Milborn, Corinna

Menschenhandel
Die Journalistin Corinna Milborn setzt sich mit Themen wie Migration, Integration, Globalisierung und Menschenrechte auseinander. Ende März erschien bei Ecowin ihre Reportage "Ware Frau".
Interview: Silke Rabus / Foto: Ecowin
Anzeiger 4/2008
Als Politredakteurin beim Nachrichtenmagazin "Format" bringen Sie immer wieder das Thema "Menschenrechte" ins Gespräch. Wird diesem Thema zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet?
Ja, absolut. Menschenrechte sind die Basis unserer Gesellschaft, auf diese Werte baut sie auf. Insofern halte ich es für etwas ganz Zentrales, sich mit Menschenrechten auseinander zu setzen und zu beobachten, ob sie eingehalten werden. Da gibt es großen Nachholbedarf.
Auch Ihre Bücher widmen sich diesem Thema. 2002 erschien, gemeinsam mit Markus Stumpf, Renate Sova und Manfred Bürstmayr, Ihr erstes Buch "Guatemala. Ein Land auf der Suche nach Frieden".
In Guatemala war ich als Menschenrechtsbeobachterin in einem Mayagebiet. Der Sammelband handelt von der Majakultur und dem Bürgerkrieg in dieser Gegend.
Gemeinsam mit Waris Dirie verfassten Sie das 2005 erschienene Buch "Schmerzenskinder", das sich mit der Beschneidung von Frauen in Europa befasst.
Vor unserer Recherche war uns gar nicht bewusst, wie groß das Problem in Europa eigentlich ist. Beschneidung ist ja nach wie vor als afrikanisches Thema gebrandmarkt. Die Problematik reicht aber viel weiter, Genitalverstümmelung ist in den arabischen Ländern und im asiatischen Raum weit verbreitet - und eben auch in Europa.
Ihr drittes Buch "Gestürmte Festung Europa" erhielt den Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis 2007 und thematisiert die Auswirkungen der europäischen Einwanderungspolitik. Lag das Thema schon länger in der Luft?
Ich habe mich schon lange gefragt, warum die verschiedenen kleinen Explosionen in dieser Einwanderungsgesellschaft an seinen Grenzen bzw. in der vierten Generation so getrennt voneinander behandelt werden. Ich glaube, das sind alles nur Facetten eines einzigen Problems: Europa hat einen falschen Umgang mit Einwanderung. Dieser Gedanke gab mir den Anstoß für das Buch.
Neu erschienen ist nun Ihre Publikation "Ware Frau". Nach internationalen Schätzungen werden in der EU jedes Jahr etwa zehn Millionen Euro mit Menschenhandel verdient, rund 500.000 Mädchen und Frauen sind jährlich Opfer von Menschenhandel - allein in Europa. Wie geht man mit solchen schockierenden Zahlen um?
Die Zahlen sind für mich schockierend, aber auch ein bisschen abstrakt. 500.000 ist eine so große Zahl, dass ich das Bedürfnis habe zu wissen, welche Menschen, welche Geschichten hinter ihr stehen. Deswegen mache ich auch solche Bücher wie "Ware Frau" - ich versuche, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen.
Ihr Buch dreht sich vor allem um den Aspekt des Menschenhandels mit nigerianischen Frauen. Wie sind Sie auf das Thema gekommen und wie lief die Arbeit am Buch?
Meine Koautorin Mary Kreutzer und ich haben uns in den letzten Jahren immer wieder gefragt, wieso so viele Afrikanerinnen in der Straßenprostitution arbeiten. Ich hatte mich ja schon früher mit Migration auseinandergesetzt und weiß, wie schwierig es ist, von Afrika nach Europa zu gelangen. Jedes Mal, wenn ich Afrikanerinnen auf der Straße gesehen habe, habe ich also überlegt: Wie kommen die her? Und wem müssen sie dafür etwas zahlen? Es gibt schließlich kaum legale Wege nach Europa, also war klar, dass irgendwelche Organisationen oder Schlepper dahinter stehen müssen.
Kurz darauf haben wir Joana Adesuwa Reiterer kennen gelernt, die selbst aus einer Ehe mit einem Menschenhändler geflohen ist und uns zum ersten Mal über den Frauenhandel aus Afrika erzählt hat. Das hat uns viele Antworten gebracht, aber auch sehr viele Fragen aufgeworfen. Wir haben deshalb beschlossen, uns diesen Komplex genauer anzusehen. Wir haben dann viel mit Joana Reiterer gemeinsam recherchiert - sie ist Gründerin des Vereins Exit gegründet und berät dort Betroffene. Wir waren aber auch in Nigeria und haben in so genannten "Anhaltezentren" mit aus Europa zurückgeschobenen Frauen gesprochen - und wir führten selber viele Recherchen durch. Mary Kreutzer ist auch Politikwissenschaftlerin, wir ergänzen uns gut und sind sehr gute Reisegefährtinnen.
In Ihrem Buch wechseln journalistische Passagen mit Interviews. Wie leicht war es, die Interviewpartner zu finden bzw. ihr Vertrauen zu erlangen?
Wir waren, wie gesagt, großteils mit Joana Reiterer unterwegs, die einen großen Vertrauensvorschuss bei den Frauen genießt. Aber wir haben auch von Anfang an klargestellt, dass wir den Frauen Anonymität zusichern und in diesem Buch auf ihrer Seite stehen. Das hat dazu geführt, dass wir teilweise nicht fertig recherchiert haben. Hinsichtlich Korruption bei der Vergabe von Visa und Pässen wären wir beispielsweise an einigen Spuren dran gewesen.
Bis zu 100.000 nigerianische Frauen arbeiten in Europa in der Prostitution. Wie werden sie nach Europa geschleust und wie leben sie hier?
Die meisten werden unter falschen Versprechungen angeworben und auf verschiedenen Wegen nach Europa geschleust. Früher konnte man leichter an ein Visum gekommen, die Frauen sind daher meistens mit dem Flugzeug geflogen. Inzwischen ist die Einreise sehr schwierig, deswegen kommen nun viele mit dem Flugzeug über Istanbul und Moskau und dann über den Landweg. Immer mehr versuchen es aber auch über den Land- und Seeweg. Das bedeutet, dass sie durch die Sahara geschleppt und dort von einem Zwischenhändler zum nächsten weiterverkauft werden. Viele werden schon auf dem Weg zur Prostitution gezwungen und brauchen mehrere Monate oder auch Jahre, um endlich nach Europa zu gelangen - nur um dann erst recht in der Zwangsprostitution zu landen.
Legal in Europa zu leben, ist für diese Frauen also fast unmöglich?
Das hängt vom Land ab. In Österreich ist es so, dass die meisten Frauen einen Asylantrag stellen. Während des Asylverfahrens dürfen sie zwar keine normale Jobs Nnehmen, aber sie können legal in der Prostitution arbeiten. Das spielt den Menschenhändlern in die Hände. Die Asylverfahren dauern oft drei oder vier Jahre. Wenn die Asylanträge dann abgelehnt werden, und sie werden durchwegs abgelehnt, arbeiten die Frauen entweder illegal mit den Papieren einer Freundin oder Kollegin oder sie werden abgeschoben. Auch das ist für die Menschenhändler praktisch. Wenn man es zynisch sagen möchte, kümmert sich der Staat darum, die ausgelaugte Ware zu entsorgen.
Wie beurteilen Sie die Rolle Österreichs in dieser Frage?
Es hat zumindest noch keine einzige Verurteilung gegeben. Allerdings ist es sehr schwierig, an die Menschenhändler heranzukommen. Die Opfer sprechen nicht über sie, weil sie in einem dichten Netz von Zwängen stecken. Ihre Familien werden zu Hause stark unter Druck gesetzt und fast alle haben vor einem Voodoopriester geschworen, dass sie die Täter nicht anzeigen werden. Dazu kommt, dass die Frauen in Österreich aufgrund des mangelnden Opferschutzes kaum zur Polizei gehen. Sie fürchten, abgeschoben zu werden. Immer wieder werden die Opfer von Menschenhandel auch in Schubhaft genommen - das ist ein großes Versagen des österreichischen Staates. Besser ist es zum Beispiel in Italien. Dort gibt es einen Schutz für die Opfer von Menschenhandel, der nicht daran gebunden ist, dass man zur Ergreifung des Täters beiträgt. Für die betroffenen Frauen ist das nämlich fast immer unmöglich.
Wieso funktioniert das System Prostitution eigentlich überhaupt so gut? Es muss ja einen riesigen Bedarf geben.
Das habe ich mich im Laufe der Recherchen auch oft gefragt. In einem Report der Republik Österreich an die EU steht, dass in Wien täglich 15.000 Freier die Dienste einer Prostituierten in Anspruch nehmen. Es wird geschätzt, dass in Wien an die 4.000 bis 8.000 Prostituierte arbeiten. Prostitution bedient einen riesengroßen Markt. Der Markt hat sich zwar verändert, weil immer weniger Westeuropäerinnen in dem Bereich arbeiten. Die Nachfrage ist deswegen aber nicht zurückgegangen - und diese Entwicklung führt direkt zum Frauenhandel. Nun wird die Nachfrage mit Frauen gedeckt, die aus anderen Ländern kommen und auch keine anderen Möglichkeiten haben. Im Endeffekt bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Prostitution ein Grundbestandteil unser patriarchalen Gesellschaft ist. Wenn in einer Gesellschaft das - nicht unbedingt ausgesprochene - Idealbild existiert, dass gute Ehefrauen nur einen Partner für ihr ganzes Leben, Männer aber wechselnde Partnerinnen haben dürfen, dann ist es rein rechnerisch logisch, dass es Prostitution geben muss. Oder sagen wir es anders: Es muss Frauen geben, die sexuell zur Verfügung stehen. Das führt zu Frauenhandel und zu Prostitution und läuft leider oft mit Gewalt ab.
Schockierend ist ja auch, wie stark Prostitution von nigerianischen Frauen mit Rassismus gekoppelt ist.
Ja, dieser Aspekt hat uns auch sehr erstaunt. Man würde nicht von vornherein annehmen, dass jemand, der rassistisch denkt, zu einer afrikanischen Prostituierten geht. Aber genau das ist oft der Fall. Dass gerade die Freier von schwarzen Prostituierten rassistisch denken, haben wir sowohl in Europa als auch in Afrika bei dort lebenden weißen Männern erlebt. Es gibt die, die ihren Sinn für Exotik ausleben, es wird sicher auch welche geben, die einen Unterschied machen, aber viele Rassisten nützen die Prostituierten explizit, um ihre rassistischen Ressentiments auszuleben. Und das ist für die Frauen natürlich eine Katastrophe.
Sehr schockiert hat mich auch, dass es den meisten Freiern egal ist, ob die Frauen zur Prostitution gezwungen werden oder nicht - da geht es nur um das momentane Bedürfnis. Und das ist erschreckend, denn mit wem haben die Frauen hier Kontakt - mit den Freiern. Und warum sind sie hier - weil es die Freier gibt, weil es den Markt gibt. Das Umdenken der Freier wäre daher der allererste Ansatzpunkt. Wir haben in einem Freierforum eine Umfrage gemacht. Von den 19 Personen, die sich zurückgemeldet haben, stimmten alle zu, dass es Zwangsprostitution in Wien gibt. Nur einer meinte, dass er etwas unternehmen würde, wenn er einen konkreten Verdacht hätte. Das heißt auch, dass man auf die Freier in der Regel sehr wenig bauen kann.
Frauen sind ja nicht nur Opfer, sondern als Zuhälterinnen auch Täterinnen beim Handel mit nigerianischen Frauen. Welche Dimension birgt diese Tatsache?
Das ist ein irritierender Aspekt, weil er das gängige Schema durchbricht. Normalerweise denkt man, dass die Menschenhändler Männer und die Opfer Frauen sind, aber das ist in diesem Fall nicht so. Noch irritierender finde ich, dass diese Frauen früher selbst Opfer waren. Bei näherem Nachdenken verwundert diese Tatsache aber nicht mehr so sehr. Schließlich werden Kinder, die selbst geschlagen wurden, oft auch zu schlagenden Tätern. In erster Linie zeigt sich, dass Betroffene wenige Möglichkeiten haben, aus ihren Kreisen auszusteigen - selbst wenn sie sich freigekauft haben. Das hat auch viel mit unserer Gesellschaft zu tun. Einmal hat ein Menschenhändler Folgendes zu uns gesagt: "Europa hat uns einen klaren Platz zugewiesen. Wir bekommen keine anderen Jobs, wir bekommen keine Papiere, wir können nicht legal einwandern, aber die Nachfrage nach Frauen ist da. Man hat uns den Platz zugewiesen, die Drecksarbeit auf der Straße zu machen und das machen wir jetzt auch - wir haben keine andere Chance." Diese Aussage zeigt einen sehr irritierenden und traurigen Aspekt an dem ganzen Phänomen.
Welche menschenwürdigen Lösungen gibt es denn Ihrer Meinung nach? Die Nachfrage nach der "Ware Frau" scheint ja ungebrochen hoch zu sein.
Es gibt Lösungen im Kleinen, wie zum Beispiel einen verbesserten Opferschutz, verbesserte Betreuungsstationen, bessere Beratungen etc. Derzeit wird Frauenhandel als organisierte Kriminalität betrachtet und der Focus liegt darauf, große kriminelle Netzwerke zu zerstören. Der Schutz der Betroffenen steht in zweiter, dritter Reihe - und das ändert sich nur langsam. Man könnte auch einiges ändern in den Herkunftsländern oder an der Migrationspolitik. Wenn es beispielsweise möglich wäre, auf legalem Weg nach Europa einzuwandern, um zu studieren oder zu arbeiten, dann wäre den Menschenhändlern nicht so sehr Tür und Tor geöffnet. Bei dieser Thematik stößt man sehr schnell an die Grundfesten unserer Gesellschaft. Prostitution mit Frauen aus armen Ländern ist ein Ausdruck von wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichten. Jedenfalls macht es keinen Sinn, Prostitution zu verbieten. In Ländern, in denen sie verboten ist, gibt es genauso viel Frauenhandel wie in Ländern, in denen sie legalisiert ist. Ich bin im Endeffekt zu dem Schluss gekommen, dass man das Patriarchat und den Rassismus abschaffen müsste (lacht), und dazu gleiche ökonomische Bedingungen auf der Welt schaffen müsste. Aber das wird so einfach natürlich nicht gehen.
Corinna Milborn ist 1972 in Innsbruck geboren und studierte Geschichte, Politikwissenschaft und die Fächerkombination Entwicklungspolitik in Wien, Granada und Guatemala. 1995 bis 1997 war sie Menschenrechtsbeobachterin in Guatemala, 1998 bis 2002 WWF-Pressesprecherin und Expertin für Globalisierungsfragen, seit 2003 Chefredakteurin der Zeitschrift für Menschenrechtsfragen liga. Derzeit lebt sie als Politredakteurin beim Nachrichtenmagazin Format in Wien.