Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

al-Aswani, Alaa





Popanz des Fundamentalismus

Anfang März hat der ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswani in Wien den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch für seinen Roman Der Jakubij n-Bau (Lenos) entgegen genommen.

Interview: Holger Ehling / Foto: Lenos Verlag/Andrea de Meo
Anzeiger 03/2008


Alaa al-Aswani - der Schriftsteller als Zahnarzt - wie funktioniert das?

Sehr gut. Zum einen, weil man in Ägypten eigentlich nicht vom Schreiben leben kann. Und zum anderen, weil ich mir als Zahnarzt meine Zeit gut einteilen kann und ständig mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun habe. Weil ich diesen Beruf habe, bin ich nicht abhängig von Stipendien oder Zuwendungen der Regierung, was mir sehr wichtig ist, denn ich entziehe mich dadurch gewissen Zwängen. Es ist für einen Schriftsteller aber auch wichtig, nicht isoliert vor sich hin zu arbeiten, sondern sich der Welt und den Menschen auszusetzen, und diese Möglichkeit habe ich durch meinen Beruf. Durch den Erfolg meiner Romane in den vergangenen drei Jahren könnte ich zwar zum ersten Mal in meinem Leben nur noch als Schriftsteller arbeiten, aber es würde mir nicht im Traum einfallen, nicht mehr als Zahnarzt zu arbeiten.


Der Vorbilder in der Literatur gibt es genügend - von Tschechov über Zola bis Gottfried Benn gab es ja viele schreibende Ärzte. Ist das ein Zufall, oder steckt mehr dahinter?

Es gab tatsächlich schon immer schreibende Kollegen, und ich glaube da nicht an Zufälle. Es ist doch so, dass die Arbeit des Arztes und die des Schriftstellers in ihrer Ausrichtung ähnlich sind: Es geht beiden um Erkenntnis. Beiden geht es darum, die offensichtlichen Symptome zunächst zu erfassen, aber dann zu einer klaren Diagnose der tatsächlichen Ursachen zu kommen. Ich fühle mich also nicht fremd, wenn ich von einer zur anderen Tätigkeit wechsele - der Mensch und die Ursachen seines Befindens bleiben im Mittelpunkt meiner Gedanken.


Sie stammen aus einer angesehenen Familie von Intellektuellen, auch Ihr Vater war Schriftsteller - hat das Ihren eigenen Wunsch zur Schriftstellerei beflügelt?

Schreiben war immer schon ein Lebenstraum für mich. Ich war ein Einzelkind und habe sehr an meinem Vater gehangen. In meinem Elternhaus hing Literatur in der Luft, und auch die bekannten Schriftsteller der Zeit gehörten zum Freundes- und Bekanntenkreis. Das prägt natürlich, und ich habe schon als Jugendlicher angefangen, zu schreiben. Mein Vater hat mir dann auch geraten, einen richtigen Beruf zu erlernen - er selbst war Rechtsanwalt und hat damit seinen Lebensunterhalt verdient. Und ich bin ihm dankbar für diesen Rat.


In ihrem Roman "Chicago" führen Sie den Leser an das Histologische Institut der Universität von Chicago, und dabei in die Szene der ägyptischen Medizin-Stipendiaten und ihrer Ängste und Nöte. Dort haben Sie selbst auch studiert. Wieviel Aswani steckt in dem Roman?

Der Roman ist nicht autobiographisch - es sind ganz andere Zeitumstände, die ich dort beschreibe. Aber es gibt natürlich Situationen, die dem ähneln, was ich in meiner Zeit in Chicago selbst erlebt habe.


Bestimmend für die Atmosphäre unter den ägyptischen Studenten sind ja die Spitzeleien durch Agenten der ägyptischen Regierung einerseits und die Auseinandersetzung mit dem Islam andererseits. Auch im Vorgänger-Roman "Der Jakubijan-Bau" spielt der islamische Fundamentalismus ja eine wichtige Rolle, und auch dort gehen Sie die ägyptische Regierung sehr hart an. In Europa und den USA wird diese Regierung aber gerne als Bollwerk gegen den Fundamentalismus verstanden - liegt man damit ganz falsch?

Die Regierung in meiner Heimat ist zunächst einmal durch und durch korrupt. Und von dieser Verderbtheit geht das ganze Elend aus, das sich in Ägypten im Alltag zeigt - die Armut, die mangelnde Bildung und letztlich auch der wachsende Einfluss des politischen Islam. Dabei sind die Menschen in Ägypten traditionell eigentlich recht liberal in religiösen Dingen. Aber der Mangel an Arbeitsmöglichkeiten treibt seit Jahrzehnten die besser ausgebildeten jungen Männer zur Arbeit in die Golfstaaten, und dort besonders nach Saudi-Arabien. Dort kommen sie unweigerlich unter den Einfluss der saudischen Spielart des Islam, die erzreaktionär ist. Und mit diesem Gedanken im Kopf kommen sie zurück nach Ägypten und werben für diese religiösen Ideen, die uns eigentlich sehr fremd sind. Die Regierung nutzt das in zweierlei Hinsicht: Zum einen wirft sie sich als Beschützer des Islam auf und wehrt so Kritik an ihrem Handeln ab. Und zum anderen baut sie den Popanz des Fundamentalismus auf, der immer dann hervorgezaubert wird, wenn trotz aller Bemühungen die Kritik zu laut wird. Es ist ein gefährliches Spiel, das dort getrieben wird, und wir alle leiden darunter.


Wir machen es uns also in der Betrachtung der Situation in Ägypten zu einfach?

Ja, sicher. Und ich bin überzeugt, dass es eine der wesentlichen Verdienste von guter Literatur ist, Verständnis für das Leben und das Leiden von Menschen in anderen kulturellen und historischen Umständen zu bewirken. Nehmen Sie mich: Ich bewundere Russland, obwohl ich noch nie dort war. Aber durch die Werke von Dostojewski oder Tschechow ist bei mir diese tiefe Bewunderung für die Art und Weise entstanden, wie die Menschen dort miteinander umgehen. Literatur kehrt uns, verständnisvoller zu sein, toleranter, weniger schnell im Urteil.


Sie glauben also an den Bildungsauftrag und die Bildungswirkung von Literatur?

Im menschlichen Sinne, ja. Literatur macht uns menschlicher. Diese Wirkung von Literatur gab es zu allen Zeiten, und ich glaube, dass wir heute mehr als je die Literatur brauchen, um das Leben miteinander überhaupt noch ertragen zu können. Die Welt ist doch voll von Stereotypen: Huntingtons grauenhaftes Konzept vom Kampf der Zivilisationen beruht doch einzig auf diesen gegenseitigen Vorurteilen und auf der Ignoranz, die dahinter verborgen ist. Der neo-imperiale Anspruch des Westens einerseits und die Diktaturen in der arabischen Welt andererseits, der Fanatismus auf beiden Seiten, haben doch ungeheuer viele Gemeinsamkeiten und wir alle sind die Opfer. Letztlich kommt es darauf an, in dieser Auseinandersetzung auf der Seite der Menschen, der Menschenrechte und der Menschlichkeit zu stehen - gegen die Interessen der Diktatoren und der Fanatiker und auch der multinationalen Konzerne, denn deren Interessen sind gleichermaßen menschenfeindlich.



Alaa al-Aswani, geb. 1957 in Ägypten, studierte Zahnmedizin in den USA, lebt als als Zahnarzt, Journalist und Schriftsteller in Kairo. Für den Roman Der Jakubij n-Bau (2007) wurde er mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 2007 ausgezeichnet. Außerdem in deutscher Übersetzung Chicago (2008, Lenos).

Hauptverband des Österreichischen Buchhandels
 
Zur Startseite  

Realisiert mit ContentLounge 7.3.0