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16.02.2010Die Anthologie zum Welttag des Buches 2010
Am UNESCO-Welttag des Buches, dem 23.
April, verteilen viele Buchhandlungen in ganz Österreich die Anthologie des
Hauptverbands. 2010 stellt der Schriftsteller und Kolumnist Helmut A. Gansterer
gemeinsam mit HVB-Präsident Gerald Schantin Texte zum Thema „Erlesene Reisen“
zusammen. Ein Gespräch mit Helmut A. Gansterer zum Welttag des Buches und über seine Philosophie einer glücklichen Existenz. Was ist das zentrale Thema der diesjährigen Anthologie zum Welttag des Buches? Das denkbar feinste Thema: Reisen. 2010 wird dadurch zu einem Feierjahr des Buches, wenn die Analogie zu Feiertag gestattet ist. Was verbinden Sie persönlich mit diesem Thema? Ganz spontan Dankbarkeit. Bücher und Reisen trugen zu meinem glücklichen Leben bei. Beinahe zu viel, manchmal hatte ich schon Angst vor dem Neid der Götter. Gut daher, dass die Sache auch mit Schmerz verbunden ist. Im Rückblick habe ich zwei Drittel aller Schillinge, Groschen, Euros und Cents, die ich einnahm, den Buchhändlern und Reisebüros überwiesen. Per Saldo bleibt größte Dankbarkeit, zumal ich selbst von Lesern lebe, gleich zweifach als Journalist und Schriftsteller. Was hat Sie daran gereizt, die Texte der diesjährigen Welttag-Anthologie zusammenzustellen? Erstens die reine Lust an der Sache. Zweitens die Chance, mit meinem hochrangigen Freund Gerald Schantin zusammenzuarbeiten, von ihm zu lernen und seine guten Weine zu trinken. Drittens bin ich Wachs in den Händen der Buchhändler, deren Aura und Sachverstand mich bezaubert. Ich sehe an der – von mir unterschätzten – Arbeit an der Anthologie eine Chance, mich bei ihnen einzuschmeicheln, was meinen Büchern nur nützen kann. Inwieweit sind Bücher und Reisen miteinander verbunden? Diese Verbindung ist der drittgrößte Vorteil des Buchs. Darf ich das hierarchisch einordnen? Haben Sie genügend Zeit und Platz dafür? Selbstverständlich. Was ist der erste Vorteil? Bücher machen Autoren ein wenig unsterblich und Leser zu Methusalems. Man hält länger, wenn man liest. Wir wissen heute, dass unser Hirn durch Lesen frisch bleibt. Aus dem einfachen Grund, weil es die Fantasie anregt. Das Hirn seufzt nach Arbeit. Bei Büchern darf es vieles aktiv ergänzen: die Gerüche, die Bewegungen, die konkreten Gesichter der Helden, die Stimmen. Alles, bis auf die Gerüche, wird vom Fernsehen mitgeliefert, weshalb dort jeder einschläft. TV passiviert. Man darf aber nicht unfair sein. TV und Radio, für die ich neben Print auch viel mache, helfen dem Buch durchaus, mit großartigen Literatur-Sendungen, bei denen merkwürdiger Weise niemand einschläft. Allein schon das Wort Buch scheint psychosomatisch ein Weckamin zu sein. Werden wirklich alle Leser älter als Nichtleser? Man kann auch Pech haben, per Blitzschlag und Flugzeugabsturz, also ausnahmslos durch Unfälle. An der Gesundheit kann es nicht liegen. Lesen richtet alle Moleküle stromlinienförmig aus. Literatur ist entschieden das Heilmittel Nr. 1. Selbst die Unfall-Pechvögel haben aber – was zugleich Buchvorteil Nr. 2 ist – 1.000 Leben gelebt. Sie erlebten zusätzlich zum eigenen Schicksal jenes der Romanhelden. Ich bin ein extra schwerer Identifikationsfall. Ich war ein Stimmwunderkind in der Blechtrommel und starb als Prof. Aschenbach in Venedig. Sind wir jetzt bei Vorteil 3, dem innigen Verhältnis von Buch und Reisen? Korrekt. Es gibt keine schönere, wechselseitige Kreuzung. Bücher führen zu Reisen, die Reisen zu Büchern. Ein Beispiel: Ich wurde durch zwei Bücher nach Tibet gelockt und las nachher alle Tibet-Bücher. Ein weiterer Vorzug der Reisen für den Buchhandel: der anmutige Paarlauf von Sachliteratur und Belletristik. Auch hier ein Beispiel: Ich besitze mittlerweile alle Reiseführer für Venedig. Aber begriffen habe ich den Inselstaat erst durch Literatur. Da ich kein Schmock bin, achte ich Donna Leon darin genau so wie Fruttero & Lucentini (Liebhaber ohne festen Wohnsitz) und Nobelpreisträger Joseph Brodsky (Ufer der Verlorenen). Apropos: Im Vorsatzblatt des deutschen Buchs des russischen Autors las ich den italienischen Titel, ungefähr Gli fondamenti di incurabili. Da beschloss ich, Italienisch zu lernen. Man ahnt, wie die sogenannte Reiseliteratur zur Grenzüberschreitung und Wiedererweckung einer abgeschlossenen Halbbildung beiträgt. Welche Autorinnen und Autoren werden in der Anthologie vertreten sein? Von meiner Seite her eher der Kanon. Mein Partner Schantin wird wohl frischer und zickiger sein. Ich erkenne dies daran, dass er auf einen Text von mir wert legt, der von Niederlagen auf Reisen spricht. Ich halte viel davon, die Weltmeister in Erinnerung zu rufen, in deren Windschatten die Leser auch Neues versuchen. Aus meinem Freundeskreis weiß ich, dass oft selbst Maugham, Theroux, Chatwin, Hemingway, Nooteboom und, patriotisch gesehen, auch Handke und Roth noch unentdeckt sind als Magneten, die sinnlich ins Fremde ziehen. Thomas Bernhard, ein Darling, muss logisch draußen bleiben. Er hat Reise-Impressionen wie Fauna & Flora als Hindernisse der psychologischen Handlung verachtet und sich selbst gebremst, sobald er ins „Beschreibende“ geriet. Grad umgekehrt und äußerst präzis Peter Handke, der Sehnsucht weckt nach den dürren Provinzen Spaniens, oder Gerhard Roth. Auch dazu ein Beispiel. Ich kenne Tokio und Wien ganz gut. Nach Roths Büchern Der Plan und Die Innenansicht von Wien kenne ich beide Städte dramatisch besser. Welche Bücher packen Sie ein, wenn Sie auf Reisen gehen? Erstens viele. Zweitens neue Autoren im Sarg des Zellophans. Drittens sachliche Reiseführer. Ich habe eine kindische Vorliebe für magische Orte. Key West und Kuba wären ohne Besuch der Schreibpulte von Hemingway uninteressant gewesen, so wie Alpbach ohne den Schreibtisch von Arthur Koestler im „Schreiberhäusl“ der Familie Molden. Lyrik sollte dabei sein, und ein einziges Buch, das an frühere Reisen erinnert, Bellows Herzog oder Agentengeschichten von Le Carré, Greene oder Ambler. Für den aktuellen Sun & Sea-Urlaub hob ich mir den angeblich letzten Polt meines Freundes Alfred Komarek auf. Ich freue mich auf die authentische Schilderung meines Heimat-Weinviertels, das nun in Eis und Schnee liegt, derweil ich aus türkisen Wässern an die Sonne springe. Sind die Reisen oder die Bücher wichtiger? Die Bücher. Sie übertreffen die physischen Reisen. Körperlich war ich nördlich in Fairbanks und Ancourage, Alaska, und südlich am Zipfel von Afrika. Lufttechnisch pendelte ich zwischen Himalaja und dem Toten Meer. Literarisch aber war ich im Weltall und in der Hölle, kein Vergleich. Und mit 100 Jahren, dem natürlichen Durchgangsalter aller Vielleser, werden ich nur mehr ungern reisen, aber noch alle Länder mit Hilfe der Bücher bei mir haben. Helmut A. Gansterer wurde in 20 Jahren als Chefredakteur und 30 Jahren als Herausgeber zum Globetrotter. Viele seiner 5.000 Essays loben das Reisen – und das Buch als „wichtigstes Produkt der Neuzeit“. Heute arbeitet er als freier Publizist und hat zuletzt Darf man per E-mail kondolieren? (Pichler), Der neue Mann von Welt und Darf man als Nackerter ins Hawelka? (beide Molden) veröffentlicht. Gansterer wurde auch „Buchliebling“, 2008 in Gold, 2009 in Silber. Interview: Bettina Führer Foto: René Prohaska Materialien und Bestellmöglichkeiten der Anthologie Das Buchpaket zum Welttag des Buches 2010 enthält 50 Anthologien und 50 Lesezeichen. Sie haben verschiedene Möglichkeiten, das Buchpaket zu bestellen:
Bestellschluss ist der 26. Februar 2010. Der Preis pro Paket beträgt für Mitglieder 50 Euro / für Nichtmitglieder 85 Euro zzgl. 10 % MwSt. Buchhandlungen haben heuer erstmals die Gelegenheit, die Anthologie an die KundInnen zu verkaufen. Der Preis beträgt 1,- Euro; der Reinerlös wird den „Roten Nasen“ gespendet. Buchpräsentation im Schauspielhaus am 23. April Erlesene Reisen - Eine Lesereise mit Helmut A. Gansterer und Heinz Marecek zum Welttag des Buches Einer der Höhepunkte des Welttags des Buches 2010 wird die Präsentation der Anthologie sein. Am 23. April lesen Helmut A. Gansterer und Heinz Marecek um 20.00 Uhr im Wiener Schauspielhaus Texte aus Erlesene Reisen. Vor der Veranstaltung, um 19.30 Uhr, werden die „Mitreisenden“ mit Sekt und Rosen begrüßt. |


