Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Orter, Friedrich

Zonen des Todes



Der ORF-Journalist Friedrich Orter hat im Lauf seiner 30-jährigen Karriere Menschen und Orte gesehen, die in keinem Reiseführer angepriesen werden. Seine Erlebnisse als Berichterstatter aus den Krisenregionen der Welt hat er nun in einem Buch zusammengefasst, das nicht anders als "Verrückte Welt" (ecowin) heißen kann.

Interview: Ernst Grabovszki

Anzeiger 12/2005


Sie waren vor kurzem wieder im Irak. Mit welchen Eindrücken sind Sie zurückgekommen?
Das ist immer ein Zwiespalt: Man hat eine verrückte Welt verlassen und kehrt in eine verrückte Welt zurück. Die Probleme hier kommen einem dann lachhaft vor gemessen am Konfliktpotential dort. Andererseits ist es ein Privileg, zurückkehren zu dürfen. Das sagen mir unsere Producer in diesen Regionen immer wieder: Du fährst weg, aber wir müssen hier bleiben. Einerseits sind wir auf diese Informanten angewiesen, andererseits wissen wir auch, in welch schwierige Situation wir sie bringen. Viele weigern sich, mit Journalisten zusammenzuarbeiten, deren Truppen im Irak stehen.

Wie viel Zeit verbringen Sie im Ausland?
Früher waren es sechs, sieben Monate, in diesem Jahr weniger. Auch der ORF muss sparen.

Nun haben Sie ein Buch verfasst, das nicht unbedingt die positiven Seiten unserer Welt zeigt. Was war der Anlass, es zu schreiben?
Der Anlass war zunächst banal: Ein junger Salzburger Verleger, Hannes Steiner, trat an mich heran, weil er sich für die Themen, die ich bearbeite, interessierte. Ich dachte mir: Bevor ich alles vergesse, krame ich meine Notizen und Aufzeichnungen hervor und lasse gewisse Dinge noch einmal Revue passieren.

Sie schreiben am Ende des Buches über die widersprüchlichen Eindrücke, die der Krieg in Ihnen hervorruft. Unter anderem heißt es da, dass Krieg auch schön sein kann. Welche Art von Schönheit ist das?
Ich versuche die Verrücktheit, die im Titel des Buches steckt, zu erklären: Solche Widersprüche erlebt man an einem einzigen Tag. "Schön" heißt, dass der Krieg vielen die Möglichkeit bietet, so viel zu verdienen wie kaum je zuvor. Es gibt die Profiteure, die sich darüber freuen, dass es anderen dreckig geht - abgesehen von den nachvollziehbaren menschlichen Verhaltensweisen. Ich war meist in Gebieten unterwegs, in denen einzelne meiner Mitarbeiter an einem Tag so viel verdient haben wie sonst nur in einem Monat. Diese Leute empfinden das durchaus als schön, dass es so gekommen ist. Solche Widersprüche erlebt man also innerhalb von 24 Stunden: Man fürchtet sich, die Adrenalinstöße werden größer, und wenn einem etwas gelungen ist, ist man glücklich darüber.

Wie verläuft Ihr Arbeitstag, wenn Sie auf Reisen sind?
Bleiben wir beim Beispiel Irak. Ich war die ersten drei Oktober-Wochen dort. Wir beginnen um acht Uhr morgens mit den Dreharbeiten, die meist bis in den späten Nachmittag dauern. Ich treffe den Kameramann, lokale Informanten, man arrangiert sich mit den Leibwächtern, die man mittlerweile braucht und versucht die geplanten Interviewpartner auf mühsame Weise zu erreichen und zu finden. Schießereien sind alltäglich, Selbstmordattentäter sorgen dafür, dass nicht nur Leute sterben, sondern ganze Straßenzüge abgesperrt werden. Schließlich erreicht man den Interviewpartner oder lässt ihn ins Hotel kommen, weil manche gar nicht wollen, dass man zu ihnen kommt. Dann ist es fünf, sechs Uhr, die Zeit also, alle Beiträge für die ZIB 1 fertig zu haben, die dann über den Satelliten der European Broadcasting Union überspielt werden. Wenn ich im Ausland bin, ist oft auch ein Gespräch für die ZIB 2 geplant. Wenn die beginnt, ist es durch die Zeitverschiebung in Bagdad schon Mitternacht, also komme ich um ein Uhr ins Bett. Zwölf- bis Vierzehn-Stunden-Tage sind keine Seltenheit.

In Ihrem Buch finden sich viele Bilder, die die Grausamkeiten des Krieges zeigen. Warum haben Sie auch Bilder verwendet?
Das sind Zeitdokumente eines Augenzeugen, kein Kriegs-Voyeurismus. Sie sollen gegen das Verdrängen und Vergessen ankämpfen. Man spricht ja heute nicht mehr vom Balkankrieg und ist froh, dass man ihn irgendwie unter den Teppich gekehrt hat. Zumindest der Kesseldeckel ist drauf und scheint im Moment nicht hochzugehen. Bosnien ist ein Protektorat der EU, das einiges an Geld gekostet hat. Vielleicht können diese Bilder in Erinnerung rufen, was Menschen imstande sind, Menschen anzutun. Viele, die selbst alles gesehen haben, konnten sich gar nicht mehr vorstellen, dass es so grausam gewesen ist. Aber so war es eben.

Sie sind seit mehr als 30 Jahren Journalist. Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?
Als jüngerer Mensch habe ich, wie viele andere auch, Hugo Portischs Bücher - So sah ich Sibirien, So sah ich China usw. - gelesen, die Reportagen von Kisch, Hemingway. Ich wollte eigentlich Mittelschullehrer werden, war auch schon Probelehrer, bekam dann aber die Möglichkeit, im ORF zu arbeiten.

Ihre frühen "Lehrer" waren Barbara Coudenhove-Kalergi und Paul Lendvai. Was haben Sie von ihnen gelernt?
Von Coudenhove-Kalergi habe ich gelernt, dass man den menschlichen Aspekt nicht vergessen soll. Sie war Anfang der 80er Jahre in Polen stark engagiert, und ich habe sie begleitet. Wie sie das gemacht hat, hat mich sehr berührt: Sie hat nicht nur Politiker interviewt, sondern auch die Menschen. Und von Lendvai habe ich gelernt, dass man bei aller Betroffenheit die politische Analyse nicht vergessen darf. Emotion ist zwar gut, aber Emotion allein ist zu wenig. Mich interessiert, wer die Menschen hinter den betroffenen Gesichtern sind. Natürlich: Wo immer man eine Kamera aufstellt, beginnen Menschen sich zu produzieren und wenn es sein muss auch zu weinen. Aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Man muss schon hinter die Fassaden blicken, um der Wahrheit näher zu kommen.

Inwiefern hat Sie Ihre Arbeit verändert?
Die Werte haben sich verschoben, materielle Dinge haben ihre Bedeutung verloren. Um ein banales Beispiel zu nennen: In meiner Jugend war ich ein Thomas-Bernhard-Fan. Dieser zynische Todes-Mythos, der durch seine Bücher schwebt, hat mich angezogen. Wenn man aber selbst in die wirklichen Todes-Zonen dieser Welt kommt, sieht alles plötzlich anders aus. Wenn man die ersten Kugeln hat pfeifen hören und froh ist, dass sie einen nicht getroffen haben, wenn man mit dem tatsächlichen Leid konfrontiert ist, wird einem bewusst, wie gut es einem tatsächlich geht. Dann kommt man zurück und hört hier dieses Gejammere. Als ich vor einiger Zeit von einer Reise wieder zurückkam, war das größte Problem, das man in Wien hatte, der Hundekot auf den Straßen.

Am Krieg in Afghanistan hat man die teilweise unobjektive Berichterstattung vor allem von amerikanischen Medien kritisiert. Wird sich eine interessengesteuerte Berichterstattung Ihrer Meinung nach verstärken?
Die Frage ist: Wohin geht der Journalismus überhaupt? Die Blogger beispielsweise sind mittlerweile ein eigener journalistischer Zweig geworden. Anders gesagt: Heute kann jeder Journalist sein. Dennoch bedarf es einiger, die das gelernt haben, um aus dem unüberschaubaren Informationsangebot selektieren zu können. Manche benutzen Blogs oder Chat-Foren sogar als Primärquellen und sind oft genug Partei. Um also Authentizität zu garantieren, muss es Menschen geben, die die Dinge nicht nur aus sich heraus betrachten, sondern von außen.
Nicht ändern wird sich allerdings, dass man als Journalist kein abstraktes Wesen ist, das in der Welt herumfährt. Wenn ich als Vertreter eines kleinen, mitteleuropäischen, öffentlich-rechtlichen Senders in ein Kriegs- oder Krisengebiet fahre, werde ich, ob ich will oder nicht, gewissermaßen zur Stimme des Landes, aus dem man kommt - und versucht die Dinge auch aus der Sicht dieses Landes zu sehen und darzustellen. Man darf oder muss also anders berichten als die embedded journalists, die von Murdoch in die Krisengebiete geschickt und deren Berichte teilweise weggeschmissen wurden, weil sie nicht in die Unternehmensphilosophie passten.

1991 haben Sie aus Jugoslawien über den Bürgerkrieg berichtet. Auf einer Pressekonferenz wurden Sie von Generalmajor Milan Aksentijevic attackiert und bedroht. Was war passiert?
Am 2. September 1991 hat die jugoslawische Bundesarmee 30 westliche Journalisten in eine Kaserne in Petrinja eingeladen, 70 km südlich von Zagreb. Das war eine dieser üblichen Pressekonferenzen der Armee: Sie wollten darstellen, dass sie neutral seien, sich also weder auf die serbische noch auf die kroatische Seite geschlagen hätten. Wir haben die Pressekonferenz verlassen, um das Leben der Menschen in Petrinja zu filmen. Die Lage: Vor der Stadt standen serbische Truppen, in der Stadt waren kroatische Milizen versteckt und haben gewusst, dass ein Angriff kommt. Wir sind dann zu einem Gebäude der Firma Navia Trans, einem Busunternehmen, gefahren. Das Haus war schon zerschossen, ich wollte wissen, wer das gemacht hatte. Kaum die Kroaten, war meine richtige Vermutung. Während ich also einige Leute interviewte, begannen plötzlich wilde Schießereien. Auf das Gebäude wurden Granaten geworfen, in der Stadt wurde geschossen, wir wurden beschossen.
Langer Rede kurzer Sinn: Aksentijevic behauptete, ich hätte das inszeniert, um gute Bilder für die "Zeit im Bild" zu bekommen und um Vranitzky und Mock derart zu beeinflussen, dass sie sich auf die Seite der Kroaten schlagen. Jedenfalls haben wir die Äußerungen Aksentijevics als Drohung empfunden: Ich war mehr oder weniger vogelfrei und musste abgezogen werden. Drei Monate später bin ich dennoch wieder hingefahren. Diesen General habe ich später in Bosnien getroffen. Er war als Serbe in Slowenien stationiert und mit einer Slowenin verheiratet. Für die Slowenen galt er nun als Kriegsverbrecher, weil er den Pseudo-Krieg gegen Slowenien organisiert hat. Er durfte nicht mehr einreisen. Jetzt lebt er friedlich als Rentner und hat auch versucht, sich im unabhängigen Radio als Redakteur zu betätigen.

Das war nicht die einzige Situation, die Sie in große Gefahr gebracht hat ...
Viel gefährlicher waren die Morddrohungen hier. Ich spreche von den so genannten jugoslawischen Kulturvereinen noch unter Tito, die miteinander vernetzt und ideologisch unterwandert waren. Zuerst waren sie überzeugte Kommunisten, dann Nationalisten, von denen ich regelmäßig Morddrohungen bekam. Mir wurde empfohlen, die Stapo als Schutz anzufordern.

Was treibt einen dann noch an, seine Arbeit fortzusetzen?
Meine Devise ist: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Und genau das wollen sie ja erreichen: Dass man sich einschüchtern lässt, den Mund hält. Die Drahtzieher dieser Drohungen sitzen heute übrigens gemütlich in zwei Gefängniszellen in Den Haag zusammen. Dennoch: Ich werde bis zum letzten Atemzug Journalist bleiben - ich hatte die Gelegenheit, Könige und Bettler zu interviewen.

Wie leben Sie heute?
Ich werde nicht bedroht - abgesehen von der täglichen Kritik, mit der Journalisten eben zu leben haben. Das reicht von Lobeshymnen bis zu Verdammungen. Ich habe gelegentlich Angst gehabt, aber gefürchtet habe ich mich nie.

Welchen Beruf werden Sie im nächsten Leben ausüben?
Ich vermute, denselben.

Friedrich Orter
Verrückte Welt
ecowin Verlag
ISBN 3-902404-15-9
EUR 23,60

Friedrich Orter studierte Geschichte, Slawistik, Germanistik und Philosophie in Wien. Seit 1975 arbeitet er als Redakteur und Reporter beim ORF. Für seine zahlreichen Reportagen und Dokumentationen bekam er den Dr.-Karl-Renner-Preis für Publizistik, den Preis des Österreichischen Roten Kreuzes, den Romy-Fernsehpreis, den OSZE-Preis für Journalismus und Demokratie und den Dr.-Felix-Ermacora-Preis für Menschenrechte.

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