Lendvai, Paul

"Das Schönste ist das Buch"
Der Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels in Denken und Handeln geht dieses Jahr an den Journalisten und Buchautor Paul Lendvai. Im Gespräch mit dem Anzeiger philosophiert er über die Grenzen der Toleranz und über die Aufgaben des Journalismus.
Interview: Pamela Krumphuber / Foto: Ecowin
Herr Lendvai, woran arbeiten Sie gerade?
An einem Artikel für den "Standard", an der japanischen Ausgabe meines Buches "Die Ungarn", an einem Vortrag, den ich im Rahmen einer Buchpräsentation in Graz halten werde. Außerdem gebe ich für eine ungarische Zeitung ich ein halbes Jahr lang alle zwei Wochen eine Blattkritik ab. Und, und, und ...
Woher nehmen Sie die Energie für diese enorme Produktivität?
Die Energie ist in den Genen. Vielleicht liegt es auch daran, dass man viel durchgemacht hat. Mein Vorbild ist dahingehend der Managementtheoretiker und Universitätsprofessor Peter F. Drucker. Er lebte erst in Deutschland, dann in den USA, und wurde in seinem 60. Jahr noch Kolumnist des Wall Street Journals. Er hat 27 Bücher geschrieben, allein nach seinem 80. Geburtstag noch drei.
Sie haben also noch viel vor. Für Ihre Arbeit bisher werden Sie jetzt mit dem "Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln" ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen der Begriff Toleranz?
Der Ehrenpreis ist ein sehr schöner Preis, die Liste meiner Vorgänger eine wunderschöne Liste. Die Frage ist, ob man selber tolerant ist oder von anderen Toleranz erwartet. Ich bin oft nicht tolerant, sondern aufbrausend und manchmal ungerecht. In kleinen Dingen bin ich also nicht tolerant, in großen Dingen hingegen schon. Gegen die Verurteilung von Menschen aus rassistischen oder politischen Gründen bin ich allerdings intolerant. Andererseits habe ich in Österreich auch viele Menschen kennen gelernt, die eine kontroversielle Vergangenheit haben. Die Frage ist aber meiner Meinung nach nicht, woher jemand kommt, sondern wohin er geht.
Manchmal sagt man mir nach, zu tolerant zu sein. Ich vergleiche jedoch die gegenwärtigen Phänomene immer mit der Vergangenheit, wie sie in Österreich oder zum Beispiel auch in Ungarn geherrscht hat. Ich selbst habe in Österreich, als jemand, der aus der Kälte kam, Toleranz gefunden. Und ich bin nicht tolerant, wenn man Österreich pauschal verurteilt, zum Beispiel während der Waldheim-Affäre oder während der EU-Sanktionen nach dem Antritt der schwarz-blauen Regierung.
Ein Intoleranter ist am Wochenende vor unserem Gespräch zu Tode gekommen. Was wird sich Ihrer Einschätzung nach nach Jörg Haiders Tod in Österreich verändern?
Es gibt nach Haiders Tod keinen vergleichbaren Politiker, keine vergleichbare Persönlichkeit am rechten Rand. Die Gefahr besteht im Moment darin, dass seine politischen Erben nicht seine Intelligenz haben. Ich habe Haider auch persönlich gekannt: Er war sehr begabt, sehr gebildet, aber psychisch krank, er hatte eine selbstzerstörerische Ader. Die österreichischen Zeitungen haben nach seinem Tod beide Seiten von Haiders Persönlichkeit sehr gut gezeigt. Für Ausländer, die über Österreich schreiben, ist die Trauer in Kärnten hingegen unglaublich und schwer zu verstehen. Die nicht trauern, sieht man ja auch nicht.
Ich bin Anhänger der großen Koalition oder der Ein-Parteien-Regierung. Einige fähige Leute werden in der neuen Regierung nicht dabei sein, aber Österreich wird es überleben. Ich neige ja nicht, wie viele österreichische Intellektuelle, zur Dramatisierung. Schon als Kreisky das zweite Mal die Wahlen gewonnen hat, habe ich gelesen, das Ende der Republik sei gekommen!
Laut Statistik sind die Österreicher besonders EU-feindlich. Warum kommt Österreich nicht in Europa an?
Kein Land außer Deutschland hat von der Ostöffnung so viel profitiert wie Österreich, aber das wird nicht verstanden. Dagegen muss man etwas tun. Ich halte viele Vorträge, und wenn man Argumente hat, Humor, auch eine gewisse rhetorische Fähigkeit, dann kann man die Menschen auch überzeugen. Das ist auch unsere Aufgabe als Journalisten. Bürokraten und Politiker hingegen können das nicht. Ich veröffentliche seit Langem die Zeitschrift "Europäische Rundschau", außerdem moderiere ich das "Europastudio" im ORF. Ich glaube, ich tue etwas und habe etwas getan. Es gibt einen gewissen "Radical Chic", der leicht ist, wenn man in Döbling oder in der Inneren Stadt wohnt. Aber in der Brigittenau oder in Ottakring gibt es Probleme, und nicht nur hier.
Ihr Verhältnis zu Österreich wird oft als "kritische Liebe" beschrieben. Worauf bezieht sich diese Liebe?
Am 4. Februar 1957 bin ich hierher gekommen, ohne Beruf, ohne Sprachkenntnisse, und habe hier eine neue Heimat gefunden. Seit Schwarzenegger Gouverneur ist, habe ich auch keine Komplexe mehr wegen meinem Akzent (lacht). Aus London oder Prag nach Wien zurückzukommen, ist immer ein wunderbares Gefühl. Man schlägt die Zeitungen auf und findet sofort wieder alles voller pessimistischer Schlagzeilen vor.
Und was kritisieren Sie an Österreich am meisten?
Meine Kritik gilt dem rechten politischen Rand, dem Provinzialismus, der Untertanenhaltung. Auch in der Politik: Ich verurteile sehr, wie Gusenbauer politisch umgebracht wurde. Die 5. Auflage meines Buches "Mein Österreich" habe ich daher um ein Kapitel mit dem Titel "Mord am Ballhausplatz" ergänzt. Ich mag auch die Kampagne gegen Wolfgang Schüssel nicht.
Hermann Bahr hat in einem Buch über Wien das ewige Raunzen beschrieben und dann festgehalten, dass man trotzdem von Wien nicht lassen könne. Ich schäme mich nicht für meine kritische Liebe. Ein Land, in dem man mit (Ex-SPÖ-Kanzler Bruno, Anm.) Kreisky und (Ex-ÖVP-Chef Josef, Anm.) Taus gleichzeitig befreundet sein kann, kann kein schlechtes Land sein.
Nachdem die Devise lange Zeit lautete "Mehr privat, weniger Staat", scheint jetzt aufgrund der aktuellen Krise eine Rückkehr des Politischen stattzufinden. Wird es den Politikern gelingen, wieder das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen?
Die aktuelle Wirtschaftskrise zeigt, wie wenig Politiker und Ökonomen aus der Vergangenheit gelernt haben. Man hat sich viel zu lange Zeit gelassen. Es hängt aber auch von Persönlichkeiten und Zufällen ab: Es macht eben einen Unterschied, ob ein Roosevelt oder George W. Bush am Ruder ist. Ich glaube aber nicht, dass das Ende der freien Marktwirtschaft oder des Kapitalismus gekommen ist. Man wird das überwinden, auch wenn viele Existenzen vernichtet wurden und noch vernichtet werden. Ich selbst bin nicht betroffen, weil ich nie spekuliert habe. Auch als Korrespondent der "Financial Times" habe ich nie Aktien gekauft. Ich wollte nie mit Wertpapieren Geld verdienen, sondern immer mit meinem Kopf.
Sie sind ein vielfach Begabter, Kolumnist, Fernsehjournalist, Buchautor. Welche journalistische Form ist Ihnen denn am liebsten?
Meine Frau hat gesagt, als sie mich vor vier Jahren geheiratet hat, war ihr nicht klar, dass ich jedes Jahr ein Buch schreibe (lacht)! Das Schönste ist das Buch. Es gibt so viele verschiedene Phasen: Von der Idee über den Vertrag und das Schreiben bis zu den Korrekturfahnen und zum fertigen Buch. Es ist eine große Sache, vor allem wenn es in andere Sprachen übersetzt wird und das Buch ein eigenes Leben entwickelt. Das ist aufregend und schön.
Eine Fernsehsendung zu moderieren und dabei völlig frei zu sprechen, ist ebenfalls interessant und eine Herausforderung. Bei der Zeitschrift ist man glücklich, dass sie erscheint. Friedrich Torberg hat geschrieben: "Er hat so viel zu tun, und so lange ihm nichts überzeugend mißlingt, macht er alles weiter." Was ich nicht mache: Ich schreibe keine Briefe. Statt dessen benutze ich das Internet. Seit vier Jahren habe ich E-Mail. Ich könnte nicht ohne Laptop und Handy sein. Ich bin wirklich süchtig, ebenso wie nach Zeitungen: Ich kaufe zwölf bis 14 Zeitungen pro Tag.
Sie feiern nächstes Jahr einen runden Geburtstag. Was wünschen Sie sich zu diesem Anlass?
Ich will gar nicht daran denken. Ich bin in Wirklichkeit ja auch erst 51, denn ich zähle nur die Jahre, die ich in Wien bin. Das ist mein neues Leben, aber auch das dauert bereits eine Weile an. Als ich im ORF Chefredakteur wurde, war ich 52, und in einem Porträt hieß es, der "betagte Lendvai" sei engagiert worden.
Ich bewundere die Leute, die in Frühpension gehen können. Ich könnte das nicht. Dabei geht es mir nicht ums Geld. Es gibt einfach keinen interessanteren und schöneren Beruf, als Journalist, Publizist und politischer Schriftsteller zu sein, wenn man Standesehre hat. Journalisten werden unterschätzt und diskriminiert, aber so lange Zeitungen gedruckt werden, kann man etwas bewegen. Selbst eine so esoterische Sendung wie das Europastudio kann in positivem Sinn beeinflussen.
Das Interesse für die Welt hält einen jung. Das ist manchmal hart für die Umgebung, aber irgendwie geht es immer.
Paul Lendvai wurde in Budapest geboren, lebt seit 1957 in Wien und wurde 2 Jahre später österreichischer Staatsbürger. Er ist Chefredakteur der „Europäischen Rundschau“, Leiter des ORF-Europastudios“, Kolumnist für den „Standard“ und Autor von 13, auch in verschiedene Fremdsprachen übersetzten erfolgreichen Sachbüchern. Zwischen 1960 und 1982 war er Wiener Korrespondent der „Financial Times“ (London), von 1982 bis 1987 Chefredakteur der Osteuropa-Redaktion des ORF und von 1987 bis 1998 Intendant von Radio Österreich International.
Paul Lendvai erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und der Österreichische Staatspreis für Kulturpublizistik, zuletzt wurde ihm der Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln verliehen.