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Ruiss, Gerhard

Ritterlich

In "Und wenn ich nun noch länger schwieg'" (Folio) hat sich Gerhard Ruiss auf die Spuren des mittelalterlichen Dichters Oswald von Wolkenstein begeben.

Interview: Thomas Eisenmenger
Anzeiger 07/2007

Wie würden sie jemandem, der noch nie von Oswald von Wolkenstein gehört hat, diese Person beschreiben?
Oswald von Wolkenstein war ein Dichter, Politiker, Gelehrter seiner Zeit und gilt als der letzte Minnesänger - auch wenn diese Behauptung wissenschaftlich nicht ganz haltbar ist. Er besingt die Liebe und die Verhältnisse seiner Zeit.

Was lässt sich heute über die Zeit sagen, in der Oswald von Wolkenstein lebte?
Es war eine Zeit, in der die alten Regulative nicht mehr gegriffen haben und die neuen noch nicht in Sicht waren, als das Mittelalter zu Ende ging und die Neuzeit noch nicht wirklich begonnen hatte, wenige Jahrzehnte vor Erfindung des Buchdrucks, inmitten einer großen Kirchenspaltung. Diese Umbruchzeiten sind immer sehr spannend, und da sind Ohren- und Augenzeugen etwas Wertvolles, vor allem wenn sie sich komprimiert in ihrer Dichtung ausdrücken.

Was war für Sie der Anlass, Wolkensteins Lieder nachzudichten?
Ich kannte Oswald von Wolkensteins außergewöhnliche Biographie, die eigentlich sein noch außergewöhnlicheres Werk verdeckt. Bei den ersten Blicken auf seine Dichtung hat es mich nahezu umgeworfen. Auch ohne besondere Kenntnisse des Mittelhochdeutschen spürt man, was sich da zusammenbraut. Die Bildhaftigkeit seiner Sprache hat mich sehr fasziniert und die Frage provoziert, ob diese Literatur ohne Zwangsmodernisierung in die heutige Sprache übertragbar ist. Es war berufliche Neugier und letztlich ein Selbstversuch: Wie zulänglich sind meine handwerklichen Fähigkeiten? Es war von vornherein eine Verneigung vor großer Dichtung, die zu meiner großen Verwunderung so gut wie nie nachgedichtet wurde, von einigen Versuchen abgesehen. Mein Ziel war es nicht, zu modernisieren, sondern eine versunkene, nicht mehr existierende, eigentlich virtuelle Welt wiederherzustellen. Eine weitere Absicht dieses Buches ist es, über Oswald von Wolkenstein mit Hilfe seiner Literatur aufzuklären, weil vieles, was über ihn kursiert, nicht stimmt.

Was wird Oswald von Wolkenstein angelastet?
Bis heute gibt es Berührungsängste mit seiner Person. Das liegt sicherlich an seiner kritischen Sicht auf jede Form von Obrigkeit und natürlich auch auf die Kirche. Er hat sich stets in einem spöttelnden Ton, mit großer Skepsis und vielen Vorbehalten geäußert. Was Wolkenstein nicht gut getan hat, war die Auseinandersetzung mit den Habsburgern, die die Geschichte Österreichs und Südtirols über Jahrhunderte bestimmt haben.

Wie verhält sich die mittelalterliche Dichtung zur Lyrik unserer Tage?
Wolkensteins Dichtung und die heutige Lyrik haben etwas gemeinsam: die Ambivalenz im Umgang mit der Heimat und der Wille zum Buch. Vor ihm gab es von keinem Autor eine vollständige Sammlung von Gedichten oder Liedern. Wolkenstein hat solche Handschriften anlegen lassen: die Handschriften A und B sowie eine Abschrift C. Sie sind erhalten geblieben. Die Dichtung im 15. Jahrhundert war den Eliten vorbehalten und wurde natürlich anders als heute verbreitet, nämlich mündlich. Oswald von Wolkenstein muss also die Vortragskunst sehr gut beherrscht und exzessiv angewendet haben.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Folio Verlag?
Zunächst war die Arbeit an meinem Buch eine sehr persönliche Angelegenheit, weshalb ich sie keinem Verlag angeboten habe. Da ich Ludwig Paulmichl vom Folio Verlag mittlerweile sehr gut kenne, habe ich ihn gefragt, ob er sich denn für ein Buch wie dieses interessiere. Zu meiner Überraschung tat er das. Mit der Publikation ist aus etwas Privatem Öffentliches geworden.

Gibt es schon Reaktionen auf das Buch?
Es wird mir häufig zu diesem Buch gratuliert und ich werde beglückwünscht. Das ist mir in dieser Form noch nie passiert.

Wird es eine Fortsetzung geben?
Das hängt natürlich von den Verkaufszahlen und der weiteren Aufnahme ab. Die Reaktionen sind jedoch durchwegs positiv. Einmal das Gesamtwerk eines Dichters für mich entschlüsseln zu dürfen, wäre auf jeden Fall eine Aufgabe, die mir gefallen würde.


Gerhard Ruiss/Oswald von Wolkenstein
Und wenn ich nun noch länger schwieg'. Lieder. Nachdichtungen
Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-359-6


Gerhard Ruiss, geboren 1951, lebt in Wien. Autor, Musiker, Geschäftsführer der IG AutorInnen. Publikationen (Auswahl): Sänger im Bad, Gedichte (2001), dichter schreiben keine romane, Gedichte (2004), und Kanzlergedichte (2006).

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