Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Farnberger, Claus und Michael Simon

Anpfiff

Interview: Ernst Grabovszki




Mit „Beruf: Fußballfan“ (Molden Verlag) haben Claus Farnberger und Gerald Simon nicht nur einen Bestseller gelandet, sondern auch den Fußballfans gebührende Aufmerksamkeit gezollt. Ein Doppelpass-Gespräch.


Wie würden Sie es anstellen, jemanden, der sich für Fußball nicht interessiert, für diesen Sport zu begeistern?

Farnberger: Fußball ist nicht nur ein Spiel, sondern von gesellschaftlicher und kultureller Bedeutung. Man kann Fußball nicht darauf reduzieren, dass 22 Wahnsinnige auf einem Spielfeld herumrennen. Also ist jeder gut beraten, sich damit auseinanderzusetzen, was nicht heißt, dass er/sie ein Match besuchen sollte. Aber sich davon abzugrenzen und zu sagen, das seien lauter Dodeln, greift zu kurz. Man kommt dem Fußball heute nicht mehr leicht aus. Und da setzt unser Projekt an.

Simon: Ich habe in meiner eigenen aktiven Karriere als Fußballer sehr viel über Teamarbeit erfahren. Man lernt, eine exzellente Leistung zu erbringen, aber trotzdem zu verlieren. Man lernt, eine schlechte Leistung zu erbringen, aber trotzdem zu gewinnen. Das sind Aspekte, die mir in meinem Leben sicher geholfen und mich privat und im Beruf zu einem Teamplayer gemacht haben. Ich erlebe das gerade mit meinem eigenen Sohn aus einer anderen Perspektive. Er hat vor drei Jahren Fußball zu spielen begonnen, und ich merke, wie er sich schnell und gut sozialisiert. Ohne Sport hätte er diesen Vorteil nicht, ich bin aber nicht so kapriziös zu sagen, dass das unbedingt Fußball sein muss.


Wie ist nun dieses Buch entstanden?

Simon: Wir kennen uns seit rund zwanzig Jahren und haben schon vorher zusammengearbeitet. Eines unserer gemeinsamen Themen war der Fußball, irgendwann ist dann der erste Text aus dem Buch Beruf: Fußballfan entstanden, den ich an Claus mit der Bitte geschickt habe, sich ebenfalls Gedanken zu machen. Tatsächlich entwickelte sich darauf, wie es auch im Untertitel des Buches heißt, ein E-Mail-Doppelpass. Nach einer Zeit war das Manuskript so umfangreich, dass wir beschlossen, es jemandem zu zeigen. Mit dem Molden Verlag hat es sofort geklappt.

Farnberger: Die Freude am Schreiben über Fußball hat am Anfang überwogen. Aber wir wollten zwei Gruppen von Menschen zusammenführen: Die Fußballer, die dem Klischee zufolge nichts lesen und nur Bier trinken, und die eher Betulichen, die mit dem Sport wenig anfangen wollen. Unser Ansatz ist, dass sich diese beiden Gruppen sehr wohl vertragen, dass es also eingeschworene Leser gibt, die sich für Fußball interessieren könnten, als auch Fußballplatzgeher, die gerne lesen.

Simon: Die Verbindung der beiden Kunstgattungen Fußball und Literatur war uns ein Anliegen – und das Ganze aus der Fan-Perspektive zu schildern: weg von Biographien oder Statistiken.

Farnberger: Der wahre Star ist der Fan. Heute ist jeder mittelmäßiger Fußballer ein Unternehmer, und die großen Stars sind Multimillionäre. Ohne die Fans würde das Ganze aber nicht funktionieren. Der finanzielle und gesellschaftliche Faktor Fußball wäre ohne Fan nicht denkbar. Darum gehört dem Fan einmal ein seriöses Denkmal gesetzt.



Ihr Buch ist bereits in der zweiten Auflage erschienen. Welche Gründe stehen hinter diesem Erfolg?

Farnberger: Der Erfolg hat uns auch ein wenig überrascht, aber das Buch ist in einem günstigen Umfeld erschienen, nämlich im Vorfeld zweier fußballerischer Großereignisse im deutschsprachigen Raum: die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland und die Europameisterschaft 2008 in Österreich. Danach wird das Thema Fußball wieder abflauen. So nahe vor der Haustür wird sich der Fußball in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr abspielen. Eine weitere Erklärung ist, dass sich die Leserschaft nicht nur aus Fußballern zusammensetzt. Im Gegenteil: Überraschend viele Frauen haben das Buch gekauft.



Ist Fußball aber nicht ein männerdominierter und von Männern wahrgenommener Sport?

Simon: Bei den Aktiven ja, auch in den Management-Ebenen, aber nicht mehr bei den Fans. Es gibt mittlerweile viele Frauen, die auch auf Fußballplätze gehen.



Gibt es Gründe für diesen Wandel?

Farnberger: Sicher durch die Medien, weil sie geholfen haben, das Bier- und Gasthaushinterzimmer-Image abzubauen. Heute sind Fußballer Stars. Beckham ist eine Pop-Ikone und Bestandteil der Spaß- und Freizeitgesellschaft. Heute ist Fußball ein Event, und das ist gut so.



Das Buch hat sich zu einem multimedialen Projekt entwickelt: Es gibt eine von Lukas Resetarits besprochene CD, und Sie treten neuerdings im Spektakel auf. War das auch eine Folge des Erfolgs?

Simon: Das Programm war eine Folge unserer Überlegungen, wie man Lesungen attraktiver gestalten kann. Wir haben versucht, eine Form zu finden, die die Vorteile der klassischen Lesung – literarischer Anspruch – und des Kabaretts – Kurzweile, Humor – miteinander verbindet. Das hatten wir von Anfang an mitgeplant. Die CD hat der Molden Verlag initiiert. Glücklicherweise hat Lukas Resetarits zugesagt.


Was gibt es da zu sehen und zu hören? Wie lange läuft das Programm?

Farnberger: Das Thema haben wir als eine Art Lehrveranstaltung aufbereitet: Wie bringe ich mich als Fußballfan bis Jahr 2008, wenn also die Heim-WM stattfinden wird, in Top-Form? Weil wir nicht vom Kabarett kommen, wollten wir kein Wuchtel-Kabarett spielen, um nicht den Fußball und den Fan herunter zu dodeln. Da streift man zu sehr am Klischee. Wir haben es bisher 14 Mal gespielt, davon 9 Mal im Spektakel in Wien. Nach Ostern folgen die Bundesländer. Dem sehen wir immer mit Spannung entgegen, denn wie kein Fußballspiel dem anderen gleicht, gleicht auch kein Theaterabend dem anderen. Übrigens kommen viele Frauen ins Programm.


Sie üben beide einen Beruf aus. Wie vertragen sich beide Tätigkeiten?

Simon: Im Moment nicht sehr gut.

Farnberger: Ich arbeite als Parlamentarischer Mitarbeiter, bin also für einen der 183 Abgeordneten als Sekretär abgestellt, gleichzeitig auch freier Wein-Journalist.

Simon: Ich bin Seminar-Veranstalter bei einem großen Bildungsinstitut im Waldviertel. Die Konstellation wird mittelfristig so bleiben. Nur vom Schreiben leben zu können, wird vorerst nicht drin sein. Man wird sehen, wie sich das nächste Projekt entwickelt.



Es geht in Ihrem Buch um den Menschentypus Fußballfan, und Sie haben auch eine Typologie des Fußballfans erstellt: der Treue, der Besserwisser, der Misanthrop, der Lässige, der Säufer, der Wettbesessene, der Intellektuelle, der Anschluss Suchende, der Opportunist, der Fan eines Einzelspielers und der Pseudofan. Welche Art von Fußballfan sind Sie selber?

Farnberger: Uns selbst persiflierend sagen wir: Wir sind alle davon, vor allem natürlich der treue Fan.

Simon: Und je nach Tagesverfassung eher der Besserwisser oder der Säufer ...

Farnberger: Opportunisten sind wir allerdings nicht.



Mit welchem der genannten Typen können Sie am besten umgehen?

Farnberger: Das liebste Gegenüber ist der treue Fan ...

Simon: ... selbst wenn die Vereinszugehörigkeit eine andere ist.

Es fällt auf, dass in der letzten Zeit der Fußball auch in intellektuellen Kreisen wenn nicht diskutiert, dann zumindest Bücher über ihn geschrieben werden. Worin liegt die intellektuelle Herausforderung des Fußballs?

Farnberger: Das liegt natürlich am Anlassfall, ein Schreibender sucht sich Themen, die die Menschen betreffen. Somit ist es nahe liegend, wenn sich verstärkt Literaten, Kabarettisten, Journalisten damit auseinandersetzen. Was ich allerdings voraussetze, ist ein bestimmtes Maß an Fachwissen. Dann ist das Thema auch eine Bereicherung für die Leser. Der Markt für den Fußball ist riesig.

Wie wird sich denn dieser Sport in der Zukunft entwickeln, welche Tendenzen können Sie ausmachen?

Simon: Der Kampf um die Fernsehrechte wird sich verschärfen, weil die Fußballclubs, die das Sagen haben, daran interessiert sind, immer mehr Geld zu verdienen. Der Showcharakter des Sports wird zunehmen, siehe American Football. Da sehe – und fürchte – ich, dass noch einiges möglich ist.

Farnberger: Ich glaube, dass die Klassengesellschaft im Fußball weiter auseinanderdriften wird. Ein Beispiel: Uli Hoeneß sagt, Bayern München braucht noch mehr Geld, damit es mit den Großen mithalten kann. Es geht auch anders: Im amerikanischen Football bemüht man sich um Ausgleich und darum, dass schlechte Mannschaften gute Neuzugänge bekommen. Im europäischen Fußball ist das Gegenteil der Fall, und ich fürchte, das steuert in die falsche Richtung. Es ist nicht gesagt, dass der Fußball-Fan alle vierzehn Tage nur Bayern München gegen Real Madrid sehen will. Das wird sich noch steigern, aber irgendwann an einen Plafond stoßen, ähnlich wie bei den Schihütten in Tirol, wo das Speckbrot 10 Euro gekostet hat, bis die Konsumenten sich geweigert haben, solche Preis zu zahlen. Ähnlich wird es sich im Fußball zutragen. Juventus Turin ist in Italien einer der beliebtesten Fußballclubs, nur bei internationalen Spielen kommen kaum noch Leute ins Stadion. In Österreich sind wir davon mangels Spielklasse noch weit entfernt.



Auftrittstermine unter www.fussballfan.at.

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