Kuijer, Guus
Ich bin ein Moralist
Der niederländische Kinder- und Jugendbuchautor Guus Kuijer im Gespräch
über Moral und kindgerechtes Schreiben.
Interview: Heidi Lexe und Silke Rabus, Foto: Silke Rabus
Zwei Aspekte prägen die Kinderbücher von Erich Kästner, den Sie in Das Buch
von allen Dingen zitieren: das Hingewandtsein zu Kindern und das moralisch
richtige Handeln. Gilt das auch für Ihre Kinderbücher?
Ich bin ein Moralist. Ich denke, dass jene Menschen
Moralisten sind, die noch Hoffnung haben. Die also sagen: Wenn wir so handeln
oder so, hätten wir vielleicht eine bessere Welt. Auf Moralismus wird
heutzutage etwas herabgesehen, aber ich denke, dass die Moralisten notwendig
sind. Nicht, dass ich weiß, wie es sein muss, aber man versucht einen Weg zu
finden und das ist schon Moralismus. Meine Mädchenfigur Polleke ist für mich
eine Moralistin: Sie sagt, so gehört es sich und so gehört es sich nicht. Das
ist natürlich manchmal ein bisschen naseweis. Aber so findet der Mensch seinen
Weg – glaube ich. Mit Naseweisheit (lacht).
Was bei Erich Kästner die Kinderbücher prägt, ist die positive Grundstimmung.
Obwohl seine Geschichten nie in einer heilen Kinderwelt spielen, sondern immer
ein Stück beschädigte Kinderwelt darstellt. Gilt das auch für ihre
Kinderbücher?
Ja, ich trage auch diese positive Grundstimmung in mir – wenn man sich gut oder glücklich fühlt, kommt das von selbst. Dann entsteht
eine positive Grundhaltung. Wenn ich traurige oder negative Bücher schreiben
würde, würde ich lügen. Aber es gab Perioden in meinem Leben – als ich 20 oder
30 Jahre alt war - da habe ich sehr pessimistische, negative Bücher
geschrieben, nicht für Kinder. Weil ich mich nicht gut fühlte. Ja, es gibt eine
positive Grundstimmung. Ich glaube, dass es die Liebe gibt und dass es möglich
ist, gleichzeitig traurig und glücklich zu sein.
Ruth Klüger
hat einmal in einem Interview davon gesprochen, dass Literatur für Sie die
Funktion von „sanity“ hat. Kann Literatur gesund machen?
Ich glaube, sie ist eine Hilfe. Mir hat es sehr geholfen,
dass ich lese. Ich weiß, dass Leute auch glücklich sind, die niemals lesen.
Aber ich nicht. Was Frau Van Amersfoort in Das
Buch von allen Dingen macht, ist dem Jungen Thomas eine Alternative zu
zeigen - dass es eine andere Welt gibt, dass es andere Gefühle gibt, dass es
andere Gedanken gibt. Sie sagt einmal: „Ein Wald ist nur schön.“ In dem Milieu,
in dem Thomas lebt, ist die Schönheit der Welt nicht wichtig. Musik oder
Literatur spielen keine Rolle in diesem Milieu. Frau Van Amersfoort zeigt
Thomas einen Ausweg. Dieser geht durch die Kunst. Kunst ist vielleicht eine
Alternative zur Religion.
In Das Buch
von allen Dingen geht es auch stark um Schuld. Der schlagende, bibeltreue
Vater wird schuldig an seiner Frau und an seinen Kindern. Statt der Plage
Ägyptens kommt eine illustre Frauenrunde über ihn. Ist es an den Frauen, dass
alles zum Guten kommt?
Das Buch spielt in den 50er Jahren. In Holland, und ich
glaube auch in Österreich, gab es in den 60er Jahren einen Aufstand von Frauen
und Kindern. Die Jugendlichen und die Frauen haben in Holland unsere
Gesellschaft geöffnet. Wir sind die beste Plage, sagen die Frauen in Das
Buch von allen Dingen. Das ist also eine Vorhersage. Ich glaube nicht, dass
es zu schwer wäre für Frauen und Kinder, die ganze Welt zu retten. Sie haben es
in den 60ern zu Stande gebracht.
Für starke
Mädchenfiguren haben Sie ein besonderes Interesse? Ich denke da zum Beispiel an
Polleke ...
Der Vorteil ist, dass ich kein Mädchen bin und so Abstand zu
ihnen habe. Ich habe früher auch über Jungen geschrieben, aber ich brauchte
mehr Erfahrung, um nicht zu persönlich zu werden. Das ist immer eine Gefahr.
Der Mensch hat immer den Eindruck, dass er sehr interessant ist. Alles was ich
dann denke und schreibe, wäre interessant. Aber das ist nicht der Fall. Abstand
zu haben zu einer Figur ist für mich immer ein Vorteil. Dazu kommt, dass ich
Frauen gerne mag.
Von Polleke
haben Sie ja gesagt, dass Sie sie nicht nur mögen, sondern lieben.
Ja. Das war toll, als ich das Buch geschrieben habe. Ich
kann das nicht erklären, manchmal kommen Bücher zu dir, dann ist es keine Mühe
mehr, über solche Figuren zu schreiben. Man verliebt sich.
War es
geplant, mehrere Bände über Polleke zu schreiben - oder ist das passiert?
Das ist passiert.
Wir beobachten
Ihren besonderen Kinderblick auf die Welt. Der unverdorbene Blick auf die Welt,
wie in Des Kaisers neue Kleider. Es
gibt immer ein Kind, das sagt: Du hast ja gar nichts an. Ist dieser Blick auf
die Welt ein besonderes Potential von Kindern?
Weil Kinder viele Dinge zum ersten Mal sehen, haben sie
einen unverfälschten Blick. Wenn man etwas zum ersten Mal sieht (wie ich gerade
Österreich), dann sehe ich das anders als Sie. Und wenn ich beschreibe, was ich
gesehen habe, dann sagen Sie vielleicht: Ah, so habe ich das noch gar nicht
gesehen. Oder wenn Sie nach Holland gehen
und mir das Land beschreiben, dann ist das für mich ein neuer Blick. Ein
Schriftsteller kann eine Figur benutzen, um einen neuen Blick zu bekommen. Ich
weiß nicht, ob das für alle Kinder gilt, aber es sind sehr brauchbare Figuren,
um einen frischen Blick auf die Welt zu bekommen.
Sie beschreiben
immer wieder ganz ungewöhnliche Kinderlieben. Ich denke da an Thomas, der sich in Das Buch von allen Dingen in die verkrüppelte Elisa verliebt, Florian wird
in Ein himmlischer Platz von der wesentlich älteren Katja geliebt und
Polleke geht mit dem Marokkanerjungen Mimun. Ist Liebe
grenzüberschreitend?
Ja, Liebe hat für mich immer etwas Unwahrscheinliches. Und
es natürlich auch ein Trick. Es wäre ja uninteressant, wenn es logisch wäre,
dass man sich ineinander verliebt. Gegensätze ziehen sich an. Das ist wie beim
Malen, wenn man Komplementärfarben benutzt, um das Bild schärfer zu machen. Ich habe es nicht mit Absicht gemacht, es kommt
so.
Sie sind in
Ihrer Wahrnehmung von Fremdheit immer sehr vorbehaltlos und schonungslos an
spezifische Themen herangegangen. Liegt in dieser Vorbehaltlosigkeit auch die
Möglichkeit, dem Thema Schärfe zu nehmen und es dennoch ernst zu nehmen?
Können Sie mir ein Beispiel geben?
Im ersten Polleke-Band Wir alle für immer zusammen sagt der
Marokkanerjunge Mimun, er könne nicht mit einer Dichterin verheiratet sein und
Polleke antwortet: „Dann heirate doch ein Mädchen mit einem Staubwedel am
Kopf.“
Das kam, weil ich mich ein bisschen geärgert habe, dass
alles, was man sagt, als Rassismus gewertet wird und man gar nichts mehr sagen
kann. Wenn früher in Amsterdam zum Beispiel ein Mann hinkte, dann hieß er der
Hinkemann – das war normal, oder wenn er rotes Haar hatte, dann hieß er Der
Rote. Wenn wir in Afrika sind, dann sagt man zu uns Europäern Weiße. Das ist kein Rassismus.
Fremdheit hat in Ihren Texten immer etwas Spannendes und Inspirierendes.
Fremdheit hat nie ausgrenzende Funktion.
Fremdheit ist ein Problem. Sie schließt ein bisschen aus.
Ich glaub nicht, dass ich verschweige, dass Fremdheit ein Problem ist und auch
eines bleiben wird. Wenn zum Beispiel Mimun Polleke ein Kopftuch gibt, denken
manche Leute: Oh, das geht schief? Aber das ist
genau, was ich meine. Das ist auch ein großer Schritt.
Es
ist auch eine große Stärke Ihrer Texte, dass Sie nichts verschweigen. Trotzdem
hab ich das Gefühl, dass es Wissensgrenzen für Kinder gibt. Ich denke an die
Szene, in der der Lehrer zu Polleke sagt, es ist gut, dass sie nicht genau
weiß, was mit dem Mädchen Consuelo in ihrer Heimat passiert ist. Gibt es solche
Wissensgrenzen?
Hier liegt diese Grenze bei Consuelo. Wenn Consuelo nicht
sagen will, was passiert ist, dann soll man das respektieren. Aber wenn sie es
selbst erzählen würde, würde ich keine Grenzen ziehen. Aber sie selbst wollte
nicht. Für mich gibt es andere Grenzen: Ich würde niemals ein Kinderbuch
schreiben, bei dem die Kinder danach denken, dass es besser wäre, tot zu sein
oder Selbstmord zu begehen – niemals. Das sind meine Grenzen.
Es
hat sich über die Jahre gezeigt, dass Sie große Lust haben, verschiedene Genres
auszuprobieren. Sie haben ein Abenteuerbuch geschrieben, Sie haben einen
phantastischen Roman geschrieben, Sie haben eine Serie geschrieben. Ist das die
Lust am Ausprobieren?
Nein. Ich kann es nicht anders. Es ist nicht mit Absicht
– es kommt, weil ich es nicht anders kann. Verstehen Sie? In Holland macht man
einen großen Unterschied zwischen Literatur und Lesestoff. Es gibt eine sehr
populäre Schriftstellerin in Holland, deren Bücher zu Tausenden,
Hundertausenden verkauft werden. Man sagt aber immer, das ist keine Literatur.
Einer dieser Autoren, die Lesefutter schreiben, sagte zu mir: „Eines Tages
werde ich auch Literatur schreiben“ und ich sagte „Mach es.“ Aber ich könnte es
nicht. Es ist so, dass ich Literatur machen will. Es ist so, dass ich es nicht
anders kann.
Das
Schreiben ist in Ihren Texten auch für die Kinderfiguren sehr wichtig. Ist
diese Lust an der Sprache, das Schreiben selbst ein wesentlicher Prozess für
die Kinder, um mit sich und der Welt klar zu kommen?
Nein. Das glaube ich nicht. Natürlich, wenn man Gedichte
schreibt, kann man das sehen. Würde Polleke Violine spielen, könnte man das
nicht hören. Es ist praktisch, dass sie Dichterin ist – damit kann man das
sichtbar werden lassen.
Ihre Figuren erleben immer wieder Wunder. Auf Florians Kopf sitzt in Ein
himmlischer Platz ein Spatz, Thomas sieht in Das Buch von allen Dingen
Frösche. Sind Wunder Glücksbringer, die den Kindern zum Heil zu verhelfen?
Wunder ... natürlich als eine Art Phantasie,
Halluzination, Traum. Manchmal helfen sie – das glaube ich schon.
Bei Polleke heißt es: Wunder kann man nicht bestellen.
Wenn Polleke auf ein Wunder hofft, kommt es nicht. Es
gibt also auch das Gegenteil. Das Wunder, das erwartet oder verlangt wird,
kommt nicht. Das muss es natürlich auch geben. Ich glaube nicht an Wunder im
Sinne von der Erscheinung Marias. Wunder sind, dass man mit seiner
Vorstellungskraft seine eigene Welt verändern kann. Das macht jeder. Jeder
erträumt sich eine Zukunft. Mit Träumen kommt man manchmal in eine Zukunft. Dann
gibt es diese Zukunft auch. Als ich 15 war und ich mir vorstellte,
Schriftsteller zu sein, war das ein Traum, ein ganz unmöglicher Traum
eigentlich. Aber wenn man übt und übt, kann es möglich werden. Dann geschieht
es vielleicht. Man muss dafür arbeiten – für ein Wunder.
Was ist für Sie kindgerechtes Schreiben?
Ich weiß wirklich nicht, was kindgerechtes Schreiben ist.
Wenn ich eine Hauptfigur nehme, die 80 ist, dann ändert sich die Landschaft der
Sprache. Dann wird meine Sprache 80 Jahre alt. Wenn ich eine 10-Jährige nehme,
dann ändert sich die Landschaft ebenso. Das geht wie von selbst. Dann kommen
keine Wörter in den Text, die Kinder nicht verstehen. Und wenn sie manche
Wörter nicht verstehen, ist es auch nicht schlecht. Nehmen Sie zum Beispiel diesen
Satz, den Frau Van Amersfoort in Das Buch von allen Dingen schreibt: Ein
Mann, der seine Frau schlägt, entehrt sich selbst.“ Wenn Thomas diesen Satz
nicht versteht und die Leser ihn nicht verstehen, dann ist das nicht so
wichtig. Es kann auch ein halb verstandener Zauberspruch sein. Ein Kind fühlt,
dass es wichtig ist, auch wenn es nicht ganz versteht. Es ist wie im Märchen.
Niemand versteht wirklich, was die Geschichte von Schneewittchen bedeutet. Aber
man erfühlt etwas. Immer fragt man: Können Kinder das wirklich verstehen?
Verstehen denn Erwachsene alles, was sie lesen?
Sind diese mutigen Figuren, die Vorbehaltlosigkeit der Figuren etwas
typisch Niederländisches? In der deutschen Literatur werden Geschichten sehr
oft um bestimmte Themen herum gebaut.
Ja, das hasse ich. Ich finde, ein Buch ist nicht ein
behandeltes Thema. Man kann fragen: Kannst du ein Buch über Aids schreiben?
Dann würde ich immer sagen: Nein. Es kann vorkommen, dass in meinen Büchern ein
Thema vorkommt. Es kann passieren, aber das mache ich nicht mit Absicht – das
kommt. Ich glaube, dass es auch in Österreich und Deutschland Leute gibt, die
aus ihrem Gefühl und dem eigenen Bedürfnis heraus schreiben. Dass man nicht
schreibt, weil es ein Buch über Gewalt geben muss, aber dass es ein Bedürfnis
ist, über Gewalt zu schreiben.
In der niederländischen Literatur traut man den Kindern ungemein viel zu.
Man nimmt sie sehr ernst.
Zuviel?
Nein. Ich glaube es gibt einen selbstverständlicheren Umgang mit
Tabuthemen.
Das kann sein. Es gibt in Holland auch Tabus. Wir sind
uns dessen bewusst. Aber ich habe niemals etwas geschrieben, nur um Tabus zu
brechen. Das ist nicht interessant für mich. Wenn ein Tabu gebrochen wird, ist
es schön, aber ich lege es nicht darauf an.
Was würden Sie Kindern wünschen, damit sie glücklich werden?
Dass sie Mentoren finden. Was Kinder in meinen Büchern
oft machen, ist, dass sie unbewusst einen Mentor suchen. Thomas ist in Das
Buch von allen Dingen ein gutes Vorbild. Er macht den ersten Schritt auf
Frau Van Amersfoort zu: „Soll ich Ihnen die Tasche tragen?“ Er sucht eine
Person, die ihm hilft. Er schreibt der Nachbarin Elisa einen Brief. Es ist
nicht nur Verliebtsein, es geht auch darum, einen Mentor suchen. Das macht
Florian auch mit dieser Oma. „Wo geht’s hin? Wo ist der Weg aus der Wüste?“ Ich
wünsche, dass jedes Kind einen Mentor findet.
Guus Kuijer, 1942 in Amsterdam geboren, war
zunächst Lehrer und ist seit 1973 freier Schriftsteller. Für seine Kinder- und
Jugendbücher wurde er international vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem
Holländischen Staatspreis für sein Gesamtwerk. Im deutschen Sprachraum wurde er
vor allem mit seinen Büchern rund um das Mädchen Polleke (Oetinger, cbj) und
Das Buch von allen Dingen bekannt.