Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Rau, Fritz

Blood, Sweat and Tears







Fritz Rau ist eine Legende – nicht auf, sondern hinter der Bühne. 50 Jahre lang hat der Konzertveranstalter die Größen des internationalen Showgeschäfts durch Europa begleitet. Für Udo Lindenberg, Peter Maffay und viele andere ist er ein Freund, für Mick Jagger schlicht „the Godfather“. Seine Autobiographie „50 Jahre Backstage. Erinnerungen eines Konzertveranstalters“ (Palmyra Verlag) ist daher auch ein halbes Jahrhundert Pop-, Jazz- und Rockgeschichte.


Interview: Ernst Grabovszki


Sie haben am 2. Dezember 1955 in der Stadthalle Heidelberg ihr erstes Konzert veranstaltet. Damals waren sie 25. Was für ein Konzert war das?

Das erste Konzert ist immer das wichtigste. Mein damaliges Idol, der Posaunist Albert Mangelsdorff, sein Bruder Emil und die Frankfurt All Stars traten in Heidelberg auf. Ich war Jura-Student. Wir hatten den Studentenclub Cave 1954 gegründet, und 1955 war es so weit: mein erstes Konzert als verantwortlicher Veranstalter.



Ging alles glatt?

Ich war mehr als nervös, gab mir aber viel Mühe. Das Konzert war sogar ausverkauft. Die Musiker waren geduldig und haben mich ertragen. Ich machte auch die Ansage, aber das Mikrofon war für das Alt-Saxofon von Emil Mangelsdorff niedrig gestellt, ich brachte es nicht hoch und musste gebückt sprechen. Es war furchtbar. Am nächsten Tag waren tolle Kritiken in der Zeitung, aber auch die Bemerkung: Diesen komischen Ansager möchte man doch nie wieder in Heidelberg sehen.



Ihrer Mutter haben Sie das Versprechen gegeben, zu studieren. Sie sind aber Konzertveranstalter geworden ...

Zunächst war ich Tourneeleiter für Horst Lippmann und Norman Granz, daneben aber auch Student, Gerichtsreferendar und Assessor. Ich hatte meine Zulassung als Anwalt, als mir Horst Lippmann die Partnerschaft anbot und wir dann Lippmann+Rau gründeten. Die Welt hatte eine Rechtsanwalt weniger und einen Konzertkartenverkäufer mehr.



Warum haben Sie diesen Beruf ergriffen?

Es gibt ein Schlüsselerlebnis, das auf das Jahr 1945 zurückgeht. Ich war 15 Jahre alt und ein begeisterter Hitlerjunge, der im gleichen Schritt und Tritt mitmarschiert ist. Ganz im Gegensatz zu Lippmann, Mangelsdorff, Carlo Bohländer: die haben während des Kriegs den Hot Club Frankfurt gegründet und den Jazz als Opposition gegen den Nationalsozialismus gelebt und gefunden. Sie wurden als Anhänger einer „entarteten“ Musik verfolgt. Lippmann landete im Gestapo-Gefängnis und wurde Gottseidank befreit.

Das waren die zwei Pole in Deutschland. Ich hatte das Glück, in dieser Null-Situation durch den Zusammenbruch des Dritten Reichs durch die Jazz-Musik erlöst zu werden, etwas Neues zu erleben. Der Off-Beat hat mein ganzes körperliches System umgestellt. Der Jazz führte Rassenhass, Rassenwahn und Übermenschentum quasi ad absurdum. Das hat mich so geprägt, dass ich sagen kann: Ich wurde an Körper, Geist und Seele durch Jazz, Swing und Blues entnazifiziert, bis ich eben dazu kam, Veranstalter zu werden.



Welche Eigenschaften muss ein Konzertveranstalter haben, damit er diesen Beruf unbeschadet überlebt?

Norman Granz wurde mal gefragt, was denn der beste Konzerveranstalter sei. Er sagte: Eine Stunde früher aufstehen als die Konkurrenz, eine Stunde länger arbeiten, dann Tag und Nacht an die Konzerte und Künstler denken, seine persönlichen Freund- und Liebschaften zu vernachlässigen – leider Gottes inklusive Kinder, aber ich hatte eine wunderbare Frau, die das übernommen hat –, und er muss sich selbst vernachlässigen. Er kommt in das Grenzgebiet eines hilflosen Helfers. Ich weiß ganz genau, was Mick Jagger, Peter Maffay oder Udo Jürgens beim Konzert brauchen. Aber ich weiß nicht, ob ich weiß, was ich brauche. Das verliert man. Man muss sich total hingeben, einen Herzinfarkt einfangen, Bypässe in Kauf nehmen, einen Schlaganfall und schließlich Diabetes als Folge falscher Ernährung aushalten. Wenn man das alles mustergültig macht, und das hat bei mir gut geklappt, ist man ein erfolgreicher Veranstalter. Nicht Sex, Drugs and Rock’n’Roll, sondern Blood, Sweat and Tears – Herzblut, Angstschweiß und Freudentränen, wenn es geklappt hat.



Neben Horst Lippmann war auch Norman Granz für Ihre frühe Karriere wichtig. Was für ein Mensch war Granz?

Granz war ein Hollywood-Autor, doch während des Kriegs bei der kommunistischen Partei. Er wurde von McCarthy verfolgt, aus Hollywood verbannt und hat dann die Tournee „Jazz at the Philharmonic“ gemacht. Er wurde Impresario und Schallplattenproduzent von Weltbedeutung. Ich durfte als Kofferträger bei ihm anfangen. Zum Schluss waren Lippmann+Rau seine Repräsentanten in Europa, und wir haben dafür auch viele Konzerte nach Wien gebracht. Meine erste Veranstaltung, die ich im Wiener Konzerthaus bereits 1956 betreuen durfte, war das Modern Jazz Quartett. Da habe ich Joachim Lieben von der Musikalischen Jugend Österreichs kennen gelernt, und daraus hat sich eine jahrzehntelange Zusammenarbeit und Freundschaft entwickelt. Lieben und ich haben alles, was Rang und Namen hatte, nach Wien gebracht: Ella Fitzgerald, Duke Ellington, Benny Goodman ...



Ein Konzertveranstalter schaut mit einem Auge auf die Kunst, mit dem anderen ins Portemonnaie. Was ist Ihre Philosophie das Geld betreffend gewesen?

Ein erfolgreicher Konzertveranstalter muss ideal schizophren sein. Einerseits muss er auf die Kunst schauen. Meine Beziehung zu den Rolling Stones – die wir in Wien 1982 sogar open air präsentiert haben – beruhte auf einer Begegnung mit dem Blues 1962. Wir haben die Blues-Größen nach Europa und England gebracht. Bei unserem ersten Festival 1962 waren die Stones, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Stones waren, anwesend. In diesem Jahr gründeten sie nämlich ihre Band. Deswegen hat mir Mick Jagger zu meinem 70. Geburtstag gratuliert: „Congratulations to the ‘Godfather’” – Glückwünsche an den Paten. Es begann also mit einer musikalischen Verwandtschaft. Das genügt aber nicht. In seiner zweiten Persönlichkeit muss man ein knallharter und erfolgreicher Geschäftsmann sein, der fair bleiben kann und soll, sodass man eben zwanzig Jahre die Rolling Stones präsentieren darf, dazu Open-Air-Konzerte mit Bob Dylan und Eric Clapton und vieles mehr. Da muss man aufs Geld schauen. Wir werden ja nicht vom Staat finanziert wie die Salzburger oder Bayreuther Festspiele. Wir müssen alle Kosten aus den Eintrittsgeldern bestreiten, daher also dem Publikum dienen und Leistungen erbringen, dass das Publikum auch Lust hat hinzugehen. Und der Künstler ist ebenfalls Diener des Publikums.



In Ihrer Autobiographie kritisieren Sie die subventionierte Kunst ...

Wenn eine Kulturgeschichte über das 20. Jahrhundert geschrieben wird, werden erstaunlich viele Leute aus unserem Repertoire darin auftauchen, noch mehr als die Repräsentanten der klassischen Musik. Die will ich aber nicht gegeneinander ausspielen. Die wunderbare Geigerin Anne-Sophie Mutter wurde in einer TV-Sendung nach der größten Sängerin des 20. Jahrhunderts gefragt. Sie sagte: Ella Fitzgerald. Da ist doch die Welt wieder in Ordnung! Da habe ich den Fernseher geküsst und mir den Mund verbrannt.



Sie schreiben, dass das beeindruckendste Konzert Ihrer Laufbahn jenes von Bob Dylan auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg 1978 gewesen ist ...

Das kann man wohl sagen. Auch für Dylan war es ein Höhepunkt.



Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Ich habe ihn überlebt. Es war eine immense Arbeit, weil die Stadt zwar über 400.000 Mark an Mieten und Auflagen kassiert hatte, uns aber völlig im Stich ließ, selbst als eine Nazi-Gruppe ankündigte, die Veranstaltung zu stören. Niemand hat uns geholfen. Ich habe drei Nächte nicht geschlafen, mich mit entsprechenden Medikamenten wach gehalten. Das war nicht gesund. Bis dahin hatte ich nicht geraucht, danach war ich Kettenraucher. Am Schluss bekam ich also einen Weinkrampf vor Glück. Ich stand an der Seite der Bühne, nach dem Konzert kam Bob Dylan an mir vorbei, nahm mich in den Arm und führte mich zum Bus. Open Air ist der olympische Zehnkampf des Veranstalters. Da muss er alles geben. Bill Graham, bis zu seinem tragischen Hubschrauberunglück der bedeutendste Open-Air-Veranstalter in den USA, hat mich in die Backstage seiner kalifornischen Open Airs eingeladen. Ich konnte die beste Spionage betreiben. Das hat mir geholfen, von Anfang an vernünftige Open Airs machen zu können.



Die Liste der Künstler, die Sie betreut haben, ist vier Seiten lang.

Ich war selbst erstaunt. Ich habe immer mehr Tourneen gemacht als ich locker verkraften konnte.


Von den deutschen Künstlern, die Sie betreut haben, muss man wohl Maffay und Lindenberg nennen ...

Dazu zählen übrigens auch Österreicher: Mit Udo Jürgens arbeite ich seit 35 Jahren zusammen. Ich halte Peter Alexander für einen der besten Entertainer, die je auf deutschen Bühnen gestanden haben und bin glücklich, einige Tourneen mit ihm gemacht zu haben. Reinhard Fendrich ist der kommende Entertainer, er wird sich auch im nördlichen Deutschland durchsetzen. Mein Freund Wolfgang Ambros hat eine wunderbare Platte mit Tom-Waits-Liedern herausgebracht. Mit Austria3 haben wir die Olympiahalle in München mehrfach vollgekriegt.



Fünfzig Jahre Musikgeschäft: Wie haben Sie diese fünfzig Jahre erlebt? Was hat sich verändert?

Ganz einfach: die Quantität. Früher war das Konzerthaus in Wien das Non plus ultra. Da war ich mit Jimi Hendrix drin, mit Frank Zappa, mit Ella Fitzgerald, Duke Ellington. Jetzt ist die Wiener Stadthalle alltäglich, und wir gehen sogar open air. In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Lust der Menschen, Livemusik und Qualität zu erleben, gesteigert. Das hat sich vertausendfacht, verzehntausendfacht, und ich bin froh, dass ich da ein wenig mithelfen konnte. Vor 50 Jahren war unser Geschäft ein Handwerk, heute ist es eine Industrie. Wir müssen verdammt aufpassen, dass die Qualität erhalten bleibt. Mit „Deutschland sucht den Superstar“ kommt man nicht weiter.



Wenn Sie nochmal 25 wären, würden Sie den Beruf noch ausüben wollen?

Aber ja! Aber ja! Ich bitte Sie! Anastacia, Die fantastische Vier, Robbie Williams … Take That habe ich betreut, Williams ist der kommende Entertainer! Der Mann ist grandios! Es blüht und gedeiht. Ich leite in den neuen Bundesländern einen Nachwuchswettbewerb, da haben sich jetzt wieder 600 Bands gemeldet, die Sieger werden gefördert. Das Talente Aufspüren macht Spaß! Es bildet ein Talent sich in der Stille, doch ein Entertainer erst im Sturm der Zeit. Und dann wird es Jahre dauern, bis der sich durchgesetzt hat, wenn kein Wunder geschieht. Wir haben heute in Deutschland eine große Qualität an Bands: Wir sind Helden, Juli, Silbermond ... Ich würde genauso weitermachen, noch einmal einsteigen, bloß mein Privatleben würde ich sorgfältiger beachten.



In Ihrem Buch habe ich aber gelesen, Sie hätten sich ins Privatleben zurückgezogen. Das klingt aber gar nicht danach ...

Ja, ich bin jetzt privat.



Sie sitzen aber noch immer am Schreibtisch?

Nein, ich sitze im Sessel. Ich habe keine Verantwortung mehr, bin Ehrenmitglied da und dort, halte Vorträge, habe Lehraufträge für Kulturmanagement. Im Moment mache ich viele Lesungen aus meiner Autobiographie und gebe sogar Autogramme. Ich bin das gar nicht gewohnt. Ich gehöre doch in den Schatten hinter der Bühne. Aber es tut auch gut, mit 75 Beifall zu bekommen.



Fritz Rau

50 Jahre Backstage. Erinnerungen eines Konzertveranstalters.

Palmyra Verlag www.palmyra-verlag.de

ISBN 3-930378-65-5

EUR 20,50




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