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Silberbauer, Norbert

Christkindl

Wer kennt nicht die "Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens, in der ein Geizhals zum guten Menschen bekehrt wird? Norbert Silberbauer hat sie neu interpretiert. "Was steuert die Ameisen?" (Wieser) ist eine moderne Parabel über Einsamkeit und Vernunft.


Norbert Silberbauer



Interview: Ernst Grabovszki


Mit dem Thema Weihnachten kann man sich nur sentimental oder ironisch auseinandersetzen. Sehen Sie das auch so?

Ich habe mich mit dem Thema Weihnachten deshalb auseinandergesetzt, weil ich ein Buch über die sieben Todsünden vorbereite. Darin war auch eine Geschichte über den Geiz vorgesehen - eine der sieben Todsünden. Dazu kam, dass ich Dickens' Weihnachtsgeschichte schon immer umschreiben wollte. Als Kind sah ich die Zeichentrickfilm-Version, und Scrooge tat mir leid. Seit damals geistert mir diese Idee im Kopf herum. Also schrieb ich diese Geschichte und merkte bald, dass sie für einen herkömmlichen Erzählband zu lang ist, und nun ist daraus ein eigenes Buch geworden.



Was fehlt der Weihnachtsgeschichte von Dickens, dass Sie sich entschlossen haben, sie fortzusetzen?

Ich habe sie uminterpretiert. Die Grundidee ist, dass Ebenezer Scrooge kein böser Mensch ist, als der er ja ständig dargestellt wird, sondern ein Verlassener und Vernünftiger, der sich der Unvernunft nicht unterwirft. Wenn man die Geschichte von Dickens liest, fragt man sich, warum der Nette dermaßen verblödet freundlich ist, obwohl er doch ständig beleidigt wird. Er nervt geradezu. Auch das Ende, an dem Scrooge geradezu selig wird, hat mich gereizt, sodass ich dachte, er muss sich von der Bekehrung bekehren. Meine Figur feiert also Weihnachten, scheitert aber nicht an sich, sondern an den anderen. Sie sind so nervig, dass sich für ihn die Bekehrung nicht lohnt und er sich entschließt, so zu bleiben wie er ist.



Ihre Hauptfigur Ernst Stein ist sehr deutlich als Welthasser gezeichnet: Anstatt für James Bond interessiert er sich für dessen Widersacher, bewohnt lediglich drei Zimmer in einer Jugendstilvilla usw. ...

Scrooge ist ein vereinsamter Mensch und macht aus der Einsamkeit eine Ideologie. Hinter dieser radikalen Ablehnung steckt auch eine Spur Sehnsucht. Scrooge bekehrt sich radikal, meine Figur weniger. Sie will sich nirgends zuhause fühlen, an nichts gewöhnen, nichts besitzen, weil das Abschiednehmen schwer fiele. Er kann sich nicht mitteilen, streitet mit niemandem - was ihn wiederum beliebt macht. Einsamkeit ist aber nur dann ein Problem, wenn man darunter leidet, und Ernst leidet nicht wirklich unter seiner Einsamkeit.



Wäre die Geschichte von Ernst ohne das Thema Weihnachten denkbar gewesen?

In dieser Form nicht. Ich habe in Die elf Gebote, einem Band mit Erzählungen, immer wieder auch Personen beschrieben, die vereinsamen: etwa einen Mann, der mit seiner Mutter zusammenwohnt, die, obwohl er schon fünfzig ist, immer noch Burli zu ihm sagt. Ich habe eine Vorliebe für solche Charaktere. Sie haben einen gemeinsamen Kern, und das ist die Vereinsamung, die Sprachunfähigkeit. Ich bin in einer Generation groß geworden, in der die Eltern keine großen Kommunikatoren waren. Es wurde auch in der Schule wenig diskutiert. Wenn jüngere Autoren über solche Themen schrieben, würden sie es anders sehen, weil sie anders sozialisiert sind.



Ich finde, dass das Buch auch gut als Unterrichtslektüre eingesetzt werden könnte. Haben Sie beim Schreiben auch an ein junges Publikum gedacht?

Als ich Was steuert die Ameisen? zu schreiben begann, las ich die Weihnachtsgeschichte von Dickens mehrmals. Dickens hat, als er den Text 1850 schrieb, viel soziales Elend gesehen, das er aber mit ein wenig Zuckerguss übertünchte, eben weil Weihnachten eine Art Kulminationspunkt ist, die radikalste Privatabrechnung sozusagen. Das hat sich geändert. Heute wird Weihnachten nicht mehr so gefeiert wie in meiner Kindheit. Viele Lokale haben am 24. offen. Wenn man also den Zuckerguss von der Dickenschen Geschichte herunterkratzt, merkt man, wie sehr sei in ihrer Zeit hängt. Heute kann man die Geschichte etwas schärfer fassen. Es machte großen Spaß, Dickens ein wenig aus den Angeln zu heben.



Sie bedienen mehrere Textgattungen: Drama, Gedicht, Erzählung. Warum diese Vielfalt?

Zum einen ist es eine schöne Abwechslung, und eines bedingt das andere. Wenn man Prosa schreibt, kann man etwas von der Dramatik lernen und umgekehrt. Ich mag beispielsweise Prosa nicht, die mit Dialogen überladen ist. Ich bin ein reflektierender Autor und fasse Dialoge lieber zusammen. Wenn ich Lust auf Dialoge habe, schreibe ich ein Theaterstück. Aus Was steuert die Ameisen? möchte ich übrigens auch ein Stück machen, weil es kaum ironische Weihnachtsstücke gibt.



Ernst Jandl hat Autoren einmal empfohlen, sich durch einen Beruf materiell abzusichern. Ist der Lehrerberuf eine vernünftige Existenzform, die das Schreiben fördert und befördert?

Auf der einen Seite muss ich mich nicht um Stipendien bemühen, muss mich nicht dem Markt anpassen oder auf Verlegervorschläge eingehen. Das schafft Freiheit. Auf der anderen Seite ist es natürlich eine Belastung, weil durch den Beruf viel Zeit draufgeht. Dennoch ist es ein erträglicher Kompromiss. Schwieriger finde ich es, auf dem Land zu leben: Es ist ruhig und angenehm, und es gibt genug Parkplätze. Dennoch fehlen der informelle Fluss, die Szene in Wien. Aber nichts ist perfekt.



Wie werden Sie Weihnachten verbringen?

Wie immer: meine Mutter besuchen, meinen Bruder besuchen, meine Schwester besuchen, Freunde besuchen. Das ist nicht außergewöhnlich, denn ich besuche sie oft. Der einzige Unterschied: Es steht ein Baum im Zimmer, der niemanden interessiert.





Norbert Silberbauer

Was steuert die Ameisen? Eine Weihnachtsgeschichte

Wieser Verlag

ISBN 3-85129-623-0

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