Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Girardi, Claudia und Michael

Ein- und Ausblicke




In ihrem Bildband "Heimito von Doderers Preinblicke" (Österreichische Verlagsgesellschaft) nähern sich Claudia und Michael Girardi dem Dichter zu seinem 110. Geburts- und 40. Todestag auf unorthodoxe Art. Sie kombinieren Textpassagen aus Doderers Werk mit alten und neuen Fotos der realen Schauplätze. Ort des Geschehens ist Prein an der Rax, wo die Familie seit 1903 einen Landsitz hatte, auf dem große Teile von Doderers Werks entstanden.

Interview: Christiane Moser


Wie kommt es, dass sich noch heute zahlreiche „Heimitisten“ in Doderers Texte ergehen?

Doderer schafft es bis in die Gegenwart, eine starke Aura zu produzieren. Wer ihn kannte, hing an seinen Lippen. Ich glaube, dieses Phänomen hat sich bis heute gehalten - auch wenn es die Lippen nicht mehr gibt. Und: Er konnte Orte sehr eindrücklich beschreiben. So eindrücklich, dass jemand, der diese Orte kennt, schlichtweg bezaubert ist.


Er hatte also eine sehr starke Persönlichkeit?

Davon bin ich überzeugt, er hatte eine sehr, sehr starke Persönlichkeit. Und er konnte Orte besonders eindrücklich beschreiben. So eindrücklich, dass jemand, der diese Orte kennt, schlichtweg bezaubert ist. Es ist natürlich nicht notwendig, die Land- oder Stadtschaften zu kennen, die er beschreibt, aber es ist einfach schön. Zumal er ja nicht Beschreibungen im eigentlichen Sinn macht, sondern sich Details herausgreift, an denen er die Landschaft beschreibt. Den Krimi-Süchtigen unserer Tage gefallen wiederum die Netze, die Doderer strickt. Er geht Fäden nach, die plötzlich wieder abreißen, um später wieder aufgenommen zu werden. Seine Sprache ist zudem eine wunderbare, diese Qualität ist geblieben. Wer seine Worte hört, der weiß, was gemeint ist. Diese Stimme war unerhört und bannend.


Doderers Geburtstag jährt sich heuer zum 110. Mal, sein Todestag zum 40. Mal. Wollten Sie mit dem Buch darauf hinweisen?

Ja, denn ich hatte schon die Vermutung, dass sein runder Geburts- und Todestag eher leise verlaufen werden, angesichts von Mozart und Freud in diesem Jahr. Das fällt besonders im Vergleich zu 1996 auf, wo Doderers mit einer ganzen Reihe an Veranstaltungen und Buchtiteln gedacht wurde.


Was erfährt der Leser durch die indirekte Herangehensweise in Ihrem Buch über Doderer?

Man kann sehen, wie unmittelbar und genau Autoren das, was sie wahrnehmen, oft für ihr Werk verwenden. Natürlich bilden sie die Erlebnisse nicht eins zu eins ab, das wäre banal und obendrein noch unmöglich. Aber die vielen Details, die sich in Doderers Erinnerung aufbewahren ließen, fließen in größeren und kleinern Scheiben ins Werk hinein. Genau das ist meiner Meinung nach das Besondere: aus erlebter Realität, Verarbeitung und Fiktion ein Kunstwerk entstehen zu lassen. Die Tatsache, dass bei Doderer diese Erinnerungen an die Realität immer wiederkehrten war etwas, das mich dazu bewogen hat, seine Tagebücher zu konsultieren. Und hier fand ich das in manischer Wiederholung immer wieder. In typisch doderscher Manier platzierte er scheinbar zusammenhanglos Erinnerungen mitten in die Tagesabläufe hinein. Diese ständige Repetition von Motiven und Bildern lässt mich glauben, dass da auch eine Portion Verarbeiten-Wollen mit dabei ist.


Könnten Sie Beispiele nennen, wie sich reale Begebenheiten in seinem Werk wieder finden?

Es gibt natürlich sehr viele äußere Dinge, die sich gut nachvollziehen lassen, wie das Tennisspiel oder Begegnungen im Wald mit Tieren, wie mit einer Ringelnatter. Andererseits gibt es Szenen auf der Rax, wozu es wenige autobiographische Einträge in den Tagebüchern gibt – die aber sicherlich im Familienverband so stattgefunden haben. In Melzer und René ist ohnehin eine große Portion des Autors mit hinein geflossen. Die Begegnungen mit Frauen scheinen mir interessant zu sein, dieses sich nicht entscheiden, sich nicht wirklich zuwenden Können, dieses Zögern und Zaudern und Zurückschrecken. Oder die Vatergeschichte, die von der Schwester stets abschwächend geglättet wurde. Doch für Doderer/ René war das Verhältnis zum Vater anscheinend nicht immer ganz so fein. Die Brechung innerhalb der Sichtweise der Betroffenen und unmittelbar Beteiligten, finde ich sehr spannend.
Reales mischt sich auch in Doderers Werk, wenn er das Wohlbefinden auf dem Hof beschreibt, gebrochen durch ganz normale Unbehaglichkeiten, entstanden etwa aus Begegnungen mit Personen oder durch Unannehmlichkeiten, wie Geldmangel. Das macht die Räume auf dem Riegelhof sehr menschlich und erlebbar.


Der Riegelhof wird heute von einem Neffen Doderers samt dessen Familie bewohnt. Sie waren immer wieder vor Ort...

Ja, und was mich besonders freut ist zu sehen, dass diese Aura auch heute noch weiterlebt. Der Riegelhof ist das ganze Jahr über bewohnt und seine Bewohner haben ihn in einer wunderschönen Selbstverständlichkeit erhalten, ohne ihn museal aufzuzüchten. Mit seinen Bewohnern entstand eine Freundschaft, die sich durch die Recherche am Buch vertieft hat. Durch die Tatsache, dass meine Großeltern in der Gegend ein Landhaus hatten und wir den Sommer immer dort verbrachten, kannten wir verschiedene Leute. So hat sich dieser Kontakt eines Tages ergeben. Bald schon dachte ich, dass es ein Jammer ist, dass es dazu kein Buch gibt. Diese Anfänge der Spurensuche liegen jetzt etwa zehn Jahre zurück.


Wie hat sich die Arbeit an diesem Buch für Sie gestaltet?

Mein Mann und ich haben etwa vier Jahre an dem Buch gearbeitet, natürlich nicht nonstop. Zuerst war das private Interesse da, dann die Idee für das Buch. Unterschiedliche, auch uns unbekannte Menschen haben uns sehr großzügig und selbstverständlich Bilder geborgt. Immer wieder begegneten uns scheinbare Zufälle. So wohnen Freunde, die wir kennen lernten, heute zufällig dort, wo die Villa Draxler war und wo die Familie von Doderer in der Sommerfrische wohnte, bevor der Riegelhof gebaut wurde.


Sie wollten zu den Bildern in ihrem Kopf das reale Pendant suchen?

Mein Zugang zur Literatur ist zunehmend die „Literatouristik“ geworden – ein Wort, das mir vor Jahren eingefallen ist. Ich glaube, dass man über die Räumlichkeiten und über die Räume in denen Literatur spielt und entstanden ist, sehr viel von der Aura des Autors und seines Werks erfahren kann, mitspüren kann, mitkosten. Das macht Literatur für mich noch bunter als sie es ohnehin ist. Die Handlungsorte aufzusuchen und sie anzusehen ist mir immer – sofern es möglich ist – ein großes Anliegen. Wenn ich ein Buch lese, dann drängt es mich, die Orte aufzusuchen, an denen es spielt, wo die Protagonisten sich bewegen oder wo es entstanden ist. Gerne beschaffe ich mir auch Informationen darüber, wie es an diesen Orten früher ausgesehen hat, was der Autor vor Augen hatte, als diese ganz bestimmten Worte daraus wurden. Es gibt Blicke wie etwa dem aus Doderers Atelier, den er einmal beschreibt. Steht man dort, hat man hat das Gefühl, als werde einem schwindelig. Weil sich die Berghangflächen dahinter, wenn man sich selbst bewegt, verschieben und es zu einer einzigen riesigen Bewegung vom Fenster hinaus wird. Und man stellt fest: Ja, ganz genau so ist es, wie „auf der Brücke eines großen Schiffes, in das wogende Meer der Landschaft hineinziehen“.
Es gab auch wunderbare Begegnung mit Herrn Stummer, besagtem Neffen Doderers, der mir vieles erzählte. Zum Beispiel wird in „Das letzte Abenteuer“ ein Felsgrat beschrieben, der wie ein zackiger Drachenhals anmutet. Herr Stummer erzählte mir dazu: „Wir sind vorm Haus gesessen, der Heimo und ich. Und dann hat er gesagt, schau Wolfi, wenn du da hinauf schaust, das sieht doch aus, wie ... Und ich hab gesagt: Ja genau, wie ein Drachenhals.“ Aus diesem Gespräch hat sich dieses Bild so weit verfestigt, dass es sich tatsächlich einige Zeit später im Werk wieder fand.


Die Literaturwissenschafterin Claudia Girardi unterrichtet an einem Wiener Gymnasium Deutsch und Französisch. Ihre Forschungsschwerpunkte sind deutsch-französische Literaturbeziehungen, Sozialgeschichte der Literatur und Literatur der Jahrhundertwende. Der Politikwissenschafter Michael Girardi beschäftigt sich als PR-Verantwortlicher im Innenministerium intensiv mit dem Medium Fotografie und erarbeitete das Bildmaterial des vorliegenden Bandes.



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