Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Mitgutsch, Anna

An den Rand geraten


Anna Mitgutschs neuer Roman "Zwei Leben und ein Tag" (Luchterhand) rollt anhand von Briefen und fünf Erzählpassagen das Leben einer Familie auf: Edith und Leonard, deren Ehe zerbrochen ist und die dennoch ohneeinander nicht leben können und Gabriel, ihr Sohn, der seit einer Erkrankung in der Kindheit Schwierigkeiten hat, sich in der Welt und der Gesellschaft zurecht zu finden. Parallel gesetzt wird dem die Biographie des großen amerikanischen Schriftstellers Herman Melville, dessen Bücher von seinen Zeitgenossen nicht verstanden wurden.

Interview: Veronika Leiner
Anzeiger 05/2007


Gemeinhin werden Beziehungen und Lebensentwürfe, wie sie in Ihrem Roman dargestellt werden, als „gescheitert“ bezeichnet. Scheitern tun sie aber vor allem am Unverständnis, an der Beschränktheit und der Bösartigkeit ihrer Umgebung, der Gesellschaft?
Sie haben die Antwort schon vorweggenommen. Man müsste die Begriffe entautomatisieren, um dem Wort „scheitern“ seine selbstgerechte Bedeutung zu nehmen. Alle vier Figuren sind aus unterschiedlichen Gründen an den Rand geraten und die Frage, der im Roman für jedes einzelne Leben nachgegangen wird, ist, wie und an welchem Punkt es so gekommen ist, ob es so hat kommen müssen und warum. Darin enthalten ist auch die Frage nach der Gerechtigkeit des Schicksals und der Verblendung einer Gesellschaft, deren vorherrschendes Weltbild keine Abweichungen toleriert.

Strukturell handelt es sich um einen klassischen Briefroman – Edith schreibt Briefe an ihren Ex-Mann Leonard, die sie aber nicht abschickt. Sie reflektiert ihre gemeinsame Zeit und das Leben nach der Trennung, eine Aneinanderreihung von Frustrationen, Niederlagen, unerfüllten Wünschen und Träumen. Wehren Sie sich mit dieser resignativen Haltung bewusst gegen das Diktat des Optimismus, des anything goes, das immer mehr Raum greift?
So ganz klassisch ist der Briefroman ja nicht, denn es gibt da die Geschichte des letzten Lebenstages Gabriels, und es wird auch die Biographie Melvilles erzählt, allerdings als Teil der Briefe. Während die Stationen einer Ehe vom Ende her erzählt werden, rollt sich die Biographie Melvilles chronologisch auf. Die Geschichte Gabriels ist zeitversetzt und streng als klassisch aristotelische Tragödie in fünf Akten erzählt. Auf jeder dieser Ebenen ist der Roman eine Absage an den Zeitgeist, nicht bloß auf der Beziehungsebene, die in der Rezeption leider viel zu isoliert betrachtet wird. Die drei Ebenen gehören zusammen, ihre Verflechtungen sind zu vielfältig und verzahnt, als dass man sie auseinander dividieren könnte, ohne damit die Struktur des Romans zu ignorieren.

Die Romanfiguren Edith, Leonard und Gabriel werden mit dem Leben und Schreiben Melvilles parallel bzw. in Beziehung gesetzt. Gegen Schluss hin verdichtet sich die Nähe vor allem zwischen Melville und Gabriel. Wo sehen Sie Ähnlichkeiten oder Berührungspunkte zwischen diesen Figuren?
Die Berührungspunkte sind vielfältig. Zunächst ist auf der narrativen Ebene der Autor Herman Melville für dieses Paar, dem die Begeisterung für diesen einen Dichter zum gemeinsamen Lebensprojekt wird, eine beinahe identitätsstiftende Figur. Das scheint den Literaturkritikern ziemlich unverständlich und höchst suspekt, dass Menschen aus einer Nähe zur Literatur heraus leben können. Je länger ihr gemeinsames Leben und ihre Beschäftigung mit ihrem Autor nebeneinander läuft, desto mehr verzahnen sich die beiden Ebenen, bis es ihnen erscheint, als seien sie selber drei Figuren aus Melvilles Werk. Sie sehen ihre Randexistenz in der seinen gespiegelt, sie sehen Melvilles große Außenseiterfiguren in ihrem Sohn, sie erkennen Melvilles Rastlosigkeit und Entwurzelung in ihrem eigenen Leben. Die Liste ließe sich weiterführen. Und letztlich sind das Projekt der Melville-Biographie und der Sohn das einzige, was sie verbindet. Melville ist der Fluchtpunkt ihres Lebens und Vehikel ihrer Selbsterkenntnis.

Obwohl auktorial erzählt vermitteln gerade die Passagen, in denen von einem Tag im Leben Gabriels erzählt wird, eine besondere „Einfühlung“ in diese Figur. Wie nähern Sie sich einer Figur wie Gabriel, die dermaßen „aus der Welt gefallen“ scheint?
Die Gabriel-Kapitel sind nicht wirklich auktorial erzählt. Es gibt keinen Blick von außen auf diese Figur außer dem seiner Mutter in den Briefen. Alles ist Innenwelt bzw. Gabriels Blick auf die Welt, der ein so anderer ist, als der, den ein auktorialer Erzähler leisten könnte. Da sieht kein Erzähler der Figur Gabriel zu, sondern es ist Gabriel, aus dessen Sicht und mit dessen Sprache die Wirklichkeit erzählt wird.

Im Roman wird die Grausamkeit, mit der die Gesellschaft Gabriel, der „anders“ ist, begegnet, klar verurteilt. Erstaunlich finde ich, dass sein gewaltsamer Tod fast wie eine Erlösung wirkt (Im Augenblick seines Todes kann er plötzlich alles erkennen „zusammenhängend und vollständig, so wie er es sich immer erträumt hatte“)?
Wenn man sich der Figur des Gabriel nähern will, muss man geläufige Wertungen ablegen. Sein Tod ist auf keiner Ebene eine Erlösung sondern ein Verbrechen – und eine Anklage an eine unmenschliche Gesellschaft. Ich habe nirgends zuvor diese Anklage so kompromisslos und konsequent formuliert. Die Passage, auf die Sie anspielen, drückt nur das eine aus – am Ende ist auch das nicht mehr nötig: die äußerste Anstrengung, den Normen der anderen zu genügen, aufzubringen.

Die Welt ist für die Figuren in diesem Roman brüchig, sie sind Heimatlose, für die sich aber auch das Reisen oder das Leben in der Fremde als unmöglich herausgestellt hat. Sehen Sie diese Brüchigkeit auch als ein Infragestellen der „globalisierten“ Welt wie sie heute propagiert wird? Mit dieser Darstellung der Ortlosigkeit der Figuren als problematische, schwer zu bewältigende Aufgabe stehen Sie im Gegensatz zu einem Zeitgeist, der Internationalität, Mobilität, Flexibilität absolut setzt.
Eigentlich müsste ich diese Frage mit einem einfachen Ja beantworten. Aber durch die Melville-Ebene weitet sich die Gesellschaftskritik doch um ein weiteres Jahrhundert aus. Es wird wohl in jeder Zeit und in jeder Gesellschaft jene geben, die nicht in ihr aufgehen – zum Glück. Sie sind uns der einzige Trost in einer Zeit, die Abweichungen nicht einmal mehr bekämpft, sondern sie einfach übergeht und totschweigt. Heute und damals.

Die Melville-Passagen im Roman ergeben insgesamt fast so etwas wie eine kleine Melville-Biographie. Herman Melville ist keiner der zeitgeistig wieder entdeckten „Alten Meister“ – was kann er, seine Literatur zum Verstehen und zum „Aushalten“ der heutigen Welt beitragen? Was macht ihn „aktuell“?
Die Melville-Passagen SIND eine Biographie, jahrelang recherchiert, literaturwissenschaftlich abgesichert, empathisch nachvollzogen und literarisch gestaltet. Es gab in den letzten Jahren eine Art Melville-Boom, aber man hat versucht, ihn zu einem postmodernen Autor zu machen, dazu ist er zu sperrig. Er passt auch besser in die Moderne als in die Postmoderne. Große Literatur ist immer aktuell, das unterscheidet sie von den hochgejubelten Eintagsfliegen der Unterhaltungsliteratur, die sich dem Zeitgeist andienen und mit ihm verschwinden werden.



Anna Mitgutsch, geboren in Linz, lebt in Boston und Linz. Lehrte Germanistik und amerikanische Literatur an österreichischen und US-Universitäten, lebte und arbeitete lange in den USA. Seit 1985 veröffentlichte sie acht Romane, u.a. "Die Züchtigung" (1985), "Ausgrenzung" (1989), "Abschied von Jerusalem" (1995), "Haus der Kindhei" (2000) und "Familienfest" (2003).



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