Broder, Henryk M.
Terroristen sind
Schweine
Henryk M. Broder hat in seiner
Laudatio für Martin Pollack bei der Verleihung des „Ehrenpreises des
Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln“ scharfe Kritik
am Toleranzbegriff geübt. Um die Werte der Aufklärung zu verteidigen, müsse man
intolerant gegenüber ihren Feinden sein.
Interview: Pamela Krumphuber, 11/2007
Es ist fast schon eine Tradition, bei der
Verleihung des Toleranzpreises den Toleranzbegriff in Frage zu stellen.
Üblicherweise wird festgestellt, dass Toleranz nicht genüge, dass man den
anderen nicht nur tolerieren dürfe, sondern ihn annehmen müsse.
Den Menschen dort abholen, wo er
ist, ich verstehe. Man soll selber einen Schritt zurücktreten, damit die
anderen mehr Platz haben, einen in den Arsch zu treten.
Sie haben Toleranz mit Popper als Anleitung zum
moralischen Selbstmord beschrieben. Kürzlich wurde in Deutschland die
Vorratsdatenspeicherung beschlossen, die die Überwachung von Internet, Handy
und E-Mail ermöglicht. Ist es nicht auch moralischer Selbstmord, sich unter dem
Vorwand der Terrorbekämpfung seiner Prinzipien zu entledigen?
Wir können leider keinen
Feldversuch starten, ob diese Gesetze auch beschlossen worden wären, wenn es
die Vorgabe der Terrorbekämpfung nicht gegeben hätte. Ich habe immer noch genug
Vertrauen in die Regierung, um davon auszugehen, dass diese repressiven
Maßnahmen tatsächlich administrative und legislative Antworten auf die
terroristische Bedrohung sind. Es kann sein, dass ich mich irre, aber fürs Erste
scheint mir die Folge von Ursache und Wirkung relativ klar zu sein: Erst ist
der Terror, dann werden Maßnahmen ergriffen. Die Dialektik der Sache ist
natürlich, dass die Maßnahmen gegen den Terror unter Umständen in gleicher
Weise zur Aushebelung der Demokratie beitragen, wie es der Terror tut.
Kann man dieses Dilemma einfach mit dem Argument
abtun, es sei eben so notwendig?
Wenn die Regierung und die
anderen staatlichen Organe nichts unternehmen würden, würde beim nächsten
Terroranschlag die gesamte Öffentlichkeit aufschreien und sie verantwortlich
machen. Als 1968 in der Bundesrepublik die Notstandsgesetze beschlossen wurden,
waren wir alle fest davon überzeugt, dass das Maßnahmen sind, um die Demokratie
auszuhebeln. Das ist nicht eingetreten. Die Notstandsgesetze sind nicht
missbräuchlich verwendet worden, nicht einmal zu RAF-Zeiten. Ein wenig
Grundvertrauen in die Regierenden könnte man schon haben. Was nicht bedeutet,
dass ein gesundes Misstrauen nicht angebracht ist. Misstrauen gegenüber jeder
Regierung ist wirklich erste Bürgerpflicht.
Zu Ihrem Buch. Robert Gernhardt hat es
„Stellvertreterempörung“ genannt, wenn er z. B. Ausländer veräppelt hat und
sich nicht die Ausländer selbst darüber empörten, sondern so genannte „linke
Gutmenschen“. Dieses Verständnis für die unterdrückten anderen vor sich
herzutragen, wie auch Sie es beschreiben, ist nichts neues. Oder wie würden Sie
das sehen?
Nein, das ist eine qualitativ
neue Situation. Es ist vollkommen richtig, Verständnis gegenüber Menschen aus
Anatolien oder den Abruzzen zu zeigen, die zu uns gekommen sind, zu sagen: „Die
brauchen Zeit, um sich anzupassen, und wir helfen ihnen dabei.“ Heute ist die
Situation eine andere. Heute gibt es nicht nur eine konkrete Terrorgefahr,
sondern eine Drohkulisse, die jedes Mal aktiviert wird, wenn Leute, die nicht
hier mit uns leben, etwas als empörend empfinden. Wenn also irgendwelche
durchgeknallten Islamisten in Jakarta demonstrieren, dann hat das auf
Kulturschaffende in Baden-Württemberg oder in Vorarlberg enorm disziplinierende
Wirkung. Das ist die Gefahr.
In dem Milieu, aus dem ich komme,
unter den Linken, Liberalen, den aufgekratzten Bürgerlichen, ist eine enorme
Desillusionierung eingetreten. Das kann man an zwei Tagen festmachen: Am 9.
November, dem Fall der Mauer, und am 11. September, am Tag der Anschläge auf
New York, Washington und die anderen Objekte. Als die Mauer fiel, hat die
gesamte westeuropäische Linke ihr Mündel verloren. Auf der Suche nach anderen
Objekten der Fürsorge fanden sie die unterdrückten, vom Westen ausgebeuteten
Araber, die erstaunlicherweise auf den reichsten Bodenschätzen der Welt hocken
und trotzdem das Mitleid der gesamten europäischen Linken genießen. Als dann
der 11. September passierte, schlug die Liebe zum Underdog in die präventive Selbstaufgabe
um. Mit der Gefahr konfrontiert, glaubte man, durch vorsorgliche, voreilige
Kapitulation die Gegenseite günstig stimmen zu können. Das Protobeispiel für
diese Haltung ist Günther Grass, der drei oder vier Tage nach dem 11. September
in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen ganzseitigen Artikel
veröffentlicht hat, in dem er sich fragte: „Was haben wir denen angetan, die
uns so hassen?“ Es gibt eine Leidenschaft in unserem Milieu, die Ursache für
alles, was andere anstellen, bei uns selbst zu suchen. Das ist suizidär.
Ist das nicht eher der eigenen Machtlosigkeit
geschuldet? Der Glaube an die Möglichkeit eines linken Projektes ist ja
zerstört worden.
Diese Machtlosigkeit ist ein
Schlüsselproblem, da haben Sie leider recht. Die Machtlosigkeit führt dazu, das
eigene Verhalten ändern zu wollen, in der ebenso verständlichen wie
vergeblichen Hoffnung, die Situation dadurch ändern zu können. Dazu kommt, was
ich geradezu für pervers halte, eine Art von Suche nach Bündnispartnern. Der
Linken sind ja nicht nur die Mündel abhanden gekommen, sondern auch sämtliche
Möglichkeiten, sich an diesem System, das sie ja wirklich aus pathologischen
Gründen hassen, zu rächen. Und da kommen so wildgewordene Eingeborene, die auch
noch dem Rousseau’schen Begriff des Edlen Wilden entsprechen, und wollen
zerstören, was ihnen zu zerstören nicht gelungen ist. Nach der alten
RAF-Parole: Macht kaputt, was euch kaputt macht.
Die Linke basiert auf einer Kritik der politischen
Ökonomie. Warum werden keine ökonomischen Kriterien bei der Analyse der
islamistischen Regime angelegt?
Und auch keine humanistischen,
das kommt ja noch dazu! – Ich weiß es nicht, ich kann auch nur spekulieren. Die
Linke hat jahrzehntelang Illusionen gepflegt. Wir haben gesehen, wie beschissen
das Leben im Ostblock ist, wie grau und trostlos. Trotzdem hat sich die Linke
an die Illusion geklammert, dass der Ostblock wirtschaftlich, kulturell, vom
humanistischen Gehalt her ein überlegenes System ist. Und jetzt passiert das
gleiche mit der wunderbaren arabischen Kultur. Wir sehen die Unterdrückung der
Frauen, wir sehen, wie Homosexuelle aufgehängt werden, wie im Iran die Bahai
verfolgt werden, wir sehen brutale, nach innen absolut rücksichtslose Systeme,
und die Linke sieht eine Art von Morgenröte aufziehen.
Ist das so?
Ja, und das schlimmste ist, wir
verraten die Liberalen, Leute wie Salman Rushdie und Ayaan Hirsi Ali. Die
liberalen, säkularen Moslems sind unsere einzigen und besten Verbündeten, und
es gibt davon mehr, als wir glauben. Aber wir nehmen sie nicht wahr, weil wir
die Tendenz haben, immer mit den Mächtigen zu paktieren.
Umgelegt auf Ihren Buchtitel
„Die Lust am Einknicken“, den wir hier in Wien freudianisch interpretieren
könnten: Die anderen haben mehr balls, und der Westen genießt das?
Die Lust am Einknicken meint einfach die Lust am
Ausweg, den man sich eröffnet hat und den man vor sich selbst auch noch mit
Liberalität, Herstellung von Chancengleichheit, Leistungserbringung nach vielen
Jahrhunderten der Ausbeutung rechtfertigt. On top of everything kommt noch eine
große Menge an Heuchelei und Bigotterie dazu.
Sie erwähnten vorhin schon das Bild des Edlen
Wilden. Verweist das nicht auf einen Mangel in westlichen aufgeklärten
Gesellschaften, dass dieses Bild sich so hartnäckig hält? Ist nicht die Frage,
was Aufklärung vermissen lässt?
Ja, es gibt eine ganze
Philosophenschule, die die Aufklärung für gescheitert hält. Das halte ich für
Unsinn. Nein, die Aufklärung war ein grandioses europäisches Projekt, ein
Weltprojekt, aber es gibt Grenzen des Verständnisses. Wenn sich heute jemand in
Westeuropa auf die Aufklärung beruft, kann er das völlig folgenlos tun. Er
meint damit unter Umständen nur, dass er sein Sexualleben nach eigenem Gusto
gestalten kann. Was ich mit Entsetzen beobachte ist: Es gibt keine Zensurinstanzen
in aufgeklärten Gesellschaften, keine Reichsschrifttumskammer.
Das entsetzt Sie?
Das finde ich gut. Was mich
entsetzt ist, dass der Mangel an Zensur jetzt von der Gesellschaft ausgeglichen
wird. Seitdem die Kirche keine Zensur mehr betreibt, haben die aufgeklärten
Linken die Aufgabe übernommen, die sich dann gegenseitig exkommunizieren. Also
gibt es offensichtlich ein Bedürfnis nach Überwachung, und wenn die
gesellschaftlichen Instanzen es nicht übernehmen, kommt es aus der Gesellschaft
selbst. Ich erlebe immer wieder, dass Leute auf mich zukommen, wie nach diesem
kleinen, wirklich harmlosen Vortrag gestern: „Wunderbar! Sehr gut, sehr mutig!
Sie können sich das leisten.“ Ich gehe kein existenzielles Risiko ein, kein
intellektuelles, kein ökonomisches. Was ich riskiere, ist eine Einladung zu
einer Talkshow. Aber bei den Leuten kommt das so an, als sei es eine Mutprobe.
Und das ist es nicht.
Diese Gleichschaltungstendenzen sehe ich so nicht.
Gleichschaltung ist zum Beispiel,
wenn man von Bürgern mit „Migrationshintergrund“ spricht.
„Migrationshintergrund“ ist eine absolut diffuse und konfuse Vokabel. Nennen
Sie mir einen Berliner oder einen Wiener, der keinen Migrationshintergrund hat:
Das wird schwierig. Das ist eine Vokabel, die auf den ersten Blick zur
Rücksichtnahme auffordert, aber auf den zweiten Blick gleichschaltet. Mein
Lieblingsbeispiel ist aber, wenn irgendwo eine Geisel genommen wird und es
heißt: „Es ist noch unklar, ob die Entführung terroristischen oder kriminellen
Hintergrund hat.“ – Diese saubere Differenzierung zwischen Terroristen mit
politischen Motiven und Kriminellen, die sich „nur“ bereichern wollen. Ich
finde umgekehrt, die Kriminellen, die sich bereichern wollen, haben ein
anständiges Motiv. Terroristen sind Schweine, die nur morden wollen.
Anders gefragt: Warum ist
Aufklärung so unsexy?
Das habe ich mich auch schon
gefragt. Warum haben die Rechten mit ihren Lagerfeuern mehr Erfolg als die
Linken mit ihren Seminaren? Hans Dieter Hüsch hat einmal gesagt: „Denken macht
Spaß – wenn man dazu kommt.“ Denken ist eigentlich nie unsexy. Ich glaube, dass
zweierlei stattgefunden hat. Erstens, die Dekadenz greift um sich. Ich meine
das vollkommen ernst. Ich bin rechtskräftig wegen Verbreitung pornografischer
Schriften verurteilt, da war ich, glaube ich, 23. Aber wenn ich heute das
Fernsehen einschalte und die Schamlosigkeit betrachte, mit der die Leute sich
ausstellen, bin ich platt. Das zweite ist, dass die Leute durch die
Beschleunigung aus dem Tritt gekommen sind. Einerseits ist alles machbar,
andererseits sehen sie im Fernsehen die ganze Welt und wissen gleichzeitig,
dass sie nicht weiter als bis zum Ballermann kommen. Das muss die Leute
frustrieren.
Ich glaube zum Beispiel, das die
ganze arabische Revolution, die wir erleben, eine Folge des Fernsehens ist. Da
sitzen die Jungs in ihrem Zelt, sehen die Models von Victoria’s Secret, dann
drehen sie sich um und sehen Suleika im Schleier hinter ihnen sitzen und
wissen, sie werden nie auch nur an die Fingerspitzen bekommen, was sie gerade
im Fernsehen sehen.
Darauf läuft Ihr Buch hinaus: Ein wesentlicher
Faktor ist sexueller Frust.
Oder sagen wir zivilisatorischer
Frust.
Worauf ich hinaus will: Vor kurzem war Alice
Schwarzer in Wien. Sie hat auf die Frauenfeindlichkeit vieler Hip-Hop-Texte
verwiesen und auf das Problem, dass viele der besonders brutalen Rapper aus
Machokulturen kommen. Gäbe es da nicht mögliche Allianzen zwischen Schwarzer
und Ihnen?
Frau Schwarzer und ich sind
Todfeinde, und ich werde alles dafür tun, dass das so bleibt. Obwohl ich
zugeben muss, dass sie zwischendurch immer wieder mal ganz vernünftige Sachen
sagt und schreibt, das will ich gar nicht bestreiten. Ich glaube nicht an
Allianzen. Die einzige Allianz, der ich angehöre, ist „Die Achse des Guten“, 13
Leute, die durchaus verschiedener Meinung sind, aber in einigen Grundsätzen
übereinstimmen. Hans Dieter Hüsch hat das wunderbare Wort von der „Solidarität
der Einzelidioten“ geprägt. Allianzen ergeben sich von allein im Auge der
Betrachter, wie bei den Empfehlungen von Amazon: „Leute, die dieses Buch
gekauft haben, haben auch jenes gekauft.“ Aber man kann diese Allianzen nicht
bewusst schließen. Ich bin einfach nicht der Typ dafür, sonst wäre ich
Politiker geworden. Nein, das ergibt sich von allein.
Zum Schluss noch ein Satz zu Ihrer Lust an der
Provokation ...
Ich provoziere nicht, zumindest
lege ich es nicht darauf an. Ich bin selber überrascht, wie manche Menschen auf
meine Texte reagieren.
Sie sind sehr polemisch.
Nein, meine Texte sind extrem
sachlich. Ich stelle einfach Klarheit her. Gestern Abend kam Heide Schmidt auf
mich zu und versuchte mich zu überzeugen, dass ich mit Unterstellungen arbeite.
Und dann sagte sie: „Herr Broder, Sie und ich, wir wollen doch die Welt
retten.“ Ich will nicht die Welt retten, aber Frau Schmidt wollte mit mir über
eine Brücke gehen und Einheit herstellen. Ich hingegen bevorzuge Klarheit statt
Einheit. Wenn der Spiegel einen Text von mir veröffentlicht, den er gut findet,
bei dem er aber irgendein ungutes Gefühl hat, schreibt er „Polemik“ darüber. In
Ordnung, wenn die Kollegen das so sehen – so lange sie mich drucken! Das 11.
Gebot lautet: Du sollst nicht langweilen. Ich weiß, Sie glauben mir kein Wort,
aber bin in meinem Inneren relativ bescheiden. Das ist alles Unterhaltung.
Manchmal regen sich Leute über Texte von mir auf und ich frage dann: Haben Sie
zuende gelesen? Wenn sie dann ja sagen, ist das in Ordnung.
Henryk M. Broder
Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken.
Pantheon, 176 S.
EUR 10,30 (A)
ISBN: 978-3-570-55047-2
Henryk M. Broder, geboren 1946 in Kattowitz, ist einer der bekanntesten Publizisten Deutschlands. Er schreibt unter anderem für den Spiegel und die Weltwoche und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Broder beschäftigt sich in seinen Veröffentlichungen vor allem mit Islamismus, dem Nahostkonflikt und Israel und der Linken in Deutschland. Er ist Mitglied des publizistischen Netzwerks „Die Achse des Guten“ (www.achgut.com). Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls (1986), Die Irren von Zion (1998) und Kein Krieg, nirgends. Die Deutschen und der Terror (2002). Zuletzt erschienen: Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken (2006) und H. M. Broder u. a. Schöner Denken. Wie man politisch unkorrekt ist (2007).