Schrott, Raoul
Wenn es den Horizont nicht gäbe
In seinem Buch "Die Fünfte Welt" (Haymon) erkundet Raoul Schrott ein bislang unerforschtes Gebiet im Dreiländereck von Sudan, Lybien und Tschad. Seine Reise ins Unbekannte gerät auch zur Konfrontation mit der westlichen Zivilisation.
Interview: Ernst Grabovszki
Anzeiger 03/2007
Im Klappentext ist vom "letzten weißen Fleck im Atlas der Erde" die Rede - in Zeiten des globalen Tourismus kaum vorstellbar. Worin lag der Reiz dieses Orts für Sie?
Der Klappentext ist weniger Werbemaßnahme, als faktische Aussage. Das letzte Gebiet, das größer als 50 Quadratkilometer ist, entdeckte man vor 15 Jahren in West-Papua-Neuguinea, vor drei Jahren fand man in Peru einen bis dahin unbekannten Wasserfall. Das Gebiet, das wir im Dreiländereck von Sudan, Lybien und Tschad bereisten, ist wirklich das letzte unerforschte Gebiet. Zweck der Reise war ein wissenschaftliches Survey, also die Erkundung dieses Gebiets, seine Dokumentation. Was ohne die Hilfsmittel von Film, Foto, Karte, Land-, Luft- und Erdbeschreibung nicht erfasst ist, existiert ja letztlich in unserem Weltbild nicht. In diesem Sinn war es also ein Versuch, eine erste Bestandsaufnahme zu erzielen, für die auch ich als Chronist und Berichterstatter eingesetzt war. Gleichzeitig ist die romantische Seite dieses Unternehmens natürlich auch vorhanden: Neuland zu betreten hat immer auch mit Projektionen zu tun - Erwartungen des Utopischen. Mit der wissenschaftlichen Inbesitznahme dieses Fleckens ging zugleich auch eine Epoche von Welterfahrung zu Ende. Das mag überraschend oder überzogen klingen: doch was vor 500 Jahren mit Kompass, Logleine und den portugiesischen Schiffen begann, ist erst jetzt durch die GPS-Geräte abgelöst worden, wobei die Welterfassung durch sie radikal anders ist. Pi mal Daumen konnte man mit Kompass nicht in die Irre gehen - heute ist man von jedem Punkt der Welt aus vernetzt. Die Fünfte Welt war sozusagen der letzte Punkt, der noch nicht davon tangiert war. Unerforscht, eine terra incognita, ist freilich etwas immer nur für uns aus dem Westen, denn die Einheimischen dort kennen und durchwandern die Gegend ja seit Jahrtausenden.
Hat man, wenn man über einen solchen Ort berichtet, ihn also öffentlich macht, eine gewisse Verantwortung gegenüber diesem Ort, weil man etwas öffentlich macht, was vielleicht gar nicht öffentlich sein will? Sie sprechen an einer Stelle von "voyeuristische[r] Übergriffigkeit, die sich nicht um die Einwilligung der anderen Seite kümmert".
Das ist ein Medienproblem, das in diesem Fall das Fernsehen betroffen hat. Man könnte es negativ formulieren und sagen: Das Fernsehen ist ein Boulevardmedium, das bereit ist, Realität für eine gute Geschichte zu opfern. Das ist tatsächlich passiert. Die TV-Crew kam nicht nur mit einem fertigen Drehbuch in dieses letzte unerforschte Gebiet, es wurden auch gerade jene Szenen gedreht, die allen gängigen Wüstenklischees entsprechen: Dünenüberquerungen zuhauf - obwohl wir in einer Felswüste waren. Der Regisseur vor Ort war dann auch nicht der Regisseur, der den Film zuhause dann sehr kreativ zu einer Abenteuergeschichte umkomponierte, in der man sich kaum wieder erkannte. Medienkritik könnte man so genug betreiben. Gleichzeitig aber befriedigen all die 'dokumentarischen' Klischees solcher populären Doku-Fiktionen auch ein menschliches Bedürfnis: Wir begreifen eben die Welt nicht über eine Auflistung von Fakten, sondern über Geschichten. Insofern hat das Fernsehen aus dem, was wir erlebt haben, eine Geschichte konstruiert, die zwar frei erfunden war, aber eben eine Geschichte.
Ihr Buch ist also ein Gegenpol zum Film?
Ja, es ist die eigentliche Dokumentation der Expedition - ich war ja als Berichterstatter für die Expedition angeheuert worden.
Wie kam es denn zu dieser Reise? Wer hat sie initiiert?
Stefan Kröpelin, ein alter Freund von mir, ist Geologe an der Universität Köln, Forschungsstelle Afrika. Ihm bin ich schon einmal in der ägyptischen Wüste begegnet, und wir entdeckten, dass wir uns beide für Almásy interessierten. Vor vier Jahren habe ich schon einmal probiert, mit ein paar Franzosen in diese unerforschte Gegend zu kommen, musste aber umkehren. Stefan hat es ebenfalls versucht und konnte immerhin Autos deponieren, was allein schon aufgrund der Bürokratie eine Sisyphos-Arbeit ist. Dann haben wir zweimal versucht, gemeinsam dorthin zu fahren, aber die politische Lage war zu instabil. 2005 bot sich dann ein günstiges Zeitfenster - wie wir glaubten. In einen Putschversuch gerieten wir trotzdem. Und trotz aller Kritik des Filmischen: es war erst die Finanzierung durch das ZDF, dass diese Reise möglich wurde.
Ist der Exotismus in einer Welt, in der alles bekannt und erforscht zu sein scheint, überhaupt noch vorhanden?
Der Exotismus ist noch da: Im letzten Ort vor der Grenze kam ein tschadischer 'Bezirkshauptmann' - ein älterer Herr mit einer goldenen Uhr, die vor 30 Jahren stehen geblieben war -, um sich bei uns zu beschweren, dass wir uns nicht offiziell angemeldet hätten. Untertitelt wurde er im Film dann als "Der Sultan von Archei". Das sind genau jene Klischees, die man negativ betrachten kann, weil sie ein Bild der Welt verstellen und schematisieren. Auf der anderen Seite sind solche Stereotypen aber auch hilfreich, weil sie eine Brücke zu einer anderen, fremden Welt bauen helfen. Hat man diese Klischees nicht, wird die Distanz zwischen dem Fremden und dem Eigenen vielleicht manchmal zu groß, um sich noch orientieren zu können.
Welche Funktion kann Reiseliteratur heute noch haben?
Zu glauben, dass wir über die Welt verfügen oder sich unser Verhältnis zur Welt geändert hat, ist illusorisch - Gegenwart und Vergangenheit unterscheiden sich in dieser Beziehung nur unwesentlich. Heute quer durch Südamerika oder durch Afrika zu reisen, ist mit den selben Gefahren verbunden wie vor 500 Jahren. Es haben sich nur die Waffen geändert - Maschinengewehre und Minen statt Speere - aber die Kriege sind dieselben. Es gibt keine Route von Kairo bis Tunis, auf der ich ohne Gefahr für Leib und Leben nach Kapstadt käme. In Südamerika ist es inzwischen wieder ein wenig besser. Wenn ich versuche, mit dem eigenen Auto quer durch Asien zu fahren, bekomme ich nicht einmal ein Visum für Turkmenistan, genauso wenig wie für Tatschikistan, Afghanistan oder Kaschmir. Insofern ist die Welt gleich fremd, sind die Inseln der Zivilisation weit voneinander entfernt. Was unter "Tourismus" mit Reisen in Verbindung gebracht wird, hat dabei nichts mit dem Begriff der Erfahrung oder gar der Reise zu tun. Da sind eher moderne Kolonialisationstätigkeiten - es ist ja letztlich egal, ob man nun in Jesolo oder in der Dominikanischen Republik ist. In beiden Fällen verbringt man seine Zeit in einem Ort, der das Westliche importiert hat: in einem mehr oder minder guten Fassadendorf unserer Zivilisation. So betrachtet hat Reiseliteratur durchaus eine Funktion: Sie versucht, uns dieses Fremde wenigstens vom Armstuhl aus zu vermitteln.
Es ist beinah schon ein Klischee geworden, dass Reisen immer auch Selbstfindungen sind. Stimmt das?
Das würde implizieren, dass man sich vorher verloren hat. Das Reisen macht klar, dass die Fremden in der Fremde zuhause sind und man selbst der Fremde ist. In dieser Situation wird man eher mit sich selbst konfrontiert. Dabei merkt man auch, wie dünn das Ich ist, wie banal, wie langweilig, wie wenig raumfüllend. Selbst in Wien würde man es merken, wenn der Tagesablauf nicht mehr aus Routine bestünde. Was würde man den ganzen Tag tun? Man wäre mit einer großen Leere konfrontiert, die zu füllen eine Herausforderung und eine Lust sein kann, oft jedoch auch lästig ist. Die Frage, was zum Teufel einen hierher gebracht hat, stellt man sich beim Reisen häufig.
An der irischen Küste in Cappaghglass ist Christoph Ransmayr einer Ihrer Nachbarn, auch Tomi Ungerer und Jeremy Irons leben dort. Was zieht die Menschen dort hin?
Das heißt nicht, dass wir jeden Abend zusammensitzen. Mein Aufenthalt dort hat sich aus mehreren Zufällen ergeben. Als ich hinzog, wusste ich, dass ich einen Roman, Tristan da Cunha, schreiben wollte. Weil es schwierig ist, auf Tristan da Cunha zu leben und zu arbeiten, habe ich einen Ort gesucht, dessen Landschaft ähnlich ist - und ihn dann vor demselben Atlantik auch geschrieben. Ich mag Irland sehr gern. An einem klaren Tag kann ich fast bis nach Neufundland sehen - wenn es den Horizont nicht gäbe.
Sie haben ein Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft absolviert und sich in diesem Fach auch habilitiert. Es geht in dieser Wissenschaft um Horizonte, um Grenzen. Inwiefern beeinflusst dieser Hintergrund Ihr Schreiben?
Wenn ich sagen müsste, welches Interesse zuerst da war, wüsste ich es nicht. An der Vergleichenden Literaturwissenschaft und an der Poesie hat mich das gleiche interessiert: Kulturkontakte und Kulturtransfers. Ein gutes Beispiel dafür ist das, was wir für den Code unserer höfischen Minne halten - und damit letztlich immer noch unserer Vorstellung der Liebe heute. Was wir an Romeo und Julia sehen, stammt aus dem arabischen Raum, ohne dass man sich dieses Imports bewusst wäre. Diesen Wurzeln nachzugehen, ist interessant: Man zeigt dabei auf, wie Ideen sich verbreiten - quasi als kulturelle Viren, die auch mutieren und andere Formen aufnehmen können.
Sie waren vor rund 20 Jahren Sekretär des französischen Philosophen Philippe Soupault. Was tut man als Sekretär von Philippe Soupault?
Ich war neugierig. Ich mochte die Surrealisten und Dadaisten sehr. Nachdem ich als junger Mensch erfahren hatte, dass ein Surrealist noch am Leben war, besuchte ich ihn: ich wollte ja einmal einen richtigen lebendigen Dichter kennen lernen, sehen, was ein Dichter ist. Und auch dem vorletzten Jahrhundert gleichsam die Hand schütteln. Ich habe ein paar seiner Bücher zum Signieren und eine Flasche Rotwein genommen und bin bei Soupault aufgetaucht. Und so hieß es dann, nachdem ich meinerseits alles dichterische Genie ausgiebig bestaunen durfte - es würde jemand gebraucht, der den Nachlass ordnet, Briefe erledigt, übersetzt, aber auch staubsaugt und einkauft. Für mich war das natürlich die interessanteste Zeit. Ich bekam von all den Figuren erzählt, von denen ich bislang nur gelesen hatte. André Breton, Max Ernst wurden so auf ganz andere Art wieder lebendig - und ich in die Archive der Dadaisten und Surrealisten eingeführt. Wobei ich ganz zum Schluss draufkam, dass die Dadaisten zwei Jahre in Tirol verbracht hatten, in meiner unmittelbaren Heimat - woraus mein erstes Buch entstanden ist. So ging letztlich meine Schriftstellerkarriere los.
Die Fünfte Welt ist bei Haymon und nicht bei Hanser erschienen. Wie ist Ihr Verhältnis zu diesen beiden Verlagen?
Mein Verhältnis zu beiden Verlagen ist ein äußerst angenehmes. In diesem Fall war es ein großes Vergnügen, zum 25-Jahr-Jubiläum von Haymon ein Buch beizusteuern. Ich werde Hanser damit nicht untreu, aber Haymon ist ein Verlag, bei dessen Aufbau ich beteiligt war und der mir große Freude bereitet hat, weil man dort in aller kreativen Freiheit sehr schön gestaltete Bücher machen konnte. Haymon hat ein gutes Programm etabliert, und mich hat gefreut, dass man auch in der so genannten Provinz Qualität machen kann und wahrgenommen wird. Insofern ist das Tirolerische an mir auch mit einem gewissen Stolz verbunden - sage ich mit einem Lachen.
Raoul Schrott
Die Fünfte Welt. Ein Logbuch
Fotos von Hans Jakobi
Haymon Verlag
ISBN 978-3-85218-524-8
EUR 17,40