Mayröcker, Friederike
Die Magie des Alltags
Friederike Mayröcker
Die Liste Ihrer
Werke zählt fast 100 Bücher aus den verschiedensten Verlagen, Ihr Hauptverlag
ist Suhrkamp. Was bedeutet Ihnen Suhrkamp, welche Möglichkeiten gibt er Ihnen?
Es hat angefangen
mit Rowohlt nach dem Krieg, von Rowohlt bin ich zu Luchterhand gegangen, dort
hat es mir aber nicht gefallen. Es war die Zeit, als vor allem politische
Bücher verlegt wurden, und ich war der Überzeugung, dass ich da nicht
reinpasse. Mit einem neuen Manuskript bin ich 1975 zu Suhrkamp gegangen. Es
wurde gleich angenommen. Seit damals bin ich also bei Suhrkamp.
Hat sich nach dem
Tod von Siegfried Unseld etwas geändert, ist die vielbeschworene
„Suhrkamp-Kultur“ verloren gegangen?
Nein. Ich würde
sagen, es ist noch besser geworden. Der Verlag ist durch die Verlegerin Ulla
Berkéwicz noch wichtiger geworden. Sie bemüht sich unerhört, neue Autoren zu
werben. Die Stammautoren werden gebeten darüber nachzudenken, welche jungen
Autoren man in den Verlag bringen könnte.
Sie haben auch
viel in kleinen Verlagen publiziert. Welche Bedeutung messen Sie den
Kleinverlagen für die Pflege von Literatur bei, die nicht dem Mainstream
zuordenbar ist?
Ich finde diese
Kleinverlage wichtig, weil sie ein Sprungbrett für Autoren sein können.
Wie hat sich denn
Ihr Publikum über die Jahrzehnte verändert?
Das ist schwierig
zu sagen. Was aber auffällt, ist, dass immer noch mehr junge Leute in die
Lesungen kommen. Das war am Anfang nicht so. Es kommt auch auf die Texte an.
Worauf es aber tatsächlich zurückzuführen ist, weiß ich nicht. Der Großteil des
Publikums besteht übrigens aus Frauen. Das ist ganz eigenartig, ich kann es mir
nicht erklären.
Bei Ihren Texten
ist mir aufgefallen, dass viele von Menschen, Bildern/Malerei, Orten und Musik
„gespeist“ werden. Viele Gedichte etwa sind Menschen gewidmet. Welche Rolle
spielen diese Personen für die Entstehung eines Textes?
Manchmal widme
ich jemandem ein Gedicht, von dem ich eine Anregung bekommen habe oder wenn ich
aus einem Brief etwas exzerpiert habe.
Es gibt aber
zumindest eine Ausnahme, nämlich das Gedicht hineinversäumte
hineinversäumende Nacht, das dezidiert „für NIEMAND“ ist.
Das war ein Spaß.
In Das
Herzzerreißende der Dinge schreiben Sie über die Notwendigkeit, die Musik
von Keith Jarrett zu hören, für Brütt war eine Bach-Kantate anregend.
Welche Bedeutung hat die Musik für Ihr Schreiben?
Ich schreibe
eigentlich nur mit Musik, im Hintergrund läuft immer Musik. Das regt mich an,
bringt mich auf Touren. Im Moment höre ich Bach und Arien von Maria Callas,
auch alte Musik. Keith Jarrett mag ich bis heute.
Genauso die
Malerei: In Magische Blätter V ist von Giotto, van Gogh, Maria Lassnig
die Rede? Welche Bedeutung haben die Bilder?
Malerei ist ganz
wichtig für mich, noch wichtiger als Musik.
Als eine Art Ausgangspunkt für Texte?
Ja. Oder auch
Texte zu Bildern, zeitgenössischen Werken als auch alten Meistern.
Zwei Orte sind
geradezu konstituierend: Deinzendorf, wo Sie bis zu Ihrem 11. Lebensjahr gelebt
haben, und Wien, Zentagasse, das Zettelreich. Was ist Deinzendorf für ein Ort?
Das ist eine
lange Geschichte. In den 1920er Jahren haben meine Eltern von meinen Großeltern
väterlicherseits ein Landhaus geerbt. Dort habe ich meine Kindersommer
verbracht. Das Haus musste dann versteigert werden, wir haben es also verloren.
Es war eine wunderbare Landschaft, auch jetzt noch. Manchmal fahre ich im
Frühjahr hinaus und sehe mir alles an. Es ist jetzt alles anders, das Haus ist
durch die vielen Verkäufe immer hässlicher geworden, der Garten ist weg. Das
war mein Sommerparadies, das waren meine ersten Kontakte zur Natur.
Spielt der Ort heute für Sie noch eine Rolle?
Ja, immer noch.
Ich kann mir dieses Paradies vorstellen, es bedeute mir immer noch etwas.
Haben Deinzendorf und die Zentagasse irgendetwas miteinander zu tun?
Eigentlich gar
nicht. Es war eine große Erfahrung, die ich als Kind gemacht habe. Ich habe
damals schon dieses etwas traurige Gefühl gehabt, mit sechs oder sieben. Ich
saß mit einer Mundharmonika beim Brunnen vis-à-vis vom Haustor und habe zu
spielen versucht, in einer traurigen Stimmung wie ich sie heute noch immer
brauche, um schreiben zu können. Nur habe ich damals noch nicht gewusst, was es
ist. Es war eine elegische Stimmung.
Sie haben viele
Jahre als Englischlehrerin gearbeitet. Warum sind Sie das geworden?
Nach dem Krieg
musste unterrichten, um von irgendetwas zu leben. Mein Vater war Lehrer, der
nicht viel verdient hat, sodass es notwendig wurde, dass ich einspringe. Nach
24 Jahren hatte ich dermaßen genug, dass ich aufhören musste. Das war eine
derartige Erlösung, ich dachte: Nur noch schreiben, und das habe ich auch
durchgehalten. Zuerst habe ich gar nichts verdient. Da hat man sich mit
Hörspielen durchgebracht, die wurden gut bezahlt. Um diese Zeit hat sich auch
Ernst Jandl beurlauben lassen und in Frühpension gegangen.
Es gab also den
Beruf und auf ein Bedürfnis zu schreiben, zwei Pole, die sich nicht miteinander
vertragen. Haben diese beiden Sphären einander negativ beeinflusst?
Nicht unbedingt.
Man hat als Lehrer Freistunden, und in dieser Zeit habe ich geschrieben. Die
Kinder waren sehr nett, sie haben gewusst, dass ich schreibe. Aber ich wollte
und konnte nicht mehr unterrichten. Als Jandl und ich den Hörspielpreis der
Kriegsblinden bekamen, versuchten wir den Sprung in die Freiheit.
Sie haben oft
gesagt, dass Wien bzw. Ihre Wohnung der einzige Ort sei, an dem Sie arbeiten
können. Wie ist diese Fixierung zu erklären?
Ich bin ja nicht
mehr in der Wohnung, die schon so oft fotografiert wurde, sondern einen Stock
höher. Oben sieht es mittlerweile genauso aus wie unten, leider auffällig
chaotisch und zu wenig Platz. Ich würde noch ein, zwei Zimmer benötigen. Es ist
eine Art Höhle, wo man völlig ungestört arbeiten kann. Leider ist die obere
Wohnung nicht so groß wie die untere.
Ist dieses Chaos eine Voraussetzung für Ihr Schreiben?
Ich müsste einmal
Ordnung machen und schiebe es ständig hinaus, weil ich versuche, jeden Tag zu
arbeiten. Es würde mich stören, wenn ich wüsste, dass ich vier Wochen Ordnung
machen müsste.
Hätte Ordnung überhaupt einen Sinn?
Ich finde vieles
schon nicht mehr.
An welchem Punkt
entscheidet es sich, ob ein Text ein Gedicht oder Prosa wird?
Ich spüre es,
körperlich. Wenn es ein Gedicht werden soll, ist es von vornherein schon anders
angelegt, eher auf Kürze. Bei einem Prosatext sitze ich anders an der Maschine.
Es ist harte Arbeit, das Gedichtemachen ist, wie wenn der Maler aquarelliert.
Gedichte entstehen oft innerhalb einer halben Stunde, die Prosabücher brauchen
ein, zwei Jahre.
Wie sehen Sie sich
als Leserin? In einem Interview haben Sie gesagt „Wo ich nichts exzerpieren
kann, lese ich auch nichts.“ Welche Art von Literatur exzerpieren Sie?
Ich exzerpiere
alles, was ich brauchen kann. Es ist eine Art Diebstahl. Ich gebe aber jeweils
meine Quelle an.
Sie haben einmal
Derrida, Barthes, Beckett, Simon, Duras als bevorzugte Autoren genannt. Was
schätzen Sie an diesen Schriftstellern?
Dass Sie zum Teil
so arbeiten wie ich und dass das Experimentelle im Vordergrund steht. Mein
großer Liebling ist Beckett, aber auch Roland Barthes, Marguerite Duras, Claude
Simon und Henri Michaux schätze ich sehr. Leider kann ich sie nicht im Original
lesen, aber ich denke, dass die Übersetzungen immer gut sind.
In Ihren jüngsten
Texten haben Sie sich mit Ernst Jandl auseinandergesetzt. Inwiefern wird er
denn für Ihre kommenden Texte eine Rolle spielen?
Mein jüngstes
Buch Und ich schüttelte einen Liebling ist nicht nur eine Erinnerung an
Ernst Jandl, sondern der Liebling ist die Sprache. Bücher, in denen Ernst Jandl
vorkommt, habe ich schon vorher viele geschrieben. Das einzige Buch, das
ausschließlich ihm gewidmet ist, war Requiem für Ernst Jandl. Ob er in
meinen Büchern weiterhin vorkommen wird, kann ich nicht sagen, wahrscheinlich
schon.
Sie haben mit ihm
vier Hörspiele geschrieben. Wie ist denn die Zusammenarbeit abgelaufen?
Es war sehr
schwierig, weil wir jeweils unsere Position verlassen und zu einem gemeinsamen
Punkt kommen mussten. Ernst Jandl hat immer die tollen Ideen gehabt, ich habe
sie aufgeschrieben, miteinander besprochen, dann habe ich sie getippt, wir
haben sie nochmal durchgearbeitet. Fünf Mann Menschen etwa war
hauptsächlich einen Arbeit von Ernst Jandl. Man merkt es ja auch im Text, es
war mehr seine Art zu schreiben. Ein weiteres gemeinsam verfasstes Hörspiel war
Gemeinsame Kindheit. Da hatte ich die Führung, und Ernst Jandl hat hie
und da etwas dazugegeben. Wir haben dann aufgehört hat, weil es so schwierig
war, je unsere Position zu verteidigen.
Wie sind Sie
überhaupt zur Gattung Hörspiel gekommen? Es scheint Ende der 1960er Jahre sehr
populär gewesen sein.
Ich hoffe mich
richtig zu erinnern, dass Günter Eich zu Jandl und mir gesagt hat: Ihr kommt
beide von der Lyrik, ich ebenso, das nächstliegende ist das Hörspiel. Dieser
Schritt war für Eich klein. Es hat uns angeregt, diesen Schritt auch zu tun.
Wir hatten keine Ahnung, dass wir einen derartigen Erfolg damit haben würden
und den Preis der Kriegsblinden erhalten würden.
Ihr Weg war und
ist von zahlreichen Auszeichnungen begleitet. Hat sich dadurch die
Aufmerksamkeit der Leser gesteigert?
Überhaupt nicht.
Sie waren auch
für den Deutschen Buchpreis nominiert, den dann Arno Geiger erhalten hat ...
Das hatte
überhaupt keine Auswirkungen. Arno Geiger verkauft jetzt mehr Bücher, das ist
schon richtig. Das ist auch gut für ihn.
Woran arbeiten Sie zurzeit?
Gedichte vor
allem. Es ist schön, denn man hat eine kleine Form, die man ausstaffiert mit
allem, was zum Gedicht gehört. In der jüngsten Zeit habe ich sogar ein
Szenario, das sich in jedem Gedicht wiederholt. Das hatte ich noch nie. Das
Szenarium ist ein gegenüberliegendes Fenster. Dort steht eine Gießkanne, eine
Pflanze und ein Blumenstock mit roten Blüten. Im Hintergrund ist ein Aquarium
oder ein Vogelkäfig. Das kommt also in jedem der Gedichte, die ich seit einigen
Wochen schreibe, vor. Im Moment kann ich nur mit diesem Szenario schreiben,
werde aber immer wieder in meine eigene Umgebung zurückgeworfen. Es ist
eigenartig, aber es reizt mich, es immer wieder zu machen. Vor einigen Tagen
habe ich gegenüber etwas Neues entdeckt. Das Licht war plötzlich sehr hell, und
ich habe einen weißen Gartenstuhl gesehen.
Der Alltag dringt also in die Gedichte ein?
Ja, der ist ganz
wichtig.
Ihr nächstes Buch wird ein Gedichtband sein?
Ja, im kommenden
Jahr wird bei Insel ein Band mit Liebesgedichten erscheinen, dann bei Suhrkamp Magische
Blätter VI.
Was unterscheidet
die Texte in den Magischen Blättern von anderen Ihrer Texte?
Es ist Kurzprosa
und Auftragsarbeiten, die ich sehr gerne mache, weil man in eine Richtung gestoßen
wird.
Woraus besteht die Magie der „Magischen Blätter“?
Sie besteht aus
Alltäglichkeiten, die aber eine Magie ausstrahlen. Wie bei dem italienischen
Maler Mimo Palladino, der alltägliche Szenen abbildet, die aber über die
Alltäglichkeit hinaus eine besondere magische Qualität besitzen, weil sie einen
so anziehen, dass man gar nicht davon loskommt.
Friederike
Mayröcker, geboren 1924 in Wien, war von 1946 bis 1969 im Schuldienst tätig.
Seit 1956 veröffentlicht sie Gedichte, Prosa, Bühnentexte, Hörspiele,
Kinderbücher. Für ihr Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem
Georg-Büchner-Preis (2001).