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Lendvai, Paul

Ungarisch


Vor fünfzig Jahren lehnten sich die Ungarn gegen das kommunistische Regime auf. Paul Lendvai schildert in seinem Buch "Der Ungarn-Aufstand 1956. Eine Revolution und ihre Folgen" (C. Bertelsmann) die Ereignisse in jenem Herbst.

Interview: Ernst Grabovszki


Sie waren 27 Jahre alt, als der Ungarn-Aufstand 1956 stattfand, waren als politisch Unzuverlässiger 1953 für acht Monate verhaftet und interniert gewesen. Mit welchen Gefühlen, Ängsten und Hoffnungen haben Sie den Herbst 1956 in Ungarn erlebt?
Mit sehr großen Hoffnungen. Schlimmer als die Verhaftung war, dass ich mit einem Berufsverbot belegt war. Im September 1956 wurde ich vor einem Ausschuss des Journalistenverbands rehabilitiert. Ich wollte zur Zeitung Esti Budapest, deren Chefredakteur ebenfalls im Gefängnis gesessen war. Dort begann ich also zu schreiben. Ich war seit zwei Jahren von meiner Frau getrennt und wohnte bei meinen Eltern. Natürlich hatte ich kein Geld. Mein Auslangen fand ich mit Übersetzungen und Fahnenkorrekturen. Es war keine lustige Zeit, aber man war jung und hat gehofft. Diese Explosion am 23. Oktober 1956 hat niemand erwartet. Man dachte, es würde einen sanfteren Kurs geben.

Eine der Vorbedingungen des Aufstands war auch der XX. Parteitag der KpdSU, an dem Chruschtschov die Verbrechen Stalins offen legte. Hat man das als Chance für eine Veränderung wahrgenommen?
Das war eine Sensation, wenngleich sie stückchenweise kam. Man hat nur gewusst, dass Chruschtschov gesprochen und einige Informationen verkündet hatte. Dann hat man die Rede in Teilen vor geschlossenen Parteiaktiven vorgelesen. Man hörte also einiges, und es war klar, dass etwas Großes passiert. Für Ungarn war aber auch das Verhältnis zu Jugoslawien wichtig, die Versöhnung zwischen Tito und Chruschtschov, weshalb dann der „ungarische Stalin“ Rákosi stürzen musste. Diese Beziehung hat bei der Schwächung des Systems eine wichtige Rolle gespielt. Ich habe in diesem Zusammenhang immer wieder einen Satz von Alexis de Tocqueville zitiert, dass der gefährlichste Moment für ein schwaches Regime dann kommt, wenn es sich zu bessern trachtet.

Einige Ereignisse in der Geschichte zeigen, wie zerbrechlich das kommunistische System gewesen ist: der Arbeiteraufstand in der DDR 17. Juni 1953, der Ungarn-Aufstand 1956, der Prager Frühling 1968. Wie gefährdet war der Kommunismus bereits in diesen Jahren?
Das kommunistische System war tatsächlich zerbrechlich, aber man kann diese Dinge nicht vergleichen. Der 17. Juni war ein Arbeiteraufstand gegen Arbeitsnormen. Der Prager Frühling war ein Umbruch in der Partei selbst. Der Ungarn-Aufstand hingegen war der einzige bewaffnete Aufstand während der ganzen kommunistischen Ära, der erfolgreich war. Das zeigte nicht nur die Zerbrechlichkeit des kommunistischen Systems, sondern auch den Zynismus und die Heuchelei des Westens. Der Premierminister de Gaulles, Michel Debré, hat den Prager Frühling als Verkehrsunfall bezeichnet.

Wie stark war denn der antikommunistische Wille in der ungarischen Bevölkerung noch nach dem Aufstand?
Sehr stark. Die Arbeiterräte, die Arbeiter, das ganze Volk hat diese Führung boykottiert, vor allem nachdem Imre Nagy verschleppt worden war. Als mit den ersten Hinrichtungen, Verhaftungen und Entlassungen alles klar wurde, gab es keinen Ausweg mehr.

Wenn man sich in die Rolle der Sowjetunion versetzt: Konnte man sich nicht eigentlich denken, dass gewaltsame Niederschlagungen von Freiheitsbemühungen keine Dauerlösung sein konnten?
Über diese Frage hat man sehr viel diskutiert. Was sind die Ursachen? Müssen solche Bemühungen im Zentrum anfangen oder am Rand – mit anderen Worten: in den Blockstaaten oder in der Sowjetunion selbst? Die Anfänge machten die DDR, Ungarn, Polen, Tschechien. Aber die Entscheidung kam mit dem Umschwung in Moskau. Gorbatschow wollte weder die Sowjetunion noch den Block zerstören. Er wollte sie retten, reformieren, aber jeder Versuch führte zum Zusammenbruch. Es gibt eine klare Linie vom Ungarnaufstand zur deutschen Einheit. Es waren 1989 die Reformkommunisten, die 1956 durchgemacht und aus den Ereignissen gelernt und dann veranlasst hatten, dass die Menschen aus der DDR über Ungarn nach Österreich flüchten konnten. Das war der Anfang vom Ende der deutschen Teilung. Das setzte wiederum eine Kettenreaktion in Gang. Ungarn hat also auch 1989 eine schicksalhafte Rolle gespielt.

Man hat in diesem Jahr in Büchern und Ausstellungen dem Aufstand gedacht und auch die Rolle Österreichs als "Gastland" reflektiert. Wäre Österreich heute ähnlich hilfsbereit?
Die Frage stellt sich nicht, weil es heute eine Situation wie damals nicht gibt, dennoch glaube ich, dass man mit einer solchen Hilfsbereitschaft nicht mehr rechnen darf. Man muss auch sagen, dass Österreich tschechische, slowakische, polnische, bosnische, albanische Flüchtlinge aufgenommen hat. Aber es herrschte keine Jubelstimmung. In dieser Hinsicht war 1956 ein einmaliges Ereignis. Dazu kam ein Gefühl von Dank dafür, dass Österreich das erspart blieb, was die Ungarn durchmachen mussten. Die Freude, dass man helfen konnte, Mut – es war eine unglaubliche Zeit. Zehntausende Österreicher hatten noch keine Unterkunft. Inzwischen sind nicht nur 50 Jahre vergangen, sondern das Land hat auch große Veränderungen erlebt. Heute werden Flüchtlinge nicht mehr nur als politische Flüchtlinge, sondern als Migranten betrachtet, als Leute, die besser leben wollen. Sie kommen, ohne je vorher Kontakt zu dem Land, in das sie gehen, gehabt zu haben. Das ist freilich kein österreichisches Phänomen, sondern ein europäisches, wenn nicht globales. Wenn Flüchtlinge heute die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen, sind sie nicht dankbar, weil sie fühlen, dass sie nicht wirklich willkommen sind. Hier wie auch in Europa ist es kälter, die Stimmung ist schlechter geworden. Natürlich gibt es auch die andere Seite: Was hat etwa Anna Netrebko mit Österreich zu tun, dass sie die österreichische Staatsbürgerschaft im Handumdrehen bekommt? Damit sie schneller über die Grenzen kommt und noch mehr Geld verdienen kann? Ich finde es ungerecht, wenn Menschen einen österreichischen Reisepass bekommen, die kein Wort Deutsch sprechen.

Sie haben in Ihr Buch nicht nur Ihre persönlichen Erlebnisse eingearbeitet, sondern auch neue Forschungsergebnisse und Archivmaterial. Welche Ergebnisse waren das und wie haben sie das bisherige Bild des Aufstands zurechtgerückt?
Ich habe meine eigenen Erlebnisse nur deshalb eingebracht, weil mich der Verleger ausdrücklich gebeten hat. Dieses Buch war für mich ein großes Erlebnis, auch weil mittlerweile Dokumente zur Verfügung stehen, die nur auf Ungarisch oder Russisch verfasst sind: über die Verhandlungen in Moskau, wie die Entscheidungen zustande kamen, aber auch über die wesentlichen Personen in Ungarn. Man konnte sehen, dass es auch innerhalb der einzelnen Gruppen sehr dramatisch zuging, wie unglaublich hinterhältig sich die Jugoslawen verhalten haben. Man konnte über die Illusionen, die Doppelzüngigkeit der amerikanischen Politik erfahren. Über die Menschen konnte man aus diesem Archivmaterial sehr viel lernen. Mir ist wichtig, dass dieses Buch nicht Partei ergreift, sondern dass es dem Leser die Ereignisse in Ungarn 1956 erklärt. Es ist ein offenes und – wenn das nicht zu hoch gegriffen ist – ehrliches Buch.

Sie leben seit 1957 in Österreich und haben seither für zahlreiche Zeitungen und Rundfunkanstalten gearbeitet. Wie wichtig ist es gerade heute nach der EU-Erweiterung Fragen, die Ost- und Mitteleuropa betreffen, zu vermitteln?
Sehr wichtig. Was mich stört, ist der karitative Blick, den wir vom Westen in den Osten werfen. Die österreichischen Banken und Unternehmen etwa verdienen eine Menge Geld in osteuropäischen Staaten. Das geschieht nicht aus karitativen Gründen, sondern weil man Gewinn erzielen will. Das hilft natürlich, in Österreich Jobs zu erhalten, und es ist in Österreichs elementarstem Interesse, dass in der Nachbarschaft stabile Verhältnisse herrschen. Was wäre, wenn wir anstelle von Slowenien Bosnien oder Kosovo als Nachbarn hätten. Außerdem ist es wichtig, weil man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen kann, die längst vergangen sind. Man muss über diese Länder etwas wissen. Dazu kommt, dass Ungarn ein etwas anderes Image hat als andere osteuropäische Länder. Es gibt aber eine ganz besondere Beziehung zwischen Österreich und Ungarn, auf politischer und auf menschlicher Ebene. Das bedeutet nicht, dass man ignorant sein darf. Es ist für ein Land in der Position Österreichs sehr wichtig, dass man nicht nur über die Globalisierung, die EU und Deutschland spricht, sondern auch seine Nachbarländer kennt. Der fünfzigste Jahrestag des Ungarn-Aufstands wird in Österreich im Vergleich zu Deutschland viel stärker bedacht.

Vor welchen Problemen steht Ungarn heute?
Die Lage ist deprimierend, weil die innenpolitischen Spannungen, die hasserfüllten Polemiken mit dem fünfzigsten Jahrestag zusammenfallen. Anstatt Lehren aus dieser Tragödie zu ziehen, benützt vor allem die rechtskonservative und extrem rechte Seite dieses Ereignis als Abrechnung mit einem unsichtbaren Gegner, manipuliert und instrumentalisiert für politisches Kleingeld. Ungarn ist ein freies, demokratisches, unabhängiges Land. Damals war es eine unfreie Diktatur im Dienst einer fremden Macht. Man muss die Vergangenheit aufarbeiten, aber die Dinge richtig sehen. Merkwürdigerweise feiert man im Ausland würdiger und dem Anlass entsprechender als in Ungarn. In den innenpolitischen Auseinandersetzungen spürt man leider Hass. Das Erbe von 1956 sollte aber nicht Hass predigen, sondern um Verständnis werben, wie das in Österreich nach 1945 war. Das ist der große Unterschied.

Sie schreiben im Vorwort, der „Triumph und die Tragödie des Ungarnaufstandes“ hätten Sie in mehrfacher Hinsicht entscheidend geprägt. In welcher Hinsicht?
Wer verlässt von einem Tag auf den anderen seine Eltern, seine Freunde, seine Wohnung, seine Heimatstadt, seine Vergangenheit, fast ohne Sprachkenntnisse, aber ohne Beruf und fängt ein neues Leben an? Zweihunderttausend Ungarn haben das getan. Viele waren jung. Für mich war es entscheidend, denn ich war ein junger Journalist, der damals schon viel durchgemacht hatte. Ich hatte Gefängnis, Internierungslager hinter mir, wurde als 15-Jähriger und später während der Kämpfe fast umgebracht. Ich habe mich gemeinsam mit anderen hier eingelebt. Niemand hat mich gezwungen zu flüchten. Ich war ein politisch Verfolgter des Regimes, hätte ein Botschafter oder ein Chefredakteur sein können, aber ich konnte und wollte nicht mit der Lüge leben. Ich hatte nicht einmal einen Koffer und musste mir einen von einem befreundeten Schauspieler leihen. Danach habe ich sehr hart gearbeitet: Ich musste konkurrenzfähig in Fremdsprachen werden. Ich hatte Glück, dass ich in Österreich Freunde und gute Aufnahme fand. Nicht alle konnten das von sich behaupten.


Paul Lendvai
Der Ungarn-Aufstand 1956. Eine Revolution und ihre Folgen
C. Bertelsmann
ISBN 3-570-00579-8

Paul Lendvai, geboren in Budapest, lebt seit 1957 in Wien. Er war 22 Jahre Wiener Korrespondent der "Financial Times", 1982 Chefredakteur der Ost- und Südosteuropa-Redaktion des ORF, von 1987 bis 1998 Intendant von Radio Österreich International. Honorarprofessor (1980) und seit 2003 Fellow des Centrum für angewandte Politikwissenschaft (München). Paul Lendvai ist Mitherausgeber und Chefredakteur der internationalen Vierteljahreszeitschrift "Europäische Rundschau" und Leiter des TV-Europastudios des ORF.

 




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