern verschenkt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Download-Gutschein jemals dieselbe Attraktivität haben wird.

Interview: Bettina Führer
Foto: Peter Rigaud

Eine ausführliche Verlagsgeschichte finden Sie hier.

Christian Brandstätter Verlag
Verleger: Christian Brandstätter
Geschäftsführer: Nikolaus Brandstätter
MitarbeiterInnen: Heinrich Kratochwill (kaufmännische Geschäftsführung), Elisabeth Stein-Hölzl (Programmleitung & Lizenzen), Fitore Brahimi, Stefanie Neuhart (Verlagskooperationen), Friederike Harr (Presse & Öffentlichkeitsarbeit), Helmut Maurer (Herstellung), Horst Grabensberger (Vertrieb), Kornelia Mohl (Organisation & Veranstaltungen)
Titel/Jahr: ca. 60-70
Programm: Bildbände und Sachbücher rund um die Themen Kochen & Genießen, Garten & Wohnen, Kunst & Kultur
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