Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Reitzer, Angelika

Brüchige Zeiten, brüchige Zeilen



Angelika Reitzer war Teilnehmerin beim diesjährigen Ingeborg-Bachmannpreis und wird im Herbst mit dem Reinhard Priessnitz-Preis 2008 ausgezeichnet. Bei Haymon ist eben ihr Prosaband "Frauen in Vasen" erschienen.

Interview: Veronika Leiner / Foto: Peter Köllerer
Anzeiger 07/2008

Die Figuren in Frauen in Vasen leben in prekären Verhältnissen, werden spät erwachsen, hängen beruflich und in ihrem Beziehungsleben in der Luft, es sind sehr zeitgenössische Figuren. Wie wichtig ist es Ihnen, einen „Zeitgeist“ einzufangen?
Man kann ja, wenn man etwas erfindet, nur das erfinden bzw. finden, was man kennt. Es gibt in unserer Gesellschaft Menschen, die aus dem System herausfallen, ohne dass man das so genau bemerkt. Diese Menschen leben ganz normal in der Gesellschaft, das sind keine Aussteiger, keine Obdachlosen, aber sie haben die allermeisten Probleme, das „normale“ Leben zu bewältigen. Mitunter sind diese Menschen in einem künstlerischen oder (geistes-)wissenschaftlichen Umfeld tätig, was ich deshalb interessant finde, weil sie teilweise, ohne das zu wollen, zu Rolemodels werden – sie arbeiten oft gegen Ausbeutungsmechanismen, sind aber unter den ersten, die ausgebeutet werden.
Ich glaube, dass es in meinen Texten weniger um einen Zeitgeist in einem modischen Sinn geht, sondern um ein existentielles Leben und Überleben.

In Kritiken ist häufig von „experimenteller Prosa“ die Rede, empfinden Sie selbst Ihr Schreiben als experimentell?
Nein, überhaupt nicht. Ich halte diese strikte Trennung zwischen konventionellem, linearem Erzählen und experimentellem Erzählen für überholt. Es gibt die Autoren, die plot-orientiert schreiben, wo die Story im Vordergrund steht. Und es gibt natürlich Autoren, die auch heute noch experimentell, in der Tradition einer Avantgarde schreiben. Aber ich bin keine experimentelle Autorin. Für mich steht die Frage im Zentrum: Was kann der Text? Wie kann man überhaupt (noch) erzählen? Man kann doch nicht so tun, als wäre seit den 60er Jahren nichts passiert.

Ich finde das lineare Erzählen uninteressant, weil es der Wahrnehmung nicht gerecht wird. Es blendet den Einfluss der Medien, besonders auch der Netzmedien, all dieser unterschiedlichen Formen der Kommunikation, völlig aus. Ich finde es seltsam, wenn man so tut, als würde es das alles nicht geben. Gleichzeitig ist meine Art zu erzählen konventionell in dem Sinn, dass ich schon etwas zu sagen habe, und dass ich durchaus will, dass die Leser die Codes auch verstehen. Ich dekonstruiere die Prosa nicht; aber ich glaube, dass es mehr als nur einen Zugang zu meinen Texten gibt, dass sie komplexer räumlich, vielschichtig zu lesen sind.

Der Großteil der Erzählliteratur am Markt ist aber doch deutlich am Plot orientiert.
Ich habe den Eindruck, dass es am Markt vorauseilende Mechanismen gibt, dass in den Verlagen sehr viel Feigheit herrscht gegenüber komplexeren Erzählstrategien. Der Anspruch, dass man erzählen können müsse wie die Amerikaner, kommt aus dem Wunsch nach Verkaufbarkeit, auch nach Klarheit. Wenn behauptet wird, dass die Leute keine Erzählungen, sondern Romane lesen wollen, dann ist das ein Verdikt, das so in den Raum gestellt wird. Das muss man aber nicht so annehmen, sondern man könnte sich umgekehrt damit auseinandersetzen, wie man kürzere Prosa besser kommunizieren kann; schließlich wird jede Menge Prosa, werden Erzählungen geschrieben (auch die englischsprachige Literatur ist übrigens voll davon).

Ursula März meinte in ihrer Klagenfurter Kritik, Ziel Ihres Textes sei es, „das System ‚Erzählung’ entgleisen zu lassen“.
Ich stelle mir die Frage, wie kann ich erzählen und was kann die Erzählung. Dass das Erzählen in manchen Erzählungen oder an manchen Stellen entgleist, das trifft schon zu. Ich denke, das hat damit zu tun, dass wir in einer so brüchigen Zeit leben: Viele meiner Texte könnte man natürlich auch linear erzählen, aber dann könnte man auch sagen, na ja, das sind alles Loser, und was ist daran überhaupt erzählenswert. Da würde vieles durch den Rost fallen, was ich als wesentlich empfinde. Die Sollbruchstellen zwischen dem Innen und dem Außen sind in den Figuren vorhanden, und ich kann nicht anders, als sie auch im Text aufzuzeigen. Manchmal wirkt sich das auf den Text selbst ganz stark aus, ja, manchmal bricht er auch auseinander.

Die Texte leben von einer großen Dynamik, vom Ineinanderfließen von Figuren, Zeitebenen, Erzählebenen. Wie gehen Sie im Schreibprozess damit um?
Ich überarbeite die Texte sehr stark und mitunter werde ich beim Wiederlesen überrascht von dem, was ich geschrieben habe. Auch wenn ich mir manches nicht vorgenommen habe, weiß ich beim Lesen, dass es stimmt. Das Schreiben ist eine Kombination aus Ausprobieren und Sich-Treiben-Lassen und klar strukturierten Konstruktionen, Räumen, Gebäuden, Ebenen und Gegenden. Manches passiert einfach, die Komplexität steckt ja in kleinsten und größten Details.

Der Titel „Frauen in Vasen“ weckt Assoziationen nach Ausstellungsstücken, Frauen in Einweckgläsern.
Was ich als Interpretation schon ein paar Mal zu hören bekam, vor allem von Männern, war, dass das ein sexuelles Bild sei. Das fand ich recht lustig, weil es sehr weit weg ist von dem, was ich mir selbst gedacht hätte. Die Hauptfiguren in Frauen in Vasen sind alle Frauen. Blumen in Vasen sind etwas, was schön ausschaut; aber „Frauen in Vasen“, Frauen, die man in Vasen hineindrappiert, ein bisschen Schleierkraut oder Farne dazu, da würde man nicht auf die Idee kommen, das schön zu finden. Mir ging es darum, ein absurdes Bild aufzubauen, mit dem man beim ersten Hinhören etwas „Ausgestelltes“ assoziiert, stärker als etwas „Dargestelltes“, was natürlich auf das Objekthafte, auf etwas Passives verweist, was dann aber mit den Texten nicht funktioniert. Wahrnehmung eben wiederum, aber auch der Versuch, ein unzuverlässiges Bild für Schönheit zu finden. Das Rexglas ist nicht völlig zu, sondern die Köpfe schauen doch raus. Dieses Bild ist auch eine Möglichkeit, die  Lebenssituationen dieser Frauen auf eine etwas poetische, oder auch auf eine ganz und gar unpoetische Art darzustellen: dass man ein Leben lebt, das eigentlich funktioniert, aber es stimmt eben nicht. Ich glaube, dass das Passive, das Eingesperrte, das Objekthafte auf den Betrachter eher zurückfällt, als auf die Frauen in den Vasen. Als Metapher funktioniert es ja sowieso nicht.

Manche Figuren im Band Frauen in Vasen ähneln sich, Namen wiederholen sich.
Dass sich die Figuren möglicherweise wiederholen, hat für mich damit zu tun, dass die Hauptfiguren sich in einem gemeinsamen Kosmos bewegen, und da ist es gar nicht so wichtig, ob das immer der gleiche Gustl ist, oder ob das ein Typ Mensch ist.

In dem Band gibt es zwei Erzählungen, die vielleicht noch fortgesetzt werden, Super-8 und Solveig oder Mara. Für mich unterscheiden sich diese beiden Texte von den anderen dadurch, dass die Hauptfiguren etwas weniger von ihrer Vergangenheit beherrscht werden, und es deshalb für sie interessanter sein könnte, wie das Leben weitergeht. Diese Erzählungen sind ein bisschen so etwas wie Versuchsstationen, wie lebendig die Figuren jetzt schon sind, ob und was daraus folgen kann.

Die Familienfrauen, Großmütter, Tanten, spielen in einigen der Texte eine wichtige Rolle, diese älteren Frauen machen im Vergleich zu den jüngeren Frauen aber einen souveräneren, aktiveren Eindruck.
Einige dieser Tanten haben sich selbst schon weitgehend aus dem System herausgeholt, sie können sich einfach hinstellen und ein Leben behaupten, das schwer überprüfbar ist. Sie sind in den Alltagskampf, Karriere, Beziehungen usw. nicht mehr involviert, sie können so tun, als hätten sie ihr Leben gelebt und als hätte es auch ziemlich gut funktioniert. Wenn man sich das genauer anschaut, dann sind das aber doch eher Behauptungen. Hintergründig sage ich auf keinen Fall, dass diese älteren Frauen alle ihr Leben ganz toll gemeistert hätten; die Probleme liegen nur verdeckter und weiter zurück und wären auf andere Arten auszugraben als bei den Jüngeren. Den Jüngeren fehlt für solche Behauptungen das Unterfutter, denen ist der Boden weggezogen, vielleicht sogar von diesen älteren Frauen, die auch noch so tun, als wäre eh alles ganz einfach. Natürlich war Leben nie einfach, aber man hätte es halt retrospektiv gern leicht und schön (gehabt), weil das ja auch eine Frage des Erfolges ist, ob man ein glückliches Leben führen konnte.

Die Diskussion in Klagenfurt hat sich zum Teil auch darum gedreht, wie positiv oder negativ Ihre Figuren zu sehen seien.
Ich glaube nicht, dass Pessimismus, Negativität in diesen Texten eine relevante Kategorie ist. Es geht vor allem um das Nebeneinander, um die Parallelität von verschiedensten Lebensgefühlen. Jemand, der in der DDR aufgewachsen ist, hat nicht ein nur schlechtes Leben gehabt, nur weil er in einem für ihn nicht optimalen System aufgewachsen ist, ich glaube das wäre zu einfach. In meinem Klagenfurt-Text Super 8 geht es auch um Häuser und Räume, deren Fundament bröckelt; das Haus könnte möglicherweise einstürzen, man könnte es aber auch trocken legen oder restaurieren. Ich würde nicht von pessimistisch oder optimistisch sprechen: Das sind alles lebendige Figuren, die auch keine papierenen Probleme haben, sondern durchaus vielschichtig sind.

Haben Sie eine klar definierte Vorstellung davon, wie Ihre Texte beim Leser ankommen sollen? Wie sie gelesen werden sollen?
Nein, damit setze ich mich überhaupt nicht auseinander. Zu meinem Roman Taghelle Gegend bekam ich manchmal die Rückmeldung, dass es so schwierig sei, in den Text hinein zu kommen, und trotzdem sind die Leser dann hinein gekommen. Aber die Vorstellung, dass jemand eine bestimmte Vorbildung haben müsste, damit er meine Texte lesen kann, das würde mir komisch vorkommen. Ich bin absolut dagegen, irgend jemanden zu unterschätzen. Ich glaube auch nicht, dass Texte oder Textpassagen, die man nicht versteht, deshalb a priori gut sein müssen oder umgekehrt. Aber es ist eine Grundvoraussetzung, ob man sich einlassen will: Man kann ja begreifen, ohne dass man alles exakt versteht, Bilder als solche aufnehmen ohne analysieren zu müssen, ist das jetzt eine Beschreibung, eine Metapher oder was. Im Leben kommt man mit Kleinlichkeiten dieser Art ja auch nicht besonders weit..

(Wie) wirkt sich eine Erfahrung wie die Teilnahme beim Ingeborg-Bachmann-Preis aus?
Ich hoffe gar nicht. Für Klagenfurt habe ich mir von Vornherein ganz bewusst vorgenommen, dass das zwei verschiedene Dinge sein und bleiben müssen, das Schreiben und der Literaturbetrieb.
Von der richtig schönen Leseatmosphäre in Klagenfurt war ich sehr positiv überrascht: Es ist ein riesiges Publikum, das den Text mitliest, es wird kollektiv umgeblättert, da hat man das Gefühl, alle diese Leute helfen sozusagen mit.
Bei der Diskussion nachher, da gab es schon einen einzigen Augenblick, da hab ich mir gedacht, Ach ich hätte jetzt gern Erfolg! Und das geht ja nicht. Wenn man es allen Recht machen will, dann muss man andere Texte schreiben. Das war ein einzelner Moment, in Wirklichkeit war ich aber eher glücklich über diese fürchterliche Diskussion, weil sie zumindest polarisiert hat, weil sie kontroversiell war, und weil sie nicht in so einem Einerlei geendet hat. Wenn sich jemand aufregen kann über einen Text, den man schreibt, dann hat das auch eine Qualität. Schöner ist es natürlich, wenn das Aufregen argumentativ untermauert ist, aber man kann nicht alles haben.

Diese Diskussionen wirken sich sicher nicht aufs Schreiben aus. Viel eher die Analyse von André Vladimir Heiz, des Jurors, der mich eingeladen hat. Mit ihm hatte ich sehr intensive Diskussionen über den Text, und es war eine sehr, sehr interessante Erfahrung, einen so  exakten und auch espritvollen Leser zu haben. Diese Diskussionen, was nicht so oft vorkommt, haben mir wirklich etwas gebracht für die Auseinandersetzung mit dem Text, auch mit anderen Texten.


Angelika Reitzer, geb. 1971 in Graz, Studium der Germanistik in Salzburg und Berlin; verschiedene Arbeiten im Kunst- und Kulturbereich, lebt in Wien. Schreibt Prosa, Lyrik und dramatische Texte. Österr. Staatsstipendium für Literatur, Manuskripte-Literaturförderungspreis, Shortlist aspekte-Literaturpreis 2007, Hermann-Lenz-Stipendium 2007, Reinhard Priessnitz-Preis 2008 u.a. Werke: Taghelle Gegend (Roman 2007), Frauen in Vasen (Prosa 2008, beide Haymon). angelikaexpress.twoday.net

 

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