Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Neffe, Jürgen


Darwins Welt

Der Wissenschaftsjournalist und Biologe Jürgen Neffe machte sich rechtzeitig zum Darwin Jahr 2009 auf die Reise, um Charles Darwins Forschungen nachzuspüren: Per Frachter und per Flugzeug, zu Fuß oder mit dem Auto besuchte er jene Orte, die auch Darwin fasziniert hatten: vor nahezu 175 Jahren. Herausgekommen ist eine Wissenschaftsreportage, die ebenso spannend wie erhellend ist.

Interview: Gabriele Madeja / Foto: C. Bertelsmann
Anzeiger 11/2008

Herr Neffe, Ihr neues Buch: Darwin – Das Abenteuer des Lebens erscheint rechtzeitig vor dem Darwin-Jahr 2009: War es Zufall, dass Sie sich gerade jetzt diesem bedeutenden Evolutionstheoretiker, Wissenschaftler und Reisenden als Thema gewählt haben, oder gab es ein vages Interesse und das "Darwin-Jahr" kam wie gerufen?
Eher Letzteres. Ursprünglich wollte ich eine Biografie des Lebens, von seinen ersten Anfängen vor 3,8 Milliarden Jahren schreiben. Doch während der Recherche wurde Darwins Anteil immer größer, so dass mein Buch einen veritablen „Bauch“ bekommen hätte. Also begann ich, Darwin in den Mittelpunkt zu rücken, um anhand seiner „Weltformel des Lebens“ (wie ich es nenne) meine Thesen zu Papier zu bringen. Erst dabei stieß ich auf das Darwin-Jahr. Aber bald war mir klar, dass eine „normale“ Darwin-Biografie ebenfalls einen „Bauch“ bekäme, wenn man der Beagle-Reise den ihr gebührenden Platz einräumte. Erst dann habe ich das Konzept der „sinnlichen“ Annäherung entwickelt, also des Nachreisens – geografisch wie ideengeschichtlich, und natürlich biografisch.

Darwin ist nach Einstein wieder ein ganz Großer, eine wissenschaftliche Figur, um die sich viele Legenden, Geschichten und Anekdoten ranken. Haben die beiden etwas Gemeinsames, das Sie an ihnen interessiert: Legenden wegräumen, die Fiction vergessen und Facts sprechen lassen?
Ich stehe dafür, Erkenntnis nicht als isolierte Einheit zu präsentieren, sondern auch den Weg zu Erkenntnis und deren Folgen aufzuzeigen. Damit leiste ich Klarstellung und Relativierung der übergroßen „Genies“, die auch „nur“ Menschen waren. Dass dabei Legenden fallen, dass einem – Autor wie Leser – der Held auch regelrecht unsympathisch werden kann, gehört zu meinem Ansatz, der nie den Anspruch von Objektivität erhebt. In Wahrheit wissen wir nicht, wie es war. Wir können nur unsere Interpretation liefern – und eine Kritik des Werks. Die Gemeinsamkeiten sind z. T. so frappierend, dass ich sie im Buch thematisiere. Die wichtigste Frage lautet: „What makes them tick?“

Wie auch bei Ihrer Einstein-Biografie haben Sie unglaublich viel recherchieren müssen: wo und wie?
Siehe Buch – die Zitatnachweise und Quellenangaben füllen viele Seiten. In Archiven, vor allem in Cambridge. Zusätzlich habe ich etwa 80 Bücher und viele Tausend Seiten gelesen. Und dann sieben Monate Reise mit unglaublichem logistischen Aufwand. Vor allem ging es mir darum, die Leser über Erlebnisse aus der heutigen Zeit „sinnlich“ an den Stoff heranzuführen, Gefühle zu erzeugen, die denen Darwins während seiner Reise der Erkenntnis ähnlich sein könnten.

Als Ihr Leser man muss nicht Evolutionstheoretiker oder -wissenschaftler sein, um das Buch genießen und verstehen zu können: Es ist nie trocken und theoretisch. Ist es vielleicht die Verquickung von eigenen, heutigen Reiseerlebnissen mit denen von Darwin, die uns Leser fesseln?
Das ist ein Punkt, aber nicht der Einzige. Die Sprache muss dem Gegenstand angepasst sein. Die wirkliche Kunst liegt wohl darin, die vielen Ebenen und Versatzstücke zu einem harmonischen großen Ganzen zu verquicken. Die Reise hebt den Text über die historische Brücke – wie auch die Fortschreibung der Theorie und der modernen Biologie bis in unsere Tage.

Wie hat die Lektüre von Darwins "Beagle"-Tagebuch auf Sie gewirkt ? Gab es auch ein Bedauern, dass wir heute nicht mehr viel Neues zu entdecken haben?
Die Welt hat natürlich viel von ihrer Originalität eingebüßt – fast jeder interessante Punkt wird von Touristen angesteuert. Aber gerade der Sprung vom 19. ins 21. Jahrhundert schafft eine Spannung, die das Buch „trägt“. Manchmal ist man unendlich weit weg aus Darwins Welt, dann wieder fast sehr nahe dran, wenn z. B. Landschaften eins zu eins noch so auf uns wirken, wie er sie beschreibt.

Ist das Leben heute – nach diesen phantastischen Reisen – nicht fad und ereignislos in Berlin, in Hamburg, am Schreibtisch, auf Lesereisen?
Nein, das Leben ist nicht fad, weil die wichtigsten Reisen ohnehin in uns stattfinden, die äußeren geben „nur“ neue Impulse. Was ich während meiner Weltumrundung erlebt habe, reicht für eine lange Zeit als Futter für Fantasie und Nachlese. Außerdem liebe ich Europa, nach meiner Zeit in den USA Ende der Neunziger und nach dieser Reise umso mehr. Die meisten Menschen auf der Welt glauben, wir leben im Paradies.

In Wien gibt es jetzt eine neue Buchmesse zusätzlich zu Leipzig und Frankfurt: Ist eine weitere Buchmesse überhaupt notwendig?
Ich finde sehr wohl, dass Österreich eine eigene Buchmesse haben kann – wenn sie ihr eigenes Gesicht entwickelt und sich von den beiden auf deutschem Boden abhebt (vielleicht sogar angenehm ...). Wenn nicht, dann weiß ich nicht, ob wir drei deutschsprachige Buchmessen brauchen. Die Nähe zu Frankfurt halte ich für bedenklich. Ich könnte mir eher eine Wiener Buchmesse im Juni vorstellen, die viel mehr die Möglichkeiten nutzt, im Außenbereich zu agieren und sich in das Wiener Stadtbild integriert. Am besten hätte sie eine eigene Programmatik und konzentrierte sich z. B. sich auf Lesefreude, gut geschriebene Bücher, Entdeckungen ... „Mit der Wiener Buchmesse in den Sommer“ – oder so ...

Was bedeutet das Lesen Ihnen selbst?
Ich bin erst sehr spät zum Lesen gekommen, mit 16, durch einen Deutschlehrer, dann aber heftig. Seit Beginn der Studentenzeit schreibe ich, was auch zum Berufswechsel vom Wissenschaftler zum Journalisten geführt hat. Erst seit wenigen Jahren fühle ich mich bereit, mich an Büchern zu versuchen, die meinen eigenen Ansprüchen genügen. Mein „Darwin“ sehe ich auch als ein literarisches Projekt, wie Frau Löffler sagte, eine „innovative Biografie“ und als Brücke zu belletristischer Prosa.

Auf der Frankfurter Buchmesse haben Sie Ihr neues Buch zum ersten Mal präsentiert: Merken Sie gleich das Interesse? Spüren Sie, ob die portraitierte Person fasziniert?
Die meisten Autoren verlassen die Buchmesse mit gemischten Gefühlen. Einerseits erscheint das Buch für ein paar Tage als die wichtigste Sache der Welt – die es nicht ist –, andererseits empfindet man angesichts der 80.000 Neuerscheinungen die Atomisierung des einzelnen Buches. Darwin hat offenbar nicht mehr fasziniert als meine Weltreise ...

Eine zusätzliche Frage habe ich noch: Sie betrifft den „creationism“, den Kreationismus, der ja in Amerika mittlerweile zum Unterrichtsfach geworden ist und – wie ich höre und lese – von vielen Eltern schulpflichtiger Kindern eingefordert wird, weil Darwins Lehre und die Evolutionstheorie in ihren Augen dem christlichen Glauben widerspricht. Könnte es sein, dass Ihr Buch in dieser Hinsicht eine Provokation darstellt, spätestens mit dem Erscheinen einer Übersetzung ins Englische?
Hier darf ich auf mein Tahiti-Kapitel verweisen, jenen Teil, der mit folgenden Absätzen beginnt: „Kreationisten haben in einem Buch über Darwin eigentlich so wenig verloren wie Astrologen in einer Abhandlung über Astronomie – wären nicht ‚wiedergeborene Christen‘ mit ihren Stimmen ins Weiße Haus gewählt worden, würden sich nicht Gerichte mit der Frage beschäftigen, ob die Schöpfungsgeschichte in den Biologieunterricht gehört, und zeigten nicht Umfragen, in welchem Maß sich religiöser Glaube als Anti-Darwinismus präsentiert: In den USA glauben fast fünfzig Prozent, Gott habe die Menschen in der jetzigen Form erschaffen, knapp vierzig Prozent sind überzeugt, dass sie sich über Millionen Jahre unter Gottes Führung so entwickelt haben, und nur gut zehn Prozent meinen, dass dies ohne Gottes Einfluss geschehen sei. Mehr als drei Viertel der Bürger im Land der Wissenschaftsweltmacht zweifelt also Darwins Evolutionstheorie an.

Nicht in Newton oder Einstein, nicht im Urknall oder den rätselhaften Quanten findet der Massenimpuls gegen die Aufklärung sein Ziel, sondern in der Evolution. Kein Wissenschaftler hat jemals so stark polarisiert wie der selbst erklärte Kaplan des Teufels. Wer den Menschen aus Affen hervorgehen lässt und ihm die göttlich eingehauchte Seele abspricht, macht sich alle zum Feind, denen das Glauben wichtiger ist als das Wissen. Denn um nichts anderes dreht sich der ‚Glaubenskrieg‘, in dem Massenblätter ‚Gott gegen Darwin‘ antreten lassen.“

Jürgen Neffe, Jahrgang 1956, Studium zunächst der Physik, dann der Biologie, biochemische Promotion. Zwanzig Jahre Journalist, als Redakteur und Autor bei GEO, als Reporter, Kolumnist und Korrespondent (in New York) beim SPIEGEL. Danach Aufbau und Leitung des Hauptstadtbüros der Max-Planck-Gesellschaft und Mitarbeit im Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Lebt als freier Publizist bei Berlin. Mehrfach preisgekrönt, u. a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis.

 

Hauptverband des Österreichischen Buchhandels
 
Zur Startseite  

Realisiert mit ContentLounge 7.5.0