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Cerha, Ruth


Momentaufnahme

Mit ihren Erzählungen Der Gesang der Räder in den Schienen (Luftschacht Verlag) gelang Ruth Cerha ein besonderes Erstlingswerk - klangvolle Texte über das Reisen, Ankommen und Veränderungen.

Interview: Sarah Shokouhbeen / Foto: Marlies Allmeier
Anzeiger 03/2008

Erzählungen als Erstveröffentlichung, ist das nicht schwierig?
Ja. Ich habe von einigen Verlagen Absagen à la "Hat uns sehr gut gefallen, aber Erzählungen als Debut geht nicht" bekommen. Ich war wirklich schon soweit, dass ich das Manuskript in die Lade gelegt habe und dachte, ich beende erstmal den Roman, den ich angefangen hatte, bringe ihn irgendwo unter, und habe dann vielleicht auch bessere Chancen mit den Erzählungen. Allerdings wurde ich von der Alten Schmiede und Kurt Neumann, dem ich ein Manuskript geschickt hatte, eingeladen zu lesen. Kurt Neumann hat mich dann nach der Lesung gefragt, wieso es noch nicht veröffentlicht ist und mich aufgeklärt, dass es zwar schwieriger ist mit Erzählungen als Debut, aber nicht unmöglich. Ich habe ihm eine Liste mit den von mir angesprochenen Verlagen geschickt und er hat sie erweitert. Ich war ja eine völlige Quereinsteigerin, habe mich überhaupt nicht ausgekannt und aus der Leserposition zuerst deutsche und österreichische Verlage angesprochen, die ich kannte. Ich habe zwar recheriert und geschaut, dass ich zum Programm passe, aber viele kleinere österreichische Verlage habe ich einfach nicht gekannt. Dann habe ich nochmals einige Manuskripte verschickt und der Luftschacht Verlag war dabei. Unglaublicherweise bekam ich schon zwei Wochen später Rückmeldung, was einem Tick von mir zu verdanken ist: Ich verschicke alle Manuskripte nur eingeschrieben und Jürgen Lagger von Luftschacht musste auf die Post gehen und hat noch am selben Tag zu lesen begonnen.

Die Idee für einen Roman kam aber nicht aufgrund dieses Feedbacks zustande?
Nein, das hatte damit überhaupt nichts zu tun, den Roman habe ich schon begonnen, bevor ich die Manuskripte verschickt habe. Schon im Alter von 20 Jahren hatte ich eine schriftstellerische Phase und habe bei Wettbewerben mitgemacht, aber nie etwas gerissen. Ich habe das dann erstmal abgehakt, weil ich noch viele andere Sachen machen wollte und mich auf die Musik konzentrierte. Vor ca. vier Jahren habe ich ohne darüber nachgedacht zu haben, eine Idee für eine Geschichte gehabt. Ich saß im Palmenhaus und fing an zu schreiben - so entstand "Samanea Saman". Dann habe ich nicht mehr aufgehört. In einem dreiviertel Jahr waren die Erzählungen fertig. Die Form der Erzählung hat mich wirklich interessiert, aber dann wurde sie mir zu eng und ich merkte, dass ich mich an einer größeren Form versuchen wollte. Der Roman ist zu zweidrittel fertig. Die Arbeit an einem Roman ist eine ganz andere, ich hatte einige Pausen, auch aufgrund der Veröffentlichung der Erzählungen.

Sie arbeiten als Musikpädagogin, haben zwei Kinder und schreiben an Ihrem ersten Roman. Wie bewältigen Sie die Dreifachbelastung?
Vom Schreiben zu leben ist zwar nicht unmöglich, aber sehr schwierig. Als ich begann, habe ich meine Unterrichtstätigkeit etwas zurückgeschraubt. Außerdem habe ich meine anderen Aktivitäten als Musikerin aufgegeben, die ich vielleicht irgendwann wieder aufnehmen werde, aber momentan ist das nicht möglich. Finanziell ist es nicht leicht. Literarische Stipendien in Österreich zu bekommen ist sehr schwer, da es z.B. im Vergleich zum Norden Europas wenige gibt. Für mich ist Zeit zum Schreiben aufgrund meines Berufes und meiner Kinder definitiv ein Thema. Der Gesang der Räder in den Schienen habe ich nachts geschrieben, zwischen 21 Uhr und drei Uhr in der Früh. Jeden Tag bin ich um 6:30 Uhr wieder aufgestanden. Wie ich das geschafft habe, ist mir momentan ein Rätsel. Aktuell schreibe ich vormittags.

Wie haben sich die Ideen zu den Erzählungen in Der Gesang der Räder in den Schienen entwickelt?
Das war ganz unterschiedlich. Manchmal war nur ein erster Satz aus dem Nichts da - wie bei "Rembrandt". Wahrscheinlich bin ich morgens damit aufgewacht und dann habe ich einfach losgeschrieben, ohne zu wissen, worum es gehen wird. Manches beruht auf Geschichten, die mir erzählt wurden. Die Titelerzählung z. B. ist angeregt durch eine Freundin, die früher die Sommermonate immer in Berlin verbrachte und an den Schienen wohnte, wo sie alle vorbeifahrenden Züge hörte. Einige Zeit später stand ich an einem Bahnübergang und musste lange warten: Plötzlich war dieses Bild wieder da und gleichzeitig ein erster Satz. Einen genauen Plan für eine Geschichte hatte ich nie.

Ihre Erzählungen haben einen thematischen Zusammenhang. Es handelt sich um Momentaufnahmen Ihrer Generation.
Es handelt sich tatsächlich um Momentaufnahmen meiner Generation, allerdings liegen sie 10-20 Jahre zurück. Die ProtagonistInnen sind zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig. In diesem Alter verändert sich sehr viel. Das Buch dreht sich um Veränderungen, Angelpunkte im Leben, Momente, in denen sich Dinge verschieben und man einen neuen Zugang zu sich selbst oder anderen Menschen findet.

Die Titelgeschichte und "Rembrandt" haben im Gegensatz zu den anderen Erzählungen nur marginal mit Liebesbeziehungen zu tun.
Bei "Rembrandt" steht seine Veränderung im Zentrum. Das Konzept, das er lebt, die Verweigerung des Tages und die Ausrichtung auf seinen Beruf, die Malerei, ändert sich. Er hört auf, sich nur über das, was er tut, zu definieren.

In der Titelgeschichte und auch bei "I come from Vienna" schwingt ein Hauch Spiritualität mit.
Ich würde das nicht unbedingt als spirituell bezeichnen. Allerdings spielen Träume immer wieder eine Rolle und ich glaube, dass Träume und Vorstellungen uns oft mehr beeinflussen als die sogenannte Realität, dieser Aspekt interessiert mich sehr. Deshalb finde ich es in meinen Texten nicht unbedingt notwendig, deutlich zu machen, ob etwas real ist oder erträumt. Für meine Figuren ist beides gleich wirklich und wichtig.

Ihre Geschichten sind offen. Es herrscht viel Interpretationsspielraum.
Das ist meine Absicht. Als Leser habe ich es auch sehr gerne, wenn viele Möglichkeiten offen bleiben und ich Dinge zuende denken kann, wie ich sie mir vorstelle. Ich mische mich auch sonst nicht allzu viel in das Leben meiner Figuren ein. Auf einmal sind sie da, und dann folge ich ihnen. Ich schaue mir Texte immer wieder an und streiche, wenn ich das Gefühl habe, zu viel konstruiert zu haben. Ich gebe keine moralischen Urteile ab, da enthalte ich mich. Für mich ist genau das ein großer Reiz.

Wie beenden sie dann eine Erzählung?
Ich entlasse meine Figuren, auch aus meiner Vorstellung. Das bedeutet, dass ich sie für mich auch nicht mehr weiterverfolge. Ich laufe eine Zeitlang neben ihnen her, beobachte sie, und dann nehme ich an der letzten Kreuzung die andere Richtung. Beim Lesen stört mich sogar manchmal ein klassisches Ende. So etwas kommt mir oft erzwungen vor.

Also sind Krimis nicht unbedingt das Richtige für Sie?
Wobei mir schon gesagt wurde, dass ich "Seelenkrimis" schreibe.

Sie schreiben aus Männer- und Frauenperspektive: Wie schwierig ist das?
Es ist eine Herausforderung. Es war mein Wunsch, zu experimentieren - mit der Ich-Perspektive, der dritten Person und eben auch der Männer- und Frauenperspektive. Insbesondere die Ich-Perspektive eines Mannes hat mich interessiert. Im Rückblick fand ich sie aber nicht schwieriger, sondern habe mich dabei sehr wohl gefühlt und auch das Gefühl gehabt, mich gut in die Rolle hineinversetzen zu können.

In "Samanea Saman" verzweifelt eine eigentlich sehr emanzipiert wirkende Frau an der Trennung ihres Partners. Ist es nicht bezeichnend, dass bei diesem Thema die Frau und eben nicht der Mann verzweifelt?
In "Vertikal" z. B. kommt der Mann mit dem Lügengebäude seiner Partnerin nicht zurecht und verzweifelt daran. Im Leben wie in der Literatur beziehe ich diesbezüglich keine Position. Männer wie Frauen können mit dem Einen oder Anderen Probleme haben. Bei "Samanea Saman" ist die Beziehung für die Frau offensichtlich eine viel tiefere als sie bis zur Trennung gedacht hat. Sie ist es nicht gewohnt, jemanden auf einmal so zu vermissen. Natürlich ist die Erzählung diejenige, die am klassischsten als "Frauengeschichte" daherkommt. Aber wie gesagt, mir sind alle Perspektiven gleich nah.

Ihre Sprache ist sehr rhythmisch und musikalisch. Lesen Sie sich Ihre Texte immer vor?
Ja, speziell an Stellen, bei denen ich mir nicht sicher bin. So merke ich sofort, wo etwas nicht passt, wo es nicht fließt, wo Worte zuviel sind und der Rhythmus nicht stimmt.

Wie intensiv ist für Sie der Zusammenhang zwischen Musik und Literatur?
Da ich selber Musik mache, ist Musik sehr wichtig für mein Schreiben. Dem Gesang der Räder in den Schienen ist ein Tom Waits Zitat vorangestellt und auch zwischendrin gibt es immer wieder musikalische Anspielungen. Manchmal habe ich sogar richtige Soundtracks zu meinen Geschichten im Kopf. Viele Dinge entstehen bei mir auch dadurch, dass ich Bilder vor mir habe. Die ProtagonistInnen und deren Mimik und Gestik habe ich immer szenisch vor Augen, ich schreibe fast filmisch.

Warum spielen alle Erzählungen ausschließlich in und um Wien?
Ich lebe in Wien seit meiner Geburt und habe nie woanders gewohnt, außer ein Jahr im Waldviertel. Allerdings bin ich viel gereist. Das Reisen ist ein großes Thema und Anliegen. Aber wie gesagt lebe ich in Wien schon seit 44 Jahren und ich mag die Stadt und lebe sehr gern hier. Ich kann das Gejammer vieler Wiener nicht verstehen, die behaupten überall sonst sei es besser. Wien ist eine tolle Stadt zum Leben. Ich denke auch, wenn man wie ich anfängt, sich in einer Kunstform auszudrücken, ist es ganz gut, von etwas auszugehen, wozu man einen starken Bezug hat und was man gut kennt. Gleichwohl ist es interessant, dass manchmal vertraute Plätze fremd erscheinen und man neue Sachen entdeckt - quasi wie ein Tourist in der eigenen Stadt. Übrigens spielt die Titelerzählung in Berlin.

Was erwartet uns in Ihrem neuen Roman?
Ich spiele auch im Roman mit vielen Dingen, die schon in den Erzählungen ein Thema sind. Das Reisen spielt wieder eine große Rolle, Träume und Begegnungen sind wichtig. Vieles, was mich grundlegend beschäftigt und ich in einem größeren Rahmen genauer betrachten wollte.

Wann dürfen wir uns auf Ihren ersten Roman freuen und können Sie schon sagen, ob er auch im Luftschaft Verlag herausgegeben wird?
Ich möchte bis Ende des Jahres fertig sein. Der erste Verlag, der den Roman bekommen wird, ist Luftschacht. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit und ein großes Glück für mich. Sie machen eine seriöse, professionelle Arbeit mit viel Idealismus und pflegen trotzdem nicht diesen österreichischen Nischen-Minderwertigkeitskomplex. Anbieten werde ich den Roman aber auch anderen Verlagen und dann einfach schauen, was passiert.

Ruth Cerha, geb. 1963, hat zwei Kinder und lebt und arbeitet als Klavierpädagogin in Wien.



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