Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Köhlmeier, Michael

"Schreiben ist so zu tun als ob"

 Vor fünf Jahren verunglückte die Jungautorin Paula Köhlmeier am Schlossberg. Michael Köhlmeier setzt sich in seinem neuesten Buch Idylle mit ertrinkendem Hund (Deuticke) mit diesem Verlust literarisch auseinander.

Interview: Bettina Führer / Foto: Udo Leitner
Anzeiger 01/2009

In Ihrer Novelle Idylle mit ertrinkendem Hund thematisieren Sie den Unfalltod Ihrer Tochter und das Leben Ihrer Familie danach. In imaginierten Gesprächen mit der Figur des Lektors Dr. Beer denken Sie darüber nach, wie man sich einem solch persönlichen Thema literarisch nähern kann. Hat es vor Idylle mit ertrinkendem Hund andere Versuche gegeben, über diesen Verlust zu schreiben?

Ich schreibe darüber, dann steht der Text vor mir, ich lese über die Sorgen und die Trauer des Ich-Erzählers, der ja unverstellt ich selber bin, jedenfalls sein soll – und dann: Dann lese ich von einer Person, die ein Eigenleben führt, unabhängig von mir, die mir sehr ähnlich ist, die aber eine andere ist. Nun fragt man mich: Hast du dir damit den Schmerz erleichtert? Nein, ist meine Antwort, natürlich nicht. Ich habe eine literarische Figur erschaffen, die mir ähnlich ist, ich kann an ihr mich selbst studieren. Das ist alles.

Sie beschreiben den Alltag im Hause Köhlmeier von Ritualen strukturiert – tägliche Spaziergänge und Friedhofsbesuche, Sudoku, Blutdruckmessen, nächtliche Treffen in der Küche – und am Ende des Buches steht mit der Rettung des Hundes aus dem Eisloch eine symbolische Handlung, während der der Ich-Erzähler aus Verzweiflung und Konvention das „Vater unser“ betet. Wie wichtig sind Ihnen (religiöse) Rituale, Symbole und Konventionen?


Ich bin katholisch erzogen worden vor langer, langer Zeit. Über Religion spreche ich nicht gern. Es ist wie über Sex reden. Religiöse Rituale, Symbole und Konventionen bedeuten mir Gott sei Dank gar nichts mehr.

In diese durch Trauerrituale strukturierte Hohenemser „Idylle“ bricht der Lektor Dr. Beer ein. „Mister Genauigkeit“, der sich trotz jahrelanger intensiver gemeinsamer Arbeit nie anders als distanziert-kultiviert gab, entpuppt sich bei einem mehrtägigen Besuch als kauzig, exzentrisch, infantil – und nicht sehr emphatisch. Als er am dringendsten gebraucht wird, verdrückt er sich. Ein Gespräch über Schmerz und Verlust scheint mit ihm zu keinem Zeitpunkt möglich. Warum ist es offenbar einfacher, sich literarisch – und damit öffentlich – preiszugeben als im intimen Rahmen eines Gesprächs?

Nirgends kann sich ein Autor besser verstecken als hinter einem Ich. Schreiben ist immer so zu tun als ob. Ich tue, als ob ich dieses Ich wäre. Oder, als ob dieser Ich ein anderer wäre. Das wirklich Ich beim Schreiben zu finden, ist sehr schwer. Es ist überhaupt schwer, eine Figur aus der Wirklichkeit nachzuzeichnen. Dann hat die Figur ja gar keine Chance, selbst einen Charakter zu entwickeln. Immer wird ihr gesagt: Halt, so ist der aber nicht. Das trifft auch zu, wenn die Figur Ich sagt oder Ich sein soll. Das muss man immer bedenken, wenn man ein Buch liest, in dem ein Ich-Erzähler durch die Geschichte führt.

Der Lektor – der (erste) Leser eines Textes – repräsentiert gewissermaßen alle Leser. Dr. Beer zeigt sich an der Trauersituation desinteressiert, ihn interessieren lediglich die eigenen Erlebnisse ...

Bitte, keine Irrtümer! Den Dr. Beer gibt es nicht. Er hat nicht einmal eine Vorlage. Er ist Erfindung.

Sie beschreiben Dr. Beer u. a. über dessen Vorbilder – Jacob Grimm, der Narr aus König Lear, Joseph Conrads Mr. Verloc – welche literarischen Figuren stehen Ihnen am nächsten?

Odysseus, Huckleberry Finn, König Lear


Michael Köhlmeier, geb. 1949 in Vorarlberg, lebt in Hohenems. Der Schriftsteller und Musiker veröffentlichte zahlreiche Erzählungen, Romane und Kurzgeschichten, schrieb Hörspiele und Drehbücher und erzählte mit großem Erfolg auf Ö1 antike Sagen und biblische Geschichten. Sein Roman Abendland (Hanser) wurde 2007 für den Deutschen Buchpreis nominiert.
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