Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Demetz, Peter

Böhmisch


In seiner Essay-Sammlung "Böhmen böhmisch" (Zsolnay) beschäftigt sich Peter Demetz mit Politik und Kultur einer versunkenen Welt – und mit sich selbst.

Interview: Ernst Grabovszki
 

Welche Vorstellungen von "Böhmen" kursieren Ihrer Erfahrung nach heute noch?
"Böhmen" ist ein historischer Begriff, der aus der Vorstellungswelt verschwunden ist, weil er keine Funktion hat. Böhmen war einmal das Land verschiedener Gesellschaften, um nicht zu sagen Völker. Das hat sich radikal verändert. Man spricht heute von der "Tschechei", was in meinen Ohren schlecht klingt, denn das Suffix "-ei" ist eigentlich negativ. Ich spreche lieber von den böhmischen Ländern oder der tschechischen Republik. Böhmen hingegen spielt keine Rolle mehr. In Wien hat sich das „Böhmakeln“ lange erhalten, das schon bei Nestroy vorkommt und für das Kabarett der Nachkriegszeit eine bedeutende Rolle spielte. Es wurde zu einer Art Kabarettsprache, ein bisschen herablassend, ein bisschen vertraulich, aber auch schon ohne sozialen Hintergrund. Ich betrachte das „Böhmische“ also als historisch und versuche in dem Buch herauszufinden, was denn Böhmisches war, was vielleicht nachwirkt.


Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Essays für diesen Band ausgewählt?
Die Gesichtspunkte sind nicht klar, weil ich mir selbst im Lauf der Zeit viele Fragen gestellt habe. Ich hatte keinen Plan, wie etwa bei meinem nächsten Buch, in dem es um Prag unter der deutschen Okkupation 1939 bis 1945 gehen wird. In diesem Buch wollte ich über bestimmte Fragen, auf die ich im Lauf der Zeit gestoßen war, mehr erfahren: literarisch, philologisch, politisch ...

Die Essays beziehen sich, mal stärker, mal schwächer, auf Ihre eigene Biographie, auf Ihre Lektüren als Jugendlicher, auf Ihre Bekanntschaften und Freunde, die sie als Lesende, Schriftsteller und Übersetzer beschreiben. Wodurch war Ihr Lebensweg, der später der Literatur gewidmet war, vorgeprägt?
Meine Vorprägungen waren familiärer Natur: In meiner Familie hat man zwei Sprachen gesprochen, im Hintergrund noch zwei weitere Sprachen, dazu kam die literarische Einstellung meines Vaters, die literarischen Freunde der Familie wie Johannes Urzidil oder Paul Kornfeld und schließlich die Bibliothek meines Vaters, die gewissermaßen meine Knabenzeit beherrscht hat. Viele Bücher daraus habe ich gelesen, mit einigen ging ich zum Antiquar und habe sie verkauft, um ins Kino zu gehen.

Sie leben seit über 50 Jahren in den USA. Auf dem Cover Ihres neuen Buches steht: "Böhmen – seiner Heimat – entkam er nie." Stimmt das?
Ich glaube schon. Ich habe so vieles geschrieben und gelehrt, das mit der Heimat überhaupt nicht zusammenhing. Aber Prag hat mich dann immer wieder eingeholt. Ich will nicht mit Slogans wie „frühes Trauma“ herumwerfen, aber etwas, was man erlebt hat, wirkt nach.

"Eine Prager Buchhandlung – 1943" ist Teil eines neuen Buches. Worum wird es gehen?
Das Buch erscheint in New York, wo ich eine sehr strenge Lektorin habe, die das Manuskript immer noch mehr bearbeitet haben will. Sie sagt: Sie müssen mehr über Politik schreiben, die Menschen wissen doch gar nichts. Es wird aber bereits ins Deutsche und Tschechische übersetzt. Ich finde es gut, dass die Menschen eine Stimme hören, die nicht nationalistisch ist.

Sie waren zehn Jahre lang Mitglied der Bachmann-Jury. Inwiefern brauchen Literatur und Kritik ein solches öffentliches Forum?
Es war damals notwendig, weil das Verhältnis von Literatur und Öffentlichkeit immer schwieriger wird. Bei der Gruppe 47 wusste man, wer als Talent auftauchen würde, und es wurde gewissermaßen öffentlich verhandelt. Nachdem sich die Gruppe 47 aufgelöst hatte, fehlte gerade diese Art der Auseinandersetzung. Die Klagenfurter Tage der Literatur wirken in anderer Funktion, aber in dieselbe Richtung, nämlich Literatur zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen.

Welche Rolle spielt die deutschsprachige Literatur in den Vereinigten Staaten?
Keine. Ich habe gerade zur rechten Zeit zu lehren aufgehört. Ich hatte oft zeitgenössische deutschsprachige Literatur unterrichtet. Heute wäre ich in Verlegenheit, mit Begeisterung den Studenten neue Bücher nahe zu bringen. Ich lese seit Jahren auch lieber amerikanische als europäische Literatur, und wenn ich deutsche Literatur lese, bin ich oft enttäuscht. Die amerikanische Literatur scheint mir weniger abgezogen und abstrakt. Amerikanische Autoren haben weniger Angst, heiße Eisen anzurühren, ohne zu dramatisieren oder sentimental zu werden. In der deutschen Literatur ist das Dramatisieren und Sentimentalisieren eine Verlockung, der man nur schwer widersteht. Eine meiner interessanteren Enttäuschungen war Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt. Es schien mir äußerst kultiviert zu sein, aber im Grund damit beschäftigt, vorhandenes Material auf zivilisierte Art auszubreiten. Leidenschaftslos eigentlich. Dagegen machte mir Eva Menasses Vienna sehr großen Eindruck, weil sie einfach drauf los erzählt.

Sie haben in Yale studiert, waren ab 1962 o. Prof. für Germanistik und Komparatistik in Yale. Was waren die Schwerpunkte Ihrer Lehre?
Lessing und das 18. Jahrhundert. Lessing war noch einfach, aber wenn man zu Gottsched kam, war es trocken. Ich habe versucht, das ein wenig mit Frau Gottsched aufzulockern, die ein beachtliches Talent hatte. Dann marxistische Literaturtheorie, weil ich mich gefragt habe, was dahinter steckt, dass ganze Länder nur nachgeredet haben, was ihnen irgendwelche Kulturminister vorzitiert haben. Ich wollte wissen: Was haben Marx und der mir viel sympathischere Engels wirklich gesagt. Das hat mich zur Literaturtheorie als solche geführt. Ich unterrichtete zehn Jahre lang einen Kurs "Einführung in die Literaturtheorie", der am Anfang einer Bewegung stand zur Literaturtheorie hin, die ich im Rückblick bedaure, weil wir im Augenblick nichts anderes als die Literaturtheorie haben. Ich war daran nicht unbeteiligt, aber ich habe es nicht so gewollt.

Wie hat sich die Komparatistik in den letzten Jahrzehnten entwickelt in den USA aus Ihrer Sicht?
Es ist sehr einfach, als pensionierter Professor zu bedauern, was die jüngeren Kollegen nicht machen. Das will ich nicht. Während sich die Germanistik vor allem in den USA zur Kulturwissenschaft entwickelt hat, aber langsam und sicher zum Text zurückkehrt, ist das in der Vergleichenden Literaturwissenschaft nicht der Fall. Sie hat einen Strukturwandel erfahren, der noch Jahrzehnte nachwirken wird, nämlich von der Literatur zur Theorie, zur Spekulation, zur Texttheorie. Die Literatur ist in diesem Umfeld im Verschwinden begriffen, darüber hinaus wird die Beziehung zwischen Literaturen als sehr abstrakt betrachtet. Was man nun Globalisierung oder Weltperspektive nennt, übt gerade in der Komparatistik ihre Wirkung aus. Man betrachtet also Literaturenkomplexe, etwa das Verhältnis der europäischen Literaturen zur amerikanischen Literatur.


Würden Sie heute einem Maturanten empfehlen, Germanistik/Komparatistik zu studieren?
Er sollte eher die fachspezifischen Disziplinen wählen: Germanistik, Romanistik, vor allem Amerikanistik und begleitend dazu Komparatistik. Er sollte nicht das eine ohne das andere studieren. Die Erweiterung der Komparatistik wirkt der Spezialisierung der Einzelwissenschaften entgegen, wenngleich sich auch dort alles verschiebt. In der amerikanischen Italianistik etwa gibt es ein neues Fach, das man als „Mittelmeerkunde“ bezeichnen kann.

Nach dem Beitritt der neuen EU-Länder: Welche Chancen hat denn Europa in der Begegnung mit den neuen östlichen Beitrittsländern?
Der Austausch findet tagtäglich statt. Man muss sich nur die Touristenströme in Wien oder in Prag ansehen. Wenn ich nach Prag komme, vermeide ich Spaziergänge in der Innenstadt. Dann veranstalten die Universität und andere viele Lesungen, und man bemüht sich, einander kennen zu lernen. Schüleraustauschprogramm finde ich sehr wichtig. Man darf sich nicht abschotten. Es gab auch das Gegenteil: Die tschechische Nationalkultur und die Deutschen Prags hatten kein durchdringendes Verhältnis. Wer tschechische Zeitungen las, ging nicht ins Deutsche Theater, und wer das Prager Tagblatt abonniert hatte, traf man selten im tschechischen Nationaltheater.
 

Peter Demetz, geboren 1922 in Prag, flüchtete 1948 in den Westen. Er promovierte sowohl in Prag als auch in Yale, wo er bis zu seiner Emeritierung deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft lehrte. Von 1986 bis 1996 Mitglied der Bachmann-Preis-Jury.

 

 

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