Knecht, Doris
Was schreibe
ich morgen?
Doris Knecht
legt in diesem Herbst gleich zwei Kolumnen-Sammlungen vor: "Moment mal! Lästigsein lohnt sich" (Molden)
und "So geht das! Wie man fidel verspießert" (Czernin). Darin kann man
nachlesen, was in punkto Alltag Sache ist.
Interview: Ernst
Grabovszki
Worin liegen
die Vorteile der Kolumne, des Kommentars, also der kleinen Form?
Meine
Begeisterungsspanne hält meistens nicht allzu lange an, deshalb sind solche
kurzen Texte für mich genau das richtige Medium, um mein Interesse zu kanalisieren.
Man muss die Dinge prägnant auf den Punkt bringen, sie zuspitzen: Man muss sie
auf kleinem Raum in die Luft werfen und wieder auffangen.
Funktionieren diese Texte, die ja meist auf
aktuelle Fragen reagieren, im Kontext Buch genauso wie in der Tageszeitung?
Das müssen die
Leser beurteilen. Ich hatte Bedenken. Meine Kolumnen sind über einen längeren
Zeitraum gültig, bei den Kommentaren ist es schwieriger. Ich war skeptisch,
weil ich in der Presse noch nicht so viele Kommentare geschrieben hatte
und fast alle sind nun in Moment mal! erschienen. Sonst schreibe ich
zunächst mal zweihundert, schmeiße hundert weg, und was übrig bleibt, ist für
einen wiederholten Abdruck im Buch geeignet. Es gibt eben auch Texte, die genau
einen Tag gültig sind, und am nächsten Tag gerade noch zum Fischeinwickeln
taugen. Das ist ja das Tolle an einer Tageszeitung: Wenn man heute Blödsinn
schreibt, ist der übermorgen hoffentlich vergessen. Und für meine Auswahl habe
ich die Texte nicht nachjustiert, Irrtümer stehen gelassen. Mag sein, dass der
tagesaktuelle Bezug nicht mehr vorhanden ist, aber diese Texte bringen halt
Vergangenes in Erinnerung.
Wie reagieren
denn die Leser auf Ihre Kolumnen?
Durchaus
gemischt. Man wird ja dafür bezahlt, nicht lieb zu sein. Ich habe schon früher
für die Presse geschrieben, und damals bekam ich sogar Leserbriefe
nachhause geschickt. Das war sehr unangenehm. Prinzipiell habe ich aber auch
gegen gemeine Kritik nichts. Wenn man ständig den Kopf zum Fenster raushält,
darf man sich nicht beschweren, wenn es hin und wieder draufregnet. Das ist
Teil meines Jobs. Kommentare oder Kolumnen, die jeder nur abnickt, sind
langweilig und damit überflüssig.
Welche
Menschen wollen Sie erreichen?
Die Falter-Kolumnen
machen sich ein wenig lustig über sich selbst: Es sind Kolumnen für Eltern oder
solche, die es werden – oder ganz gewiss nicht werden wollen, für ein Umfeld,
in dem Älterwerden, Verspießern und Kinder ein Thema sind. Das ist also eine
klar definierte Zielgruppe. Bei Presse und Kurier ist diese Zielgruppe
keineswegs genau umrissen. Es ist spannend, wenn man nicht genau weiß, wer das
liest. Da sind eben auch 75-jährige Pensionisten jeder Weltanschauung dabei.
Dort stößt man auf andere Widerstände, die einem nicht so bekannt sind, weil
sie nicht aus dem eigenen Lebensumfeld kommen – aber es ist auch nicht, wie im
Falter manchmal, preaching to the converted. Allerdings kann man sich im Falter
auch mehr erlauben.
Es hängt also
auch vom Medium ab, was man wem wie sagen kann?
Ich finde, dass
man sich immer viel trauen sollte. Andererseits soll man die Menschen nicht
beleidigen – und wenn, dann in einem bestimmten Rahmen, zumindest aber soll man
sie ernst nehmen. Bei der Presse, jetzt im Kurier steht manchmal
schon auch ein pädagogischer Gedanke dahinter, während ich im Falter eher
unterhalten und provozieren will- und mich über mich selber lustig mache.
Unter welchem
Druck stehen Sie, jeden Tag ein Thema und einen Text abliefern zu müssen?
Hin und wieder
wache ich nachts auf und denke: Um Gottes Willen, was schreibe ich morgen? Aber
man kommt in eine Routine, die einem die Dinge, die kommentierenswert sind,
erkennen lässt. Was sind die Themen, die in der Luft liegen? Was wird in meinem
Freundeskreis diskutiert? Was interessiert die Menschen? Ich bin mir sicher,
dass mir auch heute wieder etwas einfallen wird.
Um auf den Untertitel von "Moment mal!" sprechen zu kommen: Warum lohnt sich das Lästigsein?
Bei der
Hundekot-Geschichte hatte ich den Eindruck, dass das Thema viele aufregt. Die
Leser haben dankbar darauf reagiert, dass sich jemand damit auseinandersetzt.
Und bald darauf wurde ja in Wien die Hundekot-Initiative gegründet, das
permanente Lästigsein in den Kolumnen hat also seinen Teil beigetragen, dass
das Thema öffentlicher wurde. Auch was Feminismus und Kinderthemen anlangt – den feministischen Kommentar habe ich schon hundertmal geschrieben, und ich
werde ihn noch hundertmal schreiben, weil dieses Thema noch nicht erledigt ist.
Und solange ein Thema nicht erledigt ist, muss man darüber schreiben.
Sind das Ihre
bevorzugten Themen?
Es gibt Dinge,
die mir selber wichtig sind: Gleichberechtigung, Umgang mit Kindern, Konsum,
soziale Gerechtigkeit.
Bekommen Sie
Themen auch vorgeschlagen?
Beim Falter habe
ich freie Hand, im Kurier schon, und das finde ich auch angenehm. Ich
arbeite mit dem Chronik-Ressort zusammen, und gelegentlich stimmen wir die
Themen ab. Und ich bin immer wieder froh, wenn mir Leute Tipps geben.
Sind lange
fiktionale Formen, also Erzählung oder Roman, für Sie ein Thema?
Nein. Das sollen
Leute machen, die das können. Ich bleibe bei meinen Leisten. Lange Texte,
jedenfalls so lange Texte, kann ich nicht.
Sie haben zuletzt auch für den Zürcher "Tagesanzeiger" geschrieben und in Zürich gelebt. Wie spielt sich Ihre Arbeit
im Moment ab?
Ich hätte einen
neuen Kolumnen-Job in Zürich anfangen sollen, habe ihn aber nicht angenommen,
weil ich vor einigen Monaten dieses tolle Angebot vom Kurier bekommen
hatte. Ich hätte noch gern in der Schweiz weitergeschrieben, weil es ein sehr
angenehmes Publikum ist. Ich habe dort sechs Jahre lang eine Kolumne verfasst
und zwei Jahre in Zürich gelebt. Aber ich schreibe jetzt vier wöchentliche Kurier-Kolumnen und jede Woche eine Falter-Kolumne, das reicht: Und das hat
für mich eine gute Kontinuität.
Haben Sie Unterschiede zwischen dem
österreichischen und dem Schweizer Publikum festgestellt?
Die Schweizer
Leser nahmen meine Texte sehr ernst, und es kam oft sehr konstruktive Kritik.
Das hatte ich zuvor in Österreich nicht erlebt, merke aber nun, dass es beim Kurier
ähnlich ist. Es ist ein ähnlich liberales, höfliches Publikum. Anfangs
hatte ich das Gefühl, dass die Schweizer eher verklemmt sind, und mit einigen
Themen konnte man sie schon sehr provozieren. In anderen Dingen sind sie dafür
toleranter und offener. So groß ist also der Unterschied nicht, wie ich am
Anfang geglaubt hatte.
Viele Ihrer Texte kann man auch auf Ihrem
Weblog www.dorisknecht.com nachlesen ...
Ja, die neuen
alle. Ich biete dort auch meine Bücher an. Ich finde es übrigens schade, dass
immer noch so wenige Buchhändler ihre Bücher übers Internet verkaufen. Überall
wird man nur zu Amazon verlinkt. Ich würde aber viel lieber bei einem kleinen
oder mittelgroßen Buchhändler bestellen bzw. bestellen lassen, weil mir die am
Herzen liegen.
Doris Knecht wurde in Rankweil (Vorarlberg)
geboren, war stellvertretende Chefredakteurin des Falter, schrieb für die Neue
Zürcher Zeitung und war Gastkommentatorin für Die Presse. Danach Redakteurin
bei profil und Kommentare für Kurier, Redakteurin des Tagesanzeiger Magazins
(Zürich). Im Moment kolumniert sie für den Kurier und den Falter.