Friedman, Thomas L.
Die Welt als Scheibe
Thomas L.
Friedman, Nahost-Experte bei der New York Times und dreifacher
Pulitzer-Preisträger, hat mit "Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des
21. Jahrhunderts" (Suhrkamp) einen weltweiten Bestseller gelandet. Seine These: Nicht
mehr die Konzerne, sondern das Individuum bestimmt die Globalisierung der
Gegenwart.
Interview: Ernst Grabovszki
Mr. Friedman, Ihr jüngstes Buch "Die Welt
ist flach" verkaufte sich in den Vereinigten Staaten bislang über 2 Millionen
Mal und wurde in 30 Sprachen übersetzt. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Diese Frage habe ich
mir auch gestellt. Es ist mein viertes Buch, und alle waren
New-York-Times-Bestseller. Meine ersten drei verkauften sich rund 200.000 Mal,
und nun dieser Erfolg. Was geht hier vor? Offensichtlich habe ich Neuland
betreten, denn um das Jahr 2000 geschah etwas Seltsames. Menschen waren
plötzlich imstande, andere Menschen zu erreichen, die sie zuvor niemals
erreicht hatten, sei es im Geschäftsleben oder im Cyberspace oder sonst wo.
Zugleich hatten sie das Gefühl, von Menschen erreicht zu werden, von denen sie
zuvor niemals erreicht worden waren. Ihnen war klar geworden, das sich etwas
verändert hatte, aber sie hatten keine Bezeichnung dafür. Ich nenne das die
Verflachung der Welt, also die Konvergenz ökonomischer, politischer und
technologischer Entwicklung. Mein Buch hat gewissermaßen ein intellektuelles
Vakuum gefüllt und ist wahrscheinlich deshalb so erfolgreich geworden. Jeder,
vom Rechtsanwalt bis zum Geschäftsmann und Lehrer, hatte nun einen Namen für
das, was ohnehin schon da war, aber eben nur als Gefühl, als Erfahrung.
In Ihrem Buch sprechen Sie auch von der
Gewohnheit amerikanischer Unternehmen, Dienstleistungen auszulagern, etwa nach
Indien, weil dort Ausbildung und Infrastruktur bereits weit fortgeschritten
sind. Welche Rolle spielen denn Ausbildung und Wissen für die
Entwicklungsländer?
Die Verflachung der
Welt bedeutet, dass wir einen gewaltigen Entwicklungsschritt gemacht haben. Ich
meine damit, dass heute mehr Menschen als je zuvor Zugang zu den Instrumenten
der Innovation und Zusammenarbeit haben. Das verstehe ich unter "flach". Wir
sind also gewissermaßen gleicher geworden. Das einzige, was uns noch
unterscheidet, sind Talent und die Entwicklung der Ausbildung. Ausbildung war
immer schon wichtig, aber unter den geschilderten Voraussetzungen wird sie noch
wichtiger, weil sie die Unterschiede zwischen Menschen ausmachen wird. Wer sich
anderen gegenüber in Vorteil bringen will, muss eine entsprechende Ausbildung
haben. Plötzlich war eine neue Konkurrenzsituation geschaffen, weil nun auch
andere ins Spiel gekommen sind, die bislang niemand wahrgenommen hat. In der
Kommunikationstechnologie gibt es also nur mehr einen Unterschied zwischen den
Menschen, nämlich das, was zwischen ihren Ohren passiert.
Bei der Lektüre Ihres Buches kommt einem
fast gezwungenermaßen Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen" in den Sinn, der
einen religiösen Clash voraussagte, während Sie von ökonomischer Annäherung
sprechen, zumindest von einer Annäherung der Individuen als von Nationen.
Welche Konflikte befürchten Sie?
Ich sage etwas
Paradoxes in meinem Buch: Die Welt ist zwar nicht flach, aber die Verflachung
ist der wichtigste Vorgang, der im Moment in der Welt zu bemerken ist. Es gibt
natürlich auch Kräfte, die diese Verflachung verhindern, etwa der
Zivilisations-Clash, oder wie immer man das bezeichnen mag. Doch wenn die Welt
flach ist, treten die internationalen Spannungen noch deutlicher hervor, weil
man sehen kann, wie weit man zurück ist. Die Verflachung der Welt kann
natürlich auch destabilisierende Wirkung haben. Es gibt also eigentlich keine
Widersprüche zwischen Huntingtons Buch und meinem.
Wie hat 9/11 Ihre
Vorstellung von Globalisierung verändert?
9/11 hat tatsächliche
meine Vorstellung von Globalisierung tiefgehend verändert. Darum stelle ich
11/9 und 9/11 einander gegenüber: An einem 9. November ist die Berliner Mauer
gefallen, an einem 11. September sind die Twin Towers zerstört worden. Die
flache Welt können einige also als Plattform für Produktivität und großen
menschlichen Fortschritt nutzen, einige aber auch für große Zerstörung. Die
Welt ist für Al Qaida genauso flach wie für IBM. Es hängt also letztlich davon
ab, welche Vorstellungs- und Verstandeskraft man dieser Welt entgegenbringt.
Einige brachten die Vorstellung von 11/9, einige unglücklicherweise jene von
9/11.
Sind denn solche
negativen Kräfte steuerbar?
Das ist schwierig,
denn worüber wir hier sprechen, ist individuelle Vorstellungskraft. Darauf
kommt es an. Das klingt absurd, denn wie kann ich Ihr Vorstellungsvermögen
beeinflussen? Das ist aber die Herausforderung, vor der wir stehen: Wenn
Individuen dermaßen viel Macht erhalten, welches individuelle Wissen und
Gewissen zählt dann? Immerhin war 9/11 das Produkt von 18 Individuen. Wie beeinflusst
man die Vorstellungskraft von 18 Menschen?
In Ihrem Buch sprechen Sie natürlich viel
über die Vereinigten Staaten und die Entwicklungsländer. Welche Bedeutung
messen Sie denn Europa im gegenwärtigen Globalisierungsprozess bei?
Europa hat ein enormes
Potential, um in einer flachen Welt bestehen zu können. Dazu braucht es drei
Dinge: 1. Infrastruktur, also Telekommunikation, Bandbreite, Internet,
Flugplätze, Highways. Das alles hat Europa. 2. gute Staatsführung, 3. ein gutes
Ausbildungssystem. Europa hinkt in seinem zu schwach entwickelten
Konkurrenzdenken hinterher, weniger im Ausbildungssystem. Hier fehlt noch der
Geist für Innovation und Unternehmertum, und hier sind noch einige strukturelle
Reformen notwendig, damit Europa sein enormes Potential nutzen kann. Ich bin
gerne in Europa, denn das Gesundheitssystem und andere Unterstützungsleistungen
sind fabelhaft. Wenn Europa das aufrecht erhalten kann, großartig!
Wie flach wird die Welt in zehn Jahren sein?
Gute Frage. Ich
möchte sie mit und ohne politischem Hintergrund beantworten. Ohne den Einfluss
politischer Ereignisse wird sich der Prozess der Verflachung der Welt wohl
fortsetzen. Der Joker in dem ganzen Spiel ist aber die Politik. Ein weiteres
9/11, und die Flachheit der Welt wird wieder verschwinden.
Thomas L. Friedman
Die Welt ist
flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts
Aus dem
Amerikanischen von Michael Bayer, Hans Freundl und Thomas Pfeiffer
Suhrkamp Verlag
ISBN 3-518-41837-8
EUR 27,60