Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Berner, Rotraut Susanne

  

 
Zeichenstifte

Die deutsche Graphikerin und Illustratorin Rotraut Susanne Berner wurde heuer 60 Jahre alt. Sie illustrierte über 800 Buchumschläge, entwarf Bilder zu Texten von Jürg Schubiger, A.L. Kennedy oder Hans Magnus Enzensberger und machte mit ihren Jahreszeiten-Wimmelbüchern hunderttausende Kinder glücklich. Rotraut Susanne Berner im Gespräch. 


Interview: Silke Rabus Foto: Ary Langbroek
Anzeiger 09/2008
 

 
Ihre Illustrationen wirken auf den ersten Blick sehr einfach: bunt, flächig und stark konturiert. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich das Hintergründige, Abgründige, Humorvolle. Liegt in der Vielschichtigkeit die hohe Kunst der Illustration?

Es ist ein bisschen wie mit Adjektiven bei einem Text. Wenn man sehr viel beschreibt, dann hat der Leser keine Luft mehr, sich etwas auszudenken oder sich selbst in eine Situation hinein zu leben. Beim Zeichnen gilt das noch viel mehr. Das Einfache ist das Allerschwierigste. Natürlich kann man ganz genau am Text dran bleiben, aber ich finde das, ehrlich gesagt, ein bisschen langweilig. Umgekehrt ist es wichtig, dass man dem Text respektvoll gegenübertritt – ich halte nichts davon, dass man einfach wild alles dazu erfindet. Jeder Zeichner findet für sich einen bestimmten Ausdruck. Auch bei mir hat sich im Laufe der Jahre eine bestimmte Richtung entwickelt, ein bestimmter Strich, eine bestimmte Art, die Dinge zu betrachten. In meinem Fall hat das auch etwas mit Distanz zu tun, es liegt ein Hauch von Ironie über meinen Illustrationen. Das ist nicht unbedingt beabsichtigt, aber ich trete nun einmal gerne ein Stück zurück.

  
Sie haben immer wieder auch Kurzformen wie Lyrik oder ABC-Bücher illustriert. Gewährt Ihnen ein komprimierter Text mehr Raum zum illustrieren?
 

Gedichte sind eine eigene Sache. Eigentlich bin ich der Meinung, dass Gedichte keine Bilder brauchen. Das ist ein bisschen wie auf der Bühne; es gibt einen großen Unterschied zwischen einer konzertant aufgeführten Oper und einer inszenierten Oper. Die Gefahr ist groß, dass man dem Betrachter seine eigenen Ideen wegnimmt. Generell finde ich es nicht einfach, Gedichte zu illustrieren. Für den Lyrikband Dunkel war’s der Mond schien helle (Gerstenberg) habe ich zum Beispiel nur jene Gedichte illustriert, bei denen mich ein Bild „angeflogen“ hat. Viele Gedichte könnte ich gar nicht illustrieren, da würde mir nichts dazu einfallen.
Ich versuche, dem ersten Impuls nachzuspüren. Wenn wir lesen, haben wir ja immer irgendwelche Bilder und Assoziationen. Manchmal kann man sie bannen, aber nicht immer.


Wie reizvoll ist es umgekehrt, eine komplexe Geschichte auf ihr Wesentliches zu reduzieren? Ende August erschien bei Jacoby & Stuart eine erweiterte Fassung von Rotraut Susanne Berners Märchencomics ...


Das ist ein bisschen eine Grenzgeschichte. Und es ist die Frage, ob man das überhaupt darf: Bei den Märchencomics habe ich den Plot, auf eine relativ schnoddrige Art und Weise, auf ein Minimum heruntergerechnet. Ich gehe aber davon aus, dass die Geschichte ein bisschen bekannt ist und daher leichter vermittelt werden kann.
Ich bin ein großer Fan der Grimmschen Sprache. Dennoch würde ich bei den Märchencomis nicht von den Grimmschen Märchen sprechen. Es sind eher die bekannten Handlungen, die nun in einem anderen Medium auftauchen. Und das sind eben comicähnliche Erzählweisen - oder besser gesagt Bildergeschichten – also eine bestimmte Form, mit der man Geschichten erzählen kann.

Ihre bei Gerstenberg verlegten Jahreszeiten-Wimmelbücher haben einen enormen Erfolg ...

Ja, die Wimmelbücher sind meine Altersversorgung, meine Lebensversicherung! Die Idee stammt von meinem Verleger Edmund Jacoby. Er wollte unbedingt, dass ich ein Wimmelbuch mache. In meinem Weihnachtsbuch Apfel, Nuss und Schneeballschlacht habe ich erstmals comicähnliche Geschichten ohne Worte erzählt, das war der Anfang. Anschließend habe ich das Bilderbuch Der fliegende Hut publiziert, das ja ebenfalls jahreszeitlich geprägt ist. Und nachdem mein Verleger mit seinem Wunsch nach einem Wimmelbuch an mich herangetreten ist, habe ich mir gesagt: Wenn ich mich darauf einlasse, dann richtig. Dann mache ich gleich vier Titel und es müssen Geschichten erzählt und nicht nur Bilder angeguckt werden. Da war ich sehr leichtsinnig. Die Arbeit an den Wimmelbüchern war so aufwändig, wie ich es nie gedacht hätte; sie hat mich wirklich Jahre in Anspruch genommen.


Soeben ist auch das Nacht-Wimmelbuch erschienen ...

Das Nacht-Wimmelbuch ist definitiv das letzte in der Reihe. Es spielt in einer hellen Juni-Hochsommernacht, sodass man wirklich alles sehen kann. Es ist übrigens auch technisch etwas anders gestaltet: Das Buch ist auf blauen Karton gezeichnet und gedruckt und wurde anschließend von mir koloriert.
Das Nacht-Wimmelbuch hat mir wirklich Spaß gemacht – am meisten von allen Wimmelbüchern, weil die Farbigkeit eine besondere Herausforderung war.


Können Sie sich erklären, warum Ihre Leser so von den Wimmelbüchern fasziniert sind?

Generell sind Wimmelbücher einfach toll für kleine Kinder, die darin ihre Welt lesen. Was speziell bei meinen Büchern neu ist, ist dass man sie auf verschiedenen Ebenen lesen kann. Die ganz Kleinen zeigen darauf und die Größeren entdecken plötzlich, dass die Geschichten weiterlaufen, auch durch die Jahreszeiten hindurch. Das ist, glaube ich, der Punkt, dass man über so viele Bücher hinweg vergleichen kann, was die Figuren machen.
Die Kinder gehen auch ganz unterschiedlich mit den Wimmelbüchern um. Manche sitzen da und erfinden Dialoge zwischen den einzelnen Figuren. Andere haben einen Lieblingsmenschen oder ein Lieblingstier. Und es gibt Kinder, die mit den Büchern ins Bett gehen. Da bin ich dann völlig gerührt.


Ihre Illustrationen rund um das Kaninchenkind Karlchen verkaufen sich ebenfalls gut ...

Karlchen ist auch sehr erfolgreich, aber nicht in dem Ausmaß wie die Wimmelbücher. Das liegt vielleicht auch daran, dass es zwischendurch eine längere Karlchen - Pause gab. Außerdem gibt es bei den Wimmelbüchern zusätzlich Produkte wie Malbücher oder Puzzles, die noch recht nah am Buch sind. Die sind schön, aber sehr viel mehr Merchandising würde mir doch nicht so gut gefallen.

Im Herbst erscheint bei Hanser mit Ein Schwesterchen für Karlchen wieder ein neuer Karlchentitel. In dem Buch werden auch viele bekannte Kunstwerke zitiert ...

Manchmal bin ich ein bisschen gelangweilt, wenn ich solche Bücher mache. Das ist ja eine Welt, die sehr überschaubar ist. Und ich denke, in einem Familienhaus im Wohnzimmer hängt meistens ein Bild, da mache ich lieber eines, das ein bisschen anspielungsreicher oder irgendwie witzig ist, als wenn ich nur eine Blumenvase darauf male. Das ist mein Spaßanteil. Ich werde in nächster Zukunft auch mal wieder andere Bücher machen – nicht nur Papp-Bilderbücher...
 

Welche Herausforderung ist es im Gegenzug, ein Buch des Schweizer Autors Jürg Schubiger zu illustrieren?

Natürlich ist es viel komplexer, Literatur zu illustrieren, die einen auf einer anderen Ebene anspricht, als wenn man beispielsweise eine Welt für 2- bis 3-jährige Kinder darstellt. Jürg Schubiger war und ist für mich ungeheuer wichtig. Er ist ein Autor ist, der es auf sehr leichte Art schafft, immer zu fragen und nicht zu antworten. Und trotzdem berührt er ganz wesentliche Themen. Er ist niemand, der sagt „So ist es, so denke ich darüber“, sondern er fragt immer: „Wie denkst denn du darüber“? Das finde ich schön und es bewirkt beim Zeichnen natürlich auch etwas. Es ist wie ein Dialog, auf den man mit der Zeichnung antworten kann.
Als ich Als die Welt noch jung war (Beltz & Gelberg) gelesen habe, war ich völlig begeistert. Der Verlag Beltz und Gelberg hatte schon über mehrere Jahre versucht, Schubiger zu etablieren, aber die Bücher waren alle glücklos, keines hat seinen Weg gemacht. Für Seine Texte waren zuvor schon von anderen Zeichners illustriert worden, z.B. von Edith Schindler, oder Willi Glasauer. Ich glaube aber, man muss bei Schubigers Texten eine Volte machen, etwas Neues erfinden, und das habe ich probiert. Der Titel war dann auf seine Weise sehr erfolgreich: Es hat den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen und wurde zwei oder drei Mal nachgedruckt. Erstaunlicherweise ist Als die Welt noch jung war aber kein wirklicher Klassiker geworden, vermutlich weil es Kurzgeschichten sind und kein Roman.
Das nächste Buch, Mutter, Vater, ich und sie, ebenfalls bei Beltz & Gelberg publiziert, war vom Zeichnen her fast noch interessanter für mich. Der Text ist homogener, die Geschichten sind nicht so verschieden, es spricht immer nur eine Person. Trotzdem ist er ziemlich anspruchsvoll. Ein kommerzieller Erfolg ist der Titel allerdings nicht, vermutlich weil er eher als schwere Kost eingestuft wird. Schubigers Texte lösen in einem so viel aus, das ist eine große Kunst.

 
Das ist bei den Texten des flämischen Autors Bart Moeyaert ganz ähnlich. Vor einigen Monaten kam bei Hanser das von Ihnen illustrierte Buch Mut für drei heraus.

Ja, Bart Moeyaert kann das auch, aber auf eine ganz andere Weise. Moeyaert ist viel aggressiver, er ist mehr wie ein Picador beim Stierkampf, im Sinne von: „Komm mal raus aus deiner Reserve als Leser“. Jürg Schubiger ist irgendwie sanfter.
Aber mit Bart Moeyaert habe ich nicht so viel gemacht. Mut für drei, das jetzt im Frühjahr erschienen ist, hat mir großen Spaß gemacht, und er hat ja auch einen fantastischen Text geschrieben. Moeyaert hatte die Vorgabe, dass er für Erstleser nur kurze Sätze verwenden durfte. Bei uns im deutschen Sprachraum kommt dabei im Großen Ganzen nur Schrott heraus, das ist meistens langweilig, simpel, doof ... Mut für drei hingegen ist für mich die reinste Lyrik, das ist wie ein langes Prosagedicht. Moeyaert hat wunderbare Einfälle, auch wenn er eigentlich ganz einfache Sachverhalte beschreibt - also keine Plots, über den man sagt: „Huh, wie spannend“. Ich finde seine Sprache eher widerborstig, synkopisch, sie hat schon eine gewisse Härte – das ist auch bei dem Buch Bloße Hände so, das ich ebenfalls illustriert habe. Bart Moeyaert mutet auch den kleineren Kindern sprachlich etwas zu. Übrigens hat er auch einige meiner Bücher ins Niederländische übersetzt - wir kennen uns schon sehr lange.
 

Die Förderung von Illustration hat eine große Bedeutung in Ihrem Leben. Sie haben Filu, das Archiv der Zeichner und Fotografen, auf der Frankfurter Buchmesse mitbegründet?

In den 90ern habe ich auf der Frankfurter Buchmesse Axel Scheffler, Jutta Bauer und noch einige andere IllustratorInnen kennen gelernt und der Kreis der Illustratoren wurde von Jahr zu Jahr größer. Wir haben uns anfangs auf dem Messegelände in Cafés getroffen, bis wir keinen Platz mehr hatten. Irgendwann dachte ich mir, das ist ja unglaublich: Wir machen Bücher, auf jedem Buch sind unsere Arbeiten zu sehen und dennoch haben wir keine Heimat in Frankfurt. Ich bin zu dem damaligen Messedirektor Peter Weidhaas gegangen und habe ihm die Situation geschildert – aber er meinte nur, dass da ja jeder kommen könnte. Ich ließ aber nicht nach und ein Jahr später standen uns 60 m2 zur Verfügung. Die Initiative war von Anfang an ein großer Erfolg – heute treffen sich die Illustratoren auf rund 400 m2 und auch die Fotografen und Übersetzer haben jetzt auf der Messe ihre eigenen Plätze. Die Verantwortlichen haben mittlerweile begriffen, dass die Frankfurter Buchmesse nicht nur eine Businessmesse ist, sondern auch ein kulturelles Umfeld hat. Inzwischen gibt es auch die Illustratorenorganisation, die das anbietet, was ich mir immer vorgestellt habe: Rechtsberatung, Honorarempfehlungen, Seminare und Treffen. Filu hingegen ist eher eine Art Marktplatz, auf dem man sich selber darstellen kann, auf dem man sichtbar wird. Früher gingen die Illustratoren mit ihren Mappen zu den Verlagen. Jetzt ist umgekehrt, die Verlagsleute können Filu besuchen– das ist vielleicht eine bessere Ausgangssituation.

 
Sie waren auch an der Entstehung der Stiftung Illustration in Troisdorf und des Illustratorenlexikons, das Anfang nächsten Jahres bei der Edition Text und Kritik erscheinen soll, beteiligt?

Im Zusammenhang mit Überlegungen zu Filu habe ich darüber nachgedacht habe, was eigentlich mit Nachlässen von Illustratoren passiert. Es gibt keine Institution, die sich wirklich um Illustration kümmert. Dabei ist Illustration ein Stück Kulturgeschichte. Es werden Blumenvasen gesammelt, Autodesign oder Möbel, aber nicht Illustrationen. Zwar gibt es Einzelinitiativen wie das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover oder die Staatsbibliothek in Berlin, aber es gibt keine systematische Sammlung. Viele Illustratoren stehen zudem im Alter finanziell schlecht da und würden gerne ihre Arbeit als „Vorlass“ verkaufen. Darüber hinaus würde ich es begrüßen, wenn sich die Einschätzung von Wert und Bedeutung der Illustration ändern würde, wenn die Künstler hinter den Bildern mehr sichtbar würden. Dazu gehört natürlich auch eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Genre, die es leider auch nicht gibt. Eine Stiftung Illustration zu gründen, die nur Nachlässe kauft, machte allerdings wenig Sinn. Als Maria Linsmann vom Bilderbuchmuseum sich entschlossen hat, die Stiftung Illustration in das Bilderbuchmuseum in Troisdorf aufzunehmen - also in ein Umfeld einzugliedern, in das die Stiftung ganz gut passt – setzten wir uns alle zusammen und haben beschlossen ein Illustrationslexikon zu publizieren. Bald war klar, dass nur eine Loseblattsammlung Sinn macht. Es gibt zwar abgeschlossene Kapitel wie bei F. K. Waechter oder Bernd Pfarr, die leider bereits gestorben sind, aber bei den meisten Illustratoren verändert sich doch im Lauf der Zeit noch sehr viel und so kann das Lexikon immer aktuell gehalten werden. Die erste Lieferung kommt nächstes Jahr, allerdings ist das Geld sehr knapp. Daher wurde von Armin Abmeier das Buch „Hör zu, es ist kein Tier so klein, das nicht von dir ein Bruder könnte sein“, herausgegeben, das bei Carlsen erschien. Bei einer Versteigerung der Bilder wurden 35 000 Euro erzielt und auch der Erlös aus den Büchern fließt in die Stiftung Illustration. Trotzdem braucht die Stiftung dringend einen Sponsor, der richtig Geld in die Stiftung steckt. Das ist bisher aber leider nicht geschehen, wir warten immer noch auf ein Wunder.

 
Kinderbuchillustration hat einfach keinen Wert ...

Es geht bei der Stiftung Illustration nicht explizit um Kinderbuch-Illustration. Die Stiftung beschäftigt sich mit dem ganzen Spektrum der Illustration. In anderen Ländern hat die Illustration oft einen ganz anderen Stellenwert. In den Vereinigten Staaten erzielen zum Beispiel Originale sehr hohe Preise – bei uns wird Kunst ja eher unter dem Aspekt einer Wertsteigerung gekauft und da gibt es bei Illustrationen wenig zu erwarten – oder erst, wenn die Künstler tot sind. Wenn Sie heute einen Wilhelm Busch finden würden, könnten Sie sehr viel Geld damit verdienen. Leider gibt es so gut wie keine Erziehung zur Bildästhetik in den Schulen. Und es herrscht eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Qualität von Illustrationen - 90 Prozent der Bilder- und Kinderbücher sind wirklich ein Albtraum. Es ist schade, dass nur Wenige etwas von Bildern verstehen - auch in den Verlagen – auch wenn es natürlich immer wieder Ausnahmen gibt.
Das Eine bedingt das Andere: Weil der Umgang mit Illustration so nachlässig gehandhabt wird, sind die Illustrationen schlecht und deswegen gibt es keine wirklich ernsthafte Auseinandersetzung und kaum einen Diskurs über Illustration, es scheint einfach nicht wichtig genug zu sein. Dazu gehört auch, dass in den Schulen viel zu wenig mit Bildern gearbeitet wird. Bild und Text zusammen bieten noch einmal eine viel komplexere Auseinandersetzung mit Inhalten.
Fast immer wird ja transportiert, dass Bilderbücher nur für kleine Kinder sind. Gute Bilderbücher bieten aber auch sehr gute Sprechanlässe. Die Beobachtung der Welt, sowohl da draußen als auch im Buch, ist der Anfang vom Erzählen, sonst kann man ja gar nicht erzählen. Mit der PISA-Diskussion ist es eigentlich noch schlimmer geworden. Jetzt geht es nur mehr darum, möglichst schnell möglichst viel Stoff zu vermitteln und gar nicht mehr um die Freude und Muße, etwas auszuprobieren. Alles muss effektiv, alles muss messbar sein.
 

Der Katalog Alphabet & Zeichenstift (Hanser) feiert anlässlich Ihres 60. Geburtstages ihr ebenso großes wie vielfältiges Werk in einer berührenden Hommage befreundeter Künstler, Verleger und Kollegen. Welche einschneidenden Erlebnisse gab es für Sie persönlich?

Ich zeichne jetzt seit mehr als dreißig Jahren; nun habe ich auch angefangen, ein wenig zu schreiben. Es ist verblüffend, wie viel sich seit den frühen Arbeiten verändert hat. Oft denke ich: Oh Gott, warst du unsicher am Anfang. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich als Zeichnerin mehr oder weniger Autodidakt bin. Ich bin gelernte Graphikdesignerin und da spielt das Zeichnen nicht die allerwichtigste Rolle. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich meinen Strich gefunden habe. Als ich ungefähr vierzig Jahre alt war, kam es zu einem Einschnitt in meiner Biographie. Ich hatte eine Krise und bin damals für fünf Wochen nach Salzburg auf die Sommerakademie bei dem tschechischen Illustrator und Filmemacher Jiří Šalamoun gegangen. Ich hatte zwar vorher schon viele Bücher illustriert und Dutzende von Umschlägen gemacht und war eigentlich ich erfolgreich. In den ersten drei Wochen in Salzburg hatte ich so etwas wie eine Blockade. Jiří Šalamoun hat mir die Augen geöffnet für ganz andere Möglichkeiten im Umgang mit Kreativität und Ideen. Er hat mir beigebracht, dem ersten Impuls zu vertrauen. Diese Zäsur in Salzburg kann man übrigens auch in meinen Arbeiten sehen, deswegen würde ich dieser Begegnung eine wichtige Bedeutung beimessen. Sehr wichtig ist für mich außerdem das Lesen, die Literatur überhaupt ist so wichtig wie Essen oder Trinken.

 
Was würden Sie Kindern gerne mitgeben, damit diese glücklich werden?

Langeweile. Ich wünsche Kindern Langeweile. Ich finde es problematisch, dass Kinder heutzutage in Beschäftigung, in Reizen ertrinken. Sie kommen nicht zur Ruhe. Natürlich ist Langeweile für Kinder erstmal nicht toll. Ich weiß aber, dass aus dieser Langeweile, die man als Kind hat, sehr viel entstehen kann. Es ist ja manchmal auch schön, einfach nur zu träumen. Mit der Langeweile, denke ich, ist wirklich viel verloren gegangen: die Leere, Raum, in dem man sich entfalten kann.

   

Rotraut Susanne Berner, geb. 1948 in Stuttgart, 1971-1975 Graphik-Design Studium an der Fachhochschule München, 1975-1977 tätig in der Verlagswerbung, seit 1977 freie Grafikerin. Sie lebt und arbeitet in München. 2006 Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für das Gesamtwerk Illustration. Neuerscheinungen (Auswahl): Alphabet und Zeichenstift, herausgegeben von Armin Abmeier, Ein Schwesterchen für Karlchen, Mut für drei, mit Bart Moeyaert (alle Hanser), Rotraut Susanne Berners Märchencomics (Jacoby & Stuart), Das Nacht-Wimmelbuch (Gerstenberg), Die Zauberlaterne, mit Wolfheinrich von der Mülbe (Boje Verlag).

 

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