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Naisbitt, John

In seinem aktuellen Buch Mind Set! Wie wir die Zukunft entschlüsseln (Hanser) verrät Zukunftsforscher und Bestseller-Autor John Naisbitt, wie er so ungewöhnlich genau die Zukunft voraussagt: Mithilfe von „Mindsets“, spezifischen Denk- und Wahrnehmungsmustern.

Interview: Veronika Leiner
Anzeiger 08/2007

Das Kapitel „Kultur“ trägt den Untertitel: „Eine visuelle Kultur erobert die Welt“. Wenn das Visuelle zunehmend das Wort ablöst - bedeutet das nun doch den Tod des Romans?
Es geht nicht um ein Entweder-Oder, das ist keine Frage des Sterbens. Aber in der aktuellen Atmosphäre geht die wirtschaftliche Bedeutung des Romans etwas zurück. Dennoch glaube ich nicht, dass Romane verschwinden werden, oder dass Zeitungen verschwinden werden. Es ist aber so, dass in dem aktuellen „Mix“ aus Medien der Roman nicht mehr den gleichen Stellenwert hat wie in der Vergangenheit.

Sie sprechen aber auch an, dass das Lesevermögen generell zurück geht.
Da spreche ich über die USA, ich weiß nicht, ob das für Europa auch stimmt. Generell bemühen sich die Menschen im Internet nicht um korrekte Schreibweisen oder gute Grammatik, die „Message“ ist hier alles. Eine Message konstruiert man nicht mit derselben Haltung, wie wenn man ein Buch oder einen Zeitungsartikel schreibt, an dessen Textur man bewusst arbeitet. Im Internet geht es darum, die Message rüberzubringen, Grammatik oder Rechtschreibung sind da sekundär, manchmal sogar der Sinn. Das Lesen an sich wird durch das Internet immer wichtiger, aber es gibt einen Unterschied zwischen Menschen, die Romane lesen, und solchen, die nur Messages lesen.

Glauben Sie, dass uns da etwas verloren geht?
Natürlich verlieren wir etwas, aber nicht alle verlieren es, und wir können es natürlich auch zurückgewinnen. Mit den neuen Technologien tritt der Roman erstmal in den Hintergrund, und neue Medien, wie Computerspiele etc., treten in den Vordergrund. Wir befinden uns in einer großen Phase des Umbruchs und der Veränderung von Medien. Mich erinnert das an die Zeit, als am Anfang des 20. Jahrhunderts Automobile aufkamen. In den USA hatten wir damals 2700 Automobilhersteller, stellen Sie sich das vor! Und jetzt sind es nur noch vier, von denen nur noch zwei amerikanisch sind. Genauso haben wir jetzt all diese Medienunternehmen. Nach einer langen Umbruchphase wird das alles in Fusionen und Konzernen enden, das wird sich auch bei den Medien wieder einpendeln.

Sie schreiben auch darüber, dass die revolutionären Neuerungen des Internetzeitalters bereits Ende des 20. Jahrhunderts entstanden sind, dass aktuell nicht viel Neues zu erwarten ist.
Genauso, wie es auch im letzten Jahrhundert war: Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatten wir all diese wichtigen Erfindungen, das Automobil, das Radio, die Elektrizität, Flugzeuge. Wir haben 100 Jahre damit verbracht, diese Technologien zu perfektionieren und auszubauen, und wir arbeiten immer noch daran, wir verbessern immer noch Flugzeuge und Autos. Historisch betrachtet tendieren revolutionäre Innovationen, wirkliche Durchbrüche dazu, gehäuft aufzutreten. Deshalb erwarte ich auch keine technologischen Durchbrüche in nächster Zeit. Natürlich bezeichnen die Leute alles mögliche als Sensation, als DIE große neue Errungenschaft, aber das stimmt nicht, das sind evolutionäre Schritte. Wenn Sie an die Biochemie denken, zumindest die nächsten 100 Jahre werden Biochemiker daran arbeiten, Gene zu entschlüsseln, sich zu überlegen, wie Alzheimer heilbar wäre. Es ist essentiell, Jahrzehnte lang an der Weiterentwicklung dieser großen Durchbrüche zu arbeiten. Und diese Durchbrüche passieren interessanter Weise oft an den Jahrhundertwenden.

In Ihrem Buch geht es darum, wie wir Informationen wahrnehmen um aktuelle und zukünftige “Mindsets” zu erkennen. Ist es so einfach, Wahrnehmungsweisen im alltäglichen Leben zu verändern?
Manche Menschen können besser Radfahren als andere, und manche Menschen können besser Mindsets lesen als andere. Es gibt individuelle Unterschiede, aber es ist keine Zauberei dabei, man braucht auch keine speziellen Talente. Das einzig wirklich Schwierige ist es, intuitive Sprünge zu machen, Zusammenhänge zwischen den Dingen zu erkennen, aber ich glaube, auch das ist eine funktionale Praxis. Wenn ich jetzt sage, bauen Sie dieses Puzzle zusammen, dann müssen Sie auch erst sehen, welche Teile zusammenpassen, bevor Sie sie zusammenfügen können.

Haben Sie einen Tipp, wie das zu lernen wäre?
In dem man Schritt für Schritt damit beginnt. Ich habe vor 40 Jahren damit angefangen, wer immer bereit ist dazuzulernen, wird mit der Zeit in allem, was er tut, besser. Ich bin fest davon überzeugt, dass „wer nicht wächst, stirbt.“ If you are not growing, you are dying.

Eines Ihrer Mindsets lautet “Dinge, die wir erwarten, geschehen stets langsamer, als wir denken”.
Es gibt diesen Medien-Hype, alles müsste immer ganz schnell und einfach gehen: Du machst einfach eine Schachtel auf, und schon kannst du alles genauso gut wie jemand, der das schon seit langer Zeit macht. Im Grund steht in dem Buch, wie ich die Zukunft entschlüssle. Immer wieder haben mich Menschen gefragt, wie ich das mache, und so habe ich dieses Buch geschrieben, um dieses Wissen mit den Menschen zu teilen. Wenn es auch für andere Menschen nützlich ist, ist das großartig, aber das muss es nicht sein.

Die 11 Mindsets, die Sie beschreiben, sind eine Auswahl. Welches ist das wichtigste?
Das wichtigste ist „Nutzen Sie die Kraft, die darin liegt, nicht Recht haben zu müssen“. Wenn du davon angetrieben bist, immer Recht haben zu müssen, blendest du alle möglichen Dinge aus, die gegen deine Überzeugung sprechen würden. Aber wenn du nicht Recht haben musst, bist du offen, alles aufzunehmen, was neu und wichtig ist. Das geht bis auf die persönliche Ebene hinunter, etwa bei Ehepaaren, die irgendwann nur mehr davon getrieben sind, Recht zu haben. Das ist vergiftend für Beziehungen, und es ist Gift dafür, die Welt zu verstehen. Ich glaube, dass diese Tendenz, immer Recht haben zu müssen, mit der allgemeinen Beschleunigung stärker geworden ist, die Menschen sind heute mehr davon getrieben als früher. Es ist schwer, daraus auszubrechen, aber es ist sehr befreiend, wenn man nicht Recht haben muss. Bei meinen Vorträgen stehen manchmal Leute auf und sagen, „Das stimmt nicht!“, und ich sage „Natürlich, ich könnte auch falsch liegen, aber ich habe mich damit beschäftigt, und habe Ihnen jetzt gesagt, was ich darüber denke. Wenn es nützlich für Sie ist, ist das gut, aber wissen Sie, es könnte auch falsch sein. Ich muss nicht Recht haben. Sagen Sie mir, was Sie denken!“

Sie fordern "einen Computer und einen Dichter in jedes Klassenzimmer!”
Ja, diese Kampagne mag ich wirklich! Die Büchermenschen sind alle auf der Seite des Dichters, nehme ich an, und wir brauchen mehr davon in einer Welt, die mehr und mehr von Technologie durchdrungen wird. Kinder wachsen heute ganz selbstverständlich mit Computern auf. Natürlich müssen wir unsere Kinder dabei unterstützen, dass sie mit der Technologie mithalten können, weil sie sonst benachteiligt wären. Aber wenn ich mich darum kümmere, dass mein Kind auch Gedichte kennenlernt, dann hat es einen bedeutenden Erfahrungsvorsprung vor anderen. Hier geht es um Humanität und darum, wie wichtig Menschlichkeit ist, dass das ein Wert ist, den wir nicht verlieren dürfen.

Mindset #9 besagt „Resultate erzielen Sie nicht, indem Sie Probleme lösen, sondern indem Sie Chancen nutzen“. Ist es so leicht, seine Chancen zu erkennen?
Nicht jeder kann ein “Opportunity Seeker” sein. Das Konzept ist vergleichbar mit Unternehmern: Sie sind bereit in die Offensive zu gehen, aber normalerweise gehen sie ein sehr kalkuliertes Risiko ein. Ich habe selbst einige Firmen gegründet, und ich bin ein Unternehmer mit meinen Büchern, aber ich fühle mich nicht als jemand, der Risiken eingeht. Aber andere würden sich so fühlen. Maria Callas meinte einmal, „Mein Talent sind 10 Prozent, 90 Prozent sind Arbeit“. 10 Prozent sind die Begabung, 90 Prozent des Erfolges hängen davon ab, Dinge tatsächlich auch zu tun, hart zu arbeiten, Opfer zu bringen, alle diese guten Sachen.

Das heißt, was Sie uns eigentlich in Ihrem Buch sagen ist, “Lassen Sie sich Zeit und arbeiten Sie an Ihren Mindsets”?
Es ist ja kein Ratgeber-Buch, es ist zunächst ein Buch über das Nachdenken über die Zukunft, und darüber hinaus kann man dann sagen, dass dieses Nachdenken für dieses oder jenes nützlich sein kann. Wie bei allen meinen Büchern ist es eine Schüler-Lehrer-Situation: Ich bin ein Schüler, wenn ich von der Welt lerne, und ich bin ein Lehrer, wenn ich das, was ich gelernt habe, mit anderen teile. Aber ich gebe nicht vor, welchen Nutzen verschiedene Menschen daraus ziehen. Wenn es für jemanden nicht nützlich ist, dann nicht, und wenn es das ist, dann ist das großartig. Aber ich muss nicht Recht haben.

Sie haben erzählt, dass Sie erst relativ spät in Ihrem Leben mit Büchern in Berührung kamen. Was bedeuten Bücher heute für Sie?
Sauerstoff, sie sind mein Leben, deshalb wünsche ich mir auch einen Dichter für jedes Klassenzimmer!



John Naisbitt
Mind Set! Wie wir die Zukunft entschlüsseln
Übersetzt von Tatjana Halek, von Doris Naisbitt
320 Seiten
ISBN-13: 978-3-446-41000-8


John Naisbitt, geb. 1929, war Politberater und Topmanager. Mit seinem 9 Mio. Mal verkauften Bestseller Megatrends (1982) wurde er als Trend- und Zukunftsforscher weltweit bekannt und popularisierte damit den Begriff der Globalisierung. Weitere Titel sind Megatrends 2000 (1994) und Megatrends Asia (1996). Der international gefragte Vortragende war Eröffnungsredner der Jahrestagung des österreichischen Buchhandels 2007.



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