Blaeulich, Max
Es gibt keine Unschuldigen
Seine Trilogie widmet Max Blaeulich
den historischen Abgründen des zwanzigsten Jahrhunderts. Nun erscheint mit Stackler
oder die Maschinerie der Macht (Residenz) der dritte Band, indem das
düstere Bild Österreichs in den Monaten vor Hitlers Machtübernahme gezeichnet
wird.
Interview: Carina Kerschbaumsteiner / Foto: Lukas Beck
Anzeiger 10/2008
Die historischen Hintergründe Ihrer Trilogie spiegeln die realen
Begebenheiten des 20. Jahrhunderts wider. Was hat Sie dazu bewegt, die Thematik
der Rassenforschung, Euthanasie und Stimmung im Wien der Vorkriegszeit
aufzugreifen?
Ich gehe Ideen nach,
die sich in ihrem wahnwitzigen Gehalt verselbständigt haben und sich gegen den
Menschen verkehren. Einer dieser Ideen der Abseitigkeit oder der Nacht ist die
Idee der Rassen. Meine Hauptfigur Stackler wollte durch seine Experimente den
Primat der „weißen Rasse“ beweisen. Millionen Menschen hat dieser Wahn das
Leben gekostet. Nicht wenige Österreicher waren sowohl ideengeschichtlich als
auch persönlich beteiligt.
Wie groß war der Rechercheaufwand für die einzelnen Romane?
Ich bin nach Uganda
gereist, habe mir Land und Leute angesehen, Interviews geführt und in
verschiedenen Archiven geforscht. Eigentlich war die Recherche nicht sehr
schwierig, da ich als Antiquar doch über einige 10.000 Bücher zur Verfügung
habe. Wenn ich dann die Bestände durchforste, lege ich mir alle einschlägigen
Artikel und Bücher zur Seite. Eine wichtige Erkenntnis war auch, dass Rassismus
als Lehre erst im 19. Jahrhundert aufkam. Man begann damals Menschen zu
vermessen, nach einem theoretischen Rassebegriff zu sondern und ihnen Wert oder
Unwert zu attestieren. Ein völliger Blödsinn, wie man heute weiß, denn es gibt
nur eine Rasse und die heißt „Mensch“.
Wie hat sich die Idee, eine Trilogie zu verfassen, entwickelt? War von
Beginn an geplant, drei Romane aneinanderzureihen?
Ja! Drei Romane
sollten es werden. Der erzählerische Bogen sollte von 1910 etwa bis 1975
dauern. Parallel dazu sollten wichtige Entwicklungen wie die Schifffahrt, die
Entwicklung des Flugzeuges, allgemein die Motorisierung der Gesellschaft bis
hin zur Militarisierung gezeigt werden, samt gesellschaftlichen Auswirkungen.
Man kann darin auch eine Kritik der heutigen politischen Zustände erkennen:
Ausländerfeindlichkeit, Ausgrenzung,
wahnwitzige Aufhetzung, Verharmlosung des nationalsozialistischen oder faschistischen
Gedankenguts. Und das heute, am siebzigsten Jahrestag von 1938.
Die Charaktere des Romans, vor allem Stackler, sind sehr konkret
gezeichnet. Ihnen haftet aber vor allem eine groteske Lächerlichkeit an. Denken
Sie, dass nur das Stilelement der Groteske es vermag, die Grausamkeit der
NS-Wegbereiter und der Funktionäre darzustellen?
Grotesk ist eine
Schublade, in der alles verschwindet, das einem komisch vorkommt, ohne zu
fragen, warum es überhöht anmutet. Es ist das Ziel meiner Trilogie die
bizarren und grotesken Wissenschaftsansätze aufzuzeigen, ebenso wie jene,
die sich solchen Aufgaben verschrieben
haben. Deswegen ist mein Roman noch lange keine Groteske oder Satire, sondern
durch und durch genau recherchiert. Wenn ich zum Beispiel von einem Menschenmuseum
spreche, dann hat es Präuschers Menschenmuseum im Prater tatsächlich gegeben.
Im Dritten Reich sandte man Neger samt ihren nachgebauten Dörfern von Stadt zu
Stadt, um den Ariern zu zeigen, wie Neger aussehen. Man missbrauchte sie auch
für Filme. Tatsache ist auch, dass im späten 19. Jahrhundert die Firma Barnum
& Bailey das meiste Geld mit Verkrüppelten verdiente. Diese entsetzliche
Nachtseite aufzuzeigen, ist keine Groteske, sondern eine Tatsache. Insofern
weise ich die Groteske zurück. Es ist eher ein Mangel der Recherche bei meinen
Kritikern festzustellen.
In Lateinamerika ist die Gattung des Diktatorenromans weit verbreitet.
Asturias, García Márquez oder auch Mario Vargas Llosa haben mit ähnlichen
stilistischen Mitteln wie der Groteske und der Satire diktatorische Regimes
dargestellt. Denken Sie, dass es an der Zeit wäre, eine solche Tradition auch
für den deutschsprachigen Raum zu begründen?
Möglich. Jedenfalls
haben mich Romane von Márquez, Machado de Assis, Asturias und andere immer begleitet.
Was mir im heutigen Roman abgeht, ist natürlich die Überhöhung, der Witz, das
Pfiffige oder Erotische. Um es beim letzteren auf den Punkt zu bringen: Nackte
Menschen sind meist nicht schön anzusehen, hier gebe ich dem Deix durchaus
Recht, umso schöner aber sind die Verkleideten. Sie bewahren das Geheimnis
ihrer Abgründe, ihrer Wunden, ihrer Unfähigkeiten oder Fähigkeiten. Mit anderen
Worten: Ich suche die Verwandlung und möchte den Leser verwandeln wie es ein
Márquez tut. Aber ich möchte auch, dass dem Leser, nachdem er das Buch
weggelegt hat, ein Zugewinn an Erkenntnis bleibt, die zumindest diskutabel
bleibt. Das vermisse ich stark an trashiger Literatur.
Haben Sie bereits an die Möglichkeit gedacht, einen Diktatorenroman zu
schreiben?
Eigentlich
interessiert mich Hitler zum Beispiel nicht besonders. Dagegen interessiert es
mich, wie eine Nation auf diese Durchorganisierung ihres Denkens hereinfallen
kann, das bis zuletzt glauben kann. Wie ticken hier die Uhren, warum lassen sie
sich bis zum Zusammenbruch nicht eines Besseren belehren? Ein Leissner, dieser
Theatermensch aus Graz, war tatsächlich befreundet mit Grünbaum, führte
tatsächlich Ödön von Horvath auf und wird ein total rücksichtsloser Nazi,
vergisst diese Freundschaften und benutzt sie, als es brenzlig wird. Ein
Opportunist. Aber auch einer der Hetzer. Wie kann man sich von so einem
verhetzen lassen? Wer steigt darauf ein? Diese Mechanismen interessieren mich
und vielleicht kann man das sogar in einen Diktatorenroman darstellen.
Sie spielen im Roman auch mit Klischees. Welche Funktion möchten Sie damit
erfüllen?
Es sind gewisse
Klischees der Gesellschaft, in die meine afrikanischen Protagonisten gezwungen
werden. Nun spricht jedoch Gatterbauerzwei ein perfektes Deutsch, er wehrt
sich, er setzt sich durch, wird politisch in der Fremdenlegion, das sind alles
keine Klischees, sondern deuten eher auf ein intaktes Selbstbewusstsein hin.
In Ihren Romanen spielt Afrika eine wichtige
Rolle. Welche Rolle spielt es in Ihrem
Leben?
Eigentlich keine. Darf ich Ihnen mit einem Klischee antworten: Afrika ist sehr gefährlich, Schlangen,
Krokodile und Mücken, vor diesen Tieren habe ich Angst, beinahe wäre ich in
Uganda gefressen worden von einem herumstreunenden Nilpferd, also ich bin nach
Uganda gereist, damit endlich die Fragen aufhören: Waren Sie schon in
Uganda? Ursprünglich wollte ich nur
nach Entebbe fliegen, am dortigen Postamt Karten aufgeben, die beweisen
sollten, dass ich in Uganda war, aber da spielte mein Bodyguard nicht mit. Also
so kam ich ins ugandische Reisefieber.
Das Thema Sexualität ist in Ihrem Roman sehr präsent. Die ständige
Abwechslung von Dominanz, Unterwerfung und Abhängigkeit scheint hierbei eine
wichtige Rolle zu spielen.
Selbstverständlich beschäftigt mich auch die Rolle der Frauen in diesem
Machtgefüge. Einerseits Karrierestreben, andererseits gelebte Sexualität.
Hierbei gibt es zwei Protagonistinnen, Fräulein März, eine
nationalsozialistische Forscherin und die Markgräfin Pallavicini, mondän, reich
und mit einem klingenden Namen. Erstere wird Opfer ihrer eigenen Überzeugung
und letztere stellt eine selbstbestimmte Frau dar, die zu erfahren ist, um sich am Gängelband der
Ideologie führen zu lassen. Vielleicht war gerade sie es, die letztlich die
Hand über den Afrikaner Gatterbauerzwei gehalten hat? Die Rechnungen müssen sie
aber alle bezahlen.
Aus welchem Grund haben Sie beschlossen, keine HeldInnen in Ihrer Trilogie
zu stilisieren?
Jeder ist schuldig. Es gibt keine Unschuldigen. Es gibt nicht schwarz
und weiß. Gatterbauerzwei, Kilimandscharo u. a. sind schuldig. Das relativiert
aber nicht die Rolle der Nationalsozialisten wie Stackler oder Leissner,
sondern beschreibt genau, wie sie Leid und Tod planen, wie sie die Maschinerie
der Nacht, ihre verkommenen Ideen, lenkten und Unschuldige zwangsweise zu
Schuldigen machten. Sie werden nicht verstrickt in die Schuld, wie etwa die
März oder Gatterbauerzwei, denn sie wurden nie gezwungen in die Schuld, sondern
sie planten grausam und gerissen den Tod vieler Tausender. Stackler zum Beispiel
blieb bis zu seinem Lebensende Nationalsozialist, Leissner mutierte zu keinem
Einsichtigen, sondern zum Opportunisten, der er ein Leben lang blieb.
Die groteske Tonlage Ihres Gatterbauerzwei wird in der Neuen
Züricher Zeitung mit der von Elias Canetti und Gogol verglichen. Eine Ehre,
oder?
Das schmeichelt mir
durchaus. Gogol gehört zu meinen ersten Leseerfahrungen als Jugendlicher. Ich
konnte über „Die Nase“ dermaßen lachen, ohne dass mir der Ernst der Sache
verborgen geblieben wäre. Auch ich habe in meiner „Knopffabrik“ eine Nasengeschichte verarbeitet, wobei der
Konnex mit Gogol nie hergestellt wurde. Schade. Auch hat die Kritik völlig
übersehen, wie ich zum Beispiel dem aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ verschwundenen Stumm von Bordwehr ein anständiges Begräbnis bereite oder aus
dem Roman „Auf dem Floß“ von Saiko in der ersten der drei Versionen mich des
Riesen „Joschka“ bediene. Ich gebe zu, da habe ich manchmal das Groteske
geborgt. Übrigens ist Gogol wahrscheinlich der Ahnherr des Absurden. Man
vergleiche ihn und Ionescu.
Wie ist das Gefühl, ein solches Werk beendet zu haben?
Es geht mir etwas ab. Ich muss mich sofort in ein neues Abenteuer
stürzen. Mir ist Schreiben weder Geld- noch Preisgewinn, sondern nur
Lustgewinn, purer Selbstzweck. Da ich seit meinem achtzehnten Lebensjahr
schreibe und erst mit meinem sechsundachtzigen aufhöre, - so der Himmel will -
werde ich noch einiges schreiben. Mit dem Computer geht es doch so leicht.
Max Blaeulich,
geb. 1952, studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität
Breslau. Neben seiner Tätigkeit als Antiquar und Autor ist Max Blauelich seit
1980 auch als bildender Künstler präsent.
Seine Trilogie Kilimandscharo zweimeteracht, Gatterbauerzwei
und Stackler oder die Maschinerie der Macht erschien im Residenz Verlag. Max Blaeulich lebt in Maxglan/Salzburg.