Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Gauß, Karl-Markus

Etwas Kluges

In "Zu früh, zu spät" (Zsolnay) reflektiert Karl-Markus Gauß persönliche und öffentliche Themen der Gegenwart und Vergangenheit. Der Autor im Gespräch über das Journal als literarische Form und das Schreiben als Sucht.

Interview: Ernst Grabovszki
Anzeiger 03/2007


Zu früh, zu spät
ist nach Mit mir, ohne mich und Von nah, von fern ein drittes Buch, in dem Sie einen bestimmten Zeitraum Ihres Lebens reflektieren. Inwiefern nehmen Sie hier einen persönlicheren Standpunkt ein als in anderen Büchern?
Die Gattung des Tagebuchs oder Journals legt einen persönlichen Standpunkt nahe. Ich unterscheide mich aber den von meisten Journal-Autoren dadurch, dass ich auch meine Tagebücher stark komponiere und literarisch gestalte. Das bedeutet, dass ich nicht vom ersten bis zum letzten Tag mitschreibe und meinen Text ungefiltert wiedergebe. Aus dem großen Konvolut an Aufzeichnungen greife ich bestimmte Themen heraus und verknüpfe sie dann. Der Unterschied zu einem Essay liegt darin, dass er etwas sehr Stringentes aufweisen muss, einen gedanklichen Sog, dem man folgen kann. Das Journal hingegen bietet mir die Möglichkeit, Dinge, die mich interessieren, immer wieder aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Es handelt sich in der Regel um Eintragungen im Umfang einer halben bis drei Seiten, und jedes Mal, wenn ich neu ansetze, kann sich meine Perspektive um einige Grad verschieben. Das ist eine offene und damit nicht zu dogmatische oder ideologische Form, wie es beim Essay oft der Fall sein kann, der gelegentlich zum Traktat neigt. Das widerspricht zwar nicht meinem Charakter, aber manchmal widerspreche ich mir auch: nach 50 Seiten etwa greife ich ein Thema noch einmal auf, setzte es aber nicht linear fort, sondern verschiebe die Perspektive, auch meine eigene Stimmung dazu, und darin liegt ein Unterschied zum Essay. Das soll nun nicht heißen, dass mein Journal keine essayistischen Passagen enthält.

Würden Sie Zu früh, zu spät tatsächlich als Tagebuch bezeichnen?
Ich habe Wert darauf gelegt, dass das Buch weder den Untertitel "Journal" noch "Tagebuch" trägt, wenngleich die beiden Begriffe eigentlich dasselbe bedeuten. Es ist ein Versuch, aus den Dingen, die mich beschäftigen - Weltpolitik, Fernsehen, Freundeskreis, Familie usw. - weniger ein Gesamtbild der Epoche als vielmehr des Versuchs, mich in dieser Epoche geistig, moralisch und intellektuell zu behaupten, zu machen. Das ist der Grund, warum ich diese Form von Tagebuch schreibe. Vom klassischen Tagebuch ist nur so viel übrig geblieben, dass ich mir täglich ein paar Notizen mache. In den weiteren Arbeitsschritten wird viel gestrichen und umgestellt. Ich schreibe also nicht "5. Februar: starker Regen", und diese Wetterlage muss dann auch nachweisbar geherrscht haben. Weil es aber für das Bild dieses Monats oder dieser Phase gepasst hat, schreibe ich es dennoch. Das ist noch nicht rein fiktiv wie in einem Roman, wenngleich Klaus Zeyringer in einer Rezension gemeint hat, ich nähere mich mit diesem Buch der Form des französischen Romans des 18. Jahrhunderts an, der von Autoren geschrieben wurde, für die unter anderem auch das Reisen im Sinn einer Lebensreise eine Rolle gespielt hat. Solche Reisen bedürfen mitunter gar keiner Ortsveränderung. Mein Buch ist kein Roman, sondern eher eine eigenartige literarische Form, die ich mir allerdings nicht anhand von Vorbildern als vielmehr selbst erarbeitet habe, um dorthin zu kommen, wo meine Stärke liegt. Was mich zum Schreiben drängt, sind bestimmte Themen, aber auch die Möglichkeit, verschiedene Genres zu verbinden. Das Buch enthält Anekdoten, die eine oder andere Erzählung, literarische Portraits, historische Exkurse, politische Polemiken, angeblich, wie in einer Rezension zu lesen war, auch Aphorismen, Nekrologe, Naturschilderungen und Stadtporträts. Diese lockere Form bietet mir die Möglichkeit, verschiedene literarische Formen zu probieren und einzusetzen. Es darf sich freilich nicht in Beliebigkeit zerlaufen, sondern muss über das, was ein Journal zulässt, komponiert und gestaltet sein.

Mir scheint, als seien die aktuellen Ereignisse und Themen, die Sie aufgreifen, auch Anlass für Reflexionen über Vergangenes. Wie wichtig ist Ihnen dieses Abschweifen und Assoziieren?
Sehr wichtig, weil ich glaube, dass unsere Vergangenheit schrumpft, es sei denn, man begibt sich in schön hergerichtete Museen. Die Erfahrungen früherer Generationen, ihre Wünsche, Träume, Niederlagen und Hoffnungen, gehen jedoch zusehends verloren. Wir befinden uns in einem permanenten Löschvorgang. Zum Schluss bleibt nur die hauchdünne Schicht des heutigen Tages über. Ich möchte mich aber nicht nur als heutigen Menschen begreifen, sondern als jemand, für den nicht nur die persönliche Vergangenheit eine Rolle spielt, sondern die gesamte Menschheitsgeschichte. Ich versuche, davon möglichst viel nicht archivarisch aufzubewahren, sondern zu dem in Beziehung setzen, was ich heute erfahre.

Warum lag es nahe, Mit mir, ohne mich fortzusetzen?
Dahinter steckt ein bestimmter Suchtcharakter. Ich hatte das Gefühl, dass mir diese Art des Schreibens liegt, wobei sich das Programm geändert hat. Mit mir, ohne mich war viel politischer, Von nah, von fern enthielt weit persönlichere Themen. Ich glaube, dass das die Form ist, die mir die Möglichkeit bietet, so gescheit zu sein wie ich gescheit sein kann. Wenn ich nicht schreibe, fange ich sofort an zu verblöden. Das mag kapriziös klingen, aber es ist tatsächlich so. Wenn ich über eine Erfahrung schreibe, wird sie mir klarer. Die Mühe des Schreibens muss ich mir also machen, damit ich mir über diese Erfahrung auf einem Niveau, das ich gerade noch erreiche, klar werden kann. Ich bin beim Schreiben gescheiter und humaner als sonst, weil ich mich von meinen eigenen Ressentiments und Vorurteilen befreien kann. Wenn ich also mit dem Schreiben aufhörte, würde ich geistig und moralisch abbauen.

Und beim Reden?
Beim Reden sagt man gelegentlich etwas Kluges, es ist aber flüchtig und setzt sich nicht so sehr in mir fest wie wenn ich es geschrieben hätte. Dann nämlich falle ich sehr selten hinter das Niveau zurück, das ich durch das Schreiben erreicht habe. Die Form des Tagebuchs bietet sich in diesem Fall besonders an.

Mit mir, ohne michhat seinerzeit eine Reaktion von Luc Bondy hervorgerufen, der ein Exemplar des Buches nach Ihnen geworfen hat. Bücher können also doch etwas bewirken?
Diese Wirkung war natürlich nicht erwünscht, und die Sache mit Bondy ist längst ausgeräumt. Er fand seine Reaktion selbst überzogen, und ich hege keinen Groll gegen ihn. Natürlich schreibe ich mitunter Dinge, die manchem wehtun, mache das aber ohne schlechtes Gewissen, weil ich glaube, dass ich im Moment des Schreibens recht habe. In jedem Buch gibt es zwei, drei Stellen, die Anlass zu einer gerichtlichen Klage geben könnten, die ich aber nie voraussagen kann. Auch in Zu früh, zu spät gibt es Stellen, bei denen ich mir vorstellen kann, dass der, der gemeint ist, zum Telefonhörer greift, um mit seinem Rechtsanwalt darüber zu sprechen. Wenn dann einmal Reaktionen kommen, kommen sie von Personen, mit denen ich nicht gerechnet habe. Erfreulicherweise gibt es natürlich auch eine Reihe von positiven Reaktionen, und damit meine ich nicht nur Rezensionen oder Verkaufszahlen. Ich bekomme auch immer wieder Post von Lesern, die mir schreiben, dass sie in meinen Büchern Erfahrungen entdecken, die sie in ähnlicher Weise gemacht haben. Am meisten freut mich die Reaktion, die mir zwar nicht recht gibt, aber die Lektüre als wichtig ausweist. Das hängt, glaube ich, mit der Form des Journals zusammen, weil sie es ermöglicht, den Leser Zeuge der Verfertigung meiner Gedanken sein zu lassen. Die Reflexion diese Gedankengangs kann also sehr anregend sein, auch wenn der Leser meine Meinung nicht teilt. Ich denke, dass ich von Lesern geschätzt werde, die in politischer und künstlerischer Hinsicht nicht meiner Auffassung sind. Das halte ich für eine Qualität von Literatur generell, weshalb ich selbst auch gern solche Bücher lese, die meine eigenen Meinungen nicht bestätigen. Ein gutes Buch besitzt die Fähigkeit, mit seinem Leser einen Gedankengang nachzuvollziehen, seine Welt aber ein wenig zu verfremden.

Hat die Arbeit an diesen Büchern Ihr essayistisches Schreiben in irgendeiner Weise beeinflusst?
Ich habe mit klassischen Essays begonnen, während ich mich mittlerweile bei den Essays, die ich jetzt schreibe, ein wenig zurücknehmen muss, indem ich mir die Grenzen zwischen Tagebuch und Essay bewusst mache und beispielsweise allzu Persönliches eliminiere. Meine Hauptaufgabe beim Schreiben ist das Kürzen. Nachdem ich viel und jeden Tag schreibe, könnte man meinen, mir ginge die Arbeit leicht von der Hand, was nicht stimmt, der erste Entwurf vielleicht ausgenommen. Selbst kleinere Literaturkritiken überarbeite ich mehrmals. Bei Zu früh, zu spät habe ich alle Arbeitsvorgänge aufgehoben, was nicht einfach ist, wenn man auf einem Computer schreibt. Von jedem Kapitel existieren zwischen neun und elf Fassungen.

Apropos viel und jeden Tag schreiben: Zwingt einen der ökonomische Druck an den Schreibtisch?
Der ökonomische Druck ist bei Büchern weniger vorhanden, weil mich die Verkaufsziffern nicht reich werden lassen. Ich verfasse viel Tagespublizistik, die ich auch dann schreiben würde, wenn ich materiell sorgenfrei leben könnte, freilich nicht in diesem Tempo. Vor vier Jahren ist eine Dissertation über mich erschienen, in der festgestellt wurde, dass ich mittlerweile 1.600 Rezensionen für deutsche und Schweizer Zeitungen verfasst habe. Das hat mich zwar gefreut, aber wenn es in den nächsten 25 Jahren nur 400 wären, würde mir das auch reichen. Die Bücher schreibe ich nicht des Geldes wegen, wenngleich ich mit den Reisebüchern doch gewisse Auflagen erreiche. Aber die Bücher würde ich auch schreiben, wenn ich damit nichts verdienen könnte.

Sie schreiben keine fiktionale Literatur, dennoch sind die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit gelegentlich fließend. Wie halten Sie es mit der Fiktion?
Ein Romanautor schreibt Fiktion und baut Fakten ein, um bestimmten Dingen eine faktische Grundlage zu verleihen. Bei mir ist es umgekehrt: Ich verfasse faktische Texte, baue aber zunehmend Fiktionales ein - auch in die Reisebücher -, aber nie um mich über etwas hinwegzuschwindeln oder um eine andere Ebene des Fiktionalen zu erreichen, sondern das zu beglaubigen, was die Fakten sonst nicht auszudrücken imstande sind bzw. aus den Fakten das gesamte Potential, das in ihnen steckt, herauszutreiben. Ein Beispiel, für das ich übrigens auch kritisiert worden bin: Für mein Buch Die Hundesser von Svinia bin ich mehrere Male nach Svinia gefahren. Im Buch schildere ich, wie ich das erste Mal ins Land komme: Es regnete, die Landstraße war grau, Autoreifen brannten. Das gab es auch wirklich: Es hat oft geregnet, die Atmosphäre war so, wie ich sie schildere. Aber an jenem Tag, als ich zum ersten Mal ankam, strahlte die Sonne. Aus kompositorischen Gründen und um das, was real in Svinia vorhanden ist, besser herauszubringen, habe ich den Regen, den ich eine Woche später erlebt habe, und andere Details vorgezogen. Das ist Fiktion im Dienst des Faktischen. Etwas anderes wäre es freilich gewesen, wenn ich die Geschichte ganz erfunden hätte.

Sie schreiben in Ihrem Buch: "Zur Jury, die das schönste deutsche Wort finden soll, gehören die Kritikerin Löffler, der Autor Kracht und andere, die es unsuper fänden, wenn etwas entschieden würde und sie dabei fehlten. Dabeisein ist erste Intellektuellenpflicht. Macht, so lächerlich beschränkt ihr Revier sein mag, ist Präsenz, sie besteht aus der Befugnis, anwesend zu sein, und sei es nur in einer Jury für das Superwort [...]." Nun sind Sie selbst Mitglied der Jury des Deutschen Buchpreises geworden. Die Jury soll den "besten deutschsprachigen Roman" ermitteln. Wie geht es Ihnen mit so einem Anspruch?
Ich mache aus zwei Gründen mit: Ich habe zwar in Österreich eine gewisse Präsenz, bin aber in keinen Jurys vertreten und trete selten öffentlich auf. Ich wollte einfach wissen, wie so etwas abläuft. Und ich habe mir ein Arbeitsziel gesetzt, das ich aber nicht zwanghaft verfolge: Wenn es nämlich schon so einen Preis gibt, muss er meines Erachtens vor zwei Entwicklungen bewahrt werden, nämlich dass er der deutsche Prix Goncourt oder der deutsche Booker Prize wird. Seit 40 Jahren teilen sich einige wenige Verlage diese Preise, und das sollte in Deutschland nicht passieren.

Und welche inhaltlichen Kriterien sind Ihnen wichtig?
Dazu kann ich noch wenig sagen, weil die Jury ihre Arbeit noch nicht aufgenommen hat. Es erscheinen hunderte Romane, kein Mensch kann sagen, dass er bis September einige hundert deutsche Romane gelesen haben wird. Wir werden uns bestimmte Dinge aufteilen, und als Literaturkritiker und Herausgeber eine Literaturzeitschrift bin ich diesbezüglich nicht ganz unbeleckt. Ich muss also nicht jeden Roman bis Seite 240 lesen, um zu wissen, ob er etwas taugt.

Setzen Sie Ihre Journal-Reihe fort?
Damit stoßen Sie in eine Wunde. Als Von nah, von fern erschien, habe ich angekündigt, dass ich diese Form bis zu meinem Tod weiterschreiben würde. Nun bin ich leicht abergläubisch. Und mit Zu früh, zu spät habe ich mich schwer getan, am längsten zu arbeiten gehabt, nicht zuletzt weil ich Autobiographisches verarbeitet habe. Nun müsste ich also schon längst weiterschreiben, denn sonst ist meine Ende nahe. Andererseits habe ich mein Programm ein wenig verändert. Die Datierungen etwa sind zunehmend zu einem Hindernis geworden, sodass sie in den folgenden Büchern nicht mehr so wichtig sein werden. Ich werde also nicht mehr alle zwei, drei Jahre ein Journal abliefern, und ich werde übrigens auch nie so weit gehen wie Canetti, der einige sehr kryptische und aus dem Zusammenhang gerissene Aufzeichnungen gemacht hat und man sich fragt: Ist das geistreich, höherer Blödsinn oder hermetische Lyrik?

Ich könnte mir denken, dass es immer schwieriger wird, einen Titel zu finden ...
Das stimmt. Ein guter Freund sagte mir: Schreib bitte noch ein Buch, So weit, so gut.

Karl-Markus Gauß
Zu früh, zu spät. Zwei Jahre
Paul Zsolnay Verlag
ISBN 978-3-52-05397-7
EUR 25,60



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