Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Bauer, Jutta

Die kleinste Größe


Die vielfach auszeichnete Autorin und Illustratorin Jutta Bauer machte sich mit vielen schönen Kinderbüchern einen Namen. Ihr Geschenkbuch Selma erreichte nun eine Auflage von 300.000 Stück.

Interview: Silke Rabus Foto: Jutta Bauer, Lappan Verlag Oldenburg

Anzeiger 09/2008


Ihr Talent liegt in der Einfachkeit und Kürze - und trotzdem zeichnen sich ihre Bücher, die ja oft einen comicähnliches Stil haben, durch äußerste Komplexität aus.

Letztendlich weiß man natürlich nicht, woher man diese Fähigkeit hat. Ich habe das immer geübt, so etwas kriegt man nicht wirklich geschenkt. Als ich studiert habe, bin ich immer davon ausgegangen, dass ich einmal etwas mit Comics oder Karikaturen machen werde. Schon im Studium habe ich Karikaturen für die Studentenbewegung gezeichnet und später dann sieben Jahre für die Brigitte gearbeitet, das waren ja auch Comics oder Cartoons. Es ist schwierig, die Begriffe zu trennen. Ich sage lieber Bildergeschichten, denn das war es, was ich gemacht habe.


Wie wichtig ist es für Sie, Geschichten auf das Wesentliche zu reduzieren?

Wenn man das möchte - und ich möchte das - dann trainiert man das auch. Ich möchte ja immer alles zusammenschrumpfen auf das Wesentliche. Ich möchte gern alles auf den Punkt bringen. Natürlich kann man nicht alles in die kleinste Form zwingen, aber das ist, wie wenn man sich im Bereich Schreiben dafür entscheidet, große epische Romane oder Lyrik zu verfassen. Auch beim Zeichnen kann man die Wahl treffen, sehr ausführlich zu zeichnen oder zu komprimieren. Ich möchte ganz bestimmt komprimieren. Ich habe den Satz von Bert Brecht im Kopf: "Allem, was du empfindest gib/Die kleinste Größe". Letztlich denke ich in so einfachen Bildern. Ich könnte keinen großen Roman schreiben. Das trifft auch auf mich zu. Mir fällt es anders auch nicht ein. Das Komprimieren ist für mich keine große Anstrengung. Ich denke es schon so. Ich lasse dann immer noch Sachen weg und versuche weiter zu reduzieren, aber letztlich denke ich in so einfachen Bildern. Ich könnte keinen großen Roman schreiben.


Wie leicht fällt Ihnen die Illustration fremder Texte, beispielsweise von Peter Stamms Warum wir vor der Stadt wohnen?

Peter Stamm war besonders schwierig. Der Text ist sehr poetisch, aber doch auch sehr konkret. Er erzählt von vielen Dingen, macht viele Aufzählungen, liefert sehr viele, auch poetische Bilder. Es ist schwer, Illustrationen zu machen, die dem Text gerecht werden. Ich wollte zwischendurch einige Male aussteigen, von Anfang bis Ende habe ich fast drei Jahre an diesem Buch gearbeitet. Später habe ich gehört, dass der Agent von Stamm zahlreiche deutsche Verlage abgeklappert hätte, viele hätten gesagt, dass dieses Buch nicht illustrierbar sei. Aber ich hab das natürlich gemacht, weil mich der Text so gereizt hat, weil es ein toller Text ist. Inzwischen nehme ich nur noch ganz selten fremde Texte an - eben nur dann, wenn sie mich richtig reizen. Ich denke, dass es eine Herausforderung ist, wenn der Text richtig gut ist, wie beispielsweise auch Texte von Jürg Schubiger oder von Annette Pehnt, mit der ich ja Rabea und Marili gemacht habe.


Mittlerweile in die vierte Auflage geht diesen Herbst Aller Anfang - ein gemeinsam mit Jürg Schubiger und Franz Hohler verfasstes, äußerst kluges und zugleich amüsantes Buch zur Schöpfungsgeschichte. Wie ist dieses Buch entstanden? Konnten Sie bei den Texten mitreden?

Nein, die Texte waren schon da. Ich glaube auch nicht, dass Schubiger und Hohler die Leute sind, die sich von mir groß reinreden lassen würden. Das waren auch wieder Texte, die schwer zu bebildern waren - bei solchen Texten kriege ich zwischendurch immer die Krise. Ich denke dann, was sollen da überhaupt Bilder - die Texte stehen auch ohne Illustrationen. Je besser die Texte sind, desto mehr stehen sie geschlossen für sich. Als Illustrator kommt man sich dann ein bisschen komisch vor, noch etwas anfügen zu wollen. Es ist nicht immer leicht, die adäquate Form zu finden. Klar kann man einfach ein dickes Bild daneben setzen. Das wäre aber nicht meins. Ich versuche immer eine angemessene Form zu finden, wenn ich fremde Texte illustriere. Bei vielen Büchern, wie z. B. bei dem Kindergeschichtenbuch Es war eine dunkle und stürmische Nacht (Gerstenberg) - habe ich ganz bewusst die Bilder klein und verhalten gezeichnet, sodass sie nur zärtlich den Text umspielen. Bei solchen Geschichten muss das Vorlesen die absolute Dominanz haben, die Bilder sollten eine deutlich untergeordnete Rolle spielen - das heißt ja nicht, dass sie nicht gut sein sollen. Ich weiß, dass es beim Vorlesen oft störend ist, wenn Kinder unterbrechen und unbedingt die Illustrationen ansehen möchten, weil sie so herausspringen. Ich finde es daher bei vielen Büchern gut, wenn die Illustrationen Buchgestaltung im eigentlichen Sinn sind, wie es in alten Büchern auch war, nämlich dass sie verzieren, umspielen und anfügen, aber nicht mehr.


Wobei Ihre Bilder zu Hohlers und Schubigers Texten ja eine wunderbare dritte Stimme bildet ...

Ja, wenn ich mir die Bilder von Aller Anfang anschaue, denke ich mir auch manchmal - mhm - Ist das alles so gut gelungen? Ich meine zum Beispiel auch, dass die Illustrationen, die Rotraut Susanne Berner zu Jürg Schubigers Text Als die Welt noch jung war gemacht hat, einfach kongenial waren, weil sie doch sehr eigenständig neben dem Text stehen. Sie hat sich nicht bemüht, sich an den Text anzuschmiegen, sondern gesagt, ich assoziiere freie Bilder dazu. Das muss man dann auch machen.

Spielen die Illustrationen zu Kirsten Boies Juli-Büchern eine andere Rolle?

Das ist etwas ganz anderes, das sind ja richtige Bilderbücher. Das gibt es einen Text, der dafür gemacht ist, dass er Bilder trägt. Und es ist ein anderes Genre. Weil das Bild eine völlig gleichberechtigte, wenn nicht sogar eine übergeordnete Rolle spielt.


Sie haben auch viele Bücher von Christine Nöstlinger illustriert?

Zusammengebracht hat uns der Verleger Jochen Gelberg. Verlage sind ja immer auf der Suche nach Illustratoren, bei denen Grundton, der Humor zusammenpasst. Christine Nöstlinger hat dann sehr viel mit mir gemacht und das war auch gut. Irgendwann ist es dann aber auch vorbei, man sollte nicht ein allzu festes Paar werden. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich die Bücher nicht mehr mag. Dennoch merke ich immer wieder mal, dass es einfach genug ist. Dann muss ich was anderes machen, dann muss ich aufhören, dann muss ich etwas Eigenes machen, einen Film machen oder etwas Ähnliches. Nichts ist schlimmer in meinem Beruf, als wenn sich eine Gleichförmigkeit einschleicht oder eine Schlechtlaunigkeit. Ich finde, man muss immer die Aufgeregtheit über den Stoff erhalten und das stellt sich bei mir eher ein, wenn ich auch neue Wege gehen kann.


Sich die Aufgeregtheit zu erhalten, ist bei Reihen wie den Juli-Büchern natürlich nicht ganz einfach ...

Deshalb hab ich ja auch aufgehört, zum großen Kummer von Kirsten Boie, der ich sicher eine ganz große Partie versaut habe. Das war damals aber ganz offen ausgesprochen. Ich sagte, ich mag nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich möchte meine eigenen Sachen machen. Daraufhin haben wechselnd das ZDF, der Beltz Verlag und Kirsten Boie bei mir angerufen: Es läuft so gut, es geht nur zusammen, das kannst du doch nicht machen ..." Es war schon sehr schwer für mich aufzuhören, zumal die Juli-Titel sehr erfolgreich waren. Ich bin aber einfach nicht der Serientyp und nach dem fünften Buch hatte ich irgendwie genug.


Die Königin der Farben, Schreimutter und Opas Engel gibt es ja auch als Trickfilme. Wie weit haben Sie da mitgewirkt?

Bei der Königin der Farben hatte ich mit der Trickfilmerin Kathrin Magnitz zusammen ein Atelier. Wir waren eine Zeit lang ein sehr gutes Team und sind es eigentlich immer noch. Beim ersten Film habe ich die Idee, das Konzept geliefert und Kathrin Magnitz war für die filmische Umsetzung zuständig. Schreimutter und Opas Engel schließlich hat sie, nachdem wir das Konzept und die Storyboards gemeinsam entwickelt haben, weitgehend alleine am Computer umgesetzt. Ich habe mich stückchenweise herausgenommen, weil ich das Vertrauen hatte, dass sie es gut macht und die Umsetzung auch nur begrenzt mein Job ist. Natürlich habe ich eine deutliche Vorstellung davon, wie die Figuren sein sollen, wie sie sich bewegen, wie die Musik sein soll. Es ist eigentlich verrückt, wie deutlich meine Vorstellung ist und wie ich aufjaule, wenn irgendwas anders ist. Das ist für mich dann richtig falsch, das tut richtig weh. Bis zur Musik hin habe ich sehr detaillierte Vorstellungen, offensichtlich sind die Handlungen alle schon irgendwie bewegt und gespielt abgespeichert. Noch spannender fand ich dieses Phänomen übrigens bei Opas Engel im Theater, bei der Königin der Farben natürlich auch. Am Anfang hab ich die Theateraufführungen allerdings sehr skeptisch beäugt.


Haben Sie auch die Fassungen zu den Theaterstücken geschrieben?

Nein, da sind die Theater zu mir gekommen. Das erste war das Theater Mär in Hamburg mit seinem Leiter Peter Markhoff, der Die Königin der Farben (stimmt das?) als Kindertheater spielen wollte. Da war ich sehr skeptisch. Ich hatte aufgrund meiner sicherlich mangelhaften Kenntnis von Kindertheatern einfach Angst, dass meine Geschichte verkitscht wird oder irgendetwas daraus gemacht wird, was diesem reduzierten Grundton widerspricht. Daher habe ich das Theater im Vertrag dazu verdonnert, dass sie nur die Worte sprechen dürfen, die im Buch stehen. Hinterher war das die große Chance für Peter Markhoff. Er hatte damit die Aufgabe, die Handlung weitgehend pantomimisch darzustellen, sich sehr wenig auf Sprache zu stützen. Und das machte das Stück international, es wird von Brasilien bis zur Türkei und Japan in der ganzen Welt gespielt. Das ist natürlich auch für ihn toll. Bei den anderen Theatern habe ich dann nur noch gesagt: Ja, macht mal.


Leicht ist es aber wahrscheinlich nicht, so einen reduzierten Text umzusetzen ...

Ja, klar, die Regisseure müssen die Geschichten immer strecken und irgendetwas daraus machen. Bei Opas Engel habe ich auch ein bisschen Regie geführt, und da fand ich es sehr faszinierend, wie eine gezeichnete Figur auf einmal so lebendig wird. Da muss ja ein Mensch in die Figur hinein, und der Mensch macht das womöglich ganz anders, als ich mir das denke. Bei einer Trickfilmfigur kann man noch herumzeichnen und sagen, die muss dicker oder schneller werden oder sie muss mehr hüpfen, aber an Menschen kann man nur begrenzt "herummachen". Man muss sich dann auch selber etwas herausnehmen, man darf nicht so viele Vorgaben machen. Das habe ich dann relativ schnell begriffen und es war dann auch gut. Es ist nicht einfach, seine Figuren ein Stück aus der Hand zu lassen, wenn man gewohnt ist, das sie einem auf dem Papier absolut gehorchen.
Aber offensichtlich habe ich ein großes Bedürfnis, meine Figuren lebendig zu machen. Das sagen auch meine Kollegen, weil ich ja schon immer so Strichlein an die Figuren mache - weil ich auch wirklich möchte, dass sie sich bewegen. Und da sie das auf dem Papier nicht ausreichend tun, müssen sie immer ein bisschen angeschoben werden mit diesen kleinen Bewegungslinien.


Ihre Figuren haben etwas sehr Körperliches. Sie haben in Ein Engel trägt meinen Hinkelstein auch einige erotische Zeichnungen veröffentlicht?

Das sind Zeichnungen aus meinem Nähkästchen. Da kommen natürlich auch erotische Sachen vor. Das ist einfach ein gesammeltes Skizzenbuch: Alles was man einmal gemacht hat und das dann doch in der Schublade liegt. Ich finde, das ist das Beste, was man hat. Spielerische, zweckfreie Bilder, die man einfach so aus Spaß macht. Man muss sich aber nichts vormachen: Es gibt für solche Illustrationen vielleicht eine kleine Fangemeinde, aber man kann damit sicher keine große Verkaufszahlen erzielen. Für solche Sachen habe ich jetzt den Kalender.


Im Herbst erscheint wieder ein Jutta-Bauer-Kalender?

Genau. Früher hab ich den Kalender mit Lappan gemacht, dort hat er sich aber schlecht verkauft. Dann bin ich mit dem Projekt zu Carlsen umgezogen und jetzt kann ich wieder aus einem großen Fundus schöpfen. Im Kalender sollen mindestens 50 Prozent neue Sachen oder nicht publizierte Illustrationen veröffentlicht werden. Dadurch, dass der Kalender nun ein Wochenkalender ist, gibt es noch mehr Spielraum. Ich denke, der Kalender wird sich durchsetzen, aber das braucht natürlich Jahre. Dann wächst dann hoffentlich eine Kalendergemeinde heran.


Das Buch um das kleine Schaf Selma auf der Suche nach dem Glück wurde von Lappan mittlerweile 300.000 Mal verkauft?

Ich wollte Selma zuerst überhaupt nicht drucken lassen. Ich hatte das Buch nur für mich gemacht, im Eigendruck, und habe es als Weihnachtskärtchen an Freunde und Verleger verschickt. Es war nicht daran gedacht, dass "Selma" auch im Buchladen zu kaufen ist. Dann hat mein Verleger gesagt, du musst die Geschichte als Buch verlegen. Der hat auf mich eingetrommelt, bis ich am Ende zugestimmt habe. Ich bin ihm dafür natürlich nicht wirklich böse.


Im Herbst wird Selma mit Geschenkbox, Glückskartenbox und Dekoprogramm für Buchhandlungen noch besser vermarktet. Wie stehen Sie zu so viel Marketing?

Es kommt mir ein bisschen so vor, als ob Selma ein Urgeschenkbuch wäre. Wobei der für mich sehr wichtige Unterschied ist, dass Selma nicht als Geschenkbuch gedacht war - oder vielmehr im eigentlichen Sinne als Geschenkbuch gedacht war, das ich meinen Freuden schenken wollte. Aber es ist nicht aus diesem Marketingsinn heraus entstanden, mit dem jetzt Geschenkbücher gemacht werden. Das sind für mich reine Marketingbücher. Da setzt sich einer hin und denkt, was kann man den Menschen noch andrehen? Das hat mit Literatur nicht mehr viel zu tun und das finde ich furchtbar. So ist Selma aber nicht entstanden. Die wollte einfach raus - als individuelles Geschenk von mir und hat dann doch den Weg auf den Markt gefunden. Wir haben damals ein kleines Format ausprobiert, das dann auch viele nachgeahmt haben. Sie müssen jetzt einmal in die Buchhandlung gehen und gucken, wie viele Bücher diese Form haben. Es ist schon faszinierend, dieses kleine Format - gerade dieses längliche Querformat.


Dieses Format ändert womöglich auch einiges an der Zielgruppe. Diese kleinen Geschenkbücher kaufen ja auch gerne Erwachsene.

Ja, diese Bücher können natürlich auch neben der Kasse liegen. Ich weiß nicht, ob der Verlag das so berechnet hat, aber das glaube ich nicht. Damals zumindest nicht. Aber dass so kleine Bücher prima in einem Stapel neben der Kasse liegen können, ist natürlich ein nicht zu verachtender Vorteil.


Denken Sie beim Schaffen Ihrer Bücher überhaupt an die Zielgruppe?

Die Zielgruppe wird mir immer mehr egal. Am Anfang glaube ich immer, ich mache ein Kinderbuch - bei Selma nicht, da war mir das egal. Aber wenn ich so ein Buch wie Schreimutter, Königin der Farben oder Opas Engel schreibe, denke ich eigentlich, ich mache ein Kinderbuch. Wahrscheinlich, weil ich gar nichts anderes denken kann. Und weil es der einzige Markt ist, der mir dafür einfällt. Aber ich muss gestehen, dass ich allzu viel auch wieder nicht denke. Ich erzähl einfach eine Geschichte. Wenn ich aber nicht denken würde, es wäre ein Kinderbuch, dann würde ich ja nicht zu einem Kinderbuchverlag gehen, sondern gleich zu Kunstmann gehen oder so. Und da ich das nicht mache, sondern zu Carlsen oder zu Beltz und Gelberg gehe, ist es wohl doch ein Kinderbuch. Es ist aber nicht mein Job, darüber soviel nachzudenken. Da können nachher die tun, die es verkaufen sollen. Ich möchte meine Geschichte erzählen.
Ich finde überhaupt die Grenzziehung zwischen Kindern und Erwachsenen absurd. Da haben wir etwas konstruiert, das dringend wieder zurückgedreht werden muss. Also ob die Kinderwelt und die Erwachsenenwelt etwas völlig Getrenntes seien. Früher haben Kinder abends in den Wohnzimmern gesessen, die Erwachsenen haben sich dreckige Witze erzählt und die Kinder haben verstanden, was sie verstehen wollten und den Rest fallengelassen. Sie haben dadurch sehr viel vom Leben erfahren. Heute herrscht die Meinung vor, dass Kinder bestimmte Sachen nicht verstehen. Aber das ist ganz großer Blödsinn. Kinder akzeptieren eine Menge und wenn sie irgendetwas nicht verstehen, dann verstehen sie es nicht jetzt, sondern vielleicht später. Die Welt von Kindern ist sowieso so, dass sie ganz vieles nicht verstehen und sich alles neu eröffnen und erarbeiten müssen.
Außerdem finde ich, dass der Sinn des gemeinsamen Lesens ist, dass beide daran Spaß haben und ich als Mutter nicht irgendein völlig bescheuertes Buch herunterleiern muss. Die wirklichen Lesevergnügen sind doch die, wenn man gemeinsam ein Buch liest. Für mich ist es genauso Erlebnis und deshalb eine Freude. Und ich habe immer heimlich weitergelesen, wenn mein Kind eingeschlafen war. Zum Beispiel bei Tonke Dragt.
Das sind überhaupt meine schönsten Kindheitserlebnisse, wenn wir gemeinsam mit meiner Mutter im Bett gelesen und Tränen gelacht haben und meine Mutter sich vor Lachen fast in die Hose gepinkelt hat.


Im Herbst erscheint das Buch Abends, wenn ich schlafen geh ...

Das ist uralt, das hat Carlsen nur wieder neu aufgelegt, weil ich es nicht so richtig hinnehmen man, dass Verlage die Bücher einstellen, weil sie sie nicht verkaufen. Dann nehme ich es Ding unter den Arm und sage "Ich möchte aber, dass es weitergeht". Ich habe natürlich Glück, dass ich mehrere Verlage habe. Wenn der eine nicht will, wandere ich zum nächsten.
Dieses Buch hat ja eine ganz rührende Entstehungsgeschichte. Ich habe es für meinen Sohn gemacht, es basiert auf dem Kindergebet "Abends wenn ich schlafen geh". Das hat meine Mutter für mich immer aufgesagt und ich habe es für meinen Sohn aufgesagt und der war völlig süchtig auf dieses Gedicht. Er konnte abends überhaupt nicht einschlafen ohne es. Dann habe ich das jeden Abend runtergeleiert und irgendwann konnte ich es nicht mehr haben, immer dasselbe. Dann hab ich aus Quatsch einen Abend das Gedicht statt mit Engeln mit Füchsen aufgesagt. Und dann hab ich das immer mit Füchsen aufsagen müssen. Und dann habe ich das einfach so aufgezeichnet - aber erst Jahre später, weil ich finde, dass man seine privaten Spielereien nicht gleich so vermarkten sollte. Und dann lag das in der Schublade und sechs Jahre später fragte Friedbert Stohner von Hanser, was ich noch auf Lager hätte, und dann kramte ich in meiner alten Geschichtenschublade heraus und so kam es raus. Und dann hat es ein paar Jahre bei Hanser ein Schattendasein gefristet und jetzt ist es wieder bei Carlsen. Ich bin aber nicht so richtig im Bilde darüber, ob es dort auch ein Schattendasein fristet. Wir haben ein bisschen renoviert, den Gelbton beim Titel verändert, das mochte ich nie, dass es so zitronengelb war, da kann man ja ein paar Sachen noch verbessern.


Wie entstehen Ihre Bücher?

Es gibt bei Carlsen ja dieses Bändchen zu Opas Engel - ein Skizzenbuch - das leider nicht viele Freunde gefunden. Da kann man sehen, wie meine Bücher entstehen. Ich mache zunächst immer Storyboards, das habe ich vom Trickfilm gelernt. Da hat man kleine Kästchen, neben die man auch Gedanken und Regieanweisungen schreiben kann. Meist kommt erst das Bild und dann der Text, mal umgekehrt.
Ansonsten ist es durchaus verschieden, Manchmal ist der Schluss ein Problem, manchmal ist der Schluss schon da. Und meistens ist auch eine Grundidee schon da, wie bei der Königin der Farben. Ich wollte eine Geschichte machen über eine grantige Königin, die über die Farben bestimmt und der die Farben gehorchen, aber nicht richtig. Diese Idee baut man aus. Manchmal ist es dabei schwer, Sätze zu finden, manchmal sind sie schon da. Bei der Königin der Farben war das ein Problem. Da waren die Sätze für mich schon ganz da, wie ein Gedicht. Und dann kommt der Verlag und will das Wort "quollen" nicht, weil quollen nicht gut klingt. Aber ich habe dann gesagt: Quollen steht da, etwas anderes geht nicht.


Gibt es weitere Pläne?

Klar gibt es Pläne. Im Frühjahr bei Carlsen kommen Pappbilderbücher heraus, vier sind schon so gut wie fertig, zwei sind richtig fertig. Der Fertigungsprozess ist so gut wie abgeschlossen. Und sonst darf ich es noch nicht wirklich verraten ...
Was ich wirklich gerne mehr machen würde, wären Titel für Erwachsene. Aber wenn man einmal in der Kinderecke drin ist, kommt man nicht mehr so schnell raus. Das kann ich ja nicht selber machen, dazu brauch ich ja einen Auftraggeber. Da muss ich abwarten. Ansonsten würde ich das mit Illustrieren und Schreiben so weiter machen wie bisher, so fifty fifty. Es ist ja so, dass die Autoren, mit denen man gut kooperiert, immer auch weiter schreiben und dann kommen sie vielleicht wieder mit ihren neuen Texten. Manchmal sind es auch die Verlage, die dann nicht mehr wollen - bei Schubigers Tell war das so. Das wollte ich machen, aber der Verlag nicht. Mit einigen Autoren, wie z. B. Peter Stamm wird auch viel rumgesponnen - wenn wir mal wieder zusammen sind.


Welche Projekte planen Sie in Zukunft?

Ich mache - das kann man schon verraten - mit Kirsten Boie zusammen ein Kinderbuch über Obdachlosigkeit. Übrigens ein spannendes Projekt: Es wird nicht in einem Verlag publiziert, sondern über das Hamburger Obdachlosen-Straßenmagazin Hinz und Kunz, die werden das Buch verkaufen und wir bekommen ein geringes Honorar dafür. Hinz und Kunz macht das gemeinsam mit der Agentur Zucker in Hamburg, einer kleinen Kinder- und Jugendliteraturagentur, die auch Drucke und Originale im Internet verkauft. Die sind ganz frisch und munter und versuchen den Markt von der anderen Seite aufzumischen. Letztendlich gibt es ja immer auch andere Träger, die Literatur publizieren können. Die Verlage finden das natürlich nicht so toll. Auf der anderen Seite macht man auch die Erfahrung, dass Verlage in vielen Dingen sehr schwerfällig sind und nur auf den Markt schauen. Ich hab mich gerade mit dem Beltz Verlag abgerackert mit einem meiner Lieblingsprojekte, das ich gemeinsam mit dem deutschen Verein Ich Du Wir ohne Gewalt durchführen möchte. Die hatten die Idee, die Schreimutter das Buch als multilinguales Buch herauszubringen. Bis hin zu den Ministerien gab es breite Zustimmung und die Begeisterung war groß. Aber von Verlagsseite kommt viel heiße Luft und wenig konkrete Unterstützung, obwohl es nicht viel Aufwand ist und nicht viel Geld kostet und sehr viel Effekt hätte. Die könnten sich ganz toll damit brüsten. Aber Verlage sind marktgebundene Apparate. Da kriegt man langsam so ein Gefühl, wenn es mit den Verlagen nicht geht, dann kann man solche engagierte Projekte besser mit anderen machen als mit den traditionellen Verlagen.


Was wünschen Sie Kindern, um glücklich zu werden?

In Frieden aufwachsen, das ist das Wichtigste: mit Wasser und in Frieden.



Jutta Bauer, geb. 1955 in Hamburg, vielfach ausgezeichnete Autorin und Illustratorin. Studierte an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg Illustration. Illustrierte anfangs Schulbücher, dann Kinderbücher, zeichnete später 7 Jahre für Brigitte Cartoons, macht nun wieder Kinderbücher, Filme und Zeitschriftenillustration. Zuletzt veröffentlicht bzw. neu aufgelegt (Auswahl): Aller Anfang, Die Königin der Farben, Jutta Bauer Tisch und Taschenkalender 2009 (alle Beltz & Gelberg) Abends, wenn ich schlafen geh (Carlsen), Selma (Lappan). Einfach du (Sanssouci).

Hauptverband des Österreichischen Buchhandels
 
Zur Startseite  

Realisiert mit ContentLounge 7.5.0