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Kaiser-Mühlecker, Reinhard




Genauer Blick

Reinhard Kaiser-Mühlecker erhielt für seinen Debütroman Der lange Gang über die Stationen den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung.

Interview: Silke Rabus / Foto: Reinhard Kaiser-Mühlecker
Anzeiger 04/2008

Sie wuchsen auf einem oberösterreichischen Bauernhof auf und studierten später Landwirtschaft in Wien. Inwieweit lieferte Ihre Herkunft Anlass und Hintergrund für Ihren mehrheitlich auf dem Land spielenden Debütroman?

Von Beginn an war es so, dass ich an Dinge herangehen wollte, die mich betreffen, von denen ich auch ein bisschen etwas verstehe. Das kann die Herkunft sein, das kann ein Ereignis sein, das kann eine starke Empfindung sein – oder auch nur eine, vor der man sich ängstigt. Es kann auch alles zusammen sein, eine Rolle spielen. Irgendwie kommt etwas heraus, ein Text mit Anfang und Ende. Recherche interessiert mich jedenfalls nicht.


Ihren Roman siedeln Sie in den 50er Jahren in der oberösterreichischen Provinz an, in der ein Auto noch als Sensation galt. Beginnt mit Ihrem Buch eine neue Ära des (Anti-)Heimatromans?

Eigentlich denke ich nicht über Genres nach, sie beschäftigen mich nicht. Dafür gibt es Wissenschafter, die davon etwas verstehen. Ich schreibe – es entsteht etwas. Ich möchte ernst sein und bei der Sache, die ich begonnen habe, bleiben, das ist alles. Weder eifere ich jemandem nach, noch mache ich jemandem Konkurrenz. Ich mache, was in meinem Fall zu machen ist. Was das ist, sehe ich von Mal zu Mal.


Thema des Romans ist die langsame Entfremdung zwischen dem schweigsamen Bauern Theodor und seiner aus der Stadt stammenden lebhaften Frau. Was hat Sie an diesem Thema so fasziniert?

Es versetzt mich in Erstaunen, Abstand entstehen und wachsen zu sehen, wo er bis vor kurzem nicht zu sehen war. Erstaunen und Schrecken zugleich. Es ist auf nicht viel Verlass, scheint mir.


Ihre Hauptfigur redet nicht viel, Theodor ist ein stiller Beobachter. Akribisch beschreibt er alles, was er um sich herum sieht, hört, schmeckt, riecht, fühlt. Widmen wir unseren Wahrnehmungen zu wenig Aufmerksamkeit?

Ich vermute, ja.


Inwieweit wirkt sich der genaue Blick Ihrer Hauptfigur, ihre Langsamkeit und Bedächtigkeit, auf Ihr eigenes Erzählen und Ihre Sprache aus?

Ich meine, die Blicke ähneln sich, zumindest zeitweise. Ich rufe mich oft auf zur Aufmerksamkeit in meiner Wahrnehmung.


Welche Rolle spielt Zeit für Sie? In Ihrem Roman scheint die Zeit ja manchmal fast zum Stillstand zu kommen.

Ich begreife nicht, was Zeit ist. Irgendwann scheint sie um zu sein, dann sind wir tot. Vielleicht möchte ich oft etwas hinauszögern, und durch Langsamkeit, oder dort, wo wenig Action ist, wird die Zeit länger. Eine Stunde dauert dann auf einmal länger. Da freue ich mich dann diebisch, wie ein Dieb.


Ihr Roman ist laut Meldung der Presse das „meistbeachtete österreichische Debüt dieses Frühlings“. Wie gehen Sie mit so viel Aufmerksamkeit um?

Sie schüchtert mich jedenfalls nicht ein. Ich verspüre keinerlei Druck. Als misstrauischer Mensch jedoch betrachte ich die medialen Vorgänge verhalten und vorsichtig. Aber das Interesse jetzt freut mich schon sehr – ich hatte ehrlicherweise nicht damit gerechnet.


Der Vorarlberger Autor Wolfgang Hermann brachte Sie nach Deutschland, Arnold Stadler empfahl Sie an Hoffmann und Campe. Beide Autoren begannen wie Sie Ihre Karriere mit dem Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung. Ein gutes Zeichen?

Ein gutes Zeichen insofern, als ich diesen beiden Autoren sehr schätze. Ein jeder von ihnen steht auf einem außerordentlichen Posten innerhalb der deutschsprachigen Literatur. Zwei völlige Sturköpfe. Ich bin auch stur: insofern ein gutes Zeichen. Und der Ponto-Preis ist ein überaus renommierter Preis, das ist schon was.


Gibt es Texte, die Sie in Ihrem Schreiben maßgeblich beeinflusst haben?

Ja, selbstverständlich. In die eine wie in die andere Richtung. Es gibt Autoren, denen ich mich nahe fühle, manchmal fast verwandt. Da schaut man dann hin. Aber jetzt zwei, drei Texte oder Autoren aus dem immer größer werdenden Teich herauszufischen und zu nennen, das käme mir als zu kurz gegriffen vor.


Wann und wie hat denn Ihre schriftstellerische Tätigkeit begonnen?

Mit einem Tagebuch während meiner Zivildienst-Zeit in Bolivien. Mit recht kleinen, ungeschickten Texten. Später mit Lyrik. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich zur Sprache fand. Ich bin halt ein Spätzünder.

„Der lange Gang über die Stationen“ haben Sie schon vor zwei Jahren verfasst. Woran arbeiten Sie jetzt ?

An der Bearbeitung einer längeren Erzählung. An einem Langgedicht oder Prosagedicht. Ich weiß nicht, wie man so etwas nennen soll.



Reinhard Kaiser-Mühlecker, geb. 1982 in Kirchdorf an der Krems, wuchs auf dem elterlichen Hof oberösterreichischen Eberstalzell auf und lebt nun mehrheitlich in Wien. Dort studierte er auch Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung in Wien. Als Literat war er 2007 Stipendiat des Herrenhauses Edenkoben. Bisher hat er kürzere Texte in Zeitschriften veröffentlicht. Der lange Gang über die Stationen ist sein erstes Buch.

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