Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Moeyaert, Bart

 

 
Den Ton finden


Bart Moeyaert ist einer der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren Belgiens. Im Gespräch erzählt er über den Prozess des Schreibens. 

Interview und Foto: Silke Rabus
Anzeiger 09/2008
   

In Ihren Büchern arbeiten Sie mit Auslassungen, machen oft nur Andeutungen. Sie lieben die leisen Töne zwischen den Zeilen?

Es geht mir weniger darum zu beschreiben, was Menschen tun, sondern vielmehr um das, was sie spüren und denken und fühlen. Ich höre zu, was meine innere Stimme, die Erzählstimme sagt. Sie erklärt mir, was für Roman es wird.
In meinem Kopf ist eine Art Ton. Über diesen Ton erfahre ich, ob mein nächster Text eine Kindergeschichte wird oder ein Buch, das mehr für Jugendliche oder Erwachsene geeignet ist. Ich weiß dann auf einmal, wie der Text werden wird und muss niemals wieder daran denken, weil der Ton alles deutlich gemacht hat.


Steht die Handlung Ihrer Bücher schon vorher fest oder fangen Sie einfach an zu schreiben?

Am Anfang jeden Buches hat bisher ein Bild gestanden. Ein bewegendes Bild mit Menschen in einem Raum oder einer Landschaft, wo sozusagen überall Kameras stehen, die die Szenerie aufnehmen. Auch in meinen Figuren steckt eine Kamera. Dieses Bild reduziere ich dann mehr und mehr, weil ich sehe oder spüre, dass ich diese Kamera nicht brauche und auch eine weitere nicht verwende. Und auf einmal steht dann die Anfangsszene. Sie gibt vor, wovon die Geschichte handeln könnte. Der Roman, an dem ich derzeit schreibe, hat als Anfangsbild drei Kinder auf einer Mauer, davor eine Straße mit fast kein Verkehr und dahinter ein Schrottplatz.  Eine scheinbar uninteressante Gegend, aber nicht für mich! In dieser Straße läuft jemand vorbei und die Geschichte beginnt. Plötzlich weiß ich: Ach, davon handelt es ... Ich finde es wunderbar, was dann geschieht. Du gestaltest deine Welt, du hast deinen Ton und alles ist frei. Aber je weiter du in die Geschichte hineingeht, je mehr du weißt, wovon sie handelt, desto mehr musst du dich beschränken, einschränken. Immer wieder musst du eine Stufe nehmen, weil du anders nicht weitergehen kannst, immer öfter musst du dich entscheiden: Wenn du dieses Ereignis passieren lässt, dann hat das Folgen ... Das Beenden eines Buches wird dann zu einem Leidensweg. Es hat mit Trauer zu tun und auch mit Angst: Kann ich das machen, ist es wirklich so, wie ich es beschreibe?

 
Ihnen sind Sprache und Rhythmus sehr wichtig. Ist Literatur wie Musik für Sie?

Ja, zu jedem Buch gibt es eine Art Soundtrack. Zum einen meine ich die Musik in mir, zum anderen aber auch Musik, die ich während des Schreibens höre, meist ein winziger Teil eines bestimmten Soundtracks. Manchmal kaufe ich Musik von Filmen, die ich niemals gesehen habe und nie sehen werde, aber dann gibt es auf der CD ein Stück, das ich auf Wiederholung setze und gerate in eine Art Ekstase. Diese Musik gibt der Geschichte ihren Rhythmus. Und es geht mir beim Schreiben um Rhythmus, um Verlockung. Ich, der Erzähler, nehme dich und mich selbst mit: Leser, komm hinein in meine Geschichte. Mein Rhythmus ist dein Rhythmus.
Nur eine Geschichte zu erzählen, ist nicht meine Sache, das macht keinen Spaß. Ich vergesse daher niemals, dass ich zwei Personen gleichzeitig bin, dass ich ein Schriftsteller bin, aber auch ein Leser. Ich lese, was ich schreibe und locke mich selbst weiter und weiter.
Ich habe nichts dagegen, dass es Schriftsteller gibt, die nach einem bestimmten Schema arbeiten: Kapitel 1, Kapitel 2 bis Kapitel 12 ... Ich verstehe es nicht, aber ich kann sehen, dass es für diese Schriftsteller gut ist. Ich selbst möchte nicht von Anfang an wissen, wie meine Geschichte endet.
Trotzdem glaube ich, dass man schon im Voraus weiß, wohin sich eine Geschichte entwickeln wird, vielleicht wollte man aber vorher nicht so deutlich darüber nachdenken. Warum befinden sich diese Menschen in meinem Anfangsbild? Weshalb habe ich nicht vier Kinder auf die Mauer gesetzt? Wieso kommt kein Mann vorbei? Ich denke daher, dass alles schon zu Beginn feststeht.

                 
In Ihrer autobiographisch angelegten Kindheitsgeschichte Brüder, die nun auch als Taschenbuch bei dtv erscheint, gingen Sie aber anders vor?

Die Anfangsgeschichte von Brüder ist anders. Die Geschichten sind zuerst in einem literarischen Magazin erschienen, jeden Monat wurde dort eine Geschichte über meine Brüder veröffentlicht. Erst nach einigen Monaten haben die Menschen reagiert und gesagt, das sie meine Texte gerne lesen. Viel später noch ist der Gedanke entstanden, die Geschichten in einen Buch zusammenzubringen. Brüder ist deswegen anders, weil ich wusste, wie lang die Geschichten sein würden und mir im Voraus die Erzählstimme bekannt war.
Bei Brüder bin ich in meinem Kopf der 8-jährige Junge, der ich war. Ich weiß zwar alles, weil ich nun älter bin, aber es ist eine jüngere Stimme, die erzählt. Das verleiht sehr viel Freiheit: Ich bin jung, ich weiß nichts. Und doch weiß ich alles. Das macht eine Geschichte spannend. Es ist eine Geschichte über ein Wir, und doch ist die Erzählfigur alleine. Diesen Zwiespalt finde ich sehr interessant.

 
Mut spielt eine wesentliche Rolle in Ihrem Leben und in Ihren Büchern? 

Ja. Ich bin völlig verkehrt aufgewachsen. Als Kind war alles gut, und in meiner Pubertät war nichts mehr in Ordnung. All meine Musikalität, mein Theaterspielen, Musikmachen und Singen konnte ich in der Oberschule nicht mehr gebrauchen. Ich bin kleiner geworden in dieser Zeit, unsichtbar. Ich war zwar da, aber nicht wirklich. Ich war 19 oder 20, als das erste Buch veröffentlicht wurde und kam nach Brüssel an die Hochschule - und ich konnte nichts: Wie kommuniziert man? Muss man da an der Bar stehen und ein Pils festhalten und fragen: Wie geht’s? Und dann sagen: „Gut“. Und nicht „Nicht gut“, weil Menschen das so nicht hören wollen?
Ich brauchte Mut, um zu leben. Wenn ich im Haus war und arbeitete und schrieb, war alles in Ordnung. Ich hatte einige Freunde, bei denen ich mich gut fühlte. Aber dann gab ich Lesungen und ich musste so tun, als wäre ich erwachsen. Das fand ich schwer. Man muss lernen, wer man ist und was man kann. Wir alle gehen dann auf unserem Weg, aber dafür brauchen wir viel Mut.

 
Sie muten Ihren Figuren sehr viel zu, aber Sie lieben sie auch ...

Ja, ich liebe meine Figuren. Und ich habe Mitleid - oder besser Erbarmen - mit ihnen. Wenn ich meine Bücher chronologisch durchschaue und die Figuren bei ihren Handlungen beobachte, dann sehe ich, dass die frühen Protagonisten nicht selbst entscheiden konnten oder durften, sie hatten keinen Mut. Erst ab Bloße Hände (Carlsen, 1997) gibt es Figuren, die wirklich agieren. Das hat sehr viel mit meinem eigenen Leben und den gemachten Erfahrungen zu tun. Das ist nicht neu, jeder Schriftsteller sagt, dass sein Werk biographisch beeinflusst wird. Aber bei mir ist der Zusammenhang zwischen meinen Büchern und meinem Leben wirklich besonders stark.

 
Sie sind auch Übersetzer?

Es ist schon lange her, dass ich das letzte Buch übersetzt habe. Das hat einerseits damit zu tun, dass es viel Arbeit ist. Andererseits habe ich bereits viel vom Übersetzen gelernt: Wie wirkt Sprache und wie kann Sprache Dinge verändern? Eine Zeit lang habe ich mich dann im Theatermachen ‚gestürzt’ und jetzt bin ich schon seit einigen Monaten weg von allem. Ich schreibe am neuen Roman. Wer weiß, vielleicht kommt nächstes Jahr wieder etwas anderes und ich werde Liedertexte schreiben. Immer auf der Suche zu sein, hat aber nichts damit zu tun mit, dass ich mich langweile.
Irgendwann einmal haben die Menschen damit begonnen mir zu vermitteln, wie Schriftsteller sich verhalten sollen. Du musst, symbolisch gesprochen, eine Brille tragen und älter aussehen, weil das bei Schriftstellern eben so ist. Aber ich dachte mir, so kann es nicht sein ... Wenn ich als Kind auf der Terrasse bei uns im Garten stand und ganz allein Theater spielte oder Kasperlpuppen bastelte oder beim Song Contest für alle Länder zusammen sang, warum darf ich das später nicht mehr tun?

 
Im Frühjahr ist das Erstlesebuch Mut für drei gleichzeitig auf Deutsch, Italienisch und Niederländisch in derselben Ausstattung erschienen. Welche Rolle spielt die verkürzte Erzählform für Ihr Schreiben?

Mut für drei sind Geschichten für Erstleser und waren ein Auftrag. Im Niederländischen ist es etwas anders als im Deutschen, dort arbeitet man beim Lesenlernen mit Monaten: Er hat drei Monate Leseunterricht gehabt, also er kann - ich gebe ein Beispiel - acht Wörter pro Satz lesen und vielleicht ist er auch schon soweit, dass er Wörter mit zwei Silben lesen kann. Im Deutschen ist es freier und eigentlich klüger. Während man dort sofort die großen Buchstaben lesen kann, geht das im Niederländischen noch nicht. Wenn ich also so einen Auftrag annehme, dann ist es wie ein Spiel: Wie kann ich auf einfache Weise, also mit wenigen Wörtern, eine Erwachsenengeschichte erzählen, und zwar so, dass der Text organisch wirkt? Und dann kommt wieder die Erzählstimme zum Tragen. Ich sitze im Kopf meiner Hauptfigur und weiß ich auf einmal, was ich schreiben soll. Ab und zu sitze ich dann da und zähle, ah neun Wörter, schade, ich kann es nicht schreiben. Aber dann schreibe ich eben etwas anderes und das macht Spaß. Ich gehe davon aus, dass ein Erstleser sehr langsam liest. Wenn da steht: „Das ist Peter“, ist das ebenso schwierig wie ein anderer, ein bisschen poetischerer Satz. Und dann wähle ich eben den schöneren Satz.

 
Merken Sie Unterschiede in der Rezeption Ihrer Bücher im deutschen oder niederländischen Sprachraum?

Ja. Im deutschen Sprachgebiet ist man sehr ernsthaft mit Büchern beschäftigt. Die Kritiken sind länger, besser begründet, ernsthafter - was ich natürlich wunderbar finde. Außerdem fällt mir auf, dass in Österreich, Deutschland und der Schweiz der Umgang mit Themen wichtiger ist. Ein Beispiel: Über mein Buch Bloße Hände ist im niederländischen Sprachraum beinahe niemals gesagt worden, es sei eine Geschichte über Gewalt – im Deutschen höre ich das fast immer. Da überlege ich mir schon, woher das kommt.

 
Sind weitere Veröffentlichungen auf Deutsch geplant?

Ja. Bei Hanser sind neue Titel für das nächste Jahr geplant.

 
Bart Moeyaert, 1964 in Brügge geboren, studierte Niederländisch, Deutsch und Geschichte in Brüssel. 1983 autobiografisches Romandebüt Duet met valse noten (Leander, Liselot und die Liebe (Peter Hammer)), verfasst Kinder- und Jugendbücher, Lyrik, Theaterstücke und Übersetzungen aus dem Deutschen, Englischen und Französischen. Seit 1987 lebt und arbeitet Moeyaert in Antwerpen. Ausgewählte Werke: Bloße Hände (Hanser), Am Anfang (Peter Hammer), Brüder (Hanser, dtv), Mut für drei (Hanser).

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