Geiger, Arno
Der Moderne verpflichtet

Der erste Deutsche Buchpreis ging an Arno Geiger
für Es geht uns gut (Hanser). Geiger erzählt darin vor dem Hintergrund der
Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg von drei Generationen einer
österreichischen Familie. Auf der Frankfurter Buchmesse traf der Anzeiger einen
gut gelaunten und schwer beschäftigten Preisträger.
Interview: Pamela Krumphuber, Foto: Marco Flammang
Wie geht’s Ihnen jetzt zwei Tage nach der
Preisverleihung?
Vor lauter Terminen hatte ich noch gar keine
Zeit zu überlegen, was hier passiert. Naja, es kommt ziemlich viel mit
ziemlicher Wucht auf mich zu. Aber ich geniesse es.
„Deutscher Buchpreis geht nach Österreich.“ Wie
sehr wird Ihre Auszeichnung für Österreich vereinnahmt?
Ich hatte den Eindruck, dass im Vorfeld der
österreichische Aspekt des Romans besonders in Österreich sehr stark
wahrgenommen und meiner Meinung nach auch überbewertet worden ist. Mir ging es
mehr um die Figuren, denen ich allerdings Standfestigkeit im Gesellschaftlichen
und Historischen geben wollte. Die Besprechungen in Deutschland konzentrierten
sich auch eher auf diesen Aspekt. Da wurde die „Einfühlungsgabe“ gelobt, mit
der sich ein verhältnismäßig junger Autor sowohl in eine alte Frau, als auch
auch in ein junges Mädchen hineinversetzt.
Ein Rezensent hat angedeutet, Sie hätten das
Erscheinen zum so genannten Gedankenjahr 2005 eventuell bewusst gewählt.
Ich hatte wirklich andere Sorgen, und es wäre
mir auch recht gewesen, wenn das Buch schneller fertig geworden wäre. Noch im
Sommer dachte ich, es ist bestimmt ein Nachteil, dass das Buch jetzt erscheint,
nach all den Gedenkfeiern im Frühling. Was soll's, das Jahr 2005 geht vorbei,
das Buch wird auch im nächsten Jahr noch erhältlich sein, und dann muss es sich
selbst tragen.
Sie sind jedenfalls der neue Star in den Medien.
Die Welt wollte Ihnen für Ihre Dankesrede zum Buchpreis gleich den nächsten
Preis verleihen.
Ich habe in den vergangenen Tagen keine
Zeitungen gelesen, ich komme aus dem Trubel nicht mehr heraus. Aber die viele
Aufmerksamkeit freut mich selbstverständlich. Man muss das in das richtige
Verhältnis setzen: Nach vier Jahren Arbeit ist es eine unglaubliche
Erleichterung, dass die Leidenschaft, mit der ich an dem Buch gearbeitet habe,
sich weitertragen läßt. Da kann man schon mal eine Woche Interviews geben.
Wie wird sich Ihre Arbeit durch den Preis
langfristig verändern?
Die Rahmenbedingungen werden in nächster Zeit
andere sein. Durch den Preis fällt zum Beispiel der ökonomische Druck weg, ich
bin freier für das nächste Projekt, an das ich möglichst konsequent und
möglichst mutig herangehen möchte. Wissen Sie, ich liebe diese Arbeit sehr, sie
ist genau das, was ich machen will. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die am
Schreibtisch leiden.
Wie wird das nächste Projekt aussehen?
Ich habe ein paar Ideen, warte aber noch auf den
entscheidenden Geistesblitz, der die Ideen zum Zünden bringt und mir zeigt: Das
ist ein Thema bei dem es sich lohnt, Lebenszeit dafür zu verwenden. Ich meine, nur damit ein weiteres Buch in der Welt
ist, dafür schreibe ich nicht. Es muss sich lohnen und spannend genug sein,
dass mein Interesse drei Jahre anhält.
Geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihre
Werkstatt. Wie viel war recherchiert von Es geht uns gut, wie viel erfunden,
wie wurde das Material verarbeitet?
Es
geht uns gut ist das, was man herkömmlicherweise einen
fiktiven Roman nennt. Die Fiktion bietet mir ungeheure Möglichkeiten, die weit
über das autobiografische Schreiben hinaus gehen. In der Fiktion kann ich viel
präziser sein und sehr genau heraus arbeiten, was ich erreichen will, unter
anderem, weil ich nicht an Vorgegebenes gebunden bin. Die Fiktion schafft
außerdem Distanz, diese erlaubt auch dem Leser einen unbefangeneren Zugang. Die
Vorteile der Fiktion darf man nicht unterschätzen. Aber natürlich habe ich auch
eigene Erfahrungen verarbeitet. Man sollte bestenfalls von Dingen erzählen, von
denen man etwas versteht.
Aber eine Recherche hat es schon gegeben, oder?
Ja, klar, ich wollte den Figuren ein Fundament
geben, Standfestigkeit in präzisen Lebensverhältnissen. Der Roman verläßt das
Private recht selten, und es war nicht ganz leicht, die Kleinigkeiten zu
recherchieren, die den Alltag ausmachen. Ich habe Tageszeitungen aus der
Romangegenwart durchgesehen, Wochenmagazine und Bücher aus der Zeit. Wo ich
konnte, habe ich auch Briefe und Tagebücher zurückgegriffen.
Sie arbeiten auch mit Vokabular und Tonfall der
jeweiligen Zeit. Ein Wort ist mir besonders in Erinnerung geblieben, nämlich
„Hutblume“, eine etwas abwertende Bezeichnung für eine junge naive Frau, ein
Wort, das ich von meiner Grossmutter kannte. Wo kann man so etwas
recherchieren?
Hutblume? Eine eigentlich ganz lustige
Geschichte. Das war auf einer Premierenfeier der Bregenzer Festspiele. Alle
Tische waren belegt, aber einige Plätze bei den Prominenten noch frei. Zwei
junge Frauen fragten, ob sie sich dazu setzen dürfen und wurden unter einem
Vorwand weggewiesen. Eine der prominenten Damen am Tisch sagte empört: „Was
denken sich diese Hutblumen!?“ (lacht) – Ich bin einfach ein aufmerksamer
Mensch und vom Wesen her eher ein Beobachter als ein Handelnder.
Man erfährt von vielen Figuren, wie sie durch
den Krieg oder durch Konflikte zu denen geworden sind, die sie sind. Nur der
Protagonist Philipp bleibt relativ vage.
Philipp ist eine Figur, die ihre Biografie
radikal verkürzt und die in einem nicht ganz untypischen Individualismus
versucht, eine scheinbare Unabhängigkeit zu bewahren. Ich unterwandere diese
Haltung und zeige hinter Philipps Rücken dessen Vorgeschichte. Er ist, im
Unterschied zu den anderen Figuren im Roman, noch unterwegs. Außerdem zeige ich
ihn nur über eine Zeit von zwei Monaten, die anderen Figuren länger – da
entsteht automatisch ein komplexeres Bild.
Zum Schluss bricht er dann aber doch noch auf.
Wenn Lebenskunst die Kunst sich zu verändern
ist, dann besitzt er dieses Talent vielleicht. Zu wünschen wäre es ihm.
Sie haben dieses undefinierte Herumsuchen immer
wieder in den Zusammenhang einer postmodernen Befindlichkeit gerückt. Trotzdem
ist Es geht uns gut wohl kein postmoderner Roman.
Nein, der Roman steht in der Tadition der
Moderne, nicht der Postmoderne. Inhaltlich kann ich ohnehin wenig mit dem
Begriff „Postmoderne“ anfangen. Habe ich das Wort wirklich verwendet? Ich
glaube nicht. Formal habe ich moderne Verfahrensweisen weiterentwickelt. Es ist
kein sehr verspielter, oft codierter Text geworden. Diesmal bin ich stark dem
Realismus verpflichtet.
Arno Geiger
Es geht uns gut
Hanser
ISBN 3-446-20650-7/HA
EUR 22,10