Rumpl, Manfred
Habe nun, ach
Alle nennen ihn nur Faust.
Der Universitätsassistent und Familienvater ist an einem Wendepunkt seines
Lebens angekommen. Manfred Rumpl schildert in „Fausts Fall“ (Luftschacht
Verlag) einen tragikomischen Helden.
Interview: Ute Grundmann
Anzeiger 07/2007
„Fausts
Fall“, bei diesem Titel kann man an (Ab-)Sturz denken oder an eine
(Kriminal-)Akte. Was von beiden hat Sie mehr interessiert, geleitet – oder gibt
es noch eine dritte Variante?
Fausts Fall steht einerseits
für den psychischen Zusammenbruch des Protagonisten: Die Geschichte seines
Verrückt-Werdens und ihre Entsprechung in den Aufzeichnungen Fausts bis hin zur
(vielleicht nur vorläufigen?) Genesung. Ein pathologischer Fall. Und
andererseits, diesem Befund übergeordnet, meint Fausts Fall seinen existenziellen Sturz ins Bodenlose. Dies ist der
eigentliche Fall. Allmählich entgleitet Faust der Sinn der Welt und damit auch
der Sinn seines Denkens, Tuns, seines Lebens.
Bei
„Faust“ denkt man sofort auch an „Mephisto“, bei „Paulus“, Freund und Rivale
der Titelfigur, assoziiert man „Saulus“. Welches dieser Komplementär- und
Gegensatzpaare war Ihnen wichtiger, war vielleicht auch der Ausgangspunkt der
Geschichte?
Faust und Mephisto bei Goethe sind wie Faust und Paulus im Roman durch
eine Art Hassliebe aneinander gebunden. Beide emanzipieren sich von ihren
ursprünglichen Voraussetzungen: Faust verspielt nach und nach seine Kräfte und
Talente, die ihm in den Schoß gefallen waren, doch Paulus erarbeitet sich mit
Fleiß und Disziplin, wozu ihm die Voraussetzungen eher fehlten. Begabung ist
unter Umständen eine Last und kann zum Verhängnis werden, während das goldene
Mittelmaß den goldenen Schnitt macht. Auf der anthropologischen wie auf der
soziologischen Ebene. So funktionieren
Natur und Gesellschaft. Was aber je zu wirklicher Bedeutung gelangte, wurde
gegen dieses Prinzip erkämpft. Und sobald es, gegen alle Voraussetzungen, sich
durchsetzte, rasch wieder vom Durchschnitt heimgeholt und entsprechenden
Zwecken dienstbar gemacht. Faust und Paulus verkörpern den Streit dieser
Gegensätze.
Ihr „Faust“, der ohne Vornamen
auskommt, hat nicht nur „ach, zwei Seelen“ in seiner Brust, sondern etwa 15
„Personen, die sich abwechselnd für ihn ausgeben“ in sich, so den Eitlen, den
Torjäger, das Alphatier, ist Sohn und Vater. Kommt der Mensch in der heutigen
Welt nicht mehr mit zwei Rollen aus?
Neben den beiden klassischen Rollen – Privatmensch und öffentlicher
Mensch bzw. Angestellter – erschafft unsere Epoche immer mehr Rollen, die der (post)moderne
Mensch zu akzeptieren und spielen gehalten ist. Die Ökonomisierung aller
Lebensbereiche und die damit verbundene Atomisierung des Individuellen in
allerhand Rollen wird zur Grundvoraussetzung, um mitmachen zu können. Und nur
wer dabei ist und gespiegelt wird von den unzähligen Facetten der immergleichen
Leere, wird seiner Existenz versichert, die sich schließlich im Schein dieser
Rollen erschöpft.
Der
Philosoph Faust, der ja immer auch mit Sprache umgeht, ist oft von Musik
begleitet. Er hält unkonventionelle Vorlesungen über die „beat generation“,
hört deren Musik – leitet sie ihn auch, sind als die Songs auch als motti zu
begreifen?
Songs stehen für das, was gut war am Aufbruch in den Fünfzigern und dann
in den Sechzigerjahren bzw., in Österreich und Deutschland, erst in den
Siebzigern. Ein gelungener Song altert ebenso wenig wie ein gelungenes Gedicht.
Er spricht uns an jenseits jeder zeitpolitischen Aktualität. Was bleibt – über
Jahre, Jahrzehnte hinweg -, setzt sich in tieferen Schichten fest. Nur was in
die Existenz des Einzelnen eingeht, pflanzt sich fort. Auch Massenphänomene
sind zuerst und zuletzt an Individuen gebunden. Lieder von Schubert,
Erzählungen von Cechov oder Songs von Bob Dylan können nur im Einzelnen
kristallisieren. Noch wenn sie vor Massen gelesen oder gespielt werden. Das
meiste politische Geschwätz von damals ist heute nicht mehr viel wert. Viele
gute Songs aus jener Zeit sind tatsächlich besser geworden.
Faust ist ein
Achtundsechziger, dessen heutiges Leben sich auch vor der Folie des damaligen
Lebensgefühls samt Musik und Drogen abspielt, sich aber auch an die bleierne
Zeit des Schweigens über den Nationalsozialismus in Osterreich erinnert. Sie
sind zu jung für die „Achtundsechziger“, kann man sich diese Zeit erarbeiten, recherchieren
und ist sie wichtig für Sie?
Ich war zu jung, um ein so genannter Achtundsechziger zu sein. Und ich
war dann dementsprechend auch ein paar Jahre zu alt, um mich als Punk
durchzuschlagen. Meine Lage war – für den angehenden Möchtegernliteraten
jedenfalls gar nicht so unbequem und durchaus lehrreich – das reine Dazwischen.
Zwischen allen Stühlen, Meinungen und Sicherheiten aber wurde man fast
zwangsläufig zum Skeptiker. Mit genügend Distanz zu diversen
Zeitgeistphänomenen ausgestattet, war man wie geschaffen dafür, den Blick auf
die fragwürdigen Dinge des Lebens zu schärfen. Und prädestiniert zum Opfer der
akademischen Philosophie, die ja im Grunde einer philosophischen Sterbehilfe
gleichkommt. Gleichwohl war ich ein, zwar durchaus kritisches, Kind der
Achtundsechziger insofern, als ich von charismatischen Vertretern dieser
Generation sozialisiert wurde. Und das heißt, mit einem geradezu unheilbaren
Interesse für Literatur, Musik, Kunst, Philosophie und den Menschen infiziert
(„… diesen ledernen Sack voller Kniffe und Pfiffe“, wie W. Busch schrieb).
Nicht nur in
diesem Buch ist Ihr Blick auf Menschen, besonders wenn sie, wie in der U-Bahn
oder auf der Straße, in Massen auftreten, nicht nur sehr genau, sondern auch
sarkastisch bis böse. Sehen Sie Ihren Mitmenschen also eher pessimistisch zu?
Es gibt, zum Glück, immer wieder KritikerInnen, die den, zugegeben meist
schwarzen, leisen Humor, der sich durch meine Arbeit zieht, erkennen und auch
schätzen. Diese Art von Humor resultiert aus meiner Sicht auf den Menschen,
der, so könnte man sagen, stets strebend sich bemüht, um am Ende dann doch zu
scheitern und enttäuscht zu sterben. Aus der Perspektive des Todes, der uns
ausnahmslos erwartet, erscheint vieles, was Menschen sagen und tun, äußerst
fragwürdig, um nicht zu sagen: unfreiwillig komisch. Es ist der Humor eines
Schopenhauer, eines Swift, eines Laurence Sterne, eines Baudelaire, eines
Buster Keaton und eines W. C. Fields, zu dem ich mich hingezogen fühle. Es ist
viel weniger ein Pessimismus als vielmehr ein schöpferischer Fatalismus, der
nicht aufgibt, obwohl er ahnt, dass es ziemlich sinnlos ist.
Von
diesem Faust wird erzählt und er erzählt selbst von sich, in den Aufzeichnungen
aus der Psychiatrie, einer der Stationen seines „Falls“. Dabei spricht Faust
den Leser manchmal direkt an, als wolle er um Gehör, um Aufmerksamkeit bitten.
Warum diese direkten Adressen an den Leser?
Diese sporadische direkte Anrede richtet sich, genau genommen, ja nicht
an die Leserin bzw. den Leser mit dem Buch in der Hand. Dieses Du richtet sich – und davon ist im Roman
an einer Stelle die Rede – an ein … „menschliches Wesen“. Es ist einfach ein
Kunstgriff, aus der sukzessiven Vereinsamung und Verzweiflung der Romanfigur
heraus entstanden. Und appellieren wir in unserem Wahn
etwa nicht mitunter an Instanzen, die wir gar nicht so genau kennen? Das
Schicksal…. Gott … Das Menschliche… Et cetera.
Für Ihren ersten Roman, „Koordinaten der
Liebe“, haben Sie lange nach einem Verlag gesucht, Volk + Welt wurde es dann.
Nun waren Sie drei Jahre lang ohne Verlag, ehe „Faust Fall“ im österreichischen
Independent-Verlag Luftschacht erscheinen konnte. Beeinflusst diese Situation,
die Zeit ohne Verlag das Schreiben, von dem man nicht sicher sein kann, ob es
an den Leser gelangt?
Alles beeinflusst
alles, genau genommen. Wenn man für
einen Verlag schreibt oder gar: nur schreibt, was ein bestimmter Verlag haben
will, ist man ohnehin verloren für die Literatur. Wie übrigens natürlich auch,
wenn man für eine Zielgruppe
schreibt, auf die man, nomen est omen, eigentlich schießen sollte. (Eine der
dümmsten Fragen, die ich je in einem Interview gestellt bekam: „Für welche
Zielgruppe schreiben Sie denn eigentlich?“) Als ich „Fausts Fall“ schrieb, war
ich noch beim Verlag Reclam Leipzig, der, was ich noch nicht wissen konnte,
dann vom Verlag Reclam Stuttgart zugesperrt werden sollte, um seine Aktionäre
zu befriedigen. Interessant in diesem Zusammenhang ist vielleicht, dass mein
Faust-Roman von mehreren großen Verlagen detailliert gelobt wurde (vom Lektor des
Rowohlt Verlages, Thomas Überhoff, sogar mit der „Blendung“ Canettis
verglichen), aber dennoch abgelehnt mit der einzigen Begründung, das
finanzielle Risiko sei zu hoch. Dem Autor wäre es wahrscheinlich leichter
gefallen, ästhetische Kriterien der Ablehnung zu akzeptieren. Für den noch
jungen, engagierten Luftschacht-Verlag war dann die literarische Qualität Grund
genug, das Buch zu veröffentlichen. Kurzum: Ich
schreibe für ein Publikum, das ähnliche literarische Vorlieben hat wie ich.
Für diesen ersten Roman erhielten sie 1993
den Aspekte-Preis, für „Anatol Hofers Trotz“ vier Jahre später den deutschen
Kritikerpreis. Haben diese Auszeichnungen für Ihre Arbeit, Ihre Laufbahn als
Schriftsteller etwas bewirkt, befördert?
Diese
Auszeichnungen waren in jedem Fall hilfreich, denke ich. Gar nicht so sehr im
Augenblick vielleicht, wie man glauben möchte, sondern über Jahre hinweg.
Wichtig im Literaturbetrieb: Von größerer Bedeutung aber für den Autor selber,
der sich durch diese Wertschätzung in seiner Arbeit unterstützt und bestätigt
sieht. Von einer gewissen Delikatesse in diesem Zusammenhang ist aber durchaus,
dass ich in Deutschland während meiner mittlerweile mehr als fünfzehn Jahre
dauernden, konsequenten Schreibarbeit mit zwei wichtigen Preisen bedacht wurde,
hier, in meiner so genannten Heimat, bis dato jedoch mit keiner vergleichbaren
Auszeichnung. Ich nehme das als eine zusätzliche Ehrung zur Kenntnis!
Sie haben damals gesagt, Auskunft über das eigene
Schreiben zu geben, gehöre zwar dazu, aber Sie müssten es nicht haben. Hat sich
an dieser Skepsis, auch Scheu vielleicht, Auskunft über das eigene Tun zu
geben, etwas verändert?
Bestimmt war ich in
meinen Anfängen verschlossener. Zum Teil war dies aber auch eine Reaktion auf
meine ersten Eindrücke, nachdem ich den „aspekte“-Literaturpreis bekommen
hatte. Als junger Mann ohne diesbezügliche Erfahrung hatte ich eine hohe
Meinung vom Literaturbetrieb, den ich mir intellektuell redlich und vor allem
humanistisch geprägt vorstellte; wohl auch ein wenig zurechtwünschte. Unter dem
Ansturm der Realität verflogen diese positiven Vorurteile dann aber sehr rasch
und machten zunächst einem ungläubigen Staunen (gepaart mit Verletzlichkeit)
und später einer gesunden Skepsis Platz. Falsch zitieren, das Thema verfehlen,
auf den Autor hinhauen statt auf den Text, Fragen stellen, die so dumm sind,
dass man im Boden versinken möchte… Alles Tagesgeschäft, business as usual,
menschlich, allzumenschlich. Was wirklich zählt,
sind ein paar Texte, die in die Jahre kommen.
In den „Koordinaten
der Liebe“ heißt es: „Ich ziehe eine Geschichte vor. Wirklichkeit kommt der
Wahrheit nicht näher“. Ist das immer noch ein Leitmotiv Ihres Schreibens?
Schreibend versuche
ich erlebte und durchdachte Wirklichkeit in eine neue, andere Wirklichkeit zu
verwandeln: Metarealität. Gelingt die Arbeit, erscheint diese artifizielle
Wirklichkeit als eigenständige Wahrheit. Als eine Wahrheit, die mitunter größer
ist als das Leben. Das vollkommene Kino ist größer als das Leben, hat ein
Regisseur gesagt. Nicht besser und schöner, sondern größer! Musik, Kunst und
Literatur können uns nur zeigen, was es schon gibt. In der Wirklichkeit, im
Unbewußten, in der Phantasie. Das Besondere ist, wie uns etwas gezeigt wird, auf welche Weise, mit welcher Sprache,
welchen Bildern, Metaphern. Ohnehin liest jeder nur in sich selbst, wie Proust
bemerkt hat. Entdeckt man aber etwas von dem in sich, was bisher verborgen
blieb, beginnt es, spannend zu werden …
Manfred Rumpl
Fausts Fall
Luftschacht Verlag
ISBN 978-3-902373-23-6
23,90 Eur[D] /
23,90 Eur[A] / 41,00 sFr
Manfred Rumpl, geboren 1960 in der Steiermark, studierte Philosophie und
Pädagogik in Graz und Wien. 1993
erhielt er für seinen Debütroman „Koordinaten der Liebe“ den
Aspekte-Literaturpreis des ZDF, 1997 für „Anatol Hofers Trotz“ den deutschen
Kritikerpreis. Manfred Rumpl lebt und arbeitet in Wien. Zuletzt erschien
„Murphys Gesetz“ (Reclam Leipzig 2003).