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Prigow, Dmitri

Böhmische Dörfer


In "Moskau - Japan und zurück" (Folio) präsentiert der russische Autor Dmitri Prigow seine ganz persönliche und skurrile Sicht auf die Exotik einer Insel.

Interview: Ernst Grabovszki (das Gespräch wurde von Christiane Körner aus dem Russischen übersetzt)
Anzeiger 04/2007


Auf dem Cover Ihres Buches Moskau - Japan und zurück steht "non-fiction". Warum haben Sie sich entschlossen, Literatur zu schreiben, die ohne Fiktion auskommt?
Das ist nur eine Genre-Bezeichung, die außen draufsteht. Drin kann freilich alles mögliche sein. Ich tue so, als sei ich ein ehrlicher, aufrichtiger Reisender. Ankommen kann man auch mit einem Defekt in der Wahrnehmung. Alles, was man sieht, ist natürlich Realität, aber die Sichtweise auf die Dinge macht es aus. Für andere mag der Text also ein Produkt der Phantasie sein, für mich ist es eben Nicht-Fiktion.

Wodurch kommt der erwähnte Defekt der Wahrnehmung zustande?
Den habe ich von Geburt an. Es soll ja Leute geben, die die astrale Welt sehen und nicht nur die wirkliche.

Und das ist also die Grundlage für Ihre Sicht auf Wirklichkeit?
Das könnte eine Beschreibung des Buches sein, aber die Mechanik des Textes ist eine andere. Ich wollte zeigen, dass jedes Schreiben Fiktion ist. Nur das erste Wort ist aufrichtig, und danach geht es sofort los mit den Phantasien. Die Sprache und die kulturellen Traditionen sind viel stärker als der Wunsch des Menschen, aufrichtig zu schreiben. Man denkt, dass es einfach ist, etwas klar und aufrichtig zu sagen, tatsächlich ist es das Schwierigste. Wenn man die Mechanik des nicht aufrichtigen Schreibens offen legt, ist das auch schon wieder eine Form von Aufrichtigkeit.

Warum ist es gerade Japan geworden? Sie hätten genauso gut woanders hin reisen können?
Es hätte vielleicht auch Indien sein können. Ich finde Indien ein mindestens ebenso exotisches Land, worüber man sich alles mögliche ausdenken hätte können. Aber das Schicksal hat mich eben nach Japan verschlagen. In Russland stellt man sich Japan als ein Land mit einer noch sonderbareren Kultur als Indien vor. Wenn man etwas nicht versteht, sagt man: Das sind japanische Städte, so wie man im Deutschen von den "böhmischen Dörfern" spricht. Wenn ich nach Deutschland gereist wäre, hätten die Leser sofort gemerkt, dass ich mir vieles nur ausgedacht habe, aber nach Japan kommt kaum jemand, also ist es für viele schwierig herauszufinden, was wahr ist und was nicht.

Wie hat denn Ihre Japan-Erfahrung Ihre Sicht auf Russland verändert?
Ich bin durch ein Phantasie-Japan gefahren, und das ist ungefähr dasselbe, als wenn ich zuhause am Schreibtisch sitzen geblieben wäre. Japan war für mich ein Ort der Realisierung eigener Wünsche und kollektiver Projektionen. Wenn ich nun eine Art von Reiseführer über Japan geschrieben hätte, hätte ich mich anders verhalten, und meine Optik wäre natürlich eine ganz andere gewesen.

Haben Sie Ähnlichkeiten zwischen Japan und Russland festgestellt?
Russen sind direkter, die schlagen sich vielleicht einmal, können aber natürlich auch sehr zärtlich miteinander umgehen. Es fehlt diese dünne Schicht der Etikette, die in Japan vorhanden ist. Man kommt beispielsweise an die Universität zu einem Spezialisten, und dieser Mensch verneigt sich dann vor einem und sagt: Ich bin überglücklich, dass ich jemanden wie sie treffen kann, ein solches Muster an Genialität, und nie hätte ich es mir träumen lassen, einem solchen Menschen zu begegnen. Das darf man natürlich nicht für bare Münze nehmen. Man muss dann natürlich darauf antworten: Ich bin gar nichts, ganz unwürdig, aber überglücklich, dass ich einem so großen Wissenschaftler wie Sie getroffen habe. Beide wissen natürlich, dass Sie Unsinn geredet haben, aber auf diese Weise wird ein offizieller Kontakt hergestellt - durch die Etikette.

Sie haben Bildhauerei studiert ...
Das ist sehr lange her.

Gibt es Einflüsse der bildhauerischen auf Ihre schriftstellerische Arbeit - oder umgekehrt?
Ich beschäftige mich seit langem mit der Richtung des "Konzeptualismus", in dem sich Textuelles und Visuelles vermischt und gegenseitig befruchtet. Ich habe schon Objekte der Bildenden Kunst in Form von Texten ausgestellt. Viele meiner graphischen Arbeiten enthalten Wörter. Dann schreibe ich auch viele Texte für Performances. In der Gegenwartskunst sind Bild und Text ja sehr eng miteinander verbunden.

Wie würden Sie den russischen Buchmarkt beschreiben? Vor welchen Herausforderungen stehen Verlage in Russland?
Das ist einfach: In Russland ist alles so wie hier. Gelesen werden vor allem Krimis und so genannte Frauenromane, also Heftliteratur. Die Verlage, die sich intellektueller Literatur annehmen, haben es schwieriger. Lyrik liest man kaum. Lesungen, Performances, Auftritte sind sehr häufig.

Welche Unterschiede zwischen dem russischen und dem deutschsprachigen Publikum stellen Sie fest?
Das deutschsprachige Publikum ist gebildeter. Der russische Leser interessiert sich zwar für alle möglichen Themen, ist aber nicht sehr gebildet. Man hat eine völlig andere Vorstellung von Literatur und ihrer Rolle. Andererseits begreifen die Autoren, dass sie nur eine Nische einnehmen.

Sie wurden vor rund 20 Jahren in Russland vom KGB inhaftiert. Wie ist man im kommunistischen System mit Zensur umgegangen? Welche Möglichkeiten gab es, Zensur zu umgehen?
Man führte ein Art Parallelleben, und es gab eine Parallel-Literatur. Die Samisdat-Literatur wurde in riesigen Mengen verbreitet. Sie würden übrigens nicht weniger gelesen als die offizielle Literatur.

Vergangenen Oktober wurde Anna Politkovskaja ermordet. Wie ist die Stimmung unter den Autoren heute in Russland?
Das hat wenige Leute berührt, lediglich Journalisten.

Der Mord hatte tatsächlich kaum Folgen für das geistige Klima?
Sie war nicht sehr bekannt, eben nur in jenem kleinen Kreis von Journalisten und Menschenrechtlern. Was sie geschrieben hat, wurde auch nicht stark verbreitet.

Was sind Ihre nächsten Pläne?
Bei mir hat sich eine gewisse Routine eingeschlichen: Ich schreiben täglich zwei Gedichte, zeichne viel, schreibe an zwei Romanen ... Das eine wechselt also das andere ab. Ein sehr düsteres Bild. Ausruhen kann man sich, wenn man tot ist. Ich habe eben keine andere Möglichkeit, meine Lebenszeit zu verbringen. Ich kann nichts anderes, und ich mache auch nichts anderes. Ich bin wie ein Rauschgift-Spürhund: Der hat einen sehr engen Gesichtskreis und kümmert nur um sein Rauschgift.


Dmitri Prigow, geboren 1940, lebt in Moskau. Dichter, Künstler, Erfinder und "Patriarch" des Moskauer Konzeptualismus. Autor zahlreicher Gedichtbände und Prosatexte und einer der bekanntesten Vertreter des ehemaligen literarischen Underground.

Dmitri Prigow
Moskau-Japan und zurück
Aus dem Russischen von Christiane Körner
Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-360-2

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