Price, Monroe E.
Annäherungen
Monroe E. Price musste mit seinen Eltern 1938 aus Wien nach den USA emigrieren. In seinem Buch "Born in Vienna" (Drava Verlag) rollt der US-Staatsbürger seine doppelte Identität als Amerikaner und Österreicher auf.
Interview: Ernst Grabovszki
Anzeiger 02/2007
Mr. Price, das Hotel, in dem Sie während Ihres Wien-Aufenthalts wohnen, liegt in der Taborstraße 12, gegenüber ist die Hausnummer 11A, wo Sie die ersten Monate Ihres Lebens verbracht haben. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie diesem Ort so nah sind?
Ich habe natürlich keine genauen Erinnerungen mehr an die Zeit, als ich hier war, denn ich war ein Säugling. Heute finde ich interessant, wie sich die Straße und die Häuser entwickelt haben. Ich finden diesen Ort aber nicht erschreckend. Für mich ist es ein Artefakt geworden, ein historisches Objekt.
Sie haben 1997 die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Wie haben Sie die letzten zehn Jahre erlebt?
Der Untertitel des Buches heißt "Versuch einer Annäherung", und ich frage mich, ob es das ist, worüber ich in meinem Text berichte, also meine Bemühungen, mit meinem Österreichertum umzugehen. Der Schreibprozess hatte diesen Effekt, vielmehr aber noch die Zeit, nachdem ich das Manuskript beendet hatte. Die Annäherung fand also nicht während des Schreibens, sondern danach statt.
Das würde der letzte Satz Ihres Buches bestätigen, in dem es heißt, dass Sie sich in den Reisfeldern Thailands heimischer fühlen als in der Taborstraße ...
Das könnte ein wenig provokant klingen, aber es drückt mein Gefühl aus, das ich zu der Zeit hatte, als ich das Buch schrieb. Das kann natürlich ein Prozess sein, der meine Ansichten verändert. Ich kann nicht sagen, ob ich der Idee einer Annäherung widerstehen kann oder ob ich mich davor scheue. Vielleicht hatte ich damals gerade eine wunderbare Thailand-Reise hinter mir. Die andere Sache ist, dass Thailand exotisch war, aber in mir keine komplizierten Gefühle hochkommen ließ. Wenn ich hier bin, ist das anders.
Das Buch wurde in deutscher Sprache publiziert, wird es auch eine amerikanische Ausgabe geben?
Das hoffe ich. Ich war glücklich, dass es zuerst - und vielleicht auch ausschließlich - in Österreich publiziert wurde. In gewisser Weise ist es in deutsch ein völlig anderer Text, es wird ein anderes Publikum haben, und es bedeutet etwas anderes. Ich kann es nicht genau sagen, aber hier liest man das Buch als eine Geschichte über eine Familie, die das Land verlassen musste, in den USA würde man das Buch als eine Entwicklungsgeschichte einer Familie lesen. Dahinter stecken also zwei unterschiedliche Sichtweisen.
Inwiefern hat Ihre neue österreichische Identität Ihre Identität als Amerikaner herausgefordert?
Meine Identität als Amerikaner knüpft sich weniger an die Vorstellung, ein Flüchtling zu sein. Wenn ich mich in meine österreichische Seele hineindenke, nehme ich diese Identität des Flüchtlings schon eher an. Es ist also die Frage, welche Position man in der Welt einnimmt. Der Vorteil, Österreicher zu sein, liegt gewiss auch darin, in der Europäischen Union zu leben. Ich sehe die Alternative zu meinem Amerikaner-Sein eher in diesem europäischen Rahmen. In meinem Berufsleben interessieren mich natürlich auch die Beziehungen im globalen Kommunikationsfeld. Diese Mixtur bestimmt meine Identität, die sich nicht innerhalb von Staatsgrenzen abspielt - was übrigens eine Form des österreichischen Judentums darstellt.
Wie gehen Ihre Söhne mit ihren österreichischen Wurzeln um?
Zwei von ihnen waren hier, und ich denke, beide hat es tief beeindruckt. Der eine ist Anthropologe, der andere wandte sich dem orthodoxen Glauben zu. Ich möchte nicht behaupten, dass das eine unmittelbare Folge ihrer Herkunft ist, aber es ist auf jeden Fall ein positiver Einfluss. Sie haben gelernt, dass das Leben und Lebensgeschichten sehr komplex sein können.
Sie haben Rechtswissenschaften in Yale studiert, waren Berater der amerikanischen Urbevölkerung, Dekan an der Yeshiva University usw. - hat Ihre Biographie Ihren beruflichen Weg in irgendeiner Weise beeinflusst?
Ja, ich denke schon. Es hat mit der Frage zu tun, welche Funktion man dem Gesetz zuschreibt, wie man es interpretiert, wie formal man es betrachtet, wie beständig es ist, wie man sich auf es verlassen kann und will, schließlich auch welche Position man selbst dem Gesetz gegenüber einnimmt. Was die Indianer betrifft, hat mich das Problem der Loyalität, der Assimilation, Identität und der Abgrenzung interessiert. Darüber habe ich geschrieben, und ich denke, dass der Subtext dazu meine eigene Biographie gewesen ist, das Judentum. Da gibt es also Berührungspunkte.
Sie beschäftigen sich auch mit Kommunikationswissenschaft. Worin besteht die Verbindung zwischen Rechts- und Kommunikationswissenschaft?
Ich habe mich immer für Journalismus interessiert, speziell für legistische Strukturen in der Kommunikation. Das war für mich eine Art Ersatz dafür, selbst Journalismus zu betreiben. Das kam aus meiner Familie und war kein Anflug von Romantik.
Was sollen die Leser aus Ihrem Buch lernen, welche Erfahrung sollen sie machen?
Eine Überlegung, die mich lange begleitet hat, ist: Was habe ich durch mein Woanderssein verloren? Und diese Frage könnte sich in den Köpfen der Leser fortspinnen: Was haben sie verloren durch den Verlust der jüdischen Bevölkerung, die emigrieren musste? Das Buch ist eine Art von Konversation mit meinen Lesern, die sonst nicht stattgefunden hätte. Schließlich frage ich mich, wie ich hier aufgewachsen wäre, wer meine Freunde gewesen wären. Daran denke ich, wenn ich die Taborstraße entlang gehe.
Monroe E. Price
Born in Vienna. Versuch einer Annäherung
Drava Verlag
ISBN 978-3-85435-481-9
EUR 24,60