Pollack, Martin
"Österreich kümmert sich zu wenig"
Am 12. November 2007 wurde der Autor, Übersetzer und Journalist
Martin Pollack mit dem Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz
in Denken und Handeln ausgezeichnet. Im Gespräch mit Pamela Krumphuber
appelliert er an die österreichischen Verlage, dem „Stiefkind“ Osteuropa mehr
Beachtung zu schenken.
Interview: Pamela Krumphuber
Herzliche Gratulation zum Ehrenpreis für Toleranz in
Denken und Handeln, Herr Pollack. Was bedeutet Ihnen der Begriff „Toleranz“?
Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich als toleranter Mensch
gelten kann. Es gibt vieles in diesem Land, das mein Missfallen erregt und wo
ich mich zurückhalten muss. Ich nenne nur das Stichwort Ausländerpolitik. Ein
toleranter Mensch darf auch da nicht auf den Tisch hauen wollen. Ich möchte das
manchmal tun.
Es sind die Politiker, die Ihre Toleranz herausfordern?
Ja. Ihre Feigheit und ihre Bequemlichkeit stören mich. Alle rennen der Kronen Zeitung nach und erschrecken dann,
wenn die sich einmal anders äußert als erwartet. Ob die Kronen Zeitung wirklich immer die Meinung der Mehrheit ausdrückt,
wage ich zu bezweifeln. Feig ist auch, sich vor klaren
Entscheidungen zu drücken, wie beim Antirauchergesetz oder bei den
unsäglichen „Hundstrümmerln“. Es ist sehr österreichisch, sich hinter einem
angeblichen Volkswillen zu verstecken. Man befürchtet offenbar, dass der
Österreicher auf die Straße geht. Dabei tendieren die Menschen hier wirklich
nicht zu revolutionärer Gesinnung.
Sie selbst waren zu Beginn Ihrer Karriere Redakteur des 1989 eingestellten Monatsmagazins Wiener
Tagebuch, in dem auch Erich Hackl und Karl-Markus Gauß publiziert haben – beide
übrigens ebenfalls Ehrenpreisträger. Welche Rolle spielte das Wiener Tagebuch
in Ihrem beruflichen Werdegang?
Das Wiener Tagebuch war eine linke, eurokommunistische
Monatszeitschrift. Die Mitarbeiter waren alle aus der KPÖ ausgetreten oder
ausgeschlossen worden, viele waren während der Zeit des Nationalsozialismus im
Widerstand und/oder waren ehemalige KZ-Häftlinge. Wenn man meinen
Familienhintergrund kennt, könnte man erwarten, dass sie mir gegenüber
zumindest Zurückhaltung geübt hätten. Aber sie gaben mir nie auch nur das
Gefühl, dass es ihnen unangenehm wäre, mit mir zusammenzuarbeiten. Franz Marek,
Leopold Spira, Toni Lehr, Pepi Meisel, Paul Jelinek – von diesen Leuten konnte
man Toleranz und einen breiten Horizont lernen. Franz Marek war ein großartiger
Journalist und Denker, der mich fürs Leben geprägt hat. Er hat mir gezeigt,
dass es wichtig ist, zuzuhören und anderer Leute
Meinung gelten zu lassen. Er hat jedes Thema völlig offen angepackt, weil er
Meinungen hatte, aber keine Dogmen. Das Wiener Tagebuch war eine sehr
weltoffene Zeitschrift. So etwas würde heute ganz gut tun.
Wie schätzen Sie die politische Bedeutung des Wiener
Tagebuch ein?
Politisch war der Eurokommunismus, dieser „Sozialismus mit
menschlichem Antlitz“, unabhängig von Moskau, ein Irrweg. Ich sehe die
politische Bedeutung des Wiener Tagebuchs eher darin, dass es eine Reihe von
jungen Leuten geprägt hat. Es hat uns die Augen geöffnet und gezeigt, dass es in
der Welt auch etwas anderes als nur Dumpfheit gibt. Es ist kein Zufall, dass
Erich Hackl beim Wiener Tagebuch uns Lateinamerika und
seine Literaturen näher brachte und Karl-Markus Gauss auf vergessene Autoren aus Mitteleuropa aufmerksam
gemacht hat. Wir haben uns dort beheimatet gefühlt. Es ist das große Verdienst
dieser älteren Leute, das geleistet zu haben.
In ihrem jüngsten Buch Der Tote im Bunker zeichnen Sie
das Leben Ihres Vaters Gerhard Bast nach, der als SS-Sturmbannführer und Leiter
der Gestapo Linz für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich war. Was
bedeutet es, wenn die eigene Familiengeschichte exemplarisch für die Generation
der Täter ist? Gab es zum Beispiel einen Punkt, an dem der junge Mann das
bemerkt hat?
Nein, man wächst damit auf. Es gibt keine Überraschung.
Irgendwann muss man sich darüber klar
werden, ob man darüber reden oder schreiben will oder nicht. Ich kann da keinem etwas raten, das muss jeder selbst entscheiden.
Ich habe darüber geschrieben, aber ich habe lange damit gewartet. Das war
vielleicht gut so, weil ich das Buch sonst nicht adäquat hätte schreiben
können. Es war mir ein Anliegen, dieses
exemplarische Familienschicksal ganz offen darzulegen. Was sind die Wurzeln des
Nationalsozialismus? Wie entsteht Faschismus? Mir scheint, dass diese Fragen
noch immer wichtig sind, weil uns noch nicht genügend klar ist, wie Faschismus
entsteht.
In einer Diskussion mit Rudolf Burger 2005 haben Sie für
das Erinnern plädiert, Burger hingegen forderte ein Vergessen. Seine These war,
dass das Erinnern das Wissen über die Gewalttätigkeit überliefert und so Gewalt
immer wieder gelehrt wird.
Das ist eine fatale Sicht der Dinge. Im ehemaligen
Jugoslawien wurde uns vorgeführt, was passiert, wenn das Vergessen anbefohlen
wird: Die Konflikte der Vergangenheit wurden tabuisiert, bis sie im Krieg
wieder aufgebrochen sind. Heute sehen wir gerade dort, wo jahrzehntelang nicht
darüber geredet wurde, einen teilweise rabiaten Nationalismus. In Österreich
wiederum wurde der Nationalsozialismus unter den Teppich gekehrt und behauptet:
„Wir waren es nicht!“ Aber das Verdrängte kommt wieder nach oben und wirkt
verheerend. Deshalb muss man möglichst alles offen legen. Das gilt auch für
Osteuropa, wo viele Diskussionen über die Vergangenheit noch unerledigt sind.
Aber diese Diskussionen müssen geführt werden. Es gibt keine Abkürzung. Solche Diskussionen werden manchmal von Nationalisten
ausgenützt, aber das muss man in Kauf nehmen. Die Länder sind gefestigt
genug, um damit umzugehen.
Am Tag vor unserem Interview wurde bei den
Parlamentswahlen in Polen die Regierung von Jaroslaw Kaczynski abgewählt. Wie
schätzen Sie die Abwahl ein, und was erwarten Sie von Polen in der Zukunft?
Polen ist auf einem guten Weg. Die Kaczynski-Zwillinge haben
das Land in eine Sackgasse geführt, das hat man erkannt, und jetzt ist dieses
Problem wohl beseitigt. In der Vergangenheit hat die EU Polen vorgeworfen, es
sei dauernd gekränkt und fühle sich zu wenig beachtet. Aber es hatte dafür auch
gute Gründe: Der Eindruck, dass Deutschland sich mit Russland über den Kopf von
Polen hinweg verständigt, ist nicht ganz unberechtigt.
Polen ist ein modernes, junges Land und hat jetzt die
Möglichkeit, sich richtig darzustellen. Gleichzeitig ist die katholische Kirche
in Polen immer ein Machtfaktor und teilweise unglaublich reaktionär. Aber
dagegen kann man nur mit Argumenten angehen, nicht mit Verboten.
Österreich profitiert wirtschaftlich enorm von seiner
Rolle als Stützpunkt für Unternehmen in den Osten. Wo ist literarisch
Nachholbedarf?
Wir schreiben uns in Österreich große
Ostkompetenz zu. Das stimmt auch, die Banken und Baufirmen sind in Osteuropa
schon wie zuhause. Ich würde mir wünschen, dass das gleiche für die Kultur
gelten würde. Aber Österreich verschläft den kulturellen Austausch. Was
KulturKontakt Austria macht, ist großartig, aber das
reicht nicht, die allein können nicht alles besorgen. Ich komme gerade
von einer Reise nach Weißrussland zurück: Dort war ich auf Einladung des
deutschen Außenministeriums und des Goethe-Instituts. Auch zum 1.
Internationalen Literaturfestival 2006 in
Lemberg wurde ich von einer deutschen Institution, dem Literarischen Colloquium
Berlin, eingeladen. Die Deutschen stellen uns in Osteuropa in den Schatten,
auch die Schweiz ist sehr präsent, Österreich gerät ins
Hintertreffen. Das gilt ebenso für unsere Verlage. Der Verlag mit dem besten Osteuropa-Programm ist Suhrkamp, dank einer einzigen Person, Katharina Raabe, die ein
Programm für ganz Osteuropa im Kopf hat. Natürlich arbeiten deutsche Verlage in
anderen Größenordnungen als österreichische. Aber generell ist Osteuropa ein
Stiefkind unserer Verlangsbranche.
Ein besonderes Anliegen ist mir in
dieser Hinsicht Weißrussland, ein Freilichtmuseum des Stalinismus, das kaum wahrgenommen wird. Das finde ich bedenklich.
Die neue Buchmesse „Buch Wien“ möchte als Drehscheibe in
den Osten wirken. Wie schätzen Sie die Chancen dafür ein?
Schaden kann eine Messe nicht. 2006
war in Lemberg kein einziger österreichischer Verlag präsent. Man sollte
nachdenken, ob es nicht berechtigte Erwartungen der osteuropäischen Autoren und
Verlage gibt. Juri
Andruchowytsch hat unlängst in der NZZ einen scharfen Kommentar
veröffentlicht, in dem er sich von Österreich tief enttäuscht zeigte. Der
Kommentar war ungerecht, denn Andruchowytsch wurde auch von Österreichern
gefördert, aber grosso modo hatte er nicht unrecht. Österreich kümmert sich zu
wenig.
Sie sind bzw. waren Journalist, Übersetzer und Autor.
Welche Arbeit ist Ihnen die liebste?
Als Journalist arbeite ich kaum
mehr. Als Autor und Übersetzer leiste ich mir den Luxus, beides mit voller
Kraft zu betreiben. Beides ist mir gleich
wichtig. Wir brauchen immer noch Übersetzer für osteuropäische Literatur, die
als Vermittler wirken und den Verlegern die Türe eintreten, das ist unsere Aufgabe. Jetzt
möchte ich mich zum Beispiel mehr für die weißrussische Literatur einsetzen.
Wann dürfen wir von Ihnen Neues erwarten?
Im Februar erscheint eine Sammlung von Reportagen von den
90er-Jahren bis heute. Und ich arbeite an einem sehr zeitaufwändigen Projekt, so etwas wie eine Rückkehr nach Galizien. Zu meiner
großen Freude ist das Buch, das ich 1984 über Galizien geschrieben habe, noch
immer lieferbar. Dieses Thema hat mich wieder gepackt, aber wann das erscheint, steht noch nicht fest.
Martin Pollack
Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann
Paul Zsolnay Verlag, 2002
328 S.
21,50 Eur[D] / 22,10 Eur[A] / 38,70 CHF
Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater
Paul Zsolnay Verlag, 2004
256 S.
19,90 Eur[D] / 20,50 Eur[A] / 38,00 CHF
978-3-552-05318-2
Martin Pollack, 1944 in Bad Hall / Oberösterreich geboren. Studierte Slawistik und osteuropäische Geschichte. Bis 1998 Redakteur des Spiegel, seither freier Autor und Übersetzer.