Leon, Donna

Ökologischer Taliban
Donna Leon, die Amerikanerin aus Venedig, hat sich – Jahr für Jahr – nicht nur auf die deutschsprachigen Bestsellerlisten geschrieben. Nach dem
überraschenden und „späten“ Erfolg der ehemaligen Englisch-Professorin mit
ihrem venezianischen Polizeikommissar Guido Brunetti im Jahr 1992, legt sie
jetzt bereits den 16. Brunetti-Krimi vor: Lasset die Kinder zu mir kommen
(Diogenes).
Interview: Gabi Madeja / Foto: Regine Mosimann/Diogenes
Anzeiger 11/2008
Ihr neuer „Brunetti“ bringt illegale
Adoptionspraktiken, Korruption und fragwürdige Carabinieri-Aktivitäten in
Italien ins Zentrum der Krimihandlung. Wie entstehen Ihre „plots“, die immer
auch aktuelle Probleme unserer Gesellschaft zum Thema haben?
Meistens
finde ich die Themen ansatzweise in Zeitungsartikeln oder durch Klatsch und Tratsch
in der Stadt. Diese Fakten – oder Zeitungsberichte (was in Italien nie ein und
dasselbe ist) – benütze ich, um eine Rahmenhandlung zu skizzieren. Aus einer
Zeitungsmeldung entwickelt sich eine Begebenheit im Leben von Menschen, die dem
Leser durch die Lektüre bekannt gemacht werden. Durch diese persönliche
Erfahrung werden die Geschichten auch realer und glaubwürdiger. Dann spreche
ich mit Menschen in der Stadt, die vielleicht mehr über solche Vorkommnisse
wissen; aber das Wichtigste ist immer eine imaginierte Beeinflussung
meiner Romanfiguren durch solche realen Begebenheiten.
Gesellschaftskritik ist fixer Bestandteil
Ihrer Krimis. Möchten Sie Ihre Leser über solche Missstände informieren? Oder
wollen Sie die Welt verändern?
Ich
glaube nicht, dass Lektüre die Menschen dazu bringen kann loszustürzen, um die
Gesellschaft zu ändern. Ich glaube aber sehr wohl, dass wenn man über den
Einfluss von Menschenhandel, Umweltverschmutzung und illegalen Finanzgeschäften
auf meine Romanfiguren nachdenkt und diese Erkenntnisse dann umlegt auf sein
eigenes Leben, dass man dann auch darüber nachdenken könnte, wie sehr uns das
selbst betrifft. Mein persönliches Interesse, die Welt zu ändern, ist sehr
gering.
Sie leben ökologisch sehr bewusst, Sie
verschwenden kein Wasser, geben Papier zum Recycling: Sollten wir Ihrer Meinung
nach intensiver über den Zustand der Welt nachdenken, die wir unseren Kindern
hinterlassen?
Ich
glaube, dass ich ganz ehrlich bin, wenn ich behaupte, ein ökologischer Taliban
zu sein. Ich bin davon überzeugt, dass die Erhaltung unserer Umwelt unser
größtes Problem ist, genauso wie ich glaube, dass die Zukunft durch solche
Probleme verändert wird – in einem Ausmaß, wie wir es uns heute noch gar nicht
vorstellen können. Was passiert denn, wenn die Spanier ihre Orangenplantagen
nicht mehr bewässern können? Wenn es im Yemen kein Trinkwasser mehr gibt? Was
ist, wenn der Meeresspiegel steigt und ganz Bangladesh überschwemmt wird?
Wo soll die Bevölkerung hingehen? Ich höre immer wieder Leute sagen, dass das
Wenige, was sie tun können – Papier recyceln, Glas oder Plastik in eigene
Container werfen, die Heizung runterdrehen, mit der Bahn anstatt mit dem Auto
zu fahren – dass das alles sinnlos und wirkungslos ist: Ich bin davon
überzeugt, dass das nur eine Entschuldigung dafür ist, dass sie einfach zu faul
sind! Täten sie es doch, dann hätten sie einen kleinen Beitrag geleistet, oder?
Tun
sie es nicht, dann haben sie etwas verschwendet, oder nicht? Man soll doch
vergessen, was die anderen sieben Milliarden Menschen tun oder nicht tun – jeder sollte seinen kleinen Beitrag leisten! Und ich bin nicht davon überzeugt,
dass wir die Sicherheit oder die Zukunft unserer Kinder im Sinn haben sollten
als vielmehr die Tatsache, dass es das Richtige wäre, bewusst zu handeln.
Sie nehmen demnächst an einer
internationalen Umweltkonferenz in Barcelona teil. Was ist dort Ihr Anliegen?
Ich
würde gern darüber diskutieren, wie es kommt, dass die bekanntesten und
berüchtigtsten Öko-Kriminellen wie die Ölindustrie und die Firmen, die diese
dicken Geländewagen herstellen, in Werbekampagnen jetzt Bäume umarmen und
betonen, wie sehr sie die Erderwärmung mit Sorge erfüllt und dass sie am
liebsten unseren Planeten retten würden. Profit? Lieber würden sie sterben, als
dieses Wort zu verwenden. Nein. Sie möchten Kohle fördern und Erdgas und Öl,
weil sie unseren Planeten retten wollen, und dafür geliebt werden wollen.
Ein weiteres interessantes Phänomen in der
Zeitschriftenwerbung – in Amerika zumindest – ist die Tatsache, dass gerade die
Industriezweige, die am allerliebsten den Planeten retten möchten uns niemals
mitteilen, was sie eigentlich wirklich produzieren ...
Worum geht es bei Brunetti 17, der auf
englisch bereits erschienen ist, und der im Mai 2009 bei Diogenes herauskommt?
Da
geht es um die Behandlung der Roma durch die Italiener – und in gewisser Weise
auch darum, wie Angehörige der Roma miteinander umgehen.
Verändern sich die Charaktere der
Brunetti-Reihe im Laufe der Zeit? Da ist beispielsweise Paola Brunetti, die
plötzlich gegen das Reisebüro agitierte, das Sex-Reisen anbot: ungewohnt für
die intellektuelle Uni-Professorin. Und Brunetti mit Signorina Elettra – Sie
deuteten eine Beziehung an ...
Ja,
die Charaktere verändern sich, aber ich glaube, das geschieht nur, weil wir uns
auch verändern. Paola denkt manchmal nicht über die Konsequenzen ihrer
Handlungen nach, und das gefällt mir an ihr. Aber dass ich jemals eine
Beziehung zwischen Brunetti und Signorina Elettra auch nur angedeutet hätte,
stimmt nicht, ohne Spaß. Das bestätigt mir nur das Vergnügen der Menschen,
jeden Tratsch zu glauben und weiterzuerzählen.
Welche Rolle spielt die Familie in Ihren
Büchern? Mit Familiengeschichten können sich die LeserInnen leicht
identifizieren, ist das also ein „literarischer Trick“, damit Ihre LeserInnen
sich in Brunettis Welt zuhause fühlen?
Nein,
als literarischen „Trick“ würde ich das nicht bezeichnen. Brunetti ist ein
vernünftiger Mann, der einen schwierigen Beruf hat. Seine Familie liefert ihm
den gesunden Hintergrund, an dem er andere Dinge misst.
Welche Rolle spielt Venedig in den
Brunetti-Krimis? Eine Stadt, die alle lieben: voller Kunst, gutem Essen und
Italianitá, eine Stadt, die auf der ganzen Welt bekannt ist, ein Traumstadt mit
einer starken Anziehungskraft ...
Für
mich ist Venedig nur der Schauplatz. Natürlich ist die Schönheit wichtig, aber
darüber hinaus funktioniert die Serenissima wie jede andere Kleinstadt in
Italien auch. Jeder weiß genau, was der Nachbar tut, sie tratschen, manche
betrügen und stehlen, wieder andere versuchen, sie davon abzuhalten. Die
Menschen stehen auf, lesen Zeitung und trinken Kaffee, sie gehen zur Arbeit,
kommen heim und essen zu Abend. Und all diese ganz normalen Dinge tun sie halt
an einem ganz außerordentlich schönen Ort.
Haben Sie jemals den Wunsch gehabt, etwas
anderes als Brunetti-Krimis zu schreiben? Über Ihr eigenes Leben zum Beispiel,
das so interessant und abwechslungsreich ist: ein Literaturstudium mit einer
Abschlussarbeit über Jane Austen; die Arbeit in einer PR-Agentur; als Lehrerin
im Iran – das würde man doch gern lesen!?
Es ist
komisch, aber ich finde mein Leben nicht besonders interessant. Es war zwar
geografisch vielseitig, aber fünf Jahre lang über die Veränderungen in der
Moralischen Welt von Jane Austens Romanen zu arbeiten und Studenten an
der Uni zu unterrichten, macht allein kein wirklich spannendes Leben aus, das
kann ich Ihnen versichern. Außerdem bin ich der festen Meinung, dass jeder von
uns spannende Dinge liest, und denkt, dass diese Lektüre und die Gedanken aber
ganz privat sind, so privat, dass sich niemand dafür interessiert. Nein, ich
habe nie daran gedacht, etwas anderes zu schreiben.
Sie kommen jetzt zu der neuen Wiener Buchmesse: brauchen wir Ihrer
Meinung nach eine Messe? Ist sie nur Business, oder auch ein Service für den
Buchliebhaber, damit er alle Neuerscheinungen sehen und
seine LieblingsautorInnen treffen kann?
Das ist
eine schwierige Frage, und ich nehme an, ich sollte wohl zu allem Ja sagen.
Wenn eine Messe das Interesse der Menschen an Büchern fördern soll, wenn sie
über Neuerscheinungen informieren soll, dann bin ich ganz dafür. Ich bin
allerdings der Meinung, dass es wesentlich wichtiger ist, unsere
Lieblingsautoren zu lesen, als sie zu treffen, genauso wie es viel wichtiger
ist, unsere Lieblingssänger singen zu hören, als sie zu treffen!
Was hat es mit Ihrem Interesse an
Barockmusik auf sich, im Besonderen an Händel? Was ist denn an ihm so
außerordentlich?
Händel
ist für mich der bedeutendste Opernkomponist. Ich liebe seine Musik seit ich
vor mindestens 50 Jahren den Messias zum ersten Mal gehört habe. Ich war
sofort gefangen, und so ist es geblieben. Ich bin keine Musikerin, also kann
ich einfach sagen, dass er mir am besten gefällt – was natürlich nicht
bedeutet, dass er der Beste ist – nehme ich an.
Donna Leon wurde 1942 in New Jersey geboren.
Mit 23 ging sie nach Perugia und Siena, um dort zu studieren. Sie blieb im
Ausland, arbeitete als Reiseleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und
als Lehrerin an amerikanischen Schulen in Europa und Asien. Sie unterrichtete
englische und amerikanische Literatur an einer Universität in der Nähe von
Venedig, wo sie seit 1981 lebt. Donna Leon ist bekannt für ihre Kriminalromane
mit Commissario Guido Brunetti (alle bei Diogenes).