Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Esterházy, Péter

Brutale Geschichte


Der ungarische Autor Péter Esterházy meldet sich in dieser Saison gleich mit zwei Büchern: seiner gewichtigen „Einführung in die schöne Literatur” und, rechtzeitig vor der Fußball-WM, mit der „Deutschlandreise durch den Strafraum” (beide Berlin Verlag). Ein Gespräch mit Untertönen.




Interview: Ernst Grabovszki





Einführung in die schöne Literatur ist bereits 1986 erschienen, in einer Zeit also, in der der „Osten“ Richtung Wende steuerte. Wie wurde das Buch damals in Ungarn von offizieller Seite aufgenommen und wie von den Lesern?

Man musste sich schon nicht mehr so viel mit der offiziellen Seite beschäftigen. Hie und da meckerte man über die „postmoderne Stildiktatur“, in der die arme sozialistische Literatur kaum noch eine Chance hätte. Die Leser störte das nicht, sie lasen.



Warum ist die Übersetzung nicht bereits früher auf den Markt gekommen?

Die Übersetzung dieses Buches ist eine enorme Arbeit, früher ging es also nicht. Einzelne Teile sind seinerzeit schon in Jochen Jungs Residenz Verlag erschienen. Jetzt ist die Zeit dafür gekommen. Meine Bücher erleben in den Übersetzungen eine andere Geschichte als zu Hause, aber das ist ganz natürlich.



Sechs Jahre hat die Arbeit an der „Einführung in die schöne Literatur“ gedauert. Was war der Anlass, diese Arbeit zu beginnen, warum haben Sie sie beendet?

Das soll das Buch beantworten, wenn es das nicht tut, dann kann ich soviel reden wie ich will, es wäre vergebens …



Wie sehen Sie Ihr Buch im Kontext der ungarischen Moderne – und wie würden Sie die ungarische Moderne überhaupt charakterisieren?

Ich glaube, die Literatur erlebte einen Prozess der Emanzipation. Und in diesem Prozess – so lese ich – war dieses Buch, gemeinsam mit Péter Nádas’ Roman „Das Buch der Erinnerung”, ein Integrationspunkt. Ein Meilenstein geradezu.



Was unterscheidet die ungarische Literatur von der europäischen – falls es überhaupt Unterschiede gibt – und welche Gemeinsamkeiten entdecken Sie?

Die ungarische Literatur ist natürlich Teil der europäischen. Sie hat mehr mit der Geschichte zu tun als die westliche und wurde von den ständigen Unabhängigkeitskämpfen geprägt. Die Literatur hatte immer eine „Aufgabe”. Dadurch wurde sie wichtig, wenngleich ihr Charakter als „Literatur” ein wenig schwand.



Der Titel „Einführung in die schöne Literatur” suggeriert ein Lehrbuch oder eine theoretische Abhandlung, beides ist es aber nicht. Was erfährt man aus diesem Buch über Ihren Zugang zu Literatur?

Im Buch spielt das Datum 16. Juni eine Rolle. Das ist einerseits der Bloomsday, also der Tag, an dem der Roman „Ulysses” von James Joyce spielt, und andererseits der Hinrichtungstag von Imre Nagy, dem Führer der Revolution von 1956. Das heißt, dass bei mir die „feine“ Intertextualität und die brutale, wahre Geschichte immer sehr nahe nebeneinander stehen.



Und wie groß war dann der Schritt von der Einführung zu „Harmonia Caelestis” und der „Verbesserten Ausgabe”, also einem Kosmos, der sehr von der historischen Wirklichkeit, nämlich der Geschichte Ihrer Familie, bestimmt war?

Der Schritt vor dem Schritt ist immer wahnsinnig groß – und nachher selbstverständlich. Die historische Wirklichkeit, wie Sie sagen, spielt immer eine große Rolle. Sie kann gar keine kleine Rolle spielen. Die historische und die sprachliche Wirklichkeit, beide. Die Proportionen ändern sich.



Eben ist auch Ihre „Deutschlandreise im Strafraum“ in deutscher Übersetzung erschienen. Wer wird Weltmeister?

Ungarn. – Es hat gedauert, aber jetzt habe ich die richtige Antwort. Ungarn hat jetzt nicht weniger Chancen als 1954 Deutschland.



Péter Esterházy, geboren 1950 in Budapest, wo er heute lebt. Er studierte Mathematik und ist seit 1978 freier Schriftsteller. Sein Werk wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt, und er erhielt zahlreiche Preise, 2004 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.



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