Roth, Gerhard
Von
Erinnerungen besessen
In seinem Fotoband "Atlas der Stille" (Ch.
Brandstätter Verlag) dokumentiert Gerhard Roth das Dorfleben im steirischen
Obergreith. Im Herbst erscheint der vorletzte Teil aus dem „Orkus“-Zyklus, der
autobiographische Roman "Das Alphabet der Zeit" (S. Fischer).
Interview: Ernst
Grabovszki
Anzeiger 05/2007
Der Atlas der Stille zeigt Fotografien,
die zwischen 1976 und 2006 entstanden sind. Warum ist das Fotografieren so
notwendig geworden?
Auf einer
Amerikareise mit Wolfgang Bauer 1974 hielt ich meine Eindrücke in einem Notizbuch
fest. Ich wollte eine Art 'Tagebuch der Momente' verfassen. Durch die Fülle der
Eindrücke kam ich jedoch mit dem Notieren nicht mehr nach, auch nicht, wenn ich
die halbe Nacht dafür verwendete, Aufzeichnungen nachzuholen. Deshalb begann
ich, die Kamera, die ich ursprünglich nur für Erinnerungsfotos mitgenommen
hatte, als Notizbuch zu verwenden. Die Fotonotizen haben sich aber so bewährt,
dass ich sie immer öfter einsetzte. Zunächst fotografierte ich auf Reisen, und
nach der Übersiedlung aufs Land machte ich Bilder, um das Leben dort zu
studieren. Ich wusste damals noch nicht konkret, worüber ich schreiben sollte,
daher war alles für mich wichtig: das Wetter, die Pflanzen - um vielleicht auch
nur in einem Nebensatz einer Geschichte die Jahreszeit anklingen zu lassen. Es
war wichtig, die Arbeiten der Menschen zu kennen, ihre Lebensweise, ihre
Gesichter. Dann nahm ich ein Jahr lang jeden Tag einen bestimmten Weg, der an
einem Kaufhaus vorbei bis in einen Ort namens Wuggau und über St. Ulrich wieder
nach Hause führte. Wenn man zügig geht, benötigt man rund vier Stunden dafür.
Anfangs musste ich auf halber Strecke wieder umkehren, weil die Eindrücke so
reich waren, dass ich sehr viel fotografierte und deshalb kaum vorankam. Es gab
Tage, an denen ich hundert, zweihundert Bilder machte – etwa bei einer
Schlachtung, Jagd, einer Hochzeit oder einem Begräbnis –, dazwischen waren natürlich immer auch
Phasen, in denen ich wenig fotografiert habe. Einmal kam ich an einem Imker vorbei,
dann zu einer Schweineschlachtung oder einer Familie, mit der ich mich
unterhielt. Schließlich legte ich die Runde in einem zurück und dokumentierte
nur mehr die Veränderungen.
Wie hat das Fotografieren über die Jahre Ihr
Schreiben, Ihren Umgang mit Themen oder Stoffen verändert?
Ich habe ein
gutes Gedächtnis, aber die Fotos wurden eine Art von Zusatzspeicher meines
Kopfes. Natürlich hat es mein Schreiben insofern beeinflusst, als die
Erinnerungen präziser geworden sind, weil ich die Bilder oft anschaute.
Gelegentlich sind die Fotografien dann an die Stelle dessen getreten, was ich
gesehen habe. Deshalb habe ich mir vieles mehrmals angesehen, auch ohne zu
fotografieren, die Arbeit des Imkers Zmugg zum Beispiel. Nachdem ich die Bilder
archiviert hatte, habe ich noch zahlreiche Ausfahrten mit Herrn Zmugg ohne
Kamera unternommen. Es existieren also zwei Erinnerungsebenen: die
fotografierte und die erlebte.
Was passiert
mit den fertigen Fotos? Wie verwenden Sie sie beim Schreiben?
Beim Schreiben
spielen die schriftlichen Notizen die größte Rolle. Weil ich mir die Bilder,
wie gesagt vorher schon oft ansehe, brauche ich sie zumeist dann nicht mehr,
blättere aber hin und wieder im Album nach, wenn es um die Genauigkeit einer
Beschreibung geht. Ich habe die Fotos in beschrifteten Steckalben geordnet, die
in Schränken gesammelt sind. Zunächst versuche ich aber, ohne Fotografien
auszukommen.
Im Film "Lightning over Water" unterscheidet
Wim Wenders zwischen dem Blick durch eine Kamera und dem ohne Kamera. Der
unverstellte Blick sei genährt von Hoffnung, Zuversicht und dergleichen, der
Blick durch die Kamera hingegen zeige die Dinge unverzerrt, so, wie sie
wirklich sind. Ergeht es Ihnen auch so?
Wenn ich mit der
Kamera arbeite, mache ich ein Bild, das meine Neugier ausdrückt. Es ist wie
eine Sonde in die Wirklichkeit, und diese Sonde transportiert dann die
Bilddaten aus der Wirklichkeit in meinen Speicher, den Fotoapparat. Es ist
sicher ein Unterschied, menschliche Prozesse mit oder ohne Kamera zu
beobachten.
Was ist eigentlich zuerst da, ein Foto oder
ein Thema? Sammeln Sie für ein Thema Bilder, oder arbeiten Sie an einem Text,
für den sie unterstützend Bilder auswählen?
Beides. Ein
Beispiel: Ich war vor 10 Jahren zu Lesungen an mehreren japanischen
Universitäten eingeladen und hatte die Kamera nur aus Gewohnheit bei mir. Die
fremde und doch so nahe Form des Lebens dort hat mich fasziniert. Als ob ich
mich auf eine Recherche begeben hätte, begann ich zu fotografieren und zu
notieren. Die drei Wochen in Japan habe ich sehr intensiv genutzt, um Material
zu sammeln. Ich liebe Material und die Notizbücher, auch wenn ich zunächst
nicht weiß, was ich damit anfangen werde. In den letzten ein, zwei Tagen in
Japan kam mir die Idee, jemanden zu beschreiben, der eine Landkarte in der
Nationalbibliothek stiehlt, sie nach Japan bringt und dort verkauft, weil die
Japaner alte Landkarten lieben. Als ich daraufhin in der Nationalbibliothek
recherchierte, stellte sich heraus, dass die Landkarten so riesig sind, dass
man sie kaum stehlen und unbemerkt nach Japan bringen kann. Ich dachte schon,
diese Idee fallen zu lassen, bis mir die Requiem - Partitur von Mozart in der
Musikaliensammlung gezeigt wurde. Man hatte mir erlaubt, darin zu blättern, und
ich merkte, dass auf einer Seite eine Ecke fehlte. Ich habe erfahren, dass es
sich um die letzten Worte Mozarts handelte, die herausgerissen und gestohlen
worden waren. Ich wusste gleich: Das ist die "Landkarte", die ich suche. Diese
Recherche habe ich also sozusagen ins Blaue gemacht .
Würden Sie Ihr Schreiben bzw. jenes, wie es
in der ersten Zeit in Obergreith stattgefunden hat, als ethnographisches
Schreiben beschreiben? Zwischen Ihnen und einem Feldforscher ist ja sehr wenig
Unterschied.
Ich hatte nie die
Absicht, etwas als Ganzes zu erfassen, sondern bin nur auf der Suche nach
Bildern und meinen Geschichten. Landläufiger Tod umfasst fast 1.000
Seiten mit hunderten Episoden. Da ich nicht auf dem Land geboren bin und als
Kind nur kurze Zeit auf dem Land gelebt habe, war es für mich fremdes
Territorium, ein toter Winkel: rund 15 Kilometer von der jugoslawischen Grenze
entfernt, dort gab es keine Industrie, keine guten Verkehrsverbindungen nach
Graz, keinen Fremdenverkehr. Meine Begegnung mit dem Land war bis dahin von
meinen wenigen Kindheitserinnerungen bestimmt. Es gab noch Gesichter von
Bauern, wie man sich Bauern halt vorstellt. Die Küchen waren groß, weil darin
viele Knechte und Mägde arbeiteten, und die Garagen waren nicht vorhanden, weil
man kein Auto und keinen Traktor hatte, die Ställe waren dafür geräumig, weil
viel Vieh drin war. Mit dem Schreiben und mit den Fotografien habe ich
unbeabsichtigt eine Umbruchzeit auf dem Land dokumentiert, was mir ursprünglich
selbst nicht klar war.
Im Herbst wird Ihr umfangreicher
biographischer Roman Das Alphabet der Zeit erscheinen. Warum haben Sie gerade
einen autobiographischen Roman in diesen Zyklus integriert?
In den "Archiven
des Schweigens" und auch im "Orkus" habe ich immer wieder die politischen
Themen: Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, österreichische Vergangenheit
behandelt, besonders in Eine Reise in das Innere von Wien oder Die
Geschichte der Dunkelheit. Da geht es häufig um Biographien anderer Menschen.
Schon als ich den "Orkus" -Zyklus begann, war ich der Meinung, dass ich mich
als Autor nicht mehr hinter meinen Figuren verstecken darf, sondern auch mich
selbst beschreiben muss. Mein Konzept sieht außerdem vor, dass ich zum Schluss
selbst zu einer literarischen Figur werde. Im letzten Buch des Zyklus werde ich
dann verschwinden, aber jemand sucht nach mir und erzählt dann meine
autobiographische Geschichte sozusagen „en passant“ weiter. In Das Alphabet
der Zeit habe ich meine Geschichte bis zum 21. Lebensjahr erzählt. Meine
Eltern, Großeltern, Brüder und mein Aufwachsen als Sohn von Eltern, die
Nationalsozialisten waren, stehen im Vordergrund. Es geht aber auch um das
Lesen und das allmähliche Verstehen des Nationalsozialismus in der
Nachkriegszeit, die vom Schweigen über den Nationalsozialismus geprägt war.
Inwiefern
haben denn für diese Roman Bilder eine Rolle gespielt?
Keine, weil es
sehr wenige Bilder gab. Als ich mit meinen Recherchen begann, fand ich nur
vier, fünf Fotografien. Mein jüngerer Bruder war in die Wohnung unserer
verstorbenen Eltern gezogen und mein älterer Bruder, der Sozialhistoriker war,
starb 2001. Er hatte bis zu seinem Tod Familienforschung betrieben, und ich
bekam seine Unterlagen. Als ich in verschiedenen Archiven nachforschte, fielen
mir ebenfalls Fotografien in die Hände. Mein Bruder schickte mir dann Material
aus dem Schreibtisch meines Vaters, nachdem ich ihn um Briefe und Dokumente
gebeten hatte, sodass ich schließlich rund 100 Fotos und drei- bis vierhundert
Seiten an Briefen und Dokumenten hatte. Den Erzählfluss habe ich dann so
gestaltet, dass ich 1945 mit meiner ersten Erinnerung beginne und erst in einem
Anhang am Ende des Buches die Geschichten der Familien meiner Eltern schildere.
Sie schreiben in Ihrem Beitrag "Eine
Expedition ins tiefe Österreich" am Ende: "Die Bilder sollen ihre Geschichten
selbst erzählen". Ist das eine andere Geschichte als sie in Ihren Romanen
steht?
Ein Bild kann
zumeist nur das Äußere darstellen, ein Foto kann kaum innere Vorgänge
festhalten. Das Buch besteht jedoch fast nur aus der Beschreibung innerer
Vorgänge. Daher ergänzen die Fotos das Geschilderte, sind aber auch als
Dokument zu betrachten, um zu zeigen, dass die oft unglaublichen Dinge, die im
Buch stehen, auf Tatsachen beruhen.
Ausstellung im
Kulturhaus St. Ulrich im Greith von 27. April bis 29. Juli 2007.
Gerhard Roth, 1942 in Graz geboren, lebt seit 1977 als freiberuflicher
Schriftsteller zunächst in der Steiermark, seit 1986 auch in Wien. Er hat
zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke veröffentlicht. Neben
einer Reihe von Auszeichnungen wurde Roth 1994 auch der Ehrenpreis des
österreichischen Buchhandels zuerkannt.