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11.03.201030 Jahre Ritter Verlag
Seit 1980 verlegt der Ritter Verlag Kunstbücher und
(experimentelle) Literatur. Ein Gespräch mit Verleger Helmut Ritter und Lektor
Paul Pechmann über die Verlagsgeschichte und das aktuelle Programm.Wie kam es damals zu der Verlagsgründung? Helmut Ritter: Die Idee, einen Verlag zu gründen, ist langsam – auch aus meiner Familiengeschichte – gewachsen. Mein Vater hat nach dem Krieg eine Zeitschrift herausgegeben, die Kärntner Illustrierte hieß und zweiwöchentlich erschien. Das einzig Nennenswerte, das in dieser Zeitung jemals publiziert wurde, war der erste Text von Ingeborg Bachmann, Die Fähre. 1947 ging die Zeitung ein, aber es entstand eine Druckerei, in der ich eine Lehre als Setzer und Drucker gemacht habe. In den sechziger Jahren habe ich begonnen, Kataloge für Kärntner Künstler zu drucken. Auf Dauer war es mir allerdings zu wenig, als Dienstleister zu fungieren. Ich wollte Publikationen auf eigenes Risiko machen. Außerdem hatte ich durch eine Verlagsgründung – ganz banal – die Möglichkeit, Steuern zu sparen. Ende der siebziger Jahre wurde die Idee einer Verlagsgründung dann konkret. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch durch den Kärntner Kunstverein schon länger mit Kunst zu tun. Gab es auch die Galerie Ritter schon vor dem Verlag? Helmut Ritter: In ihrer jetzigen Form gibt es die Galerie erst seit 2001. Zwischendurch habe ich an dem Projekt einer Kunsthalle gearbeitet. Die Kunsthalle hätte ein Museum für Kunst des 21. Jahrhunderts in Kärnten werden sollen, doch die Kärntner Politik hat dieses Vorhaben kaputt gemacht. Was bedeutet es, in Klagenfurt eine Galerie für zeitgenössische Kunst und einen Verlag mit einem so anspruchsvollen Programm zu führen? Helmut Ritter: Kärnten ist sicher ein besonders schwieriges Pflaster. Es existiert praktisch kein kulturelles Umfeld. Wenn wir in Sachen Literatur etwas veranstalten wollten, würden wir vielleicht zwei, drei Personen finden, die wir einladen könnten – dazu gehört Klaus Amann, der Leiter des Robert-Musil-Instituts für Literaturforschung in Klagenfurt. Mit ihm machen wir immer mal wieder etwas, und er ist einer der wenigen in Kärnten, die ich sehr schätze. Der Ritter Verlag ist bekannt dafür, eine Verbindung zwischen verschiedenen Kunstformen herzustellen – speziell zwischen bildender Kunst und Literatur. Was ist Ihr Antrieb, das zu tun? Helmut Ritter: Es gab von Beginn an ein bestimmtes Wollen. Dieses Wollen war von der Frage geprägt: Was sind denn die Kriterien, die primäre Kunstgattungen wie bildende Kunst, Literatur und Musik ausmachen? Wir wollten keine reproduzierende Kunst machen – also keine Bücher über Theater, auch mit Fotografie habe ich Probleme, weil der technische Apparat dazwischen steht, ebenso wenig hat mich Film interessiert. Im Vordergrund standen und stehen die primären Kunstgattungen, die unmittelbar vom jeweiligen Autor entwickelt werden. Wobei wir uns hauptsächlich mit bildender Kunst und Literatur beschäftigen, Komposition hätte ich gern forciert, aber da weiß ich selbst zu wenig. Wir haben nur einmal ein Arnold-Schönberg-Buch gemacht, das dessen Tochter Nuria Nono-Schoenberg herausgegeben hat. Sie sagen, Film interessiere Sie weniger – aber mit dem Avantgardefilmer Marc Adrian haben Sie eng zusammengearbeitet ... Helmut Ritter: Marc Adrian ist ein Universalgenie gewesen. Er hat als Bildhauer angefangen und hatte enge Verbindungen zur Wiener Gruppe. In seinem Wiener Atelier wurde das erste „exil“ gegründet – nicht in Berlin. Sein Interesse galt nicht der Statik seines Lehrers Fritz Wotruba, er wollte Bewegung im Bild haben. Deshalb erfand er 1955 das statische Bild, das sich bewegt, indem man daran vorbeigeht. Er war einer der ersten Op-Art-Künstler, wenn man so will. Ende der siebziger Jahre hörte er mit der Produktion von Bildern auf und wandte sich ganz dem Film zu. Deshalb ist er als Filmer auch bekannter geworden als mit anderen Werken. Er deckt das gesamte Spektrum ab – bildende Kunst, Computerkunst, Literatur. Er hat sogar eine eigene Kunsttheorie entwickelt, „Bewegung“ ist sein Generalthema. Wann sind Sie zum ersten Mal mit Kunst in Berührung gekommen und was hat Ihr Verständnis von Kunst und Literatur geprägt? Helmut Ritter: Ich hatte, wie gesagt, schon in den siebziger Jahren viel mit Büchern und Kunstkatalogen zu tun. Verstärkt wurde das noch durch den Bachmann-Preis, der 1979 ins Leben gerufen wurde. Gert Jonke war damals der erste Preisträger. Ich erinnere mich noch an eine Diskussion mit Jochen Jung, der zu dieser Zeit Lektor des Residenz Verlags war. Er meinte, er sei so begeistert von schönen Sätzen. Ich bin das nicht. Ich bin von interessanten Sätzen begeistert, von neuen Formen. Sprachkunst interessiert mich mehr als schöne Sätze. Das hat mein Literaturverständnis geprägt. Was waren denn die ersten Bücher, die Sie damals gemacht haben? Helmut Ritter: Kurz nach Gründung – und auch das ging parallel mit der Entwicklung des Bachmann-Preises – hatte ich einen Herausgeber und Supervisor namens Franz Schuh. Eines der ersten Bücher, die wir damals gemacht haben, heißt Fremdenverkehr – ein Begriff, der fast verloren gegangen ist, heute sagt man ja nur noch Tourismus. Das Buch ist 1984 erschienen und übrigens noch immer antiquarisch lieferbar. Seither haben wir etwa 450 Publikationen gemacht. Und was sind Ihre Literaturhighlights in diesem Frühjahr? Paul Pechmann: Das Frühjahrsprogramm ist eher schmäler, traditionsgemäß wird das Herbstprogramm stärker bestückt. Das Highlight wird sicher das Debüt von Max Höfler sein: texas als texttitel. Höfler ist ein junger Grazer Autor, der vor kurzem mit dem Literaturförderungspreis der Stadt Graz ausgezeichnet wurde und auch als Programmverantwortlicher im Forum Stadtpark wirkt. Er hält eine Grazer Avantgardetradition aufrecht, die in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich schon weggebrochen ist. Spannend ist auch das Herbstprogramm 2009. Da war die Wiederentdeckung von Joe Berger als Literat ein ganz wesentlicher Punkt. Der zweite Titel, von dem wir uns eine rege Rezeption erwarten, ist Filz von Franzobel und Franz Novotny. Das Buch – eigentlich ist es ein Filmskript – spielt ganz geschickt mit Zuschreibungskategorien und bewegt sich zwischen plakativer Politsatire, Boulevard, Trash und einer versierten Technik von Literatur. Wenn Texte von Franzobel ganz banal kalauernd daherkommen, sind sie doch auf einem ganz hohen konzeptionellen Niveau angesiedelt. Filz ist eine Farce um Vorgänge aus der österreichischen Hochfinanz, die Kapital aus der BAWAG in die Karibik transferiert, um es zu vermehren. Das Lustige daran ist, dass die Personen, auf die angespielt wird, mit ihrem realen Namen vorkommen. Und da werden Sie nicht verklagt? Paul Pechmann: Es ist ja als literarische Fiktion ausgewiesen. Franzobel und Franz Novotny lassen das Ganze in einem Hasenköttel spielen, auf den die Kamera am Anfang zoomt, bis man in diesem Köttel den Erdball entdeckt, die Kamerafahrt führt dann weiter geradewegs zur Stadt Wien – das heißt, man weiß, dass das Ganze in der Ausscheidung eines Hasen spielt. Die Geschichte ist also ganz klar in einer fiktionalen Welt angesiedelt und es wäre eine Überraschung, käme da jemand auf die Idee, uns zu verklagen. Diese Dinge sind eigentlich auch schon längst ausjudiziert. Es gab ja diesen Streit zwischen Bernhard und Gerhard Lampersberg. Thomas Bernhard wurde vorgeworfen, er hätte in Holzfällen Lampersberg durch den Kakau gezogen – was er auch getan hat –, aber das war als literarische Figur abgesichert. Lampersberg hat Bernhard mit dem Titel Perturbation geantwortet, das Buch ist 1987 im Ritter Verlag erschienen und noch lieferbar. Kreativ auf eine solche Provokation zu antworten, ist eigentlich die eleganteste Variante, den Diskurs fortzusetzen. Ist es Ihnen wichtig, dass Ihre Publikationen auf aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse Bezug nehmen? Helmut Ritter: Nicht grundsätzlich. Im Fall von Filz kommt das durch das Interesse von Franzobel, der diese Themen sucht, aufgreift und bearbeitet. Das Drehbuch wurde vom ORF abgewiesen, vielleicht weil die Wirklichkeit noch viel grotesker ist? Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Helmut Ritter: 30 Jahre genügen nicht! Meine Frau und ich wollen gemeinsam 50 Jahre Ritter Verlag feiern. Interview: Bettina Führer/Foto: Mark Duran Ritter Verlag Hagenstraße 3, 9020 Klagenfurt www.ritterbooks.com Verlagsleitung: Helmut Ritter Inhaberin: Karin Ritter MitarbeiterInnen: Martina Mosebach-Ritter und Paul Pechmann (Lektorat), Mark Duran (Technik), Georg Mitsche (Office) Programm: Kunstbücher, Literatur |


