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Brauer, Arik

Farbenspiel



"Die Farben meines Lebens" (Amalthea) heißt Arik Brauers eben erschienene Autobiographie. Sie ist nicht nur ein Rückblick auf ein Künstlerleben, sondern Zeitgeschichte, die bis in die Gegenwart führt.

Interview: Ernst Grabovszki


Was war der Anlass, eine Autobiographie zu schreiben?
Ich habe mir Jahrzehnte lang vorgenommen, nie eine Autobiographie zu schreiben. Aber meine Frau, die sonst nicht dazu neigt, mich zu überschätzen, hat gefunden, das ich das machen muss. Ich dachte mir, dass ich in einer Altersklasse bin, in der Leute, die noch einigermaßen in Takt sind, selten werden. Ich kann mich noch an das Jahr 1934 in Wien erinnern! Da gibt es nicht mehr viele Zeitzeugen. Also habe ich meine Autobiographie geschrieben. Für mich war es ein Erlebnis, weil sich beim Schreiben die Gedanken neu ordnen, sich fokussieren, und man merkt, wie ungenau man eigentlich denkt. Es gibt wenige Sätze in der Ich-Form, das Buch ist in der dritten Person geschrieben.

Von einer Autobiographie würde man erwarten, dass sie in der Ich-Form geschrieben ist, Sie haben die Distanz schaffende dritte Person gewählt. Warum?
Wenn etwas an mir wichtig ist, dann ist es meine Malerei. Ich als Person bin wichtig für meine Frau, meine Kinder und Enkel, und das wäre es dann. Ich glaube nicht, dass es für die Öffentlichkeit wichtig ist zu wissen, wann ich in Paris war, wie ich meine Karriere gemacht habe usw. Von Bedeutung könnte sein, dass ich erzählen kann, wie ein sudetendeutsches Mädel einen Juden kennen lernt. Das hat eine Bedeutung. Ich habe mich also gewissermaßen nur als Zeuge eingebracht.

Ihr Vater sprach Russisch, litauisches Jiddisch, und Hebräisch hat auch eine Rolle in der Familie gespielt. Inwiefern hat Sie diese vielsprachige Umgebung geprägt?
Vom Hebräischen habe ich nichts mitbekommen. In der Religionsstunde wurden zwar Gebete auswendig gelernt, mehrsprachig war meine Umgebung aber nicht, sondern deutsch. In der Werkstatt wurde viel Jiddisch gesprochen, das ist mir ins Ohr gegangen, als ich in der Kultusgemeinde gearbeitet habe.

Sie schreiben, dass Sie Ihre Mutter in die Harmonielehre eingeführt hat. Welche Bedeutung hatte das?
Ich habe einmal eine kaputte Gitarre gefunden, habe sie repariert und mir das Gitarrespielen selbst beigebracht. Ich bin kein Musiker, beherrsche aber die einfachen Akkorde, kann ein Lied schreiben und es zumindest so einrichten, dass ein Musiker weiß, wo es anfängt und wo es aufhört.

Sie haben sich zunächst aber nicht dem Wort, sondern dem Bild zugewandt. Welche Grenzen hat die Sprache gegenüber dem Bild?
Die Malerei hat für mich natürlich den absoluten Vorrang. Ich habe auch drei Jahre lang Gesangsunterricht gehabt, das Singen aber nie als Beruf aufgefasst. Das Malen war meine Berufung von Kindheit auf. Was ich mir davon erwarte, schildere ich in meinem Buch. Das gehört zur menschlichen Kultur, die auf lange Sicht den Menschen formt. Das Chanson hat natürlich eine schnellere und plakativere Wirkung als Malerei.

Sie haben von 1945 bis 1952 Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert. Was hat es bedeutet, gerade in so einer Zeit ein solches Studium zu beginnen?
Das hat zwei Seiten: Zum einen war es für die Jungen günstig, weil es viele freie Plätze gab. Es gab keine Wiener Schule, nichts. Und irgendwer musste ja die junge Malerei vertreten, und das waren dann eben wir und etwas später die Galerie St. Stephan. Heute ist es für die Jungen viel schwieriger: Alles ist schon gemacht, besetzt. Ich meine das nicht nur in Bezug auf Posten und Geld, sondern auch in Bezug auf geistige Substanz. Andererseits war die wirtschaftliche Situation damals sehr prekär, und niemand dachte daran, ein Bild zu kaufen. Heute geht es niemandem mehr darum, zu überleben, sondern Karriere zu machen. Heute kämpft niemand ums Mittagessen, sondern darum, bekannt zu werden. Damals in Paris mussten wir das sehr wohl.

Warum sind Sie dann nach Paris gegangen?
Paris war das Zentrum der Malerei. Eine Rolle hat gespielt, dass wir sehr rasch, nachdem wir abgelehnt worden waren, sehr bekannt und beliebt und dann wieder abgelehnt wurden. Nicht von alten Nazis wie am Anfang, sondern nun von den zukunftsweisenden Künstlerkollegen und Kritikern. Im selben Tempo, in dem wir bekannt wurden, wurden wir intensiv abgelehnt. Ich habe das gut verkraftet, andere weniger gut.

Abgelehnt weswegen?
Weil man unsere Malerei als unmodern bezeichnet hat, weil sie nicht im Trend der Zeit lag. Die peinture pure ist wie eine Revolution angetreten. Figurative Malerei wurde als reaktionär abgetan. Dazu kam, dass die abstrakte Malerei das Image von Antifaschismus hatte. Wären die Künstler der Wiener Schule teilweise nicht jüdischer Herkunft, hätte man uns vielleicht auch noch als Nazi-Reste bezeichnet.

Nun sagt man aber, dass die abstrakte Malerei zugunsten der figurativen verschwindet.
Das ist absolut der Fall, und es war abzusehen. Es musste zu einem Ende kommen, denn wenn etwas nur mehr eine Farbe, einen Punkt hat, was kommt dann? Das ist alles schon in den 1960er Jahren passiert. Modern ist man eben immer nur eine Zeitlang. Eine Moderne, die siebzig, achtzig Jahre alt ist, ist dann eben nicht mehr modern. Es gibt sehr viele figurative Maler, aber sie werden nicht wahrgenommen. Sie kommen nicht nach Kassel, auf die Biennale, sie werden nicht ausgestellt. Es ist alles voll mit Fotografien, Computerarbeiten, Videoschleifen, Aktionen. Wenn es begabte Leute machen, kommt etwas heraus. Aber mit Malerei hat es nichts zu tun. Es war also abzusehen, dass die abstrakte Malerei in sich zusammenbricht. Wenn der Zufall alleiniger Schöpfer des Bildes ist und man nur mehr tropfen oder rinnen lässt, stört der Mensch nur mehr. Wenn er also mit dem Pinsel zu arbeiten beginnt, setzt die Phantasie ein, und es braucht die Begabung. Die ganze Banalität des Menschen kommt auf unbarmherzige Weise ans Tageslicht, auch wenn er nur ein paar Pinselstriche macht. Wenn er begabt ist, hat es Charme, wenn es jemand unbegabter macht, hat es eben keinen Charme. Es ist eine Askese, in die sich ein Begabter einzwängt, der bildnerisch begabt ist und die Fläche mit wuchernder Fantasie bedecken will und der sich darauf konzentrieren darf, nur ein paar Flecken oder Wischer hinzumachen. Das hält ein Begabter nicht lang aus. Das ist es, was passiert ist. Die Kunstpäpste sind der Meinung, die Malerei sei zu Ende. Ich dachte aber schon vor dreißig Jahren, dass die abstrakte Malerei zum Ende der Malerei führen würde. Ich glaube aber nicht an das Ende der Malerei.

Es kam doch oft vor, dass durch das Auftauchen eines neuen Mediums ein altes totgesagt wurde, das aber entgegen aller Prophezeiungen schadlos weiter existierte.
Selbstverständlich. Als der Film aufkam, sagte man: Das Theater ist erledigt. Wer will sich irgendein Manderl aus hundert Meter Entfernung ansehen, wenn er doch auf der Leinwand sehen kann, wie sich die Wimpern bewegen. Doch das Theater blüht wie eh und je. Wo Substanz vorhanden ist, wird es bleiben und seine Nische finden. Das muss ja nicht von einer Akademie kommen, und ist in einem Museum nicht gut aufgehoben. Es gehört auf die Straße, in die Öffentlichkeit. Es gibt ja nichts wirklich Neues mehr. Was hat der Eulenspiegel gemacht? Ein Happening und sich lustig gemacht über die Menschen und sie verstört. Wenn sich damit jemand in den Vordergrund drängt, öffentlich macht und bekannt werden will, finde ich das legitim. Der Hundertwasser hat es ja auch immer gemacht, aber immer mit Substanz.

Welche Bedeutung hatte Albert Paris Gütersloh für Sie und Ihre Gruppe?
Bedeutung hatte er vor allem für Wolfgang Hutter, er war gleichsam sein "Vater". Sein Vorzug lag vor allem darin, dass er uns beim Malen nicht gestört hat, das können wenige Professoren. Er war selten da, fast nie. Wenn er da war, war er ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Wenn er etwas gesagt hat, hat man es sich gemerkt. Für meine Malerei hatte er keine Bedeutung, war aber eine Bestätigung, dass man auch im 20. Jahrhundert figurative bzw. erzählerische Malerei betreiben darf. Das war einer der Gründe, weshalb die Wiener Schule so verfolgt wurde: Das sei keine Malerei, sondern das seien nur Geschichten und zwar blöde.

Sie beschreiben auch Ihre politische Entwicklung: Sie wurden Kommunist, sehen das aber heute kritisch. Wie haben sich Ihre Einstellungen seit damals verändert?
Nicht nur kritisch, sondern beinah hasserfüllt. Ich habe mir ein Leben lang Vorwürfe gemacht. Meine einzige Entschuldigung war meine Jugend, dass ich denen auf den Leim gegangen bin. Der Marxismus ist angetreten mit einer humanistischen Idee, aber was herausgekommen ist, war eine verbrecherische Sache, die von den Intellektuellen in Europa viel zu spät begriffen wurde.

Eine künstlerische Entwicklung ist immer auch von Einflüssen geprägt. Welche waren das in Ihrem Fall?
Meine Stärke und meine Schwäche ist, dass ich sehr aus mir heraus arbeite. Auch meine Maltechnik habe ich mir eigentlich selbst erfunden. Im Kupferstich habe ich eine Technik erfunden, die nur ich anwende. Ich halte mir das zugute: Ich sehe nicht umher und frage mich: Wo kann ich etwas einkaufen? Ich habe immer aus der Natur geschöpft, das drückt sich auch in meiner Malerei aus. Auch wenn ich Bilder erfinde, sind sie an Pflanzen orientiert. Diese starke Bewegung, die den Aufbau meiner Bilder charakterisiert, kommt natürlich aus der Beobachtung von Pflanzen und Lebewesen.

Welche Bedeutung haben Ihre Aufenthaltsorte, Wien und Ein-Hod in Israel, für Sie?
Israel eine eminente: Ich habe dort meine Tochter, vier Enkelkinder, einen großen Freundeskreis, lebe dort monatelang im Sommer. Natürlich hat auch Paris eine Bedeutung gehabt. Ich war im richtigen Alter am richtigen Platz. Und in Wien bin ich zuhause, der Wiener Dialekt ist meine Muttersprache. Wenn es hier Kreativität gibt, Ausstellungen, Konzerte, Theater usw., dann weil die Bevölkerung das will und es sich leistet. Das ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass jeden Tag hunderttausend Euro in die drei Nationaltheater hineingepumpt werden. Das geht nur, weil die Menschen damit einverstanden sind, auch wenn sie nie im Burgtheater waren.

Im letzten Absatz Ihres Buches steht: "Die Bedeutung meiner Kunst in der Zukunft hängt von der weiteren Entwicklung der Kunstgeschichte ab." Was, glauben Sie, wird die Kunstgeschichte für Sie bereit halten?
Wenn die Malerei tatsächlich verschwindet, was ich nicht glaube, und ersetzt wird durch Fototechniken, Computer, wird die figurative Malerei als die letzte Rose im Herbst, als Sentimentalität gelten. Wenn die figurative Malerei wieder an Boden gewinnt, ist das jenen zu verdanken, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gearbeitet haben.


Arik Brauer
Die Farben meines Lebens. Erinnerungen
Amalthea Verlag
ISBN 3-85002-562-4
EUR 22,90

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