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Hohlbein, Wolfgang

Faszination des Fremden

Wolfgang Hohlbein zählt mit 35 Millionen verkauften Büchern zu den erfolgreichsten Fantasy-Autoren Deutschlands. Mit Wasp erschien nun ein Roman, der die Umweltproblematik kritisch beleuchtet.

Interview: Silke Rabus Foto: www.hohlbein.net

Anzeiger 11/2008


Sie sind mit Millionenauflagen und über 150 Titeln einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Wie geht man mit so viel Erfolg eigentlich um?

Ehrlich gesagt, wenn mein Agent mir die 35 Millionen Bücher nicht immer einhämmern würde, wäre mir das gar nicht so bewusst. Erstens schreibe ich jetzt schon fast 30 Jahre und zweitens ist ein Gutteil der Titel im Ausland verkauft worden. Das macht es zwar nicht kleiner, aber für mich nicht ganz so präsent. Wenn in China acht Millionen Bücher verkauft werden, ist das Klasse. Da freue ich mich darüber, vor allem freut sich mein Bankdirektor darüber. Es ist einem aber nicht ganz so bewusst, als wenn man die Bücher hier in Deutschland hätte. Und ich bin auch langsam hineingewachsen, deswegen ist mir das nie so - ich hoffe es jedenfalls - zu Kopf gestiegen. Ich freue mich sehr, dass ich so erfolgreich bin - vor allem wenn offensichtlich viele Leute die Bücher spannend genug finden, um auch das nächste zu kaufen - aber das Schreiben ist nach wie vor mein Hobby geblieben. Ich habe irgendwann vor 30 Jahren meinen Beruf zum Hobby gemacht, und das ist es bis heute geblieben.


Ihr Durchbruch gelang schon früh: 1983 erschien der gemeinsam mit Ihrer Frau verfasste Titel Märchenmond. Schon damals lag die fantastische Literatur im Trend, mehr als ein Vierteljahrhundert später boomt die Fantasyliteratur mehr denn je. Warum erst jetzt der große Hype?

Eigentlich gibt es fantastische Literatur ja schon lange. J. R. R. Tolkien und dann Michael Ende oder Hans Bemmann haben die Türen für uns aufgestoßen. Aber den richtigen Fantasyboom gibt es tatsächlich erst seit vielleicht zehn Jahren. Es hat zwar immer eine große Fangemeinde gegeben, aber es war eigentlich ein Getto. Mittlerweile ist Fantasyliteratur salonfähig geworden. Ich glaube aber nicht, dass, in absoluten Zahlen gemessen, die Leser so viel mehr geworden sind. Als ich zur Schule gegangen bin, da durfte ich meine Perry-Rhodan-Hefte nicht in der Pause lesen, das hatte so etwas leicht Anrüchiges. Das ist heute nicht mehr so, deswegen wird Fantasy auch präsenter. Und natürlich wird Fantasyliteratur nach den großen Verfilmungen von Harry Potter oder Herr der Ringe schon auch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.


Ihr Roman Wasp, den Sie bei der Buch Wien vorstellen, zeigt einen sehr gesellschafts- und umweltkritischen Ansatz. Ausgehend von mysteriösen Kornkreisen entwickeln Sie eine Art Endzeitszenario, an dem der Mensch in seinem Hochmut den größten Anteil trägt. Ist das auch persönlich Ihre Meinung?

Es ist Ihnen bei der Lektüre des Buches sicher aufgefallen, dass ich keiner von diesen militanten Umweltschützern bin, die am liebsten wieder auf den Bäumen leben würden. Ich finde schon, dass wir - und mit wir meine ich uns alle - eine Menge falsch machen und vor allem in der Vergangenheit falsch gemacht haben. Aber trotz allem sind wir auf dem richtigen Weg. Man kann keine Wunder erwarten. Diesen militanten Umweltschützer - wie dieser Sahlfranck im Buch, den ich natürlich bewusst überspitzt habe - diesen Leuten gehört nicht meine Sympathie. Ich finde, man muss einen Mittelweg finden, und das wird sicherlich noch zwei, drei, wenn nicht noch mehr Generationen dauern. Aber wir sind auf dem richtigen Weg. Gerade wir hier in Europa haben der Welt ja vorgemacht, wie man es nicht machen soll - und jetzt fangen wir eben an vorzumachen, wie man es machen kann. Speziell in Deutschland wird in punkto Umweltschutz ja sehr viel getan. Es wird auch viel Blödsinn gemacht, aber das gehört dazu. Trotzdem bin ich im Prinzip bin ich schon dafür: Leben und leben lassen, das gilt auch bei den Menschen und der Natur.


Ungewöhnlich ist, dass Sie vor allem die Figuren aus dem Umweltschutz sehr ambivalent zeichnen.

Ich mag keine Fanatiker. In keiner Ausprägung. Aber natürlich gibt in jeder Bewegung, gibt es immer Verrückte, die über das Ziel hinausschießen.


Unkalkulierbare Kraft in Ihrem Roman sind wild gewordene Bienen-, Wespen- und Ameisenschwärme, die zwischen übermenschlicher Intelligenz, Aggressivität und Wärme pendeln. Ist das ein mögliches Szenario für die Realität?

Das können Sie mir jetzt glauben oder nicht: Ich hatte mit dem Buch angefangen, als das große Bienensterben in der Welt losging. Das ist wirklich ein Zufall. Ich glaube, in den USA ist schon ein Viertel der Bienen gestorben. Speziell hier in Deutschland gab es ebenfalls kurzfristig ein Bienensterben, man hat dann herausgefunden, dass es am Umweltgift lag. Ich weiß nicht, ob ich mich über diesen Zufall freuen oder erschrecken soll, aber es war tatsächlich Zufall. Und dass Bienen miteinander kommunizieren und eine Art Sprache haben, ist auch nicht neu.


Ihr Zukunftsszenario für die Erde?

Ich hoffe, dass wir die nächsten paar hundert Jahre überstehen, ohne uns selbst abzumurksen. Es sieht ja im Moment ganz gut aus, aber die Gefahr besteht, dass Schwellenländer wie China, Indien oder manche afrikanische Staaten unsere Fehler hoch drei wiederholen. Wir müssen das Bewusstsein schaffen, dass die Erde uns nicht gehört, dass wir irgendwie klarkommen müssen mit ihr oder sonst die Quittung bekommen.


Ihre Bücher, auch der Showdown von Wasp, haben ja etwas sehr Filmisches ...

Das habe ich eigentlich immer schon so gemacht. Ich schreibe aber nicht bewusst filmisch. Das hat zwei Gründe. Erstens bin ich tatsächlich mit Film und Fernsehen aufgewachsen, ich war schon als Kind Filmfan. Das Taschengeld reichte halt nur für einmal in der Woche am Sonntag die Vormittagsvorstellung, die habe ich aber nie verpasst. Und ich sehe nach wie vor sehr viele Filme, bis heute noch. Deswegen schreibe ich wahrscheinlich so filmisch. Und es ist auch wirklich so: Wenn ich da sitze und einen Roman schreibe, dann sehe ich die Szenen wie einen Film vor mir ablaufen. Dann muss ich eigentlich nur noch hinschreiben, was ich sehe.


Das ist ja perfekt ...

Ja, jetzt müsste man nur noch auf Band denken können, dann wäre es ganz perfekt.

Arbeiten Sie auch im Computerspielbereich?

Wir sind dabei, mit verschiedenen Computerspielherstellern zu verhandeln. Aber dann wäre es so, dass ich schlicht und einfach die Lizenz abgeben und sagen würde: Wenn ihr jetzt Lust habt, ein Spiel zu machen, dann dürft ihr das. Ich würde dann schon ganz gerne mitreden, das ist auch so vereinbart, aber da bin ich dann der passivere Teil. Ich werde natürlich, genau wie beim Film auch, da gibt es ja auch verschiedene Bestrebungen im Moment, ich werde schon irgendwie die Hand drauf halten. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum bisher noch nichts von mir verfilmt worden ist, weil ich immer, da bin ich ganz stur, gesagt habe, ich will ein Mitspracherecht haben. Also wenn jetzt Steven Spielberg oder Peter Jackson kämen, würde ich sagen, o.k. Macht ihr mal. Es müssen jetzt nicht solche berühmte Namen sein, also jemand, von dem ich weiß, was er macht, und dem ich traue. Aber wenn jetzt irgendein deutscher Privatsender kommt und winkt mit dem dicken Scheck und sagt, ansonsten aber halt dich raus, das hatten wir auch schon, das mache ich nicht. Da habe ich schon zu viele Katastrophen erlebt, das muss nicht sein.


Sie haben insgesamt mehr als 150 Bücher geschrieben - viele davon nicht wirklich dünn - wie schaffen Sie das eigentlich bzw. wie gehen Sie mit dem ständigen Vorwurf um, dass Sie Ihre Bücher nicht ganz selbst geschrieben hätten?

Shakespeare hat seine Geschichten angeblich auch nicht selbst geschrieben und ich glaube, dass jeder Autor, der mehr als 3 Bücher in vierzig Jahren schreibt, irgendwann einmal mit diesem Vorwurf konfrontiert wird. Ich kann es mir auch erklären: Ich habe relativ viel mit Koautoren gemacht, sei es mit meiner Frau oder meiner Tochter oder mit Dieter Winkler. Insofern ist es ja gar nicht ganz falsch, dass von den 150 Büchern ein Teil nicht allein von mir ist. Und diese ganzen Ghostwritervorwürfe, na ja, ich kann nur sagen, wo Hohlbein draufsteht, ist er auch drin. Ganz am Anfang habe ich es sogar einmal ausprobieren wollen, als so der erste Erfolg kam. Ich hatte auch nicht viel Zeit und habe ich mich dann mit anderen Autoren zusammen getan. Es ist aber nie etwas erschienen - ich habe sehr schnell gemerkt, wenn ich mir, sei er noch so gut oder so schlecht, von einem anderen Autor etwas schreiben lasse und ich mich dann hinsetze und es so umarbeite, dass man glaubt, es sei von mir, dass das nicht genauso viel, sondern mehr Arbeit wäre, als wenn ich es selber schriebe. Das würde nicht gehen.

Sie schreiben Ihre Bücher immer wieder auch mit anderen AutorInnen - beispielsweise mit Ihrer Frau Heike Hohlbein, Ihrer Tochter Rebecca Hohlbein oder dem Autor Dieter Winkler. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Das ist unterschiedlich. Bei meiner Frau und mir ist es so, dass ich alleine schreibe, aber wir arbeiten sehr eng zusammen. Es ist jetzt nicht so, dass sie mir bei jedem Satz über die Schulter guckt, aber spätestens jedes fertige Kapitel zeige ich ihr und wir reden dann darüber, wie es weitergehen könnte. Es ist eigentlich ein ständiges Hin- und Her. Bei meiner Tochter war es so, dass ich die ersten vier Bücher einer Reihe alleine geschrieben habe und jetzt den fünften Band mit ihr. Sie hat immer gesagt - sie hat bisher ja Jugend- und Kinderbücher geschrieben - sie würde gerne auch einmal einen historischen Roman schreiben. Und da es ein historischer Roman ist und die Hauptfigur eine Frau, die in diesem Buch noch dazu ein Kind bekommt, ist natürlich eine Frau als Koautor prädestiniert. Dann ist etwas passiert, was mich sehr erstaunt, aber auch sehr erfreut hat: Ich habe die ersten 50 Seiten erstmal als Entwurf runter geschrieben und dachte, dass wir dann stückweise den Staffelstab übergeben. Aber sie hat dann relativ schnell die Feder übernommen und spätestens ab der Hälfte, würde ich sagen, ist der Text ganz allein von ihr. Ab da war es umgekehrt, dass ich mehr der Berater war. Ich habe wohl vorher eine Art Exposé geschrieben und die Recherche gemacht und wir haben schon auch mal um die eine oder andere Formulierung gestritten, das gehört ja auch dazu. Aber ich denke mal, die Reihe wird weitergehen, weil das Buch sehr gut ankommt, und falls ich beim nächsten Band überhaupt noch mit draufstehe, dann wohl als Berater.


Nächstes Jahr ist China das Gastland der Frankfurter Buchmesse - Sie selbst haben enorme Erfolge in China. Können Sie sich erklären, wieso sich dort Ihre Bücher so gut verkaufen?

Das verstehe ich selbst nicht. Ich interessiere mich sehr für Mythologie, auch für Märchen anderer Völker. Ich finde das bei diesen exotischen Ländern spannend und sehr interessant, aber die richtige Begeisterung kommt bei mir nicht auf, da springt der Funke nicht über. In Asien scheint das anders zu sein, das gilt auch für Autoren wie Joanne K. Rowling oder Thomas Brezina, der auch sehr erfolgreich schreibt. Offensichtlich ist das etwas, was die Asiaten sehr fasziniert: europäische Mythologie, Märchen. Ich finde es toll, ich bin auch sehr begeistert von China, war jetzt auch schon zweimal dort und werde sich noch öfter hinkommen. Wir vergeben ja auch alle zwei Jahre einen Preis für neue Autoren, und der übernächste Preisträger ist ein Chinese. Der Preis wird im nächsten Herbst hier auf der Messe vergeben.

Ihre Bücher spielen in der Regel in Fantasy- und Science-Fiction-Welten. Was fasziniert Sie an diesen Genres?

Ich bin mit dieser Art von Geschichten aufgewachsen, oder andersherum: Das Allererste, was ich bewusst gelesen habe - auch in weiterem, größerem Umfang - war Karl May. Und so groß ist der Unterschied eigentlich gar nicht, oder war es zumindest für mich nicht. Wenn man überlegt, wann die Geschichten entstanden sind, waren das einfach Erzählungen aus einer fremden Welt, die die Leute damals überhaupt nicht kannten. Sie hatten ja keine Fernseher, Radios oder so etwas. Es war eine fremde Kultur, die vollkommen bizarr gewesen sein muss für einen Mitteleuropäer des 19. Jahrhunderts, und ob das jetzt auf dem Mars spielt oder in Mittelerde oder ob es Orks sind oder Indianer, ist kein so großer Unterschied. Es ist die Faszination des Fremden. Und das hat mich eigentlich nie losgelassen. Von Karl May habe ich wahrscheinlich meinen Hang zum Schwafeln, dass alles viel zu lang wird. Was man heute unter Karl May kennt, ist ja um die Hälfte gekürzt, die Bücher waren alle doppelt so lang. Und dann habe ich halt so die übliche Leserkarriere gemacht: Jules Verne, Hans Dominik, später die Perry-Rhodan-Heftchen, es gab ja auch nicht wirklich viel in dieser Richtung. Ich glaube, ich habe in meiner Jugend so ziemlich alles verschlungen, was es an fantastischer Literatur auf Deutsch gab. Auch Edgar Allan Poe, Howard Phillips Lovecraft - alles, was mir in die Finger gefallen ist.


Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, schreibt Horror-, Science-Fiction und Fantasyliteratur. Mit 35 Millionen verkauften Büchern zählt er zu den erfolgreichsten Autoren Deutschlands. Er verfasste weit über 150 Romane, darunter etliche Kinder- und Jugendbücher gemeinsam mit seiner Frau Heike Hohlbein. Der Durchbruch gelang bereits 1982 mit Märchenmond (Ueberreuter).

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