Faro, Marlene
Alte Emanzen
In ihren
Erzählungen "Alte Schachteln" (Picus) holt Marlene Faro wackere
EndvierzigerInnen vor die literarische Linse. Wie viel ist übrig geblieben von
den Visionen und Träumen aus ihrer Jugend? Haben die "alten Schachteln" tatsächlich ausgedient?
Interview:
Ernst Grabovszki
Anzeiger 01/2007
Was hat die
Generation von Frauen, die Sie beschreiben, im Lauf der Jahrzehnte an
Überzeugungen eingebüßt? Und warum?
Natürlich hegt jede Generation die
Überzeugung, die Welt verbessern zu können, aber meine Generation, also die der
68er im weitesten Sinn, ist von dieser Hoffnung besonders beseelt gewesen. Nach
uns wird die Welt eine bessere sein – tja ... Heute müssen Frauen meines Alters
fassungslos das Phänomen der „Luder“ und „Schlampen“ miterleben, die ihre
Körper einsetzen wie dereinst die Kurtisanen des Rokoko. Die „Girlie“-Töchter
erachten die Gleichberechtigung in Beruf und Partnerschaft, die ihre
„Emanzen“-Mütter erkämpft haben, als Selbstverständlichkeit und gehen
entsprechend sorglos damit um. Aber das ist wohl ihr gutes Recht, auch wir
haben für die Erzählungen der so genannten Trümmerfrauen der Nachkriegsjahre
nur ein müdes Lächeln übrig gehabt. „Früher habe ich Frauen allen Ernstes für
die besseren Menschen gehalten“, sinniert die Alma aus meiner Geschichte „Alte
Schachteln“. Diese Wehmut kann ich ihr gut nachfühlen.
Es
geht in Ihren Erzählungen auch um Beziehungen. Welche Qualitäten haben diese
Beziehungen für die „alten Schachteln“ im Vergleich zu jenen jüngerer Frauen
und Männer?
Ich möchte mir nicht anmaßen, über die
Qualität der Beziehungen von jungen Frauen und Männern heutzutage zu urteilen,
ganz besonders nicht im Vergleich zu früher. Aber es fällt mir auf, wie
selbstverständlich sie Partnerschaft leben, in Bereichen, die vor ein, zwei
Jahrzehnten noch heiß umkämpft waren, wie etwa Kindererziehung, Mithilfe im
Haushalt, berufliche Zielsetzungen. Da ist meiner Meinung nach ein
Quantensprung erfolgt, der sich nicht mehr zurückdrehen lässt. Denn nicht nur
die jungen Frauen haben sich emanzipiert, sondern auch die jungen Männer. Das
ist wohl der wichtigste Unterschied zu den Beziehungen der Älteren, wo gerade
die Männer mit einer tiefen Verunsicherung zu kämpfen haben, die sich dann oft
in unterschwelliger Aggression äußert. Die Frauen meiner Generation sind in die
Offensive gegangen, die Männer sind in die Defensive geraten. Manchmal tun sie
mir fast ein bisschen leid, ich denke, die haben ganz schön viel einstecken
müssen.
Wien
spielt in Ihren Erzählungen ebenfalls eine Rolle. Inwiefern ist diese Stadt für
Sie prägend (gewesen)?
Wien ist die Stadt, die ich über alles
liebe, auch wenn ich ihre düsteren Seiten sehr wohl immer gespürt habe. Aber
ich habe schon als Kind die Schönheit dieser Stadt geradezu körperlich gefühlt
und es immer als riesengroßes Glück empfunden, hier und nirgendwo anders
geboren zu sein. Wien kann trösten, das meine ich im wahrsten Wortsinn. Aber
gerade deshalb habe ich sehr lange gezögert, es zum Schauplatz eines meiner
Bücher zu machen. Dann habe ich die erste der insgesamt fünf Erzählungen von
"Alte Schachteln" geschrieben, nämlich "Schickse", einfach
so, nur für mich allein. Und dann konnte ich plötzlich nicht mehr aufhören, vom
Wien meiner Kindheit und Jugend zu erzählen, es sind sicherlich die
persönlichsten Texte geworden, die ich bisher verfasst habe.
In
Ihrer Kurzbiographie ist zu lesen, dass Sie Begriffe wie "Emanze" oder "Alte Jungfer" als Komplimente betrachten, "Superweib" hingegen als schwere Beleidigung. Was steckt hinter diesen Begriffen?
Das ist natürlich ein bisschen provokant
gemeint. Aber dieser Begriff "Superweib" hängt mir einfach zum Hals
heraus, er wird den Frauen um die Ohren geschlagen wie die angeblichen
Traummaße der Supermodels. Seht her, es gibt sie ja, die Superweiber, die alles
unter einen Hut bringen, einen Job als Vorstandsvorsitzende und fünf Kinder,
einen Mann, einen Dackel, immer perfekt frisiert und jeden Abend ein
Charity-Dinner. Die allein erziehende Supermarktkassiererin liest das dann
völlig abgekämpft auf dem Heimweg am Abend in der U-Bahn und darf sich als
Versagerin an allen Fronten fühlen. Ich denke, dass gerade die so genannten
Frauenzeitschriften hier in Wirklichkeit zutiefst unsolidarische Propaganda
betreiben, aus welchem verlogenen Grund auch immer. Da bin ich schon immer
lieber eine "Emanze" oder "alte Jungfer" oder nun eben auch
"alte Schachtel" gewesen, mit dieser Selbsteinschätzung kann man vor
allem Männer so schön verblüffen.
Ihr
Roman "Frauen, die Prosecco trinken" wurde verfilmt. Was gefällt und
was missfällt Ihnen an der medialen Darstellung der Frau heute?
Wenn der Film "Frauen die Prosecco
trinken" wieder einmal spätabends in irgendeinem Regionalprogramm läuft,
dann leere ich gerne ein Fläschchen des betreffenden Getränks, oder auch zwei.
Der Film ist nämlich nur so für mich zu ertragen. In meinem Buch sitzt die
Heldin am Schluss mit einem aus der Samenbank geklauten Spermaphiölchen am
Flughafen und hat einfach alle Möglichkeiten offen. Es war mir unendlich
wichtig, dieses Ende zu schreiben, das von den beiden bis zum Überdruss bekannten
Varianten abweicht, nämlich erstens: die Heldin hat einen Mann abgekriegt und
ist glücklich bis an ihr Lebensende, zweitens: sie ist allein, traurig, aber
tapfer. Im Film hat die Heldin am Schluss ein Kind an der Hand und eines im
Bauch und strahlt wie die Mutter der Waltons ihren Gatten an. Da muss man sich
doch betrinken, oder?
Tschechow
zufolge gibt es für uns kein Glück, sondern nur die Sehnsucht danach. Auch Ihre
Figuren suchen auf eine gewisse Art und Weise Glück. Werden sie es jemals
finden?
Gute Frage. Ich denke, sie sind erwachsen und lebensklug genug, um zu
wissen, daß es nichts bringt, dem Glück
hinterher zu rennen. Aber vielleicht tappt man ja irgendwann mitten
hinein, so wie in ein Hundehäufchen.
Marlene Faro
Alte Schachteln. Erzählungen
Picus Verlag
ISBN 978-3-85452-613-1