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13.08.20103(0) Jahre Milena Verlag
1980 unter dem Namen Wiener
Frauenverlag als autonomes Projekt gegründet, präsentiert sich Milena heute als
junger Indie-Verlag. Verlagsleiterin Vanessa Wieser (Foto) und Presseverantwortliche
Evelyn Steinthaler sprechen über die Entwicklung des Verlags, dessen
Neuausrichtung vor drei Jahren und darüber, welchen Anspruch der Milena Verlag
mit seinem Programm einlösen möchte.Der Milena Verlag feiert am 1. August sein 30-Jahr-Jubiläum, aber man hat den Eindruck, der Verlag wird immer jünger. Seit 1980 hat er sich von einem politischen Projekt zu einem jungen Indie-Verlag entwickelt ... Können Sie etwas über die Entwicklung des Verlags erzählen? Vanessa Wieser: Das war im Grunde keine kontinuierliche Entwicklung. Mit jedem Leitungswechsel hat sich der Verlag auch inhaltlich neu ausgerichtet, weil jede Verlagsleiterin andere Vorstellungen von Feminismus hatte. Dabei ist das Grundkonzept, nur Bücher von Frauen zu machen, aber immer gleich geblieben. Als ich vor drei Jahren die Leitung übernommen habe, haben wir diese Exklusivität gleich mal gekippt. Die Inhalte sind uns einfach wichtiger als das biologische Geschlecht der Schreibenden. Durch den Rückzug in diese Frauennische sind damals auch die Verkaufszahlen immer weiter zurückgegangen. Was nützt es Bücher zu machen, die keine liest? Dass wir mittlerweile als Indie-Verlag wahrgenommen werden, freut uns. Damit können wir uns gut identifizieren. Es ist uns wichtig, Autorinnen und Autoren zu entdecken und zu fördern, die einen frischen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse werfen und die Um- und Zustände auch etwas anders wahrnehmen als die Autorengenerationen vor ihnen. Hat es 2007 darüber hinaus noch wesentliche konzeptuelle Neuerungen gegeben? Wieser: Wir hatten anfangs kein elaboriertes Konzept, einfach weil der Wechsel sehr schnell und auch überraschend kam und wir keine lange Vorlaufzeit hatten. Ich habe mir damals gedacht, so eine Chance kriege ich nie wieder und Ideen gibt’s genug, und wir schauen in drei Jahren, ob das auch funktioniert. 2010 ist das Jahr, das ich uns als „Deadline“ gesetzt habe und ich freue mich, dass die Neuausrichtung des Verlags nicht nur sinnvoll und notwenig war, sondern bisher auch sehr gut aufgenommen wurde. Auf den ersten Blick sieht das gar nicht nach einer großen Veränderung aus, wenn man einfach das Konzept umwirft, ausschließlich Literatur von Frauen zu verlegen, aber im Grunde haben wir damit den Verlag neu erfunden. Selbstverständlich führen wir die Titel, die von den alten Programmen noch sinnvoll sind, in der Backlist weiter und wir mussten am Anfang ja auch noch bestehende Verträge einlösen, für Bücher, die wir vielleicht so nicht mehr gemacht hätten. Erst nach etwa drei Programmen konnten wir in die Richtung arbeiten, in die wir mit dem Programmwechsel wollten. Abgeschlossen ist der Prozess aber natürlich noch lange nicht. In diesem Herbst bringen wir beispielsweise unseren ersten Comic-Titel heraus, der eine Reihe mit grafischer Literatur eröffnet. Eine Reihe, die im Frühling 2008 begonnen hat, ist die exquisite corpse und die hat schon mal sehr viel von der neuen Richtung vorgegeben. Hier erscheinen Titel, die sich mit dem Transgressiven, mit Horror, dem Monströsen auseinandersetzen und in der Reihe Revisited, die ein Jahr später im Programm verankert wurde, legen wir Bücher neu auf, die sonst nicht mehr zugänglich sind, deren Lektüre sich aus unserer Sicht aber lohnt. Diese Reihen leistet sich der Verlag, da investieren wir viel in Lizenzen. Die Bücher werden ja nicht in diesem Ausmaß gefördert und finden auch noch nicht den Absatz, den sie verdienen. Wir leisten uns die Reihen in doppelter Hinsicht – inhaltlich und finanziell – und sind sehr stolz darauf, hier etwas aufzubauen. Ich vertraue darauf, dass wenn die Reihen einmal etablierter sind – bei exquisite corpse haben wir jetzt erst den sechsten Titel, bei Revisited den fünften –, das Publikum die Bücher stärker nachfragt. Evelyn Steinthaler: Der erste Titel der Reihe Revisited ist von Langston Hughes, einem sehr wichtigen afroamerikanischen Autor, der über die Verhältnisse in den USA vor der Bürgerrechtsbewegung schreibt. Im deutschen Sprachraum ist er weitgehend unbekannt. Dass Hughes die Reihe eröffnet, war ein klares Statement von uns. Wieser: Nach dem Start mit Langston Hughes haben wir den Revisited-Fokus mit Titeln von Hugo Bettauer und Rudolf Brunngraber in Richtung Österreich gelenkt. Wir bekommen von der Republik Österreich glücklicherweise ja wichtige Förderungen und sehen es deshalb auch als Auftrag an, diese wichtigen Beiträge der österreichischen Literatur-, Kultur- und auch Zeitgeschichte wieder zugänglich zu machen. Außerdem gilt es in unserer schnelllebigen Zeit, auch die toten AutorInnen zu ehren und zu fördern! Steinthaler: Dass wir uns dem annehmen, wird vom Publikum geschätzt. Viele sind froh, diese Bücher jetzt wieder zu bekommen. Und es macht auch Spaß, so etwas auszugraben, neu zu entdecken und zu teilen. Wichtig ist auch, dass die Bücher nicht einfach so neu aufgelegt werden, sondern mit informativen Begleittexten ausgestattet wieder auf den Markt kommen. Wieser: Wir wollen uns auch eine gewisse Bandbreite bewahren. Revisited-Titel sind etwas ganz anderes als Titel wie Grünes, Grünes Gras – unsere „junge“ Literatur will „fast forward“, die Revisited-Titel bewahren „slow-motion“, beide Geschwindigkeiten liegen uns am Herzen. Und außerdem sind wir schon auch so ehrgeizig und erwachsen, dass wir nicht nur die FM4-Gemeinde bei Laune halten wollen, sondern auch von der Literaturwissenschaft wahrgenommen werden wollen. Und wie ist die Neukonzeption aufgenommen worden? Wieser: Sehr gut – und dafür bin ich ausgesprochen dankbar! Was passiert, wenn man einen Verlag so deutlich neu positioniert, ist ja nicht abzusehen. Der Buchhandel hat sehr schnell und positiv auf unser Programm reagiert, die BuchhändlerInnen und Lesenden schauen sich die Bücher wirklich an und bestellen inzwischen mehr denn je. Auch mit den Rezensionen sind wir mittlerweile sehr glücklich! Steinthaler: In Gesprächen mit Buchhändlern hieß es sehr bald: Toll, dass ihr euch geöffnet habt. Es sind eigentlich alle froh, dass dieses überholte Konzept der frühen achtziger Jahre aufgegeben wurde. Das heißt nicht, dass wir jetzt keine Bücher mehr von gesellschaftspolitischer Relevanz machen. Alle Bücher, sei es Zeit der Idioten, Haschems Lasso, Freischnorcheln oder natürlich Zeitgeschichte-Titel wie Glockengasse 29, beschäftigen sich mit gesellschaftspolitischen Fragen. Bücher die wir machen, sind nicht nur unbedingt „easy“ zu lesen, sondern da steht immer Kritik dahinter, wenn auch unterhaltsam und spannend verpackt. Wieser: Durch das breite Spektrum unseres Programms erreichen wir inzwischen auch ein dementsprechend heterogenes Publikum. Auf Messen stehen an unserem Stand die unterschiedlichsten Leute: die junge Frau, die zu Sunnyboys greift, der ältere Herr, der in den Erinnerungen von Elisabeth Markstein liest, Jugendliche im Gothic-Look, die sich in Grendel vertiefen ... Das macht richtig Spaß und bringt wichtiges Feedback. Steinthaler: Die Diversität unseres Programms öffnet uns auch immer wieder neue Türen. Man kommt mit ganz verschiedenen Menschen in Kontakt. Das macht unsere Arbeit dann noch mal spannender. Abgesehen von einem gewissen gesellschaftspolitischen Anspruch, was kennzeichnet die Bücher, die Sie machen, noch? Steinthaler: Wir verlegen keine Nabelschaubücher, sondern machen nur Bücher, die sich selbst in Relation zur Welt, in der wir leben, setzen lassen. Auch Bücher, die politisch rechte Ideologien transportieren, würden wir nicht machen, das ist ein klares Prinzip. Wieser: Unsere Bücher beziehen alle in irgendeiner Form Stellung. Trotzdem muss man die verschiedenen Reihen auch separat betrachten. Bei den zeitgeschichtlichen Büchern ist das ganz klar, da liegt der Fokus auf der NS-Zeit und dem Austrofaschismus. Natürlich müssen die Bücher auch einen Österreich-Bezug haben und der Komplexität gerecht werden, die das Thema erfordert. Auch Revisited hat einen hoch politischen Anspruch: Nach dem Titel über Rassendiskriminierung von Langston Hughes, nach Hugo Bettauer und Rudolf Brunngraber ist unser Herbsttitel Wenn das der Führer wüsste, eine Nazi-Dystopie und -Satire von Otto Basil. Trotz des Anspruchs, den die Bücher erfüllen müssen, ist es uns wichtig, dass sie für jeden lesbar sind, wir haben nicht nur eine Leserschicht im Auge. Es gibt Literatur, mit der ich nichts anfangen kann, weil sie mir zu akademisch ist. Wir machen nichts Experimentelles, auch keine Lyrik, sondern unsere Bücher sind Plot-orientiert erzählt. Feiern Sie das Jubiläum mit einem besonderen Programm? Wieser: 30 ist eine beeindruckende Zahl, mein Herzblut ist aber in die vergangenen drei Jahre ... für mich ist es schon eher ein Drei-Jahres-Fest und dazu gibt es neben einem schönen, unterhaltsamen Fest (am 17. September im Badeschiff) diesmal ein äußerst heterogenes Herbstprogramm. Diesmal ist es sogar heterogener denn je: Wir verlegen mit dem Porträt der besten Bergsteigerinnen der Welt wieder ein Sachbuch, erstmals einen Comic, Krimis sind wieder dabei und wir haben den „Kathy-Acker-Pokal“ nach Österreich geholt. Steinthaler: Dass wir die Rechte für Meine Mutter. Dämonologie – das zentrale Werk von Kathy Acker – bekommen haben, macht uns sehr stolz. Dadurch, dass Helene Hegemann sich so stark auf Kathy Acker bezogen hat, ist Acker in letzter Zeit in einen falschen Kontext gekommen, deshalb finden wir es besonders wichtig, dass es diesen Titel jetzt auch wieder auf Deutsch zu lesen gibt. Auch wegen Ackers radikaler Ansichten es für mich auf jeden Fall eines unserer Geburtstagsbücher. Und dann ist da noch unser Herbsttitel in der Zeitgeschichte-Reihe, Ich war mit Freuden dabei! Hier geht es nicht nur um einen KZ-Arzt, sondern auch um die Verbrechen der Wehrmacht und SS in Weißrussland und um das KZ am Loibl. Wenige Menschen wissen, dass der Loibltunnel nach Slowenien von KZ-Häftlingen gebaut wurde. Die Geschichte ist erschütternd, vor allem auch, weil es sich der KZ-Arzt Ramsauer famos in der Zweiten Republik richten konnte. Das ist ein ganz dichtes und wichtiges Buch. Schön ist natürlich, dass im Jubiläumsjahr die Verfilmung eines Milena-Krimis im ORF laufen wird. Lisa Lerchers Die Mutprobe. Wieser: Wir machen heftige Bücher für heftige Menschen. Ich denke, das ist ein ganz entsprechendes Motto. Mit heftig meinen wir das Hinschauen. Unsere Bücher schauen immer hin, nie weg. Milena Verlag Verlagsleitung, Lektorat: Vanessa Wieser MitarbeiterInnen: Evelyn Steinthaler (Kooperationen, Presse, Veranstaltungen), Georg Holeschofsky (Verlagsassistenz, Lektorat) Titel/Jahr: 18 Titel Programm: Belletristik (u. a. exquisite corpse, Krimis, Junge Literatur), Comics und Sachbuch (u. a. Zeitgeschichte, Biografien, Wissenschaft) Verlagsfest Der Milena Verlag feiert sein Jubiläum am 17. September 2010 ab 20.00 Uhr auf dem Badeschiff mit Lesungen, Live-Band (Kommando Elefant) und DJ-line-up in Wien. |


