Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Raab, Thomas


Fingerabdruck der Psyche


Der Wiener Autor und Musiker Thomas Raab machte sich durch sein Krimidebüt Der Metzger muss nachsitzen einen Namen, nun legte er mit Der Metzger sieht rot (beide Leykam) den zweiten Band rund um den behäbigen Restaurator Adrian Willibald Metzger nach.

Interview: Silke Rabus, Foto: Simone Heher
Anzeiger 07/2008


Die Presse stellt Sie in eine Reihe mit den österreichischen Krimiautoren Wolf Haas, Stefan Slupetzky, Manfred Wieninger und Heinrich Steinfest. Schön, oder?

Es liegt mir fern, meine eigene Zeilen zu beurteilen, aber die von Ihnen genannten Vergleiche ehren mich natürlich, vor allem weil die oben genannten genau jene Schriftsteller sind, die neben Edith Kneifl und Eva Rossmann ursächlich mit dem Erfolg der Kriminalliteratur in Österreich in Verbindung stehen. Dass der Krimi so im Aufwind ist in unserem Land, liegt aber neben den wirklich hervorragenden Autoren auch an den so ambitionierten Bemühungen der vielen, vielen Kulturvereine, Bibliotheken und Buchhändler, die das Bindeglied zum Leser darstellen. Was mir da die letzten Monate an Begegnungen mit begeisterungs- und einsatzfreudigen Menschen widerfahren ist, ist wohl eines der großen Geschenke, die mit dem Metzger-Überraschungserfolg einhergehen.


Die Handlung der Metzger-Krimis ist über Figuren und Sprache klar in Österreich verortet, auch wenn der tatsächliche Ort nicht eindeutig feststeht. Hat es Sie nicht gereizt, Ihre Krimis einer spezifischen Region zuzuordnen?

Lesen ist ja, wie schon so oft gehört, Abenteuer im Kopf, und da will ich es auch lassen. Zumindest was die Personen und Orte betrifft, was das Soziale und Gesellschaftliche betrifft, will ich mich als Schreibender der Gegenwart nicht verschließen. Es reizt mich nicht, den Metzger durch Salzburg oder Wien fahren, entlang der Kärntnerstraße spazieren oder vor dem Großglockner campieren zu lassen. Da gehöre ich hin und nicht er. Irgendwann wüsste ich dann nicht mehr, wer wo ist, irgendwann begegnet mir da vielleicht der Willibald Adrian virtuell, während ich mit meiner Familie auf dem Längsee rudere, irgendwann lande ich dann in der Klapsmühle. Nein, nein, der Metzger darf in seiner eigenen Welt in meinem Hirn sein Unwesen treiben, der Raab außerhalb.


Ihre Krimis scheinen mit ihrem Hang zum Ornamentalen, zum Bilderreichtum jedenfalls etwas genuin Österreichisches zu haben: Die Handlung schweift ebenso immer wieder mal ab wie die (alltagsphilosophischen) Gedanken der Protagonisten. Sehen Sie das ähnlich?

Für mich bedeutet Schreiben Freiheit pur. Sich von der Vielfalt der eigenen Gedanken verblüffen lassen, beim Schreiben selbst im Moment zu leben. Und da kann es dann schon passieren, dass die Handlung so abwechslungsreich und überraschend wird, wie das Leben selbst.


Das Suchen und Finden der großen Liebe ist auch in Ihrem neuen Titel wieder die treibende Kraft. Liegt der eigentliche Reiz des Kriminalromans für Sie im Spinnen und Entwirren von Beziehungsgeflechten?

In meinen Büchern setze ich mich mit Menschen auseinander, versuche sie von vielen Seiten zu beleuchten und greifbar zu machen. Da kann ich auch an der Liebe nicht vorbei. Irgendwie erscheint es mir so, als wäre das Thema Liebe und Partnerschaft mit all den möglichen negativen Facetten und der großen Verletzlichkeit nicht unbeteiligt an all dem, was irgendwann ins Kriminelle führt.
Der Reiz des Kriminalromans liegt im Entwickeln einer logischen Struktur, die sich am Ende erfüllt. Und da mein Hauptprotagonist kein Polizist, Detektiv oder Agent ist, sondern ein sich selbst verpflichteter Mensch mit Lust am Philosophieren und einem großen Herz, kommt er immer nur durch die Verwicklung mit Anderen zu seinen Rätseln, und Verwicklungen mit Anderen haben immer ihre emotionale Komponente. Wer wo seine Fingerabdrücke hinterlassen hat, interessiert mich beim Schreiben hauptsächlich, wenn es um Fingerabdrücke an der Psyche eines Menschen geht. Die lassen sich nur schwer verwischen.


Ihr Protagonist Metzger ist etwas melancholisch, einsam, irgendwie skurril - jedenfalls aber liebenswert. Die knallharten Ermittler mögen Sie nicht so gerne?

Ich mag auch knallharte Ermittler, aber als ich eines Tages planlos dem Drang zu Schreiben nicht mehr widerstehen konnte, war da auf Seite eins der Metzger und eine Leiche, auf Seite zwei der Restaurator und irgendwann der weiche, sensible, bummelige Eigenbrödler. Wer da wen ausgesucht hat, ich den Metzger oder der Metzger mich, das weiß ich nicht.


Irgendwie scheint es auch so, als hätten Sie eine Schwäche für die sozial Schwachen, die Ausgegrenzten?

Schreiben ist Zwiesprache mit sich selbst, auch über das Wesen der Gegenwart, über die Unmöglichkeiten des selbst Erlebten. Meine Schilderungen und schriftlichen Zuwendungen gegenüber sozial Schwachen und Ausgegrenzten würde ich in keinster Weise als Schwäche bezeichnen, sondern eher als Würgereflex, als Notwendigkeit.


Ihre Hauptfigur, der Metzger, ist entgegen der Aussagekraft seines Namens eine sehr sensible Person mit einem kunstsinnigen Beruf. Weshalb dieses Spiel mit der Doppeldeutigkeit und was gefällt Ihnen am Metzger?

Das Spiel mit Doppeldeutigkeiten bereitet mir einfach enorme Freude, und ich selbst bin während des Schreibens oft überrascht, welche Wendungen sich im Handlungsablauf ergeben, nur weil man ein Wort in einem völlig anderen Zusammenhang verstehen kann. Nicht umsonst ist Kommunikation in mündlicher oder schriftlicher Form die Wurzel aller Missverständnisse.


Sie sind noch nicht lange im Krimigeschäft und werden doch schon als "Shooting-Star" dieses Genres in Österreich gehandelt. Was reizt Sie an der Gattung Kriminalroman?

Das Wort Shootingstar nehme ich ganz im Sinne des Genres wörtlich. Wann mich wer wo schießen gesehen haben könnte, ist mir allerdings ein Rätsel, das kann maximal mit der Spritzpistole gewesen sein. Mich freut zwar die Wahrnehmung, ein Star allerdings will ich aber wirklich nicht sein und auch nicht als solcher bezeichnet werden. Erstens hatte ich wirklich großes Glück und die Gunst der Stunde auf meiner Seite, denn gute Literatur gibt es zuhauf, zweitens ist im Zusammenhang mit dem Begriff "Star" die Gefahr, dass es einen über die Falte im roten Teppich prackt, viel zu groß. Ein richtiger Star ist jemand, der heute glücklich seinen Alltag meistert.
Am Krimi reizt mich das Mir-selbst-Stellen-eines-Rätsels und das anschließende Lösen, denn ich habe während des Schreibens selber keine Ahnung, wie am Ende die Dinge zusammenhängen werden. Ob es, was das Rätsel betrifft, immer ein Krimi bleiben wird, weiß ich nicht.


Sie sind auch Musiker - Sie texten, singen, spielen Gitarre und Piano und sitzen an den Keyboards. Wie beeinflussen sich der Autor und der Musiker Thomas Raab gegenseitig?

Das sind so verschiedene Dinge, die beeinflussen sich nicht und lassen sich nicht vergleichen. Schreiben ist ein Selbstgespräch, ein stiller Prozess. Musik hingegen ist Exhibitionismus, zwar auch vor sich, aber unter heftiger Anteilnahme eines hoffentlich vorhandenen Publikums. Es gibt keine eitlere Welt und Szene als die der Musik, eitel bis zum Brechreiz, da kann selbst die Welt der Mode nicht mithalten. Da nehmen sich selbstverliebte, kostümierte Menschen wegen eines drei Minuten-Produkts oft dermaßen wichtig, als hätten sie den dritten Band der Bibel erfasst.
Die Welt des Schreibens bietet mehr Heimat. Da sitze ich mit Jogginghose bis ins Morgengrauen und bin ganz bei mir. Grundsätzlich fällt mir ein Buchkapitel zu schreiben leichter, weil das die absolute Freiheit bedeutet, ohne irgendeine Vorgabe, das ist wie eine Entdeckungsreise durch den Urwald des eigenen Ichs, spannend! Ein Lied zu schreiben ist dagegen die Komprimierung von Gedanken, eingerahmt von einer genau zu definierenden Musik, für die Lebensdauer weniger Minuten. Da ist es ziemlich vorbei mit der "Freiheit" beim Schreiben, wobei wiederum die Tüftelarbeit, das Entwickeln und Konkretisieren von Ideen ungemein Spaß macht.


Die Taschenbuchrechte für Der Metzger muss nachsitzen gingen nun an rororo. Wie wichtig ist dieser Schritt über die österreichische Grenze für Sie?

Das Interesse aus Deutschland freut mich enorm, es zeigt, dass Sprache auf Grenzen keine Rücksicht nimmt und dass sich jemand wirtschaftlich vom Metzger und vom Raab ein bisserl was erhofft - so wie natürlich mittlerweile auch ich, denn um vom Schreiben existieren zu können, ist der Schritt über die österreichische Grenze lebensnotwendig.


Wird der Metzger auch noch in weiteren Büchern ermitteln?

Da werden noch einige Innenminister den Sessel in der Regierungsbank samt Wählervolk belasten, bis das Ausweisungsverfahren des Willibald Adrian Metzgers aus meinem Innern durchgeht.



Thomas Raab, 1970 in Wien geboren. Nach abgeschlossenen Studium der Mathematik und Sportwissenschaften übte er lange Zeit, parallel zur eingeschlagenen Laufbahn als Musiker, den Beruf des Pädagogen aus. Heute lebt Raab als freischaffender Autor, Komponist und Interpret in Wien. Seine beiden Kriminalromane Der Metzger muss nachsitzen und Der Metzger sieht rot erschienen im Leykam Verlag.

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